kirchliche Filterblasen-Debatten

Hinterher ist man meistens gescheiter. Und erst recht, wenn man aus Distanz beobachtet. Das sind zwei Gedanken, die mich dazu veranlasst haben, so manches zu notieren, das sich in den letzten Wochen ereignet hat. Ich tue dies nicht unbedingt in der Art einer zeitlichen Rückschau, sondern eher „aus dem Bauch heraus“, nach verschiedenen Themen strukturiert – und hier in unregelmäßigen Abständen. Und: ich habe kurz vor Ende der strengen Ausgangsbestimmungen meine Gedanken zu schreiben begonnen …

Wenn jemand so wie ich Vertreter einer Institution ist, darf er sich nicht wundern, wenn in herausfordernde Situationen sich spezielle Fragestellungen dieser Organisation mitunter so in den Vordergrund drängen, dass das Große und Ganze beinahe aus dem Blick gerät. Es gibt auch so etwas wie eine „katholische Filterblase“, um einen Begriff aus der Welt der neuen sozialen Medien zu verwenden. Ich habe nicht schlecht gestaunt, welche prinzipiellen Fragestellungen von manchen in unserer Kirche der deutschsprachigen Welt gestellt werden können angesichts des „lockdowns“ und der damit verbundenen Beschränkungen, was die Feier von Gottesdiensten anlangt. Über die von den Verantwortungsträgern innerhalb kürzester Zeit in den verschiedenen Diözesen herausgegebenen Richtlinien zu den Möglichkeiten, unter den gegebenen Umständen den Glauben feiern bekennen zu können, wurde von so manchen der Stab gebrochen; da wurden mit der Sprache Bilder gezeichnet (Stichwort „Geistermessen“), da wurden Rückschritte vor das Zweite Vatikanische Konzil vermutet, da wurde eine die Klerikalisierung der Liturgie konstatiert usw. – mitunter wurde so getan, als ob Entscheidungen, die in der Krise schnell getroffen werden mussten, prinzipielle Richtung Entscheidungen und Strategien zum Ausdruck brächten. Ich hoffe, dass wir uns in ruhigeren Zeiten die hoffentlich dann auch etwas abgekühlten und emotionsfreien Argumente gut anschauen werden.[1]

Was sich allerdings – und das muss ich frei bekennen – nur sehr schwer nachvollziehen kann ist die Tatsache, dass solche Debatten – man verzeihe mir die Wortwahl – aus dem „elfenbeinernen Turm der Wissenschaft“ auf einer Metaebene zu einem Zeitpunkt zu führen begonnen wurden, als auch in unseren Landen noch nicht klar war, ob unser Gesundheitswesen alldem standhalten wird was unter Umständen auf uns zukommt. Um es verkürzt zu sagen: Da war nicht klar, ob wir genug Beatmungsgeräte in den Krankenhäusern haben – und manche machen sich Gedanken, ob die Kamera Einstellung bei der Übertragung der Gottesdienste nicht eine andere sein könnte, weil sie nur den Altarraum zeige. Noch einmal: wir müssen darüber sprechen – miteinander. Klar. Aber der Eindruck hat sich bei mir mitunter eingestellt, dass manche händeringend sich nach Arbeit gesehnt haben und daher wissenschaftliche Debatten anzetteln wollten.

Ich hätte mir durchaus erwartet, dass nicht bloß negativ kritische Zurufe mit den verbundenen Pauschalierungen – ich bin mir bewusst, dass auch ich dies hier mache, um meine Fragen deutlich zu machen – als Debattenbeiträge, sondern auch Lösungsvorschläge zu einer Zeit gegeben werden, die eine unmittelbare Umsetzung in kritischen Augenblicken ermöglicht hätte. Wenn – ich beziehe mich auf die Situation in Österreich – wir als Bischofskonferenz etwa für liturgische Fragen das österreichische liturgische Institut als „unsere“ Einrichtung bei allen Vorschlägen, was Richtlinien zur Gestaltung von Gottesdiensten anlangt, federführend herangezogen haben, dann scheint mir zumindest der rechte Weg eingeschlagen worden zu sein. Bessere – vor allem wenn mehr Zeit vorhanden gewesen wäre – hätte es wahrscheinlich auch geben können. Aber – wie in der Einleitung beschrieben: im Nachhinein weiß man immer alles besser.

[1] Unter anderem verweise ich auf so manche Überlegungen die in einer Online-Publikation des “Heiligen Dienst” auf der Homepage des Österreichischen Liturgischen Instituts (5.5.2020): https://www.liturgie.at/pages/liturgieneu/publikationen/heiligerdienst/hldhefte/article/129663.html

Jesus lebt!

