Wage zu träumen XII

Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen[1]

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister von Deutschland äußerte diese Worte Ende April, während des ersten Lockdowns und hatte dabei sicher im Blick, dass sich die Entscheidungen, die Regierende zu treffen hatten (und haben), angesichts der völlig neuartigen Situation dieser Pandemie im Nachhinein da und dort als zu streng, zu hart oder gar falsch herausstellen könnten; freilich kann dies auch auf jene hin gelesen und interpretiert werden, die all das, was mit Corono zusammenhängt, nicht wahrhaben wollen. Wie recht er doch hatte und hat!

Auch wir österreichischen Bischöfe haben in unserem pfingstlichen Hirtenwort eine Passage aufgenommen, in der wir um Verzeihung bitten für die enge Sicht und Fokussierung, die wir in den ersten Wochen der Pandemie auf die Liturgie gehabt haben – zumindest in der Wahrnehmung von außen.[2] Andererseits ist es die – menschliche – Erfahrung, dass in Zeiten der Krise und der besonderen Herausforderungen der Mensch alle seine Kräfte konzentriert und daher auch von einer Art „Tunnelblick“ geleitet wird. Ich selbst erinnere mich an eine herausfordernde Situation an einer meiner Dienstorte: ich war unterwegs einem Mann begegnet, der polizeiliches Betretungsverbot hatte zu einem Haus, in dem ich wohnte. Er begleitete mich zu meinem Wohnort und stellte sich dann dort direkt vor die Eingangstüre. Vor lauter Aufregung und Konzentration auf diese Herausforderung war ich fast wie gelähmt und nicht fähig, die mir für den Fall der Fälle übergebene und eingespeicherte Rufnummer der nächsten Polizeidienststelle zu wählen.

Ja: wir haben einander viel zu verzeihen – und nur mit einem barmherzigen Blick können wir an einer Gesellschaft bauen, die wirklich ernst macht mit der Würde aller Menschen. Unser Papst hat in vielen seiner Schriften der letzten Jahren diesen Zusammenhang in unterschiedlicher Art und Weise betont. Dafür bin ich ihm zutiefst dankbar. Ich selbst versuche – so gut es geht – auch dem entsprechend zu leben: ich weiß um so manche Unausgewogenheit in der Art meines Denkens, Redens und Handelns. Ich hoffe aber zugleich, dass es mir immer wieder gelingt, einen „Pakt der Barmherzigkeit“ den anderen gegenüber zu leben, die da und dort vielleicht von mir enttäuscht waren und sind. Diese Situationen werden gleichsam am Abend beim Schlafengehen dem himmlischen Vater anvertraut, um am nächsten Morgen den Menschen wieder „ganz neu“ begegnen zu können – ohne im Hinterkopf das eine oder andere an Dissonanzen zu haben.

Ohne die Vergebungsbereitschaft kann eigentlich kein Miteinander existieren. Gerade deswegen nehme ich so manche „tektonische Plattenverschiebungen“ mehr als nur am Rand wahr, die sich in der Art und Weise wie kommuniziert wird abspielen – nicht nur im virtuellen Raum. Und ich gestehe: auch mir reißt mitunter der Geduldsfaden. Zugleich merke ich, wie wichtig eine Art und Weise des geschwisterlichen Umgangs notwendig ist bzw. wäre, um gemeinsam voran zu kommen – und jede/r von uns weiß, wie es unter Geschwistern mitunter zugeht. Da ist auch so manches an Neubeginn und Versöhnungsbereitschaft notwendig; mein persönlicher Beitrag ist dabei mein ehrliches Bemühen, auch Fehler einzugestehen und diese beim Namen zu nennen. Das kann natürlich als Schwäche ausgelegt werden, nimmt aber das Menschsein aller ernst: wir sind endlich und nicht vollkommen.

Lasst uns daher versöhnt miteinander leben (lernen)!


[1] Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 21.4.2020: https://www.welt.de/vermischtes/article207443999/Das-Update-zur-Corona-Krise-Wir-werden-viel-verzeihen-muessen-sagt-Jens-Spahn.html

[2] https://www.bischofskonferenz.at/dl/NkKNJmoJKknMJqx4KJKJKJKLoKNO/Hirtenwort_Bischoefe_Pfingsten2020.pdf

Wage zu träumen XI

Gewohntes ist nicht mehr möglich

Diese Erfahrung dürften wohl viele in den letzten Wochen und Monaten nicht nur in der Arbeit, sondern wohl auch in vielen anderen Lebensbereichen gemacht haben. Wenn ich das so schreibe, dann ist dies in mehrerlei Hinsicht zu sehen: Nicht nur, dass vieles durch die Lockdowns einfach nicht möglich war usw., sondern auch dass so manche in den meist „systemrelevant“ bezeichneten Berufen mehr als genug zu tun hatten und mittlerweile schon geraume Zeit „über Gebühr“ belastet sind. Beiden Aspekten gleich ist die Erfahrung: „Gewohntes ist nicht mehr möglich“.

