Alle Beiträge von Wilhelm Krautwaschl

Armut

Auf dem Flug von Delhi nach Kochi gestern – in dieser heute begonnenen Woche besucht unsere steirische Gruppe im Bundesstaat Kerala die Diözese von Matthew Arackel Kanjirapalli – habe ich in einer indischen Zeitung vom “Paradox der indischen Armut” gelesen. In den vergangenen Tagen haben wir uns im Nordosten – in den Bundesstasten Bihar und Jharkand – durch das, was wir gesehen haben, auch mit dieser Erfahrung konfrontiert gesehen. Und tatsächlich fragten wir uns: wir hören zwar immer und wieder vom aufstrebenden Staat, von Wachstumsraten und Zunahmen am BIP und wie die verschiedenen Indices auch heißen mögen, machen aber auch die Entdeckung, ob das wirklich “bei den Menschen ankommt”. Gleichzeitig: Es habe sich viel in den vergangenen Jahren zum Positiven verändert meinte eine aus unserer Reisegruppe, die sich schon seit längerem mit den Entwicklungen am indischen Subkontinent beschäftigt – und das mit einem rasanten Tempo. Dies kann ich, der ich zum ersten Mal hier bin, nicht sagen, da ich ja keine Vergleichsmöglichkeit habe – ich glaube es einfach und sah mich in Gedanken auf der Fahrt zum Flughafen in Ranchi plötzlich einem Bild in den Straßen von Masan gegenüber, das sich eingeprägt hat: die dortige Kathedrale steht in einer alles andere als “reichen Straße”, aber unmittelbar hinter den einfachsten Läden und Häuschen erheben sich modernste Hochhäuser, die einen Kontrast deutlich machen, der sich – auf gut steirisch gesagt – “g’waschen” hat. Wieder jemand anderer aus unserer Gruppe hat seine eigenen Erfahrungen aus seiner Kindheit erzählt: hier sei so manches ihm bekannt vorgekommen, er selbst stammt aus einem dem früher so genannten Osteuropa angehörenden Land. –
Es gibt wohl keine Antworten auf die Frage, aber einen Weg zu leben: zu lieben – und dazu ist jede und jeder von uns aufgerufen.

Die Liebe, caritas, wird uns schon deswegen immer abverlangt werden, weil wir, wenn wir von der Einzigartigkeit jedes Menschen sprechen, ernst machen damit, dass wir unterschiedlich sind. Nur weil wir nicht gleich sind, können wir lieben. Und zur Liebe fühle ich mich hier in Indien auf -zigfache Weise herausgefordert. Am Freitag Abend saßen wir mit den Seminaristen des Priesterseminars von Ranchi zusammen – etwa 180 aus ca. 35 Diözesen, fast 95% von ihnen stammen von den “tribals” ab wie uns der Rektor mitteilte. Sie erzählten uns von ihren “ministries”, die sie unter anderem in den Slums von Ranchi leben: sie lernen mit Kindern, denen der Schulbesuch alles andere als schmackhaft gemacht wird, sie proben mit ihnen Theaterstücke und führen diese auf, sie laden sie immer wieder ein um mit ihnen auf dem Campus des Seminars zu spielen und Freude zu haben, sie musizieren mit ihnen usw. Die Seminaristen sprachen unter anderem davon, dass sie mit dieser Arbeit sich “anders”, wenn nicht gar “intensiver” – wer kann dies schon bewerten? – auf ihre Berufung vorbereiten, als Priester in dieser Kirche zu wirken. Denn sie machen damit ernst, dass das Reich Gottes nicht erst kommt, sondern in Christus schon mitten in der Welt angebrochen ist. Wir dürfen uns daher “aufgefordert” wissen, dies wirklich bis in die letzten Phasern unseres Mensch- und Christseins ernst zu nehmen. Ja: Es gilt, in allem, was uns begegnet, damit zu rechnen. Denn – dieses Sprichwort sei hier in Indien bekannt: “Wenn ein Gast kommt, kommt Gott.” Gut, dass diese jungen Männer hier buchstäblich vor ihrer Haustür auf diese Möglichkeit stoßen, “an die {existentiellen] Peripherien zu gehen”, um von dort aus – um einen Gedanken unseres Papstes aufzugreifen – alles mit einem neuen Blick zu sehen, also auch “unser gemeinsames Haus Erde” und die Kirche in ihr.