Ostern hat stattgefunden – auch in Corona-Zeiten. Das leere Grab uns auch heute Hoffnung und Zuversicht schenken. Dies war Inhalt meines Hirtenwortes zum Ostersonntag 2020.

Hirtenwort von Bischof Wilhelm zum Ostersonntag 2020

Liebe Schwestern und Brüder! Jesus lebt. Diese Erkenntnis hat nicht nur jene ergriffen, die das Grab in Jerusalem vor beinahe 2000 Jahren besuchen wollten. S…

In der Corona-Zeit gab es auch noch andere Hirtenworte von mir:
* Mutworte an die Jugendlichen
* ein Wort an die FirmkandidatInnen
* Wort am Beginn der Krise

unterschiedliche Mechanismen

Hinterher ist man meistens gescheiter. Und erst recht, wenn man aus Distanz beobachtet. Das sind zwei Gedanken, die mich dazu veranlasst haben, so manches zu notieren, das sich in den letzten Wochen ereignet hat. Ich tue dies nicht unbedingt in der Art einer zeitlichen Rückschau, sondern eher „aus dem Bauch heraus“, nach verschiedenen Themen strukturiert – und hier in unregelmäßigen Abständen. Und: ich habe kurz vor Ende der strengen Ausgangsbestimmungen meine Gedanken zu schreiben begonnen …

Wenn ich mir schon die Mühe mache, eine Art „Tagebuch“ mit Themen zu führen, die mich während der Zeit der Coronakrise beschäftigt haben, dann kann ich nicht umhin, auch etwas davon niederzuschreiben, welchen Menschen ich „begegnet“ bin, wenn ich telefoniert habe. Ich glaube nämlich wahrgenommen zu haben, dass es nicht die eine mögliche Reaktion auf krisenhafte Phänomene gibt, sondern dass praktisch jeder Mensch seine eigene Strategie entwickelt. [Nebenbei: wenn ich im Folgenden eher frei und bei weitem nicht vollständig mir Telefonate mit Priestern und Diakonen in Erinnerung rufe, dann ist dies eben auch eine Wahrnehmung, schließt niemanden anderen aus und ist auch nicht die volle Wirklichkeit.]

  • Da vermeinte ich jene zu hören, die versucht sind, all das was sich an bedrängenden abspielt zu überspielen: Sie stürzen sich in Arbeit. So etwa glaube ich bei einigen Priestern wahrgenommen zu haben, dass sie sofort begonnen haben neues zu planen – auch wenn das bedeutet, beispielsweise das Osterfest zu verlegen gerade; das noch nicht neue Liturgien erfunden wurden, die dann zu feiern wären, wenn alles wieder in geordnete Bahnen käme.
  • Andere wiederum – so meine pauschalierende Wahrnehmung – „tauchten“ ab. Den Kopf in den Sand zu stecken ist eine durchaus menschliche Reaktion, wenn einem alles zu viel wird. Und das waren keineswegs nur Angehörige einer Risikogruppe: da war verängstigt und zu spüren, mitunter getarnt es Vorsicht den anderen gegenüber usw. irgendwann wird das Ganze schon vorbeigehen ….
  • Da meine ich auch solchen begegnet zu sein, die sich einfach in ihr Schicksal fügten: „Was soll ich schon ausrichten gegen eine solche Pandemie? Da kann man eh nix machen.“
  • Andere wiederum „flüchteten“ sich in die eine oder andere Glaubenspraxis, was sich unter Umständen auch darin äußerte, dass diese oder jene Beete zu sprechen sein, dann wäre es schon wieder besser. So als ob Gott einem Automaten gleichen würde, der das entsprechende „ausspuckt“, wenn man nur genug und vor allem die richtigen Gebete an ihn richten würde.
  • Natürlich bin ich auch vielen begegnet, die diese Situation ehrlich und aufrichtig zu leben versuchten. Jede und jeder eben mit den Begabungen die wir als unterschiedliche Menschen geschenkt bekommen haben.
    – Da habe ich etwa mit einem Pfarrer telefoniert, der seine Aufgabe gerade in diesen Tagen und Wochen darin gesehen hat, jeden Tag Menschen anzurufen, von denen er wusste, dass sie allein lebten. Das wurde – nebenbei gesagt – medial nicht wahrgenommen, weswegen er sich auch so manchen gegenüber meinte rechtfertigen zu müssen, weil in seiner Pfarre keine Gottesdienste ins Netz übertragen wurden.
    – Da habe ich mit einem anderen Priester telefoniert, der sich in der Krisenintervention engagiert: er teilte mir mit, dass sich in seiner Gegend der Steiermark in den letzten Wochen die Einsätze nach einem Suizid vermehrt hätten.
    – Wieder ein anderer meinte, er habe begonnen, für ältere in seinen Pfarren Einkäufe zu tätigen – einmal mit dem Ergebnis, dass ihm die Nudelpackung, die er gekauft hatte, zurückgegeben wurde, weil die Nudeln nicht von der richtigen Firma kämen.
    – Wieder ein anderer Priester hat sich dort, wo er lebte, als Erntehelfer angeboten: die Not an solchen Arbeitern wurde immer wieder berichtet, weil Menschen aus dem Ausland nunmehr nicht einreisen konnten.
    – Da habe ich mit einigen telefoniert, die eine WhatsApp Gruppe eingerichtet haben, in der sie sich täglich mitteilen, was sie derzeit alles so erleben und wie sie mit manchen Fragestellungen umgehen.
    – Wieder ein anderer hat sich bereit erklärt in den Intensivstationen für an Corona erkrankte das Sakrament der Krankensalbung zu spenden – mit enormen Sicherheitsauflagen. Es war am Vormittag, als ich ihn angerufen habe, und ich merkte sofort, dass ich ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Kein Wunder: vier Tage und vier Nächte stand er im Einsatz.
    – Da habe ich vernommen, dass in verschiedenen Kirchen – wiewohl die öffentliche Feier unserer Glaubensgeheimnisse nicht möglich war – die Räume mit viel Phantasie, vor allem zu den “heiligen Tagen” geschmückt wurden, damit jene, die zum Gebet kommen, dem Glaubensgeheimnis, das an diesem Tag bedacht wurde, “wie von selbst” nahekommen könnten..
    – …