Dies unter den „anderen Blickwinkel“ anzusehen bedeutet dann: in vielem galt und gilt es, die tragende Mitte bzw. das Fundament des Daseins zu entdecken; üblicherweise wird dies dann als „zurück zum Wesentlichen“ benannt. Und tatsächlich kann gesagt werden: diese Zentrierung auf wirklich tragfähige Grund-Lagen unseres Daseins und damit auch unseres Glaubens waren – und sind (?) – viele von uns nicht gewohnt, zu „alltäglich“ war und zu „normal“ lief das Leben, der gewohnte „Trott“ mit all den Annehmlichkeiten in unseren Breiten und auch die vielen üblichen Abläufe der Tagesgestaltung haben es praktisch nicht zugelassen, zu dem, was wirklich trägt, durchzudringen. So gesehen: mich wundert es nicht, dass sich so manche Zeitgenossen in den Herausforderungen jenseits der Normalität, wie wir sie gewohnt waren, schwertun.

Wenn ich an manche persönliche Erfahrungen im ersten Lockdown zurück denke, kann und muss ich für mich sagen, dass der geregelte Tagesablauf zwischen Gebetszeiten, Arbeitszeiten, Mahlzeiten und Ruhezeiten – auch weil ich die einzelnen Phasen bewusst leben konnte – eine Beruhigung mit sich brachten, wiewohl vieles angestanden ist, das in ganz anderer Weise zu leben war als im üblichen „bischöflichen Alltag“. Ich kann mir vorstellen, dass so manches was ich erlebt habe, ganz anders ist zu den Herausforderungen, die so manche Familien auszuleben und zu gestalten hatten: Hausarbeit, homeschooling und homeoffice in Wohnungen mit ungenügend Platz und Ressourcen zu koordinieren und „auf die Reihe zu bringen“ hat wohl eher dazu geführt, vom „Stressfaktor“ weg durchzustoßen zur Mitte, um nicht auf der Strecke zu bleiben.[1]

Meines Erachtens lohnt sich der Weg allemal, sich zurück zu nehmen, um sich aus „Distanz“ zum eigenen Dasein den „Luxus“ zu leisten nach dem zu fragen, was denn nun unbedingt notwendig und was denn nun im eigenen Leben „nice to have“ ist. Auch hier: viele – zu viele – auf der Welt und auch bei uns können sich diese Frage nicht „leisten“, weil es Spitz auf Knopf steht und ohnedies das Durchkommen nicht garantiert ist. Dennoch: „Was lässt mich wirklich leben?“


[1] So erinnere ich mich an einen Forums-Eintrag irgendwo, dass ich bitte nicht von „Entschleunigung“ sprechen soll, weil ich keine Ahnung davon hätte, wie es derzeit in Familien und deren Wohnungen aussehen würde.

Wage zu träumen X

in und aus der Wüste lernen

Die Bilder, die uns vor dem geistigen Auge kommen, wenn wir den Begriff „Wüste“ hören sind wohl oft mit Ödnis und Leere, Hitze und der Unmöglichkeit zu (über)leben verbunden. Kein Wunder, dass die Zeit der Pandemie vielfach als eine solche Wüsten-Erfahrung bezeichnet wird. „Es war eine karge Zeit, geprägt von Beschränkungen, Verzicht und Hintanstellen eigener Bedürfnisse. Zudem waren und sind die Herausforderungen im Familien- und Berufsleben für viele Menschen groß. Ebenso groß ist auch der Durst nach Kontakt, Freundschaft, Hoffnung, Nähe, Spiritualität. Der Verzicht auf die öffentliche Feier der Gottesdienste war für uns alle eine Zumutung. Umso mehr möchte ich Euch danken, dass Ihr diesen Schritt der Solidarität so verantwortungsbewusst mitgetragen habt.“ schreibt auch mein Bruder im bischöflichen Dienst Benno Elbs in seinem Hirtenwort zum Advent 2020.[1]

