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Leiden, Tod, Kreuz

Mitten im Leben dieser heiligen Stadt Jerusalem, die derzeit von vielen Pilgern und Touristen bevölkert wird, begegnen mir immer wieder aufs Neue und wie von selbst die Stationen des Lebensweges Jesu, der hier in seiner Passion dem Höhepunkt zustrebte: Kreuz, Grab, Auferstehung oder eben Karfreitag, Karsamstag und Ostermorgen. Hier also angreifbar die “Quelle”, aus der unser Glauben strömt. Und die die Jahrhunderte herauf in unterschiedlichsten Denominationen mittlerweile viele hunderte Millionen Christen in der Nachfolge Jesu prägt. Tief beeindruckt gehe ich immer wieder die “via dolorosa”, die Straße des Kreuzwegs entlang, die zu einem Gutteil heute mitten durch das pralle Leben des Basars in Jerusalem führt.

Ein Gedanke, der mich in diesen Tagen innerlich bewegt, ist der: “Hat ER all das, wie wir uns als Christen, wie wir uns als Katholiken derzeit in der Welt gebärden gewollt?” – “Keineswegs”, kommt mir, der ich sofort das Hohepriesterliche Gebet im Kopf habe, das er auf dem Weg hinunter zum Ölberg nach Johannes vor seinen Jüngern gebetet hat. Dort hat er ihm unter anderem anvertraut: “Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.” (Joh 17,20-21). “Damit die Welt glaubt” braucht es also die Einheit der Christen. “Damit die Welt glaubt” braucht es daher auch die Einheit der Katholiken. Um beides scheint es mitunter derzeit alles andere als gut bestellt zu sein – gerade deswegen werde ich in einigen Tagen auch mit Vertretern von “pro Oriente” hier vor Ort die Lage der Christen besprechen und aufs neue Wege nach dem gemeinsamen Bekenntnis suchen, das die Welt bitter nötig hat, um uns glauben zu können. Unsere Solidarität denen zu bezeugen, die hier im Land leben und die die heiligen Stätten betreuen, ist ein Schritt, der den Weg um den Jesus vor seinem Leiden eindringlich gebeten hat, deutlich macht.

Freilich: auch die Auseinandersetzungen in unserer Kirche, die oft medial stattfinden, “lassen mich nicht kalt”, gerade hier. Was für ein Bild wir doch mitunter abgeben – auf verschiedenen Ebenen, unter Amtsträgern, in Gemeinden und Pfarren, … Niemand und nichts wird “verschont” von mitunter bösartiger Kritik. Dennoch geben sich jene, die so schreiben, sprechen, handeln christustreu … Da wird von einer Seite auf die andere/n los gegangen und dem jeweiligen Gegenüber mehr oder weniger an Glauben abgesprochen – mitunter gekleidet in frommen Worthülsen. Hier – die via dolorosa entlang, hinauf nach Golgotha und am Kreuz möchte ich all dies “aus-halten”, damit jene, die den Namen Christi tragen, im Kleinen wie im Großen aufeinander zugehen, sich mehr und mehr wirklich an IHM, seiner Klarheit, seinem Leben, seinem Lieben, seiner Barmherzigkeit orientieren und nicht der Versuchung verfallen, von sich selbst zu meinen, Erlöser zu sein oder Erlöser “spielen” zu müssen. Die Welt braucht unser gemeinsames Zeugnis – gerade jetzt! Die Welt sehnt sich nach Einheit!

anstehen

Die Heiligen Stätten hier in Israel werden in diesen Tagen von vielen Menschen besucht: Touristen und Pilger sind daher oft zum “Anstehen” gezwungen. Mit mehr oder weniger Un-Geduld erfolgt dies. Es gibt aber auch ein anderes Anstehen – und dies wurde mir heute erneut im Garten Gethsemani deutlich: Jesus ist angestanden, er wusste nicht weiter. Er hat seine Aussichtslosigkeit aber in die Hände Gottes gelegt – weil er ahnte, dass er verraten wird und sein irdischer Lebensweg sich zu Ende neigt: nach dem Gründonnerstag sein persönlicher Karfreitag, Leiden, Kreuz, Tod – und damit irdisches Ende. Alles aber schon am Abend zuvor unter Blutstropfen Gott in die Hand gelegt …

Als ich heute die Kirche der Nationen dort im Garten betreten habe – mit etwa 150 Hörerinnen und Hörern von Radio Steiermark – habe ich diese eingeladen, solche Situationen, die wohl allen bekannt und alles andere als fremd sind, hier an den Steinen des Abhangs des Ölbergs Gott anzuvertrauen: in Jesus nämlich ist uns das Vorbild schlechthin hierfür geschenkt. Dabei erwähnte ich eine Situation meiner persönlichen Ratlosigkeit, meines Anstehens, meines einfach nicht weiter Könnens und Wissens, die viele derzeit in der Heimat bewegt und hunderte heute in Schladming zu einer Mahnwache zusammen gebracht hat: die Situation um den Lehrling im Diakonissenkrankenhaus, der vor einigen Tagen als Taufbewerber in Schubhaft genommen und unter Umständen nach Afghanistan abgeschoben werden wird, ein Land, das er noch nie in seinem Leben gesehen hat, war der doch auch aus dem Iran zu uns geflohen. “Machtlosigkeit und Ohnmacht hat wo, wenn nicht hier Platz” dachte ich mir und habe das Schicksal dieses jungen Herrn dem hingelegt, der hier in Angst förmlich versank, aber in Gott zugleich Hoffnung hatte. – Das, was ich hier tun kann, tue ich – und dazu habe ich auch all jene eingeladen, die mit mir auf dieser Reise sind, denn: Gethsemani ist nicht nur “gestern” bzw. irgendwann, sondern vielfach im Leben von Menschen zu finden.