Die Liste, wie mit herausfordernden Situationen umgegangen wird, könnte wohl fortgesetzt werden. Ähnliches wurde mir auch aus unserem Krisenstab berichtet: da gab es manche, die in sozialen Medien ihre schöne Aussicht posteten, was andere wiederum zum Kommentar hingerissen hat, ob denn Angestellte in der Seelsorge nichts zu tun hätten – die eine oder andere E-Mail erreichte mich auch mit dem Inhalt: wenn die Kirche nunmehr ihre Arbeit “zugesperrt“ hätte, dann wäre dies wohl auch Grund genug die Kirchen Beitragszahlung einzustellen. Wieder andere mussten sich über Gebühr mit Arbeit belastet – stellte mir die Frage, wie denn ein Ausgleich geschaffen werden könnte. Da gab es zahlreiche private und organisierte Initiativen der Nachbarschaftshilfe – die meisten “ohne das Mascherl ‘Kirche'”, da gab es Lebensmittelausgaben der Caritas und der Vinzi-Werke, die weiter gelebte Betreuung der Kinder in pädagogischen Einrichtungen, die Dienste in Krankenhäusern und Pflegeheimen – und hier denke ich nicht nur an die, die für die Pflege und physiche Gesundheit Zuständigen, da gab es ein Emporschnellen der Anrufe bei der Telefonseelsorge und unsere diözesane Seelsorge-“Du-bist-nicht-allein-Hotline”, da wurde Fernunterricht auf sehr erfinderische Weise in Religion ausgeübt, da wurden Feierhilfen für zu Hause erstellt und gerade rund um die Osterbräuche an möglichst viele gebracht, damit zu Hause gefeiert werden kann, da haben Jungschar-, Jugend- und Ministrantengruppen Initiativen gesetzt, um den älteren Menschen auf irgendeine Art und Weise Nähe zu zeigen, und und und …

Wenn ich hier davon berichte, dann nicht deswegen das eine oder das andere zu loben oder zu verurteilen, sondern deswegen um deutlich zu machen, dass in jedem Menschen eigene Abwehrmechanismen Krisen gegenüber zu wirken beginnen. So etwa habe ich bei mir selbst mit der Zeit schon auch bemerkt, dass ich nicht immer in der Ruhe geblieben bin – war aber mein Lebenskreis ohnedies nicht sehr groß war, haben das auch nicht viele bemerkt (hoffe ich jedenfalls).

Auf alle Fälle bleibt die Frage in mir präsent, die mir da und dort nach dem Gespräch in Erinnerung blieb: das Allerschwerste scheint in unserer Leistungsgesellschaft wohl zu sein, auf sich selbst zurückverworfen zu werden. Mit sich selbst können viele nicht mehr umgehen – allein sein, vor Gott sein … all das gilt es, gerade jetzt (neu) zu lernen oder bzw. und zu vertiefen.

selbst betroffen?