Zugleich aber ist die Wüste in der biblischen Überlieferung Ort der Entscheidung und aufblühenden neuen Lebens. Für Johannes den Täufer gilt dies, der in der Wüste lebte und auf den, der nach ihm kommen wird, hingewiesen hat; dies gilt für Hosea, der von Gott als Vertreter des Volkes Israel in die Wüste geschickt und dort von IHM umworben wird (vgl. Hos 2,16). Auch vor dem öffentlichen Auftritt Jesu verbrachte er eine Zeit lang in der Wüste und wurde dort „zugerüstet“ durch die sogenannten Versuchungen, die uns überliefert sind. Sinnenfällig wurde mir dies deutlich bei einer Fahrt durch die judäische Wüste im Februar 2019:

Könnte es nicht sinnvoll sein, die „Wüste der Pandemie“ mit all den Fragestellungen, die zu benennen sind, als „entscheidende Episode“ der Weltgeschichte zu sehen? Und würde uns diese Art, das Jetzt zu sehen, nicht weiter bringen als so manches Jammern, so manche Aussichtslosigkeit, so manches Aufbegehren, so manches an Unverständnis etc.? Und damit wird dann auch diese Zeit „Heilszeit“ im Sinn dessen, was uns der Völkerapostel im zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth mitgibt: „Siehe, jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; siehe, jetzt ist er da, der Tag der Rettung.“ (2Kor 6,2). Es ist eigentlich nur eine Frage des Blickwinkels …


[1] https://www.kath-kirche-vorarlberg.at/organisation/bischof-von-feldkirch/artikel/rufer-in-der-wueste

Wage zu träumen IX

Unaufgeregt mit dem Glauben umgehen

Durch verschiedene Ereignisse in den letzten Wochen und Monaten ist mir dieser Gedanke gekommen beim Nachdenken über das der Corona-Krise Hinterherkommende. Die Debatte rund um die „Systemrelevanz“ der Kirche ist ebenso entbrannt wie die vielfach geäußerte Kritik, dass sich die Kirche abgemeldet hätte in der Krise … Jüngst in den Entscheidung des österreichischen Parlaments zum „Ethikunterricht“ als alternativem Pflichtfach für die SchülerInnen der Sekundarstufe 2 oder auch rund um das „Gebetsfrühstück“ im Parlament[1] flammte ein meines Erachtens alles andere als „aufgeklärtes“ Umgehen mit dem Phänomen Religion und damit der transzendentalen Dimension des Menschen auf, mitunter von Personen, die für sich ein solches in Anspruch nehmen. Auch in der Debatte rund um den Entscheid des Verfassungsgerichtshofes zur „Beihilfe zum Suizid“ kamen mitunter tiefsitzende Vorbehalte gegen „Religion“ und „Kirche/n“ an die Oberfläche.

Angesichts solcher Auseinandersetzungen – ich verhehle nicht zu sagen, dass diese in Hinkunft öfter auftreten werden – und die Argumente, die mitunter hierfür aus der Kirchengeschichte gebracht werden[2], wär eine weniger ideologische Auseinandersetzung und ein sachlicher Diskurs, also ein erwachsenes Umgehen miteinander sinnvoll und wohl auch für das Miteinander in der Gesellschaft erstrebenswert. Vieles nämlich an Argumenten, die beigebracht werden, mögen zwar für vergangene Jahre bzw. Jahrzehnte Geltung haben, aber da die Auseinandersetzung auch mit der Religion aus der letzten Zeit fehlt, werden da mitunter Platitüden und Allgemeinplätze wiederholt, die in einer redlichen Debatte mit anderen Sichtweisen ergänzt werden könnten und müssten[3].

Dass in Österreich rund 80% der Bevölkerung einer staatlich anerkannten Religionsgesellschaft angehören, und unter denen, die „ausgetreten“ sind bei weitem nicht nur a-, antireligiöse oder atheistische Menschen leben, bedeutet eben auch, dass Religion weit mehr Menschen anrührt als durch oft schrille Wortmeldungen anderer glaubhaft gemacht werden will. Freilich: die Geschichte des Miteinanders von Kirche/n und Gesellschaft ist in Österreich eben auch von Phänomenen geprägt, die eingebracht werden, aber eigentlich im Heute nicht zutreffen. Daher: gehen wir doch miteinander unbefangen um – leben wir füreinander und versuchen wir doch, aus unterschiedlichen Blickwinkeln für die Menschen hier und heute zu leben: das gemeinsame Ziel verbindet weit mehr als die An-Wege zur Umsetzung dorthin.