Gerade auf diesem Hintergrund ist es alles andere als “Nebensache” für Christen, sich zu engagieren und zur Weltverbesserung beizutragen [gerade hier in Indien wird auch deutlich, wie sehr sich das Klima wandelt: nicht selten sind wir in den vergangenen Tagen über große Brücken und beinahe leere Flussbette darunter gefahren, weil hier im Nordosten die Regenzeit alles andere als ausgiebig war] – auch wenn das, was wir in der Welt leisten, nach menschlichem Ermessen die Frage hochkommen lässt: “Was ist das für so viele”? Es ist schlicht Ernstfall des Glaubens, weil es Ernstfall des Lebens und damit der Menschen ist. Wir können nicht anders, als das, was uns möglich ist, zu geben. Mitunter wird dies als nicht dem “Kern des Christseins” angehörend abgetan. Meines Erachtens ist eine solche Einstellung schlicht und einfach falsch. Mitunter verlangen ja dieselben “Kritiker”, dass sich die Kirche ja nicht auf die Sakristeien zurückziehen soll. Wie sie es also macht: es ist für manche sicher falsch … Da aber immer und überall Menschen glauben, ist Glaube immer auch mit Leben verbunden – schließlich ist ja der Sohn Gottes nicht nur in Synagogen zu finden gewesen, er hat geheilt, er hat zu essen gegeben usw. Mehr noch: “Er, der wie Gott war”, ist einer von uns Menschen geworden, also ein “ganz anderer” geworden, an die Peripherien gegangen! Dies zu leben ist “politisch”, weil es der “Stadt” [“polis” heißt “Stadt”] und damit dem “Ganzen” dient und alles andere als “partei – politisch” ist. Letzteres nimmt – wie es der Begriff allein schon deutlich macht [“Partei” kommt ja von “pars”, also “Teil”] – eben nur einzelne Teil-Aspekte gewissen Interesses in den Blick. Kirche kann und darf nicht schweigen, wenn es darum geht, das Wohl der Menschen im Ganzen in Erinnerung zu rufen – wie dies genau umzusetzen ist in einer Gesellschaft, in der es eben nicht nur Christen gibt, ist den Verantwortungsträgern in unserer Gesellschaft und in den Gemeinwesen auf den verschiedenen Ebenen anvertraut. Sie bieten zwar aus ihrer persönlichen Sicht- und Zugehensweise Lösungen an, diese dann aber eben eigentlich nicht nur mehr für ihr Klientel, ihren Teil also, sondern für das Ganze. In diesem Sinn sind sie dann eben nicht bloß “Parteigänger”. Deswegen irritiert es mich auch schon seit längerem – in so manchen Predigten der vergangenen Jahre habe ich es immer wieder erwähnt – dass etwa von den “Gutmenschen” geredet wird, dass “Asyl” diskreditiert wird, dass zu helfen mehr und mehr scheel und als unvernünftig betrachtet wird, dass es scheinbar schick wird, sich auf Kosten anderer zu profilieren, dass es oft eher heißt “ich und meine Interessen” zuerst – auch auf Gemeinwesen wird dies ja schon angewendet – und damit durch Worte und Taten, virtuell und real, manches aufgerissen wird und nicht verbunden wie in einem Feldlazarett. Wenn ich diesen Begriff eben verwendet habe, dann soll damit auch deutlich werden, dass ich mich selbst und damit auch Vorgänge in der Kirche keineswegs ausnehme. Aber eben: “nur die Liebe zählt”!

