selbst betroffen?

Hinterher ist man meistens gescheiter. Und erst recht, wenn man aus Distanz beobachtet. Das sind zwei Gedanken, die mich dazu veranlasst haben, so manches zu notieren, das sich in den letzten Wochen ereignet hat. Ich tue dies nicht unbedingt in der Art einer zeitlichen Rückschau, sondern eher „aus dem Bauch heraus“, nach verschiedenen Themen strukturiert – und hier in unregelmäßigen Abständen. Und: ich habe kurz vor Ende der strengen Ausgangsbestimmungen meine Gedanken zu schreiben begonnen …

Da war ich also nun seit einigen Tagen in Seggau – in einer kleinen Gemeinschaft mit Ordensfrauen, zwei Grazer Franziskanerinnen [Schulschwestern] und einer Benediktinerin von der heiligen Lioba. Das Leben hier war einfach und einfach schön. Wir beteten, scherzten, feierten und tauschten einander über unsere Erfahrungen aus. Beim gemeinsamen Mahl erzählten wir einander, was wir so erlebt hatten in den vergangenen Tagen und Wochen. Als ich einmal von einem Telefonat berichtete, in dem mir ein Pfarrer mitgeteilt hat, dass sich wohl bei einem Begräbnis, dem er vorgestanden ist, einige Menschen mit dem Virus angesteckt hätten, er aber nicht, weil er als Priester vor dem Sarg und danach nicht mit den Angehörigen im selben Raum beim Totenmahl gespeist hatte, teilte eine der geistlichen Schwestern mir ihre Sorge mit: in der Woche zuvor habe sie jemanden besucht. Sie weiß nach wie vor nicht, ob sie dort einer ihr nicht bekannten Frau, der sie begegnete, die Hand geschüttelt hätte oder nicht. Ihr wurde nämlich mitgeteilt, diese eine unbekannte Frau wäre mit Corona infiziert. Auf einmal war die Sorge um die eigene Gesundheit ganz nah. Und damit das, was großartig von „Hoffnung“, von „Glauben”, von „Vertrauen“ und ähnlichem mehr üblicherweise „recht locker von der Lippe“ geht. Sie habe dort eine Ordensfrau mit dem Auto hingebracht, damit diese die Familie besuchen kann. Ihres Wissens sei aber auch diese Schwester nicht infiziert – das beruhigte auch meine Unterkunftgeberin. Und dennoch: die Frage blieb hängen, was tun, wenn?

Natürlich: die mittlerweile schon selbstverständlich gewordenen Maßnahmen wie Abstand halten, Händewaschen und möglichst wenige persönliche Kontakte wurden – so halt meine Erinnerung – noch etwas intensiver gepflegt. Aber: das Leben ging die gewohnten Bahnen – sofern man das so in herausfordernden Zeiten wie diesen überhaupt sagen kann.

Jedenfalls gab mir diese kurze Phase die Möglichkeit all das ein wenig an mir selbst zu überprüfen, was sich durch mein Amt bzw. meinen Dienst zu leben vorgebe. Ich muss sagen: vielleicht tue ich mir jetzt (noch?) ein wenig leichter, andere zu verstehen, die von einer Frage, von einer Sorge, von einem Problem beladen sind. Angst – so kann ich es zumindest nachzuvollziehen versuchen – engt vieles in der Wahrnehmung ein, fokussiert das meiste auf eine bestimmte Sache und dann kann es schon geschehen, dass sich plötzlich um mich herum alles verändert, weil alles vom Blickwinkel der Angst aus betrachtet wird. Gegen Angst kann auch nicht an-argumentiert werden.

Ich hoffe, dass mein Vertrauen an und in Gott nicht nur Gerede ist, sondern Leben und Erfahrung. Jedenfalls habe ich aufs Neue „gelernt“, mein Leben und damit auch alle meine Gefühle IHM anzuvertrauen.