[1] Ein Aspekt, der bei der medialen Debatte fast nicht berücksichtigt wurde: dass gläubige Parlamentarier sich – überparteilich – versammeln ist „nichts Neues“. Das gibt es in unterschiedlichen Formen seit den 80iger-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Coronabedingt wurde das mittlerweile zum sog. „Gebetsfrühstück“ mutierte jährliche Treffen im Internet übertragen. Freilich: die Übertragung im Netz und damit auch in verschiedenen Radiostationen schuf der „üblichen Veranstaltung“ einen ganz anderen Rahmen; der Grund für die Einladung vieler christlicher Konfessionen bzw. deren Vertreter und der jüdischen Kultusgemeinde, nicht aber der Moslems konnte nicht entkräftet werden [denn: wenn es derzeit keinen Moslem gibt unter den TeilnehmerInnen am ‚Gebetsfrühstück‘ frage ich mich, ob es wohl serbisch-orthodoxe oder griechisch-orthodoxe gegeben hat …; auch das Argument der „adventlichen Feier“ zählt nur bedingt, da zwar die Juden auf die Ankunft des Messias warten, aber der Advent durch und durch christlich geprägt ist, das Chanukka-Fest der Juden in diesen Tagen wurde aber nicht als ‚Grund‘ angeführt – jedenfalls soweit ich die Berichterstattung überblicke.

[2] Vgl. beispielsweise die Kolumne „Pro & Kontra“ der Kleinen Zeitung vom 13.12.2020 (S. 8-9);
vgl. auch Niko Alm in der „Wiener Zeitung“ vom 8.12. (https://www.wienerzeitung.at/meinung/gastkommentare/2084740-Ethik-rein-Religion-raus.html)

[3] So etwa wird weitestgehend all das vergessen, was Kirchen und Religionsgesellschaften in die Gesellschaft einbringen. In der Debatte wird etwa auch weitestgehend vergessen bzw. ist nicht im Blick, dass alle ethischen und auch philosophischen Fragestellungen immer (!) auch – so wie religiöse – auf Grundlagen fußen, die offengelegt werden müssen, was im Bereich der Religion und damit auch des Religionsunterrichts klar ist; im Unterschied zu Religionen wird dies in üblicher Weise „objektiv“ benannten Fragestellungen bei Ethik und Philosophie unter dem Deckmantel der Aufklärung vergessen. An dieser Stelle sei an das bekannte Diktum erinnert, das Ernst-Wolfgang Böckenförde im Blick auf den modernen Staat geprägt hat: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“; dies kann auch auf diese Auseinandersetzung analog übertragen werden. – Hier soll das von mir Gesagte mit diesen beiden Argumenten belegt werden; weitere könnten in bewussterem Nachdenken sicher gefunden werden.

Wage zu träumen VIII

Einsatz für das Leben

Mit welcher Intensität doch viele Wissenschaftler rund um den Erdball in den letzten Monaten daran gearbeitet haben, dass es möglichst rasch wirksame Medikamente und Impfungen gegen das Sars-CoV2 – Virus gibt. Deutlich ist sichtbar geworden, was eine „geeinte Menschheit“ zusammenbringt. Freilich bleiben viele Fragen offen, wie denn und ob denn nun die Impfstoffe weltweit gerecht verteilt werden[1], was deren Risken sind, wie die Impfbereitschaft der Bevölkerung ist etc. Einsatz für das Leben, das bedroht ist, wird deutlich.

Dieser Einsatz lohnt sich – und wäre wohl auch auf andere Aspekte des „Lebensschutzes“ auszuweiten, denn: keineswegs immer steht die Menschheit so vereint hinter dem menschlichen Leben. Es gibt – ich blicke hier nur auf Österreich – die nach wie vor klaffende Wunde der Abtreibung. Es gibt seit 11.12. aber auch das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes, die Strafe für Beihilfe zum Suizid aus dem Strafgesetzbuch der „Selbstbestimmung“ des Menschen entsprechend frei zu stellen. „Hüben“ wie „drüben“ wurde kommentiert, differenzierte und auch sachliche Zugehensweisen sind nicht immer deutlich[2]. In meiner ersten öffentlichen Stellungnahme meinte ich: „Das menschliche Leben ist schützenswert – von Anfang bis zum Ende. Diese grundlegende Botschaft unseres Glaubens und damit auch des Verständnisses vom Menschen und dem Miteinander in der Gesellschaft wird durch das Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes ausgehebelt. Der Dammbruch ist eingeleitet: menschliches Leben und damit auch Leiden, Behinderung und Sterben werden verhandelbar. Das schmerzt mich und wohl viele, die das Leben als Geschenk aus Gottes Hand betrachten, zutiefst.“[3]