Hinterher ist man meistens gescheiter. Und erst recht, wenn man aus Distanz beobachtet. Das sind zwei Gedanken, die mich dazu veranlasst haben, so manches zu notieren, das sich in den letzten Wochen ereignet hat. Ich tue dies nicht unbedingt in der Art einer zeitlichen Rückschau, sondern eher „aus dem Bauch heraus“, nach verschiedenen Themen strukturiert – und hier in unregelmäßigen Abständen. Und: ich habe kurz vor Ende der strengen Ausgangsbestimmungen meine Gedanken zu schreiben begonnen …

Da war ich also nun seit einigen Tagen in Seggau – in einer kleinen Gemeinschaft mit Ordensfrauen, zwei Grazer Franziskanerinnen [Schulschwestern] und einer Benediktinerin von der heiligen Lioba. Das Leben hier war einfach und einfach schön. Wir beteten, scherzten, feierten und tauschten einander über unsere Erfahrungen aus. Beim gemeinsamen Mahl erzählten wir einander, was wir so erlebt hatten in den vergangenen Tagen und Wochen. Als ich einmal von einem Telefonat berichtete, in dem mir ein Pfarrer mitgeteilt hat, dass sich wohl bei einem Begräbnis, dem er vorgestanden ist, einige Menschen mit dem Virus angesteckt hätten, er aber nicht, weil er als Priester vor dem Sarg und danach nicht mit den Angehörigen im selben Raum beim Totenmahl gespeist hatte, teilte eine der geistlichen Schwestern mir ihre Sorge mit: in der Woche zuvor habe sie jemanden besucht. Sie weiß nach wie vor nicht, ob sie dort einer ihr nicht bekannten Frau, der sie begegnete, die Hand geschüttelt hätte oder nicht. Ihr wurde nämlich mitgeteilt, diese eine unbekannte Frau wäre mit Corona infiziert. Auf einmal war die Sorge um die eigene Gesundheit ganz nah. Und damit das, was großartig von „Hoffnung“, von „Glauben”, von „Vertrauen“ und ähnlichem mehr üblicherweise „recht locker von der Lippe“ geht. Sie habe dort eine Ordensfrau mit dem Auto hingebracht, damit diese die Familie besuchen kann. Ihres Wissens sei aber auch diese Schwester nicht infiziert – das beruhigte auch meine Unterkunftgeberin. Und dennoch: die Frage blieb hängen, was tun, wenn?

Natürlich: die mittlerweile schon selbstverständlich gewordenen Maßnahmen wie Abstand halten, Händewaschen und möglichst wenige persönliche Kontakte wurden – so halt meine Erinnerung – noch etwas intensiver gepflegt. Aber: das Leben ging die gewohnten Bahnen – sofern man das so in herausfordernden Zeiten wie diesen überhaupt sagen kann.

Jedenfalls gab mir diese kurze Phase die Möglichkeit all das ein wenig an mir selbst zu überprüfen, was sich durch mein Amt bzw. meinen Dienst zu leben vorgebe. Ich muss sagen: vielleicht tue ich mir jetzt (noch?) ein wenig leichter, andere zu verstehen, die von einer Frage, von einer Sorge, von einem Problem beladen sind. Angst – so kann ich es zumindest nachzuvollziehen versuchen – engt vieles in der Wahrnehmung ein, fokussiert das meiste auf eine bestimmte Sache und dann kann es schon geschehen, dass sich plötzlich um mich herum alles verändert, weil alles vom Blickwinkel der Angst aus betrachtet wird. Gegen Angst kann auch nicht an-argumentiert werden.

Ich hoffe, dass mein Vertrauen an und in Gott nicht nur Gerede ist, sondern Leben und Erfahrung. Jedenfalls habe ich aufs Neue „gelernt“, mein Leben und damit auch alle meine Gefühle IHM anzuvertrauen.

Kirche in dieser Gesellschaft

Hinterher ist man meistens gescheiter. Und erst recht, wenn man aus Distanz beobachtet. Das sind zwei Gedanken, die mich dazu veranlasst haben, so manches zu notieren, das sich in den letzten Wochen ereignet hat. Ich tue dies nicht unbedingt in der Art einer zeitlichen Rückschau, sondern eher „aus dem Bauch heraus“, nach verschiedenen Themen strukturiert – und hier in unregelmäßigen Abständen. Und: ich habe kurz vor Ende der strengen Ausgangsbestimmungen meine Gedanken zu schreiben begonnen …

In der Woche vor dem Inkrafttreten der großen Maßnahmen um die Ausbreitung des Virus einzudämmen und Zustände wie in manchen der Nachbarländer zu vermeiden, haben sich die Religionsgesellschaften mit Vertretern der Regierung getroffen und ihre Mitarbeit – trotz der anstehenden Festivitäten in den monotheistischen Religionen [Pessach, Ostern, Ramadan] – hierbei zugesagt. Mit 15. März wurden im Bereich der katholischen Kirche in Österreich daher praktisch alle öffentlichen Gottesdienste ausgesetzt. – Zwei Monate später sollen sie wieder unter Auflage strenger Maßnahmen ermöglicht werden.

