instruiert werden II

2. Der Titel der Instruktion

Wie schon angedeutet (http://krautwaschl.info/instruiert-werden-i/) ist schon aufgrund des Charakters dieser Schrift Obacht zu geben, will man sie verstehen entsprechend einordnen. Denn auch hier gilt: der Blickwinkel bestimmt den Standpunkt. Ich jedenfalls verstehe den Titel so, dass es in der Pfarre eine „pastorale Umkehr“ braucht, damit sie der evangelisierenden Sendung der Kirche gerecht werde. Ohne eine weitere Zeile gelesen zu haben, wurde ich unwillkürlich an ein Wort erinnert, das mir der damalige geschäftsführende Vorsitzende des Diözesanrates nach meinem ersten bischöflichen Referat auf der Pfarrerwoche 2015 als „Quasi-Zusammenfassung“ meines Impulses in den Mund gelegt hat: ich hätte von einem „Perspektivenwechsel‘ gesprochen. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass von einem Mentalitätswechsel auch in der Instruktion gesprochen wird, dachte ich mir: „Ja, eine Umkehr, ein Perspektivenwechsel ist notwendig.“ Nicht nur deswegen, weil es das erste Wort unseres Herrn und Meisters im Evangelium nach Markus ist: Umkehr, Bekehrung und damit neu beginnen, sich durch die stetige Hinwendung zum und das beständige Suchen nach dem Willen Gottes im Heute je neu verankern …: All das sind Wesensmerkmale christlicher Existenz, die uns als Getauften förmlich in die DNA eingeschrieben sein müssten.

Wir wissen, dass dem oft nicht so ist – das berühmte Diktum vom „es war immer schon so“ sei hier als eines von vielen Beispielen benannt. Darüber hinaus wage ich zu behaupten, dass wir in unseren Breiten – auch aufgrund der kirchlichen Geschichte und der entsprechenden Prägung – eine ausgeprägte kirchliche Struktur vorfinden, die durch die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, seit dem 19. Jahrhundert (?), eine bestimmte Gestalt und Form kirchlichen Daseins gleichsam zum Nonplusultra von „Kirche“ heranwachsen haben lassen. Die Größe von Kirche, ihre gute finanzielle Absicherung und vieles andere mehr, dass uns geschenkt ist, haben es uns möglich gemacht, Kirche in vielen Bereichen zu professionalisieren. Damit ist nicht nur die Anstellung Hauptamtlicher gemeint – ob in Seelsorge oder in anderen Bereichen kirchlichen Lebens – sondern auch die Ausdifferenzierung der verschiedenen Dienste und Ämter, die unser Wirken in vielen gesellschaftlichen Bereichen prägen.

Professionalisierung – ich hab es eben kurz angedeutet – bringt aber auch Segmentierung mit sich: Die Zusammenschau des Ganzen und damit auch das Zusammenhalten von allem wird immer schwieriger, die Frage nach dem „Wer ist Chef bzw. Chefin?“, „Wer ist zuständig?“, „Wer hat das Sagen?“ und ähnliches mehr sind logische Konsequenz – und die damit notgedrungener Maßen einhergehende, weil notwendige, zunehmende Verwaltung ist förmlich sprichwörtlich. Hinzu kommt in der Kirche – wohl auch, um es an einem Sinnbild festzumachen – durch die Dogmatisierung der Unfehlbarkeit des Papstes eine zunehmende ausdifferenzierte Rollenklärung des Klerikers im Unterschied zu den Laien. Aus der gemeinsamen Sendung der Kirche in die Welt mit ihren unterschiedlichen Perspektiven und Verantwortungsträgern wurde mit der Zeit gleichsam eine Menge, die durch 1 Person, dem geweihten männlichen Priester, repräsentiert wird. Und: die unterschiedlichen Charismen im gesamten Volk Gottes wurden mehr und mehr im „Charismenschwamm“ „Priester“ fokussiert, der schließlich auch „allein“ für alles zuständig wurde – und meist wird auch jeder Priester „Pfarrer“ genannt, also als einer bezeichnet, der Verantwortung trägt für das Leben in einer oder mehrerer der vielen Pfarren, die unsere Kirche territorial strukturieren. Mir selbst wurde das erstmals bewusst, als ich in einer kleinen Bergpfarre unserer Diözese vor -zig Jahren zur Aushilfe war. Nahe des Kircheneingangs sah ich eine Heiligenstatue auf einer Kiste als Sockel stehen, in der es zwei Schlüssellöcher gab. Auch meine Nachfrage wurde mir mitgeteilt, dass dies die alte Kirchenkasse gewesen ist, die nur von Pfarrer und Kirchenpropst gemeinsam (!) geöffnet werden konnte: „4-Augen-Prinzip“ des 18. Jahrhunderts. Wie weit wir doch im Selbstverständnis des geweihten Amtes mitunter von diesem Verständnis im Leben entfernt sind …