Der Einsatz für das Leben lohnt sich – und das wäre wohl auch – wo wenn nicht bei uns (?) – auf die vielen Notsituationen auszuweiten, unter denen Menschen heute leiden. Die Liste ist lang, auch heute, wo nach wie vor COVID und die weltweite Pandemie beinahe unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Erst jüngst begab sich mein bischöflicher Bruder Hermann Glettler auf „Faktencheck“ auf die Insel Lesbos und meint danach: „Nicht mehr wegschauen!“[4] Afrika, Naher Osten, Arabische Halbinsel, Verfolgung und Not vieler Gläubiger aus allen möglichen Religionen[5] und der damit verbunden Schrecken aufgrund von Krieg und bewaffneten Auseinandersetzungen genauso wie Fragestellungen rund um Hunger sind nach wie vor auf der Tagesordnung der Welt von heute.

Ja: die Pandemie kann – wenn wir nur wollen – das Miteinander in der Gesellschaft vorantreiben, hier bei uns und weltweit. Papst Franziskus teilt schon lange diese großartige Vision einer weltweiten Geschwisterlichkeit, die es umzusetzen gilt.


[1] Vgl. hierzu etwa die Wortmeldung des päpstlichen Botschafters bei den Vereinten Nationen in Genf: Vatikan: Corona-Impfstoffe nicht „horten“ – Vatican News (https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-12/vatikan-erzbischof-jurkovic-corona-impfstoff-gemeinwohl-geht-vor.html)

[2] Vgl. etwa die Stellungnahme des Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz Erzbischof Franz Lackner: https://www.katholische-kirche-steiermark.at/portal/home/aktuellesneu/article/23265.html.
Vgl. die differenzierten Fragestellungen, die der evangelische Theologie und Medizin-Ethiker Ulrich Körtner zu bedenken gibt, in: „Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen“, Kleine Zeitung 13.12.2020, 10-11.
Vgl. auch die Stellungnahmen in den Leitartikeln in der Kleinen Zeitung: Hubert Patterer: Der offene Spalt, Kleine Zeitung 13.12.2020, 17; Carina Kerschbaumer: Die neue, letzte (Un)Freiheit, Kleine Zeitung 12.12.2020, 13.

[3] https://www.kathpress.at/goto/meldung/1966583/suizid-bischoefe-marketz-und-krautwaschl-kritisieren-vfgh-urteil

[4] https://www.dibk.at/Meldungen/Glettler-bei-Fluechtlingen-auf-Lesbos-Nicht-mehr-wegschauen!

[5] Vgl. hierzu die kurze Zusammenfassung in der Sonntagsbeilage der Kleinen Zeitung vom 13.12.2020, 22f.

Wage zu träumen VII

Wo ist Gott?

In verschiedenen Variationen ist mir diese Frage in den vergangenen Wochen und Monaten begegnet. Es gab da und dort auch ganz einfach klingende, gerade deswegen aber grundfalsche Antworten, etwa die, dass das mit dem Virus eine „Strafe Gottes“ sei – und man berief sich dabei wohl auch auf so manche Bibelstelle. Andere wiederum meinten im Horizont des Glaubens – ähnlich vereinfachend und damit unhaltbar – in der Pandemie, so es überhaupt eine sei, keinerlei Herausforderung sehen zu können, da dort wo Jesus sei niemand krank werden könne[1].

Ganz abgesehen davon, dass die Bibel in einer Welt-Sicht von vor 2.000 Jahren und mehr im Nahen Osten und damit der Mentalität dort geschrieben wurde und daher „ins Heute“ und damit auch ins sich als aufgeklärt gebende 21. Jahrhundert zu „übersetzen“ ist[2], gilt auch, dass neben anderen auch dieser ein herausragender Zug durch alle Schriften der Bibel ist: Gott ist einer, der da ist – von der Schöpfung bis zur Vollendung. Immer wieder ist er „aktiv“ bei seinem auserwählten Volk; in Jesus Christus, so glauben wir, ist er sogar einer von uns geworden, mit Haut und Haaren. Näher geht’s nicht. Er ist „mitten drin“ – bis ans Ende der Welt[3]. Und auch in der Nacht, in der Finsternis unseres Daseins und der Geschicke der Welt lässt er uns nicht allein: nicht beim Auszug aus Ägypten[4] und auch nicht im Elend und im persönlichen Leid, hat er doch auch dieses Schicksal auf sich genommen, als er den Tod am Kreuz auf sich nahm[5].

