“Wie weit ist es?” – afrikanische Erfahrungen im Umgang mit Zeit und Raum

Wenn man hier fragt, wie weit es denn sei bis wir an dem Ort angekommen sind, zu dem wir wollen, ist die Antwort keine Zahlenangabe in Kilometern, sondern eine Zeitangabe, die dann obendrein meist zu  kurz gegriffen ist. Als wir mit fr. Paul zu seiner Mutter aufbrachen, stand in unserem Programm: 15:00 Uhr Abfahrt, 19:30 nach der Heimkehr Abendessen. Tatsächlich fuhren wir um 15:30 ab und kamen bei seiner Mutter im Osten, nahe der Grenze zu Kenia knapp vor Sonnenuntergang gegen 18:30 an. Aus dem Abendessen wurde nichts … Auch als wir – gut mehr als 1 Stunde “offroad” – zur Krankenstation Iteragwe unterwegs waren, war eigentlich eine Fahrt von 2 Stunden angesagt, 3 sind’s geworden und unser – europäischer – Zeitplan kam reichlich durcheinander.

Zwei Aspekte wurden mir dabei deutlich: Zum einen versucht die Zeitangabe die Unterschiedlichkeit der Straßenverhältnisse ernst zu nehmen – wobei bei nicht geteerten Straßen von Fahrzeugen mit Allradantrieb ausgegangen wird, denn oft ist – bis auf die Durchzugsstraßen – nach der Stadtausfahrt “Schluss mit Asphalt”. Ein interessanter Zugang zur Wirklichkeit: Zeit ist wichtig. Und dann genügt oft schon ein Augenblick, um einander Würde erfahren zu lassen, so etwa als wir buchstäblich auf der Durchreise noch schnell das neue Wasserprojekt der KMB – “Sei so frei-“Aktion in Mzinge anschauen, das eigentlich tags zuvor für einige Stunden auf dem Programm stand. fr. Emile war sichtlich stolz, dass der Bischof von Graz – auch aufgrund von persönlicher Bekanntschaft mit Bischof Johann Weber und so manchem Pfarrer in der Steiermark – persönlich vorbeikam um sich vom Fortschritt der Brunnengrabung zu überzeugen.
Zum anderen wird damit auch auf eine bestimmte Art und Weise das deutlich, was im Sprichwort “Die Europäer haben die Uhr, die Afrikaner die Zeit” zum Ausdruck gebracht wird. fr. Paul hat insgesamt 10 “Jobs” und hatte dennoch 5 Tage lang eigentlich “nur” Zeit für uns. Die Beanspruchungen sind freilich andere als bei uns – und dennoch: den Augenblick zu leben als das Einzige an Zeit, das ich wirklich in der Hand habe, wird deutlich vorgelebt – und damit auch eine Lebenswirklichkeit, die uns vielleicht schon abhandengekommen zu sein scheint (?): Vertrauen darauf, dass es Einen gibt, der als einziger wirklich “Herr der Zeit” ist. Auch wenn wir so durch Dörfer gefahren sind: alles andere als Hektik – außer jener Betriebsamkeit, die sich einfach deswegen ergeben hat, weil ein Bischof aus dem fernen Europa sie persönlich besuchen gekommen ist und daher das Beste aufgeboten werden musste. Natürlich stecken da auch wohl ganz andere Fragestellungen und Problematiken wie etwa die der Arbeitslosigkeit und der demographischen Entwicklung dahinter. Doch die ganze Aufmerksamkeit für das Jetzt zu investieren sollte auch ich mir in meinem Dienst mehr und mehr “hinter die Ohren” schreiben. Es gilt eben, auf Afrika nicht “gönnerisch” und “europäisch” zu schauen, sondern mit afrikanischen Augen.

Schließlich noch ein abschließendes Wort, das mir in diesem Zusammenhang kommt: es gilt mit dem zu arbeiten, zu handeln und zu wirtschaften, das da ist. Manches an dem, was wir – etwa an Gesundheitseinrichtungen – besucht haben – ist jenseits dessen angesiedelt, was wir in Europa Menschen zumuten würden. Und dennoch: das, was da ist, wird eingesetzt – es wird nicht auf die hier (noch) nicht möglichen Therapien geschaut und dieser Zustand bejammert, sondern mit Hausverstand, mit dem, was uns möglich ist, das Beste gemacht. Und auch wenn es in der “dispensary station” weit abseits jeden üblichen Verkehrswegs nur 1 Antibiotikum gibt – es reicht wohl für vieles, das “an der Welt Ende” an Krankheiten auftritt. Und es mutet gerade angesichts dieser Erfahrung seltsam an: kurz haben wir mal im (Internet-)Radio unsere heimischen Nachrichten gehört, in denen eine neue Behandlungsmethode für Krebs mit Gentherapie vorgestellt wurde – wir waren gerade auf dem Weg, mitten in Afrika, wo es vielfach an den für uns grundlegenden medizinischen Therapien fehlt. Die Schere zwischen Nord und Süd und damit auch die vielfach belastete Geschichte, auch der Kolonialzeit, die durch so manche Lebensart – auch hier in Afrika – nach wie vor nicht überwunden zu sein scheint, blitzten in dieser Erfahrung kurz mal auf.