Gott ist treu: sichtbar in seinen Gaben

In der Pfarre Wald am Schoberpaß wurde heute Erntedank gefeiert. Hierfür hatte ich diese Predigt vorbereitet:

  1. Es ist faszinierend, am heutigen Erntedanksonntag in Ihrer Pfarre von der Sorge Gottes zu hören. Auch wenn die Sprache zwar nicht leicht zu verstehen ist, die Melodie ist erkennbar: Gott kümmert sich um uns, er geht uns nach, er lässt sein Volk nicht los – trotz allem, was es treibt und trotz all der widrigen Umstände, in die es sich selber hineintreibt, sodass er sogar seinen eingeborenen Sohn aus Liebe zu den Menschen in die Welt sendet.
  2. Wenn wir in die Geschichte blicken: Sein, Gottes, Volk hat die Jahrhunderte herauf wirklich viel aufgeführt – und auch heute sind wir durch verschiedene Vorkommnisse immer wieder krisenhaft geschüttelt. Auch wenn es keine Entschuldigung ist: schon die Kirchenväter hatten für die Spannung, in der Kirche lebt, ein unglaubliches Bild, wenn sie von der Kirche als der “keuschen Hure” sprachen (“casta meretrix”), denn Heiligkeit und Sünde, Bekenntnis und Verleugnung, Gelingen und Scheitern liegen nahe beieinander – im Ganzen der Kirche wie auch bei jedem/jeder einzelnen. Unseren Glauben zu leben bedeutet aber auch: wir sind aufgerufen und berufen, uns selbst je neu auf das eigentliche Ziel hin zu orientieren, den liebenden Vater, der uns trotz allem entgegenkommt.
  3. Gottes Sorge und Liebe ist so groß, dass ihm jede/r viel Freude macht, der trotz allem (!) und allen anderen (!) den Weg mit Ihm geht und sich von Ihm in das Leben tragen lässt. Dieses Bild zählt, auch wenn es im kirchlichen Leben mitunter gar nicht mal so einfach ist, dies umzusetzen. Gottes Sorge gilt jeder/jedem von uns – und gerade deswegen beginnen wir die Konkretionen in unserem Zukunftsbild mit Leitätzen, die genau das uns als Wegmarkierung für die kommende Zeit in Erinnerung rufen: “Wir gehen vom Leben der Menschen aus” – “Wir alle sind unterwegs auf der Suche nach Gott” und “gerade im Umgang mit den Armen und Bedrängten jeder Art” kommt Gott uns im Heute entgegen und lädt uns ein, das Evangelium neu zu entdecken. Das dürfen wir glauben und ernst nehmen. Das hat aber auch maßgebliche Konsequenzen: Trotz allem, was wir treiben und was daneben geht und als Sünde benannt werden muss, gilt es, die Liebe Gottes zu mir bis ins Letzte an- und ernst zu nehmen.
  4. Wenn wir heute dankbar auf all das uns Geschenkte zurückschauen, wird deutlich: Gott hält sein Versprechen. Gott geht mit uns. Gott ist einer, der uns nahe ist und bleibt. Diese Grund-Tatsache unseres Glaubens wollen wir in der Begegnung mit den reichen Schätzen unseres Glaubens in den kommenden Jahren vertiefen: in der Auseinandersetzung mit biblischen Schriften, den Sakramenten als der unverbrüchlichen Zusage Seiner Liebe und Treue und des gesamten kirchlichen Lebens wollen und werden wir “die Melodie Gottes” für das Heute unserer Tage neu ent-decken.  Solche Menschen, solche Christen braucht auch unsere Gesellschaft. Das Phänomen “Religion” ist ja weit tiefer in den Menschen verankert als manche glauben, ist es doch auch wahrzunehmen, dass an die Stelle des Glaubens an Gott oft etwas ganz Anderes tritt …
    Das, was “Seelsorgeraum” heißt, soll uns auf diesem geistlichen Weg Hilfe und Unterstützung bieten, damit wir als Kirche von Graz-Seckau mehr und mehr im 21. Jahrhundert ankommen und unseren Platz inmitten einer pluralen Gesellschaft, mitten in den Herausforderungen einer immer komplexer werdenden Umgebung einnehmen, um IHN, den Auferstandenen als Orientierung, als Ziel anzubieten. Dies wird uns gelingen, wenn wir tatsächlich als Einzelne, als Pfarren, als Gruppen und Gemeinschaften, als Orden in Seiner Liebe zusammenkommen, um IHM Raum zu geben mitten unter uns. “Vergelt’s Gott!” und “Bitte” für all Ihre Bemühungen darum und darin!