Ein solcher Gott ist unser Gott, von dem in der Bibel in aller Kürze sein Wesen als „Liebe“ umschrieben wird[6]. Mit anderen Worten: wir wissen uns als Jüngerinnen und Jünger Christi aufgefordert, IHN in genau diesen uns begegnenden Umständen zu suchen – und wir werden ihn entdecken in und bei den Leidenden, in und bei denen die überarbeitet sind in den Intensiv- und anderen Pflegestationen und -heimen, wir entdecken IHN in und bei den Fragen und Sorgen der Arbeitslosen, genauso wie in und bei denen, die nicht aus und ein wissen weil ihnen Zukunft und damit Hoffnung unter den Fingern zerrinnt. Wir können IHN dort suchen (und finden), weil ER eben als Mensch auch das Los der Dunkelheit geteilt hat, weil ER gearbeitet hat und andere geheilt hat etc. ER ist eben nicht fern, sondern nah – und dadurch wird es mir und uns ermöglicht, auch schwere Situationen und Herausforderungen, die sich mir in den Weg legen, meine Pläne durchkreuzen anzunehmen. Wir müssen alledem nicht aus dem Weg, sondern können uns als Glaubende dem allem stellen, den Tod nicht ausgenommen – im Wissen und Vertrauen, dass ER sogar „hinabgestiegen in das Reich des Todes“[7]. So wird die Pandemie auch eine Glaubens-Frage.


[1] In so manchen Zeilen und Briefen, mitunter auch belegt mit so manchen Untersuchungen, rund um die Frage der Austeilung der Eucharistie begegnete dieses Phänomen besonders.

[2] Aber auch heute wird nach wie vor um die eine Seite eines Geschehens besonders hervorzuheben die andere als „vernichtet“, als „falsch“ in allen möglichen und wohl auch unmöglichen Bildern geschildert.

[3] vgl. Mt 28,20.

[4] Ex 13,21: „Der HERR zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein.“

[5] Dieser Tod ist alles andere als vergleichbar mit dem „freiwilligen Tod“, der im Zuge des durch das Urteil des Verfassungsgerichtshofs am 11. Dezember 2020 in Österreich aufehobenen Straftatbestands der „Beihilfe zum Suizid“ als Argument da und dort vorgebracht wird. Jene, die das gegen die Meinung der Kirche und der Bischöfe gepostet haben, seien daran erinnert, dass Jesu aufgrund eines Todesurteils hingerichtet wurde.

[6] vgl. 1Joh 4,16b.

[7] Glaubensbekenntnis.

Wage zu träumen VI

Not sieht Not

Am 9.12.feierte meine Mutter ihren 90. Geburtstag. Angesichts der Pandemie ein alles andere als leichtes Unterfangen. Noch dazu, da sie positiv getestet worden war und daher erst am 7.12. nach symptomfreien Verlauf aus der „Isolierabteilung“ wieder in ihr angestammtes Zimmer im Pflegeheim verlegt werden konnte. Da reale Besuche derzeit alles andere als einfach zu gestalten sind, kam die Idee auf, ihr über das Radio zu gratulieren, das praktisch „rund um die Uhr“ auf ihrem Nachtkästchen eingeschaltet ist. So kam es, dass ich ihr über den Rundfunk gratulieren konnte. Sie hat mir danach gestanden, dass sie das nicht so mitbekommen habe, dass sie im Radio zu hören sei [lediglich die Pflegerin habe sie gebeten, den Radioapparat auszuschalten]. Interessant war für mich jedenfalls, dass sie am Ende des kurzen Einstiegs nach dem Wohlbefinden eines unserer steirischen Priester gefragt hat und dass ich ihm Grüße ausrichten solle … Im Nachklang dachte ich mir: „Not sieht Not“.

Wie gut doch diese Einstellung uns tun würde! Freilich: wir erleben derzeit eine Krise, die so manches an Üblichem in unseren Breiten „durcheinander wirbelt“. Hunderttausende Arbeitslose, eine schrumpfende Wirtschaft, Herausforderungen an die Kapazitäten unserer Spitäler, große Anforderungen ans Pflegepersonal in den Krankenhäusern, den Intensivstationen wie auch in den Pflegeheimen [mehr als 200 in der Steiermark!] usw. usf. Daher ist es nachvollziehbar, das eigene Hemd mehr zu beachten als den Rock. – Diese kleine Begebenheit mit meiner Mutter lehrt mich eines Besseren: nicht stehenbleiben bei dem, was mir persönlich Not bereitet [kein einziges Mal in den mehr als 14 Tagen auf der Isolierstation hat sie bei einem Telefonat mir gegenüber die Ungewissheit geäußert, was das wohl bedeuten könnte, wenn sie Symptome bekommen würde etc.], sondern den Blick weiten und auch die anderen sehen, die Not leiden.

