Kirchenentwicklung

In unserer römisch-katholischen Kirche tut sich viel.
Hier ist im blog-Form einiges zusammen getragen, was mir so begegnet.

Schluss-"Reflexion" einer Indienreise

Auf beinahe 1.000 m Seehöhe liegt Peermade. Hier braucht es keine Klimaanlagen, es braucht auch kein Moskitonetz wie unten im Tal. Das ist nur ein Kennzeichen davon, dass es hier in Kerala anders ist als im Nordosten Indiens. Hier sind es etwa 30% Christen, unter ihnen die (katholische) syro-malabarische Kirche als stärkste Gruppe. Wenn ich hier - an diesem Ort - jetzt versuche, meine Eindrücke der vergangenen fast 2 Wochen einzufangen, dann will es mir eigentlich nicht gelingen, so unterschiedlich sind die Erfahrungen.

Dennoch - und damit beginne ich einfach das, was mir gerade in den Sinn kommt, einzufangen und beabsichtige keinesfalls eine komplette Wahrnehmung abzugeben: die Tatsache, dass hier die Zahl etwa der Pfarrangehörigen nicht in Personen, sondern in "Familien" angegeben wird, ist beiden Erfahrungen gleich - und hat wohl auch eine tiefere Bedeutung. Vielleicht, dass es in der Kirche eben um das Miteinander geht und nicht nur - so sehr wichtig jedes Kind Gottes auch einzeln ist - um jeden Einzelnen. Damit wird aber auch zum Ausdruck gebracht, dass für das "Glauben-teilen" diese Einheit von Bedeutung ist. Natürlich: es gibt die "Sonntagsschule", bei der alle von 5 - 17 nach der Messe teilnehmen, in der es auch Prüfungen usw. gibt; ja, es gibt katechetische Unterweisungen und damit eine Einführung ins gemeindliche Leben. Doch wir haben auch überall gehört, dass die Familiengruppen, die sich wöchentlich treffen, der pastorale Schwerpunkt sind: hier wird in der Bibel gemeinsam gelesen, darüber ausgetauscht und gebetet. Das gibt Stärkung - und, so etwa der Pfarrer von Kumily, die Aufgabe besteht dann eher darin, die beinahe 60 Familiengruppen mit zwischen 10-12 Familienangehörigen (die Pfarre hat ca. 700 Familien) zu organisieren. Für die Leitung der Gruppen werden diözesane Kurse angeboten etc.

Kirchlich gleich ist überdies, dass Bildungsarbeit ganz groß geschrieben wird: denn Armut wird am nachhaltigsten durch gute (Aus-)Bildung "bekämpft" [durch Bildungsmaßnahmen etwa für Frauen hat seinerzeit schon M. Arackal, der heutige Bischof von Kanjirapalli, die Geburtenzahl eingeschränkt, weil sie eben damit auch sich selbst und ihren Körper kennengelernt haben]. Und deswegen investiert Kirche in Schulen und andere Bildungseinrichtungen, auch wenn deren Finanzierung eine große Belastung ist. Kein Wunder also, dass viele Priester schon während ihrer Ausbildung oder auch danach ein zweites Studium "jenseits" von Theologie abgeschlossen haben, vielfach in Zusammenhang mit sozialen Fragestellungen oder auch Wirtschaft. Ja: Kirche hilft den Menschen im Leben voranzukommen. Selbst die NGOs der Diözese Kajirapalli haben sich als Leitmotiv biblische Worte gegeben, damit sie als nonprofit Organisationen bis hinauf in die "Chefetage" immer um die rechte Ausrichtung wissen.

Gemeinsam ist kirchlichen Erfahrungen wohl auch das beständige Suchen nach dem Willen Gottes im Hier und Jetzt. Bei einem der vielen Gespräche meinte ich einmal launisch, dass unsere Mentalität es mitunter von uns "verlangen würde", wenn eine Idee am Horizont auftaucht, diese mal bis ins Letzte, das abschätzbar ist, durchzudenken und zu planen um danach abzuwägen, ob sie umgesetzt wird. Hier ist beständiges Suchen angelangt: ob es Sr. Rose mit ihrer Schule ist, die ursprünglich für von Polio betroffene Schülerinnen gegründet wurde und nach deren praktischen Ausrottung in Indien in eine weiterentwickelt und verändert wurde, in der Mädchen aus den tribals - andere "Randgruppen" also - Ausbildung ermöglicht wird; oder ob es der damalige Pfarrer Mathew war, der sich in die Baumhäuser seiner Pfarre begab um mitzuleben und mit den tribals hier dann sich überlegte, was sie für ihre gedeihliche Entwicklung nötig haben. Schließlich ist daraus die "Peermade development society" geworden mit derzeit 18 verschiedenen Departments, die über den Weg des engagierten und professionellen wirtschaftlichen Engagements -zig tausenden Familien auf dem Weg der Entwicklung hilft. Auf diesem Weg geschieht Evangelisierung: Leben des Evangeliums unter den eben vorfindbaren Umständen. Allein die "spices"-Fabrik hat einen Umsatz, der knapp 40% unseres Diözesanbudgets beträgt, wenn ich es recht in Erinnerung habe ...

Was ich auch "spannend" und gemeinsam vorfinde: Kirche lebt ihren Sendungsauftrag und versteht sich von dorther - auch wenn die Formen, dies umzusetzen, vielfältige sind, haben wir doch im Norden eine "andere" Art als in Kerala wahrgenommen, wie Priester gesehen werden. Irgendwie kommt mir da immer Papst Franziskus in Erinnerung, der davon spricht, dass wir mehr und mehr an die (existentiellen) Peripherien zu gehen haben, weil wir dort - am Rand - auch das, was Zentrum heißt anders sehen und verstehen: "Kirche" wird anders wahr- und angenommen. Auch diese Erfahrung nehme ich mir mit nach Hause. Diese ist, so meine ich, ganz schwer einer erfahrungsgeschwängerten "Großkirche" einzupflanzen, die - um wiederum unseren Papst in Erinnerung zu rufen - sich davon mehr als herausgefordert weiß, weil sie bedroht ist, mit sich selbst und ihrem Erhalt sich zufrieden zu geben - selbstreferentiell.

Und schließlich noch eine Ähnlichkeit: pfarrliche Arbeit wird vielfach von weiblichen Ordensgemeinschaften begleitet. Wir waren, wenn ich es recht sehe, in keiner Pfarre, in der es nicht zumindest eine Ordensniederlassung gegeben hat. Sie sind einfach nicht wegzudenken aus der pastoralen Arbeit, auch wenn die Art und Weise Kirche zu leben ob der Diaspora-Situation im Nordosten und der "ganz anderen" im Südwesten sehr unterschiedlich sind.

Alles in allem bin ich hier erneut auf eine Kirche gestoßen, die deutlich macht: wir sind mit den Menschen unterwegs, so unterschiedlich die Voraussetzungen auch sein mögen - wie es sich etwa allein schon in der Kleidung der Priester gezeigt hat. Das Evangelium, Jesus Christus, lädt uns in unserer Situation ein, den Weg der Nachfolge zu gehen - und darin nicht nachzulassen. Ideenreichtum ist hierbei gefragt und - was natürlich auch v.a. im Norden die junge Geschichte der Kirche anlangt - Offenheit für Neues. Es wird