Die Berichte in den Wochen danach haben von allem Möglichen gesprochen – dass die Religionsgesellschaften, die einen Großteil der österreichischen Bevölkerung im Blick haben, hierfür einen wichtigen Beitrag geleistet haben, war nirgendwo zu lesen oder zu hören. Das hat manchen sichtlich “aufgestoßen”[1]. Es gab auch mir zu denken. Ostern ist eben doch mehr als “Tourismus” und “Freizeit”: oftmals wurde ja öffentlich daran erinnert, das Osterwochenende nicht für Ausfahrten und Familienfeiern zu nutzen. – Andererseits: die Zugriffszahlen auf die aus dem Kraut sprießenden Übertragungen von Gottesdiensten waren enorm, wohl weit mehr als “live” je gekommen wären?! So etwa teilte mit ein steirischer Pfarrer, mit dem ich am Palmsonntag telefoniert habe, mit, dass sein Privatradio sich angeboten hätte, die Liturgie zu übertragen: rund 1.500 hätten dieses Angebot zu Hause genützt – ganz zu schweigen von der Reichweite der Übertraagung der Osterspeisensegnung: 70 von 100 in der Steiermark, die am Karsamstag kurz nach 13:10 ferngesehen haben, schauten sich diese Feier an …

Um nicht ins Jammern zu kommen – einige Tage nach Ostern kam so mancher Dank, in der Pressekonferenz, in der Lockerungen für den 15. Mai angekündigt wurden, wurde die positive Rolle der Religionsgesellschaften für die Mitarbeit der Eindämmung der Ausbreitung von COVID-19 bedankt: Vielleicht gilt es auch ernst zu nehmen, dass wir eben nicht mehr die “Macht” haben, die wir uns mitunter erhoffen?! Ich fühlte mich an eine Pfarrgemeinderatssitzung in Bruck/Mur erinnert: wir hatten einen Stadtrat eingeladen, den wir gebeten haben – er war durchaus kirchlich sozialisiert – uns zu schildern, wie wir als römisch-katholische Pfarre wahrgenommen würden in der Stadt und von deren Verantwortlichen. Der langen Rede kurzer Sinn und damit die Ernüchterung: “Außer in der Nächtigungsstatistik durch die Caritas-Notschlafstelle eigentlich nicht.” Mein erster Gedanke damals: “Da plagen wir uns ab und meinen ‘das beste Programm’ für alle zu haben – und dann das?” Andererseits wurde schon im Gespräch danach mit dem Stadtrat deutlich, welch große Entlastung es für uns sein kann, eben unseren Beitrag zum Gelingen des Ganzen beizutragen ohne den Anspruch “gehätschelt” und “umsorgt” zu werden. Wir feierten viel “freier” und hatten danach eine unbeschwertere Art unsere Angebote für das Miteinander in dieser Gegend und damit auch mehreren politischen Gemeinden einzubringen.

Vielleicht sind wir auch herausgefordert, uns dessen vertieft und neu bewusst zu werden? Ob es uns passt oder nicht?! Auch weltweit ist Kirche mitunter alles andere als gesellschaftlich so wie bei uns abgestützt – und dennoch tritt sie mit Selbstbewusstsein auf. Aus dem Nordosten Indiens habe ich mir von meiner Reise im November 2018 etwa das mitgenommen: Der emeritierte Erzbischof von Ranchi Telesphore Kardinal Toppo meinte in der persönlichen Begegnung mit ihm in etwa: “Was ihr in der Kirche in Europa an Veränderungen wahrnehmt und angesichts früherer Zeiten als ‘Schwächung’ bzw. ‘Schwachheit’ zu bezeichnen versucht seid, ist unsere Stärke …: wir hatten als Minderheit nie ‘Macht’ inne, haben aber mit dem, was wir leben, ‘Einfluss'”. Das haben wir wohl noch zu lernen – und: wir haben auch zu vertiefen, dass wir uns mit dem, was uns wirklich ausmacht, nicht schämen müssen, auch wenn uns manch scharfer Wind entgegenweht, der sich – ich nenne etwa die Missbrauchskrise und anderes an Fehlverhalten – mitunter zu einem doch deutlichen Sturm verschärft.