Gott ist treu: sichtbar in seinen Gaben

In der Pfarre Wald am Schoberpaß wurde heute Erntedank gefeiert. Hierfür hatte ich diese Predigt vorbereitet:

  1. Es ist faszinierend, am heutigen Erntedanksonntag in Ihrer Pfarre von der Sorge Gottes zu hören. Auch wenn die Sprache zwar nicht leicht zu verstehen ist, die Melodie ist erkennbar: Gott kümmert sich um uns, er geht uns nach, er lässt sein Volk nicht los – trotz allem, was es treibt und trotz all der widrigen Umstände, in die es sich selber hineintreibt, sodass er sogar seinen eingeborenen Sohn aus Liebe zu den Menschen in die Welt sendet.
  2. Wenn wir in die Geschichte blicken: Sein, Gottes, Volk hat die Jahrhunderte herauf wirklich viel aufgeführt – und auch heute sind wir durch verschiedene Vorkommnisse immer wieder krisenhaft geschüttelt. Auch wenn es keine Entschuldigung ist: schon die Kirchenväter hatten für die Spannung, in der Kirche lebt, ein unglaubliches Bild, wenn sie von der Kirche als der “keuschen Hure” sprachen (“casta meretrix”), denn Heiligkeit und Sünde, Bekenntnis und Verleugnung, Gelingen und Scheitern liegen nahe beieinander – im Ganzen der Kirche wie auch bei jedem/jeder einzelnen. Unseren Glauben zu leben bedeutet aber auch: wir sind aufgerufen und berufen, uns selbst je neu auf das eigentliche Ziel hin zu orientieren, den liebenden Vater, der uns trotz allem entgegenkommt.
  3. Gottes Sorge und Liebe ist so groß, dass ihm jede/r viel Freude macht, der trotz allem (!) und allen anderen (!) den Weg mit Ihm geht und sich von Ihm in das Leben tragen lässt. Dieses Bild zählt, auch wenn es im kirchlichen Leben mitunter gar nicht mal so einfach ist, dies umzusetzen. Gottes Sorge gilt jeder/jedem von uns – und gerade deswegen beginnen wir die Konkretionen in unserem Zukunftsbild mit Leitätzen, die genau das uns als Wegmarkierung für die kommende Zeit in Erinnerung rufen: “Wir gehen vom Leben der Menschen aus” – “Wir alle sind unterwegs auf der Suche nach Gott” und “gerade im Umgang mit den Armen und Bedrängten jeder Art” kommt Gott uns im Heute entgegen und lädt uns ein, das Evangelium neu zu entdecken. Das dürfen wir glauben und ernst nehmen. Das hat aber auch maßgebliche Konsequenzen: Trotz allem, was wir treiben und was daneben geht und als Sünde benannt werden muss, gilt es, die Liebe Gottes zu mir bis ins Letzte an- und ernst zu nehmen.
  4. Wenn wir heute dankbar auf all das uns Geschenkte zurückschauen, wird deutlich: Gott hält sein Versprechen. Gott geht mit uns. Gott ist einer, der uns nahe ist und bleibt. Diese Grund-Tatsache unseres Glaubens wollen wir in der Begegnung mit den reichen Schätzen unseres Glaubens in den kommenden Jahren vertiefen: in der Auseinandersetzung mit biblischen Schriften, den Sakramenten als der unverbrüchlichen Zusage Seiner Liebe und Treue und des gesamten kirchlichen Lebens wollen und werden wir “die Melodie Gottes” für das Heute unserer Tage neu ent-decken.  Solche Menschen, solche Christen braucht auch unsere Gesellschaft. Das Phänomen “Religion” ist ja weit tiefer in den Menschen verankert als manche glauben, ist es doch auch wahrzunehmen, dass an die Stelle des Glaubens an Gott oft etwas ganz Anderes tritt …
    Das, was “Seelsorgeraum” heißt, soll uns auf diesem geistlichen Weg Hilfe und Unterstützung bieten, damit wir als Kirche von Graz-Seckau mehr und mehr im 21. Jahrhundert ankommen und unseren Platz inmitten einer pluralen Gesellschaft, mitten in den Herausforderungen einer immer komplexer werdenden Umgebung einnehmen, um IHN, den Auferstandenen als Orientierung, als Ziel anzubieten. Dies wird uns gelingen, wenn wir tatsächlich als Einzelne, als Pfarren, als Gruppen und Gemeinschaften, als Orden in Seiner Liebe zusammenkommen, um IHM Raum zu geben mitten unter uns. “Vergelt’s Gott!” und “Bitte” für all Ihre Bemühungen darum und darin!

Folgende Schriftlesungen wurden bei der Messfeier verkündet:
1. Lesung: Ex 32,7–11.13–14
Evangelium: Lk 15,1–32