Folgende Schriftlesungen wurden bei der Messfeier verkündet:
1. Lesung: Ex 32,7–11.13–14
Evangelium: Lk 15,1–32

WIR sind Kirche

Vor einigen Tagen begegnete mir in der geistlichen Lektüre eine Überlegung, die m.E. sehr wertvoll – und not-wendend für die Kirche heute – ist.

Der Ausgangspunkt ist klar: Wenn ich von mir sage, ich sei als Mensch Gottes Kind, Sein Ebenbild, dann geht es nicht an, diese Zusage den anderen zu verweigern. In den Bereich der geistlichen Erfahrung übertragen: es gibt eben nicht nur meinen ganz speziellen Weg zu Gott (vgl. Benedikt XVI.: es gibt so viele Wege zu Gott wie es Menschen gibt), sondern ich habe dies auch für jede und jeden um mich anzuerkennen. Es geht also nicht an, Gott “einzusperren” auf den Weg, den ich gehe, Gottes Liebe “nur” auf mich zu beziehen. Wenn ER die Liebe ist, dann ist ER sie für alle.

Ich glaube wahrzunehmen, dass es den Anschein hat, dass manche   aber eher meinen, nur “Gott in sich” zu lieben, “Gott auf meinem Weg”, den ich gehe, anzuerkennen: Selbstbezogenheit in der Liebe macht auch vor Christen nicht Halt. – Nebenbemerkung: ‘s ist schon interessant, wie sehr wir uns “aufregen”, wenn “in der Welt” nur das Eigene in den Vordergrund gerückt wird … Die “Zelle” der Begegnung mit Gott ist also nicht nur in mir und bei mir, sondern in allen Brüdern und Schwestern zu finden.

Dies wirklich ernst zu nehmen, würde endlich (!) auch Kirche ernst nehmen: Kommunikation zwischen IHM in mir und IHM in dir …

Der Gekreuzigte – Weg der Ökumene

“[D]er Einsatz für die Ökumene kann wohl nur in dem Maß fruchtbar sein, als wir im gekreuzigten und verlassenen Jesus, der sich ganz in die Hände des Vaters gibt, den Schlüssel erkennen, um jede Uneinheit zu verstehen und die Einheit wiederherzustellen. Für eine erfolgreiche Ökumene braucht es Menschen, die sich von ihm, dem gekreuzigten und verlassenen Jesus, ergreifen lassen und ihm nicht ausweichen.”

Chiara Lubich: Auch als Kirchen die gegenseitige Liebe praktizieren, in: dies.: Wo Einheit wächst. Spirituelle Impulse für die Ökumene, München: Neue Stadt 2017, 92-94, hier: 94.

In der Einheit “neu” er- und entstehen

“Es ist nicht so, dass die eine oder andere Kirche untergehen muss, wie manchmal befürchtet wird. Es ist vielmehr so, dass jede in der Einheit neu erstehen soll. In voller Gemeinschaft in dieser einen Kirche zu leben, wird etwas Großartiges sein, faszinierend wie ein Wunder, das die Aufmerksamkeit und das Interesse der ganzen Welt auf sich lenkt.”

Chiara Lubich: Auch als Kirchen die gegenseitige Liebe praktizieren, in: dies.: Wo Einheit wächst. Spirituelle Impulse für die Ökumene, München: Neue Stadt 2017, 92-94, hier: 93f.

gegenseitige Liebe

Das, was für einzelne gilt, Jesu Gebot der gegenseitigen Liebe (Joh 13,34) gilt es auch unter Gruppen und Gemeinschaften zu verwirklichen. – Daher bringt dies auch den ökumenischen Weg der Kirchen zueinander weiter:

“Es geht […] um die Liebe zu den anderen Kirchen, um die gegenseitige Liebe unter den Kirchen, eine Liebe, die dazu führt, dass jede Kirche Geschenk für die anderen wird. In der Kirche der Zukunft ist die Wahrheit eine einzige, sie drückt sich aber auf verschiedene Weise aus, kann unter verschiedenen Blickwinkeln erschlossen werden und bringt in einer Vielfalt von Deutungen ihren ganzen Reichtum ans Licht.”

Chiara Lubich: Auch als Kirchen die gegenseitige Liebe praktizieren, in: dies.: Wo Einheit wächst. Spirituelle Impulse für die Ökumene, München: Neue Stadt 2017, 92-94, hier: 93.