Sind wir schon in dieser Gesellschaft bis ins letzte angekommen? Oder trauern wir nach wie vor “anderen Jahrhunderten” und “früheren Zeiten” nach und vergessen dabei, dass der Blick zurück uns wie die Frau des Lot zur Salzsäule erstarren lässt? Ich ergänze sofort: auch wenn ich diese Zeilen recht frei niederschreibe: sie sind Gewissenserforschung auch für mich in mehrerlei Hinsicht …

[1] vgl. hierfür u.a. den Pfarrer in Krumpendorf, der sich darüber in der Kleinen Zeitung kurz nach Ostern geäußert hat.

Osterfeiern?

Hinterher ist man meistens gescheiter. Und erst recht, wenn man aus Distanz beobachtet. Das sind zwei Gedanken, die mich dazu veranlasst haben, so manches zu notieren, das sich in den letzten Wochen ereignet hat. Ich tue dies nicht unbedingt in der Art einer zeitlichen Rückschau, sondern eher „aus dem Bauch heraus“, nach verschiedenen Themen strukturiert – und hier in unregelmäßigen Abständen. Und: ich habe kurz vor Ende der strengen Ausgangsbestimmungen meine Gedanken zu schreiben begonnen …

Es war Fastenzeit, als die Krise viele Beschränkungen mit sich brachte. Ostern stand vor der Tür. Das höchste Fest der Christenheit. Wie könnte es gefeiert werden? Denn: “öffentliche” Gottesdienste würden wohl noch nicht möglich sein.

Mir war klar: Gottesdienste der Kirche sind – eben weil sie solche der Kirche sind – immer „öffentlich“. Da Kirchen als Gebäude per definitionem aber dem sogenannten „öffentlichen Raum“ zuzurechnen sind, die durch die erste Verordnung des Gesundheitsministeriums, die am 30. April ausgelaufen ist, zu jenen Örtlichkeiten zählten, die nicht betreten werden durften, kann der Begriff „öffentlich“ eben auch auf diesem Hintergrund verstanden werden. Nebenbei: die Rede davon, dass die Kirchen zugesperrt gewesen seien und daher am 15. Mai „wieder öffnen durften“, stimmt nicht, weil sie immer für das persönliche Gebet offen gestanden sind. Diese Ausnahme vom Betretungsverbot wurde uns vom Kultusamt als rechtens bestätigt. Dass sich die einen oder anderen theologischen Wissenschafter daher über den falschen Begriff „öffentlicher Gottesdienst“ alterierten ist zum einen verständlich, trifft aber – weil der Gesetzgeber etwas anderes damit auszudrücken versuchte – nicht „des Pudels Kern“. Mitunter wurde uns Bischöfen aus anderen Kreisen vorgeworfen, wir wären gegenüber dem Ausspruch des Petrus „man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen” (Apg 5,28) nicht gehorsam – und würden daher das Menschenrecht der Religionsfreiheit nicht ernst genug nehmen. Dem muss entgegengehalten werden, dass ein Virus bei der Ansteckungsmöglichkeit eben nicht unterscheidet, um welche „Veranstaltung“ es sich handelt. Bekanntlich – nur zur Erinnerung – waren die Hotspots in Südkorea und Frankreich lt. Medien jeweils Großveranstaltungen christlicher Gruppierungen.

Wie also nun Ostern feiern? Klar wurde recht bald: die Rahmenbedingungen werden sich nicht ändern. Da der christliche Gottesdienst ohnedies immer stellvertretend „für alle“ gefeiert wird, haben wir unter uns Bischöfen nach Möglichkeiten gesucht, einen einigermaßen „lebbaren Spagat“ zu ermöglichen. Zum einen galt es den „öffentlichen Raum Kirche“ zu einem geschlossenen zu machen; zum anderen erschien es uns notwendig, dass wenigstens eine kleine Gruppe und nicht der Priester allein zelebriert; zum dritten galt es ernst zu nehmen, dass ein Grundprinzip der Verhinderung der weiteren Ausbreitung des Virus ist, die persönlichen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren. Die Quadratur des Kreises kann nicht gefunden werden – mit den Richtlinien der Österreichischen Bischofskonferenz zur Feier der Kar- und Ostertage haben wir es dennoch versucht. Und haben von einigen Seiten – nicht nur von wissenschaftlicher, sondern auch von Praktikern – „virtuelle Argumentations-Schläge“ bekommen. Dies ist ganz und gar verständlich, doch wäre durchaus zu empfehlen, bevor Dinge an die Öffentlichkeit getragen werden – wie es dem Evangelium entspricht – zunächst unter vier Augen miteinander die Angelegenheit zu besprechen.