In einem Dorf …

Ich sei der erste Bischof aus einem anderen Land in ihrem Dorf gewesen hat sich Sr. Gemma in einem Dorf nahe Hazaribag von mir verabschiedet. Das habe den Menschen hier, die einem gewissen Stamm angehören und in ihren Lehmhäusern nach der Regenzeit wieder alles ausgebessert und blitzblank gemacht haben , sehr viel Freude bereitet. Sie seien ganz aufgeregt gewesen: “Was, der schläft in unserem Dorf?” und ähnliches mehr habe sie gehört.

Ich muss mich selbst immer wieder neu einfinden in der Wirklichkeit, dass ich Bischof bin und man einem solchen eben nicht “tagtäglich” begegnet. Aber – wie sagt schon der hl. Augustinus: “Mit euch bin ich Christ, für euch Bischof” oder eben auch: “Mit euch bin ich Mensch …”. Auf der von vielen Erfahrungen reichen Reise auf dem indischen Subkontinent konnte ich mich als Mensch und als Bischof “neu” entdecken. Indien ist eben nicht von “den” Indern bewohnt, sondern mit einer langen Geschichte behaftet – und da gibt es eben auch die “tribals” in einfachsten Dörfern – auf der Fahrt nach Bodgaya sind wir bewusst eine Straße entlanggefahren, auf der die verschiedenen Typen an “villages” sichtbar und belebt waren – und unwillkürlich sah ich mich wieder in Uganda und in Tansania, mit dem Unterschied, dass wir hier meist asphaltierte Straßen entlanggefahren sind und die Dörfer um einiges bequemer zu erreichen waren. Da hat sich also was getan in Indien. Ich habe mir erst meine Bilder, die unwillkürlich vorhanden sind, angesichts des kurzen geschichtlichen Abrisses des Werdens der heutigen Nation zurechtrücken müssen, um den Menschen hier entsprechend und recht zu begegnen. Ich durfte als “Mensch” einige Herausforderungen gleichsam jeweils einen Tag lang erspüren, denen sich die Millionen hier stellen müssen – in Indien sind ja 1% der Bevölkerung etwa 13.000.000 (!) Personen [weit mehr als ganz Österreich Einwohner hat]. Gerade das wird ja auch an der Zahl der Motor- und Fahrräder sowie Rikshas sowie Autos deutlich, die sich laut hupend und eigentlich links fahrend irgendwie ihren Weg bahnen. Und dazwischen gibt es dann teilweise “weite” Landstriche in denen es ruhig, wirklich ruhig ist. Ich konnte vielen Frauen und Männern in die Augen schauen, Kindern begegnen, ihr Lachen wahrnehmen, musste aber mitunter auch das fehlende hoffnungsgeschwängerte Glitzern in den Augen vermissen. Ich konnte dankbar das wahrnehmen, was Kinder und auch Erwachsene in der Dreikönigsaktion auf ihren mitunter schweren Wegen für andere zuwege bringen, bin den vielen dankbar die mit Fastensuppen und Kirchensammlungen sowie anderen Initiativen bei uns zu Hause den “Familienfasttag der Katholischen Frauenbewegung” unterstützen, durfte erfahren, was an Missio gespendete Euro bewirken und weiß nunmehr erneut wieder, was wir – wenn wir teilen – an Gutem bewirken. All das habe ich als “Mensch unter Menschen” erfahren.