Wie sehr wir doch von den Zahlen und Tabellen und Statistiken die uns COVID täglich ins Haus liefert fast erdrückt werden – ja: vor lauter Hinschauen-Müssen erfahren wir uns wohl mitunter nur mehr als solche, die wegschauen. Wen wundert’s, dass für andere Fragestellungen fast kein Platz da ist:

  • Syrien
  • Flüchtlinge und deren Situation im Süden und Südwesten Europas
    und viele Millionen, die aufgrund irgendwelcher Vorgänge und Vorkommnisse sich nicht anders zu helfen wissen, als sich auf den Weg zu machen
  • Äthiopien und der dortige Bürgerkrieg samt Heuschreckenplage
  • Jemen
  • Sturm und Wasser in Mittelamerika
  • Verfolgung, Vertreibung, Tod …

Hinzu kommen weitere Fragestellungen vor Ort bei uns, etwa

  • rund um den Lebensschutz
  • rund um die Wirtschaft
  • rund um die sozialen Fragestellungen (Pensionen, ….)
  • rund um Gesundheitskosten …

Bei alledem könnte einem bzw. einer – steirisch ausgedrückt – „schlecht werden“, auch kann die Frage hochkommen, wieso ich auf andere schauen soll wo doch auch ich in Krise bzw. Not und auf Hilfe angewiesen bin[1]; schließlich: was kann denn schon der „barmherzige Samariter“ oder auch das Beispiel des hl. Martin bewirken[2], wenn doch das „System“ sich ändern müsse …

Mir scheint es wichtig, nicht das eine gegen das andere auszuspielen, denn nur dann, wenn ich nicht bei mir selbst stehen bleibe, kann es gelingen, dass ein geschwisterlicher Lebensstil mehr und mehr Raum greift unter uns. Denn: „Not sieht Not!“


[1] Hamsterkäufe wie auch den „Notgroschen“, den man sich zurücklegt für „schwerere Zeiten“, können hier als ein Beispiel neben vielen benannt werden.

[2] vgl. etwa die „Außensicht“ von Prof. Kurt Remele: Die Lektion des halben Mantels, in: Kleine Zeitung, 11.11.2020, 8.

Wage zu träumen V

Träume einer „geschwisterlichen Zukunft“

In den letzten Monaten war immer wieder davon die Rede, die „Kirche“ sei „zu leise“, ihre „Stimme sei verstummt“ u.ä.m. – Ganz abgesehen davon, dass schon einmal die Rückfrage erlaubt sein müsste, was bzw. wer mit „Kirche“ gemeint ist, wenn ihr Schweigsamkeit vorgeworfen wird, so bleibt auch die andere Rückfrage erlaubt: „Wurde bislang gehört?“ –

Ich möchte als Beispiel dafür „schildern“, wie es wohl manchen Äußerungen erging und ergeht – ganz abgesehen davon, dass ich etwa während der beiden Lockdowns täglich in Worten der Predigt bei den Messfeiern[1], die in den diversen sozialen Medien übertragenen wurden[2], versucht habe, das, was uns widerfährt als „im Glauben lebbar“[3] deutlich werden zu lassen[4]. Wir haben uns in der Bischofskonferenz lange überlegt, wie und wann wir nicht bloß etwas „zum Durchtauchen“ dieser schwierigen und überaus herausfordernden, für so manche wohl auch überfordernden, Situation sagen sollen und kamen zum Entschluss, dass Pfingsten ein geeignetes Datum wäre. Wir meinten, dass angesichts all der unmittelbar im Vordergrund stehenden Notwendigkeiten ein „zu frühes“ Wort zum „Leben nach der Krise“ nicht wahrgenommen werde, mussten aber feststellen, dass unser gemeinsames „Hirtenwort“ – zwar ein wenig „lang“ – „für eine geistvoll erneuerte Normalität“[5] wohl auch nur wenig rezipiert wurde. Mitunter, so mein Verdacht, auch von solchen, die jetzt meinen, dass wir zu leise seien. So stelle ich mir die Frage: „Wie sollen wir lauter reden, als wenn wir gemeinsam ein Wort hinein in diese schwierige Zeit sagen?“ Auch wenn sich die Zeiten der Pandemie seit damals verschärft haben – schauen wir doch nur auf die täglich hohen Infektionszahlen, die nach wie vor um einiges höher sind als sie je zu Beginn der Pandemie und damit auch des 1. Lockdowns im Frühjahr 2020 waren: Ich glaube, mit all den Fragen, die wir uns in diesem Hirtenwort an die Öffentlichkeit wenden – eine Weitergabe, auch als Dank, für politische Verantwortungsträger war für mich ohnedies selbstverständlich[6], liegen wir nach wie vor, mitten drin in der „2. Welle“, mit vielen unserer Fragestellungen goldrichtig, es gilt wohl „nur“, die Umfeldvariablen, die wir damals im Blick hatten, neu zu benennen. Werden diese jetzt schon gehört?