Dass die Richtlinien erst kurz vor dem Palmsonntag bekannt gegeben wurden, stimmt. Die andere Seite stimmt auch: Sie wurden österreichweit in knapp zwei Wochen erarbeitet – unmittelbar nach dem Beginn des „lockdown“ war ja noch abzuschätzen, wie es mit der Situation generell weitergeht. Schließlich: unmittelbar vor der Fertigstellung unserer Richtlinien kamen noch solche aus der Gottesdienstkongregation, die auch eingearbeitet werden mussten.  In der Zwischenzeit gab es vor allem in der Steiermark unzählige Ideen, wie denn die Segnung der Palmzweige oder auch die Segnung der Osterspeisen gestaltet werden könnte. Wenn ich es recht sehe, gab es keine einzige Idee, wie die Liturgie der Kartage unter diesen Voraussetzungen gestaltet werden könnte. Freilich: Segnungen haben in unserem Volk eine ganz besondere Verankerung und dürfen daher nicht einfach übergangen werden, dennoch sei die Feststellung von eben erlaubt.

Hat nun Ostern stattgefunden? Neben den Gedanken, die Bischof Manfred Scheuer niedergeschrieben hat, noch einige Erfahrungen meinerseits – aus den gottesdienstlichen Feiern der Heiligen Woche in der Grazer Kathedralkirche.

  1. Ostern hat stattgefunden – schon vor knapp 2.000 Jahren. Als Kirche feiern wir erinnernd und vergegenwärtigend. Und wir feiern immer stellvertretend – für alle.
  2. Mir kam schon vor der Heiligen Woche, der Karwoche, mein Vorgänger Bischof Egon Kapellari in den Sinn, der von einer Begegnung in einem russisch-orthodoxen Kloster in Jerusalem vor Jahrzehnten – noch zur Zeit der Sowjetunion – berichtete. Einige Ordensfrauen feierten stundenlang das kirchliche Abendgebet. Sinnlos? Die Antwort der Schwestern auf diese Frage war einfach: „Wir beten für ganz Russland! “
  3. Schon die Größe des Domes machte mir deutlich: wir sind nicht für uns hier. Ich glaube, dass die Übertragung der Feiern ein Stück weit – wiewohl nicht real – die Steiermark in die Kathedrale Kirche geholt hat. Die hierfür nötige Technik stand im Hintergrund, wurde aber feinfühlig geführt.
  4. Die immer selbe Feiergemeinde – sowohl jene im Altarraum wie auch die Musikerinnen und Musiker weit entfernt auf der Orgelempore (noch heute bin ich wirklich angetan von der einfachen und dennoch festlichen Musik und den Gesängen, die dieses kleine Ensemble unserer Dommusik zuwege gebracht hat) – erleichterte es, „präsent“ zu sein.
  5. Die die Art zu feiern war eine sehr ruhige – die Zeit wurde nicht lang. Und wir haben uns nicht nur Mühe gegeben, sondern ernsthaft „festlich gefeiert”.

Besondere Osterfeiern also – in herausfordernde Zeiten.

Lebensmeditation

Gerade in Zeiten der Krise gilt es, das eigene Dasein zu reflektieren – in stillen Minuten. Wir haben eine “Lebensmeditation” zusammengestellt, die einlädt, sich bewusst vor Gott hinzustellen:

“Frühjahrsputz für die Seele” – Impulse für eine Lebensmeditation

Vieles ist plötzlich anders. Ich lese und höre viel über diese Zeit der Krise. Das Wort „Krise” stammt aus dem Griechischen und heißt „Beurteilung, Entscheid…

Begegnung als Teil der Gesundheit

Hinterher ist man meistens gescheiter. Und erst recht, wenn man aus Distanz beobachtet. Das sind zwei Gedanken, die mich dazu veranlasst haben, so manches zu notieren, das sich in den letzten Wochen ereignet hat. Ich tue dies nicht unbedingt in der Art einer zeitlichen Rückschau, sondern eher „aus dem Bauch heraus“, nach verschiedenen Themen strukturiert – und hier in unregelmäßigen Abständen. Und: ich habe kurz vor Ende der strengen Ausgangsbestimmungen meine Gedanken zu schreiben begonnen …

„Wie kann ich trotz all der Beschränkungen mit Menschen in Kontakt treten?” Neben den verschiedenen Möglichkeiten schriftlich mit Menschen zu kommunizieren – die modernen Medien erlauben hier ja vieles – lief auch mein Telefon „heiß“. Neben den üblichen Wünschen zum Geburtstag, die ich – soweit es die Zeit erlaubt – Diakonen und Priestern unserer Diözese ausspreche, habe ich es mir in den vergangenen Wochen zur Gewohnheit gemacht, den einen oder anderen der Priester in unserer Diözese, die eine oder andere Ordensgemeinschaft telefonisch zu erreichen, um nachzufragen wie es gehe.