Und zugleich wusste ich mich schon in der ersten Woche meiner 14-tägigen Indien-Reise auch in meinem bischöflichen Dienst gestärkt, der ja in der Nachfolge der Apostel einer ist, das Evangelium “bis an die Ränder der Erde zu bringen”. Ich konnte sehen, was bewirkt wird und kann dies in mein eigenes Denken und die Erfahrung der Ortskirche, der ich diene, einbringen. Frischluft – oder sollte ich nicht besser sagen – “Geist” wird mir und denen aufs Neue eingehaucht, die sich mit mir auf den Weg gemacht haben. Denn: damit wird das Eigene, das uns in der Steiermark unverwechselbar ausmacht, aufs Neue gestärkt und vertieft angegangen, weil wir eben auch als “alte Ortskirche” mit 800 Jahren auf dem Buckel wohl uns eingestehen dürfen, mitunter auf die Tatkraft und Agilität derer angewiesen zu sein, die unsere kirchlichen Enkel genannt werden könnten, wie zugleich diese froh sein können darüber, dass wir ihnen mit unserem Erfahrungsschatz an Positivem und bei weiten nicht so Vollkommenen zur Seite stehen …

Wie ein Geschenk

Heute morgen habe ich in der “Lesehore”, dem Meditationsgottesdienst des Stundenbuches der Kirche diesen Abschnitt aus der Pastoralenzyklika des Zweiten Vatikanischen Konzils “Gaudium et spes” betrachtet (Nr. 88):
“Zum Aufbau einer internationalen Ordnung, in der die rechtmäßigen Freiheiten aller wirklich geachtet werden und wahre Brüderlichkeit bei allen herrscht, sollen die Christen gern und von Herzen mitarbeiten, und das um so mehr, als der größere Teil der Welt noch unter solcher Not leidet, dass Christus selbst in den Armen mit lauter Stimme seine Jünger zur Liebe aufruft. Das Ärgernis soll vermieden werden, dass einige Nationen, deren Bürger in überwältigender Mehrheit den Ehrennamen “Christen” tragen, Güter in Fülle besitzen, während andere nicht genug zum Leben haben und von Hunger, Krankheit und Elend aller Art gepeinigt werden. Denn der Geist der Armut und Liebe ist Ruhm und Zeugnis der Kirche Christi.
Lob und Unterstützung verdienen jene Christen, vor allem jene jungen Menschen, die freiwillig anderen Menschen und Völkern ihre persönliche Hilfe zur Verfügung stellen. Es ist jedoch Sache des ganzen Volkes Gottes, wobei die Bischöfe mit Wort und Beispiel vorangehen müssen, die Nöte unserer Zeit nach Kräften zu lindern, und zwar nach alter Tradition der Kirche nicht nur aus dem Überfluss, sondern auch von der Substanz.
Das Sammeln und Verteilen von Mitteln muss, zwar ohne starre und einförmige Organisation, jedoch ordnungsgemäß, in den Diözesen, den Ländern und in der ganzen Welt durchgeführt werden, und das in Zusammenarbeit der Katholiken mit den übrigen Christen, wo immer es angebracht erscheint. Denn der Geist der Liebe verbietet durchaus nicht die wohlüberlegte und organisierte Durchführung einer sozialen und caritativen Aktion, sondern fordert sie sogar. Darum ist es auch notwendig, dass diejenigen, die sich dem Dienst in Entwicklungsländern widmen wollen, in geeigneten Instituten ausgebildet werden.”