[1] Übrigens: ich habe immer in einer – wenn auch kleinen – Gemeinschaft gefeiert während dieser Zeit, nie allein. Wahrnehmungen, die da und dort geäußert wurden, mitunter aus der Sicherheit theologischen Nachdenkens, stimmen zumindest für mich nicht.

[2] So etwa sind alle Predigten des 1. Lockdowns auf der diözesanen Homepage veröffentlicht worden; während des 2. Lockdowns habe ich die „Variante“ gewählt, zu den ohnedies auch täglich auf der Homepage veröffentlichten täglichen kurzen Schriftbetrachtungen „Eine Minute für das (eine) Leben“ eine etwas längere Auslegung während der Feier der Messe zu gestalten.

[3] Schließlich sei noch auf so manche persönliche wie auch „verlinkte“ Meinung verwiesen, die ich sowohl während des 1. Lockdowns (http://www.krautwaschl.info/category/covid19) wie auch während des 2. Lockdowns (http://www.krautwaschl.info/category/lockdown)  auch täglich auf meinem blog weiterzugeben versucht habe.

[4] Wenn ich es recht sehe, dürften die vielen Worte der Bischöfe während der beiden Lockdowns an die Gläubigen in ihren Diözesen – auf unterschiedliche Art und Weise veröffentlicht – ähnlich weitgehend ungehört in den veröffentlichten Meinungen geblieben sein …

[5] https://www.bischofskonferenz.at/dl/NkKNJmoJKknMJqx4KJKJKJKLoKNO/Hirtenwort_Bischoefe_Pfingsten2020.pdf

[6] Unser Hirtenwort war wohl auch der „Background“, auf dem sich in der Steiermark Anfang Oktober auf Initiative unseres diözesanen Fonds für Arbeit und Bildung Spitzenvertreter aus Politik, Interessensvertretungen und Kirche auf Schloss Seggau getroffen haben, um ein wenig einzutauchen in den gerade jetzt notwendigen gesellschaftlichen Dialog.

Wage zu träumen IV

Bevor ich selbst so manche Gedanken was denn die Krise der Pandemie für uns sein und bedeuten könnte, mache möchte ich auf einige meines Erachtens lesenswerte Dinge in diesen Tagen hinweisen, die „im Hintergrund“ meiner Überlegungen stehen.

Zu Pfingsten 2020 haben wir österreichischen Bischöfe in einem Hirtenwort „Für eine geistvoll erneuerte Normalität“ manche Fragen in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen versucht, die nach dem 1. Lockdown in Österreich unseres Erachtens notwendiger Weise gestellt werden müssten, sodass gemeinsam nach Lösungen gerungen werden könne. Meines Erachtens haben die Gedanken von damals auch heute noch ihre – große – Berechtigung, da sie keinerlei Lösungen, erst recht keine einfachen, anbieten.

Wage zu träumen – III

Bevor ich selbst so manche Gedanken was denn die Krise der Pandemie für uns sein und bedeuten könnte, mache möchte ich auf einige meines Erachtens lesenswerte Dinge in diesen Tagen hinweisen, die „im Hintergrund“ meiner Überlegungen stehen.

Im Herbst dieses Jahres hat unser Papst eine neue Enzyklika herausgegeben: „Fratelli tutti“ – „Alle Geschwister“ , in der er nicht müde wird, uns die Vision einer geschwisterlichen Welt vor Augen zu stellen, die mehr denn je in diesen unseren Zeiten angesichts der vielen Fragestellungen unserer Welt nötig ist.

Vor einigen Tagen hat dazu der Vatikan eine eigene Homepage freigeschaltet, die mit verschiedensten Gedanken – leider nur englisch oder italienisch – einlädt, sich der „großen Erzählung“, die uns Papst Franziskus für die Zukunft unseres gemeinsamen Hauses gibt, intensiv zu widmen.