In diesen heutigen Gedanken möchte ich aber die Kontakte zu meiner Mutter kurz betrachten. Sie lebt seit geraumer Zeit im Bezirkspflegeheim in Gleisdorf. Daher war sie wie so viele im Land auch davon betroffen, nicht besucht werden zu können. Üblicherweise versuchte ich in den letzten Monaten immer dann, wenn es in die Oststeiermark ging, wenigstens einige Minuten bei ihr vorbeizuschauen. Diese Möglichkeit war mir nun genommen. Es blieb das Telefon. Und damit war zugleich Sensibilität gefragt – im Hören und die Zwischentöne wahrzunehmen. Zunächst – sie ist eben wie sie ist – schien es, als würde es ihr gar nicht mal so abgehen: Endlich habe sie Zeit in Ruhe zu lesen – mit 89 nach wie vor ohne Brille(!) – sagte sie mir, zu stricken und ähnliches mehr. Es gilt wohl zu erwähnen, dass meine Mutter in Gleisdorf sehr bekannt ist und sie es daher förmlich „genießt“, viele im Heim zu kennen und viele Besuche zu empfangen. Noch vor einigen Tagen teilte sie mir in ihrer Art mit, dass sie es nicht wünsche, dass wir sie im eingerichteten Frei-Besucherbereich aufsuchen: dort wären wir zu weit von ihr entfernt – und da sie schwer höre, müssten wir schreien – und das passt ihr nicht; wir sollten lieber anrufen. Sie ist wie sie ist …

Dann  auf einmal eine Mitteilung meiner Schwester, ich solle mich nicht wundern, wenn eine mir fremde Nummer mich per Video anruft: eine Mitarbeiterin des Pflegeheimes würde auf diese Art ein Telefonat zwischen ihr und mir herstellen. Es klappte. Schon damals wurde mir bewusst, wie sehr anders es ist, einen Menschen nur zu hören oder ihn auch zu sehen. Und wie sehr es noch einmal anders sein wird, wenn ich ihr wieder von Angesicht zu Angesicht gegenüber treten kann!

Ich habe dann auch vernommen, dass ihr die Möglichkeit geboten wurde, über ein Smartphone hin und wieder die übertragenen Messfeiern mitzuerleben. Dass am Ostersonntag die Messe in der Kapelle im Erdgeschoss gefeiert und über die Fernsehapparate auch in Zimmer übertragen wurde oder auch in den Aufenthaltsräumen der einzelnen Wohngeschosse der Sonntagsgottesdienst im Fernsehen mitgefeiert wurde, machte mir deutlich, dass die Mitarbeiter im Heim wohl das möglichste getan haben, dass den Bewohnern die fehlende körperliche Nähe und Zuwendung der Verwandten und Freunde zumindest ein wenig erleichtert wurde. Darüber hinaus kam mir zu Ohren, dass unsere Pflegeheimseelsorge den Mitarbeitenden dabei geholfen hat, die eine oder andere “seelsorgliche” Aufgabe während des Besuchsverbotes aufrecht erhalten zu können.

In einem weiteren Telefonat – es war schon nach Ostern – hat sie mir dann mitgeteilt, dass sie ein Kartenspiel durch ihre Zimmerkollegin gelernt habe. Ich kann mich nicht erinnern meine Mutter je beim Kartenspiel gesehen zu haben. – Solidarität wird gelebt auch im hohen Alter!

Zugleich weiß ich aus anderen Telefonaten, wie sehr sich manche aufgrund ihrer Beschwerden im Alter mit der ganzen Situation nicht zurechtfinden und auch nicht zurechtfinden können. Die Herausforderungen sind erst recht für jene ältere Mitmenschen, die allein leben, enorm. Bilder, in denen Begegnung durch Plexiglaswände, auf Hebebühnen von Kränen und ähnlichem mehr berichtet werden, sind Zeichen dafür, dass die Balance zwischen physischer und sozialer Gesundheit gerade im Bereich jener Menschen, die wir üblicherweise zu Risikogruppe zählen, alles andere als leicht zu finden ist. Und: wie notwendig es ist, dass nicht nur an die physische Gesundheit gedacht wird. Meldungen von Menschen, die meinten „Lieber sterbe ich an Corona als an Einsamkeit” machen sehr nachdenklich und zeigen auf, dass es in krisenhaften Situationen oft nicht zwischen “gut” und “schlecht”, sondern nur das „geringere Übel” gewählt werden kann. Für mich gilt auch hier: das, was möglich ist, tun. Aber tue ich das Mögliche?