Mir scheint: in diesen Tagen erlebe ich hautnah vieles von dem, was hier beschrieben ist, als Realität von Kirche. Als Realität einer Kirche, die wirklich bereit ist “an die Ränder” zu gehen, wie es Papst Franziskus immer wieder formuliert – und die daher auch so manches riskiert, sich selbst nämlich auch. Das ist für jemanden, der in einer “alten” Kirche groß geworden ist, ein großes Geschenk – und ich möchte daher auch meine jährlichen Reisen in Länder, mit denen wir über unsere zahlreichen kirchlichen Hilfswerke verbunden sind, nicht missen. Sie tun auch deswegen gut, weil sie mir versichern, dass auch einer “alten Kirche” neuer Geist einzuhauchen ist. Es braucht nur den Willen dazu und die innere Einstellung – eben eine Art “Bekehrung”, eine Art “Hinkehr” zu den wirklichen Quellen des Evangeliums, die mitunter verschüttet scheinen – gerade auch wenn wir etwa auf die Zahl der Berufungen in ein geistliches Amt oder in den Lebensstil der Evangelischen Räte denken. Dies aber fängt mit einem “neuen Blick” an auf die Menschen und die Situationen, in denen wir leben. Das, was war und bisher getragen und bis hierher gebracht ist keineswegs schlecht, aber es gilt, der Gefahr zu wehren, hinter alledem nicht mehr den Ruf Jesu in die Bekehrung, weil das Reich Gottes nahe ist, zu hören …
Bei der Begegnung mit dem auch schon von seinem Alter gezeichneten vor kurzem emeritierten Kardinal Toppo am Rande der immer größer werdenden Hauptstadt Ranchi wurde von einer Mitreisenden daran erinnert, was er angeblich im Vorkonklave unter anderem über die Situation der indischen Kirche gesagt habe. Er als erster indigener Kardinal und damit ein bedeutsames Zeichen für einen Großteil dieser Stämme meinte dort u.a. in etwa: “Wenn es uns in Indien nicht gelingt, deutlich zu machen, dass Menschen unterschiedlicher Religion miteinander in Frieden leben, wird es uns nirgendwo auf der Welt gelingen”. Ein bedenkenswerter Satz, der im Heute von Indien noch einmal Bedeutung gewinnt. Und der auch deutlich macht, dass wir als Kirche dort “echt” und damit auch “recht” sind, wo wir uns hinein “verlieren” mit dem, was uns ausmacht, in die Herausforderungen dieser unserer Welt – denn: “Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich …” (vgl. Phil 2,5-11). Ich habe bei mir täglich neu mit dieser Bekehrung zu beginnen!

“Das Himmelreich verkünden …”