Ähnliche Entwicklungen kann ich auch von der Fokolar-Bewegung berichten: der ursprüngliche Sendungsimpuls des Charismas der Einheit, den die Menschen lebten, wurde mehr und mehr ausdifferenziert in verschiedene Lebensbereiche. Noch zu Lebzeiten hat daher Chiara Lubich als ihr Vermächtnis den Mitgliedern „Familie zu sein“ als Vermächtnis hinterlassen – und damit: nicht die Ausdifferenzierung in unterschiedliche Berufungen innerhalb des Werkes zählt, sondern die gemeinsame Sendung aller zur Einheit in unterschiedlichen Herausforderungen soll in den Blick genommen werden – unabhängig vom „Stand innerhalb der Bewegung“. Die „Leichtigkeit“ des Ursprungs sollte durch die Quelle der Erfahrung einer dem Evangelium entsprechend gelebten Liebe im Sinn des „wo 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind“ (vgl. Mt 18,20) neu belebt und damit das Miteinander aller in derselben Berufung neu betont werden.

Auch in den „jungen Kirchen“ in der Welt – gerade deswegen scheint es mir wichtig, als Bischof in der Weltkirche intensiven auch persönlichen Kontakt mit solchen Kirchen zu pflegen – ist der Impuls des Anfangs aus dem Evangelium vielfach präsent. Nicht die Differenz zählt, sondern das Miteinander in die Welt in unterschiedlichen Verantwortungen. Nicht die Unterschiede des „Wer darf was?“ stehen im Vordergrund, sondern jede und jeder als Glied am Leib Christi macht das und all das, was ihm bzw. ihr aufgrund der Sendung aus Taufe und Firmung, gegebenenfalls auch der Weihe zukommt. Diese Bekehrung hin zur („neuen“) Einfachheit scheint mir von Bedeutung und wird gerade am Beginn der Instruktion mit klaren Worten angesprochen.

Genau das aber ist eben auch „das Problem“ in dieser Schrift, wie ich schon in meinem ersten Punkt beschrieben habe: es geht in einer Instruktion eben nicht um Pastoraltheologie, sondern Erinnerung und Vertiefung der „Rechtsgrundlage“ hinter dem, was als kirchliches Leben bezeichnet wird – im Speziellen im Umfeld des Lebens von Pfarren. Und anders – ergänzend: In dem hier – erneut – abgesteckten Rahmen ist die inhaltliche Akzentuierung dessen, was u.a. Papst Franziskus immer und immer wieder in Erinnerung ruft, zu leben. Und damit stellt sich die Frage: „Was bedeutet Bekehrung unter diesem Blickwinkel – eben auch für die unterschiedlichen Rollen und Funktionen innerhalb des Leibes Christi, der die Kirche ist, gebildet aus unterschiedlichen Gliedern.“ Somit geht es auch um die Bekehrung hin zu einem [neuen] Sendungsbewusstsein aller am Leben von Kirche Beteiligten. Etwas Anderes ist es aber zwischen unterschiedlichen Verantwortungsträgern kirchlichen Lebens „oben“ und „unten“ zu denken oder eben auch „Wer darf mehr tun und wer hat zu ‚gehorchen‘?“- dem will ich mich später widmen.