Um das geht es. So jedenfalls hat mir eine Schwester der “medical mission sisters” geantwortet, als wir in in einem Lehmhaus bei offenem Feuer mit einer Gruppe von Engagierten zusammensaßen – viele davon Ureinwohner des kleinen Dorfes in Nordosten Indiens im Staat Jharkand. Hier hat Sr. Gemma, die diese Gesundheitsstation vor einigen Jahrzehnten gegründet hat, ihre Berufung gleichsam neu entdeckt: hatte sie vorher in einem gut ausgerüsteten Krankenhaus ihrer Kongregation gearbeitet, wurde sie mit den Schwestern ihrer Ordensgemeinschaft durch das Zweite Vatikanische an ihr ursprüngliches Charisma erinnert, “an den Rand” zu gehen, um jenen zu helfen, die keine Hilfe erhalten können. Mittlerweile werden hier – unterstützt durch die Aktion “Familienfasttag” und die “Dreikönigsaktion” – 3 solcher Gesundheitsstationen unterhalten, an die interessanter Weise immer auch eine Art “Abendschule” angeschlossen ist, die mittlerweile an insgesamt 15 Orten nahe der Stadt Hazaribag betrieben werden – inmitten eines großen Kohlebergbaugebietes mit den damit zusammenhängenden Fragestellungen. Gesundheit und Bildung: wiederum finde ich auf einer meiner Reisen in die Welt dieselben Sendungsaufträge Jesu Christi verwirklicht.
Einige Tage zuvor sind wir spätabends im Staat Patna dem “Vize-Bezirkshauptmann” begegnet: ein engagierter Christ, der es wirklich aus der untersten Schicht durch Bildung “ganz nach oben” gebracht hat: Auch er benannte “Bildung” als die “Waffe” gegen Ausbeutung, Armut und viel Übel in Indien und der Welt. Und er meinte, dass bei allem, was in Indien aufbricht – immer wieder hören wir ja von den “wirtschaftlichen Erfolgen” und Fortschritten dieses “Kontinents” mit derzeit rund 1,3 Milliarden Menschen – eben auch die Erfahrungen vor Ort notwendig sind: Schulen, die funktionieren – und hier sind die katholischen Privatschulen und Internate mehr als herzeigbar. Wer nämlich nicht Englisch kann, vereinfacht gesagt, ist eigentlich “ausgeschlossen”. Wenn ich mir dann vorstelle, dass ein Gutteil eine solche Ausbildung nicht genießen kann, wird mir hunderte Kilometer weiter deutlich, wie wichtig dann eben Medikamentenverabreichungen mit Zeichnungen sind, damit die Menschen ihre Tabletten in der richtigen Dosierung zum richtigen Zeitpunkt einnehmen: eine der hier arbeitenden Krankenschwestern hat sich mit Hilfe der von Sr. Gemma aufgebauten Gesundheitsstation samt “Schule” bis hierher gearbeitet.
Was ist also unser Sendungsauftrag? Ich entdecke in solchen Weltgegenden immer wieder, dass unsere im “reichen” und “alten” Europa oft und oft geführte Debatte zwischen “Mission” und “Entwicklungshilfe” eigentlich Haarspalterei ist: dort wo Menschen Leben ermöglicht wird, wird der Auftrag unseres Herrn erfüllt. Dort wächst auch Kirche, anders vielleicht als wir es uns – mitunter auch noch mit einem alten verkappten “Missions-“Begriff vorstellen -, weil das Kommen des Reiches Gottes erfahrbar ist und wird. Deutlich wird mir das bei Sr. Rose, die als “sister of charity of Nazareth” vor Jahrzehnten begonnen hat, behinderte und oftmals von Kinderlähmung geplagte Kinder zu unterrichten: seit durch staatliche Impfmaßnahmen diese Krankheit beinahe ausgerottet ist, kamen immer mehr Mädchen in die Internatsschule nahe Biharsharif, denen es an anderem mangelte. Im Gespräch erzählte uns eine junge Dame, dass sie hier – praktisch von zu Hause “weggegeben” – ihre eigentliche Heimat und Familie gefunden und mit ihrer Hilfe nunmehr hier auch Lehrerin sein kann, nachdem sie vor einiger Zeit die Lehrerausbildung weit weg abgeschlossen hat. Es ist einer Oase zu vergleichen das, was Sr. Rose hier aufgebaut hat: hier wird Hoffnung handgreiflich – und damit zugleich die Frage nach dem hochgehalten, was uns antreibt. Die junge, christliche, Lehrerin wäre wohl die erste, die unter Umständen den Weg in den Orden aus dieser Initiative findet … Ich habe hier den Verdacht in Gedanken gehabt, dass wir angesichts unserer Erfahrung von Kirche, die eine eher nach “unten” gerichtete ist, dann auch noch versucht sind, das Evangelium zu verkürzen und nur mehr die Zahlen der Katholikenstatistik im Kopf zu haben …
Gott sei Dank also gibt es Dreikönigsaktion, Familienfasttag, “Sei so frei”, Welthaus, missio, Partnerdiözesen und die vielen anderen Organisationen, damit wir gesättigten und mit einer langen Geschichte “belasteten” Europäer wirkliche Hoffnung und Zukunft vielen schenken, die in der Geschichte auch durch Menschen aus Europa geknechtet wurden. Wir tun eigentlich nur unsere Schuldigkeit, wenn wir auch jene als “Nächste” sehen und dem entsprechend leben, die weit weg von uns im gemeinsamen Haus der Erde leben. Denn: Klimawandel und anderes mehr, etwa kriegerische Auseinandersetzungen, treiben Menschen an, ihre geliebte Heimat zu verlassen. Wir können uns nicht einfach hinwegsetzen über das, was sich weltweit ereignet: wir müssen gemeinsam vorangehen und unserer christlichen Berufung entsprechen, Wege zu suchen, die in einer immer komplexer werdenden Welt es möglichst vielen – eigentlich allen – Zukunft ermöglicht. Denn: “Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet allen Geschöpfen das Evangelium!” ist die Aufforderung des Auferstandenen am Ende des Markus-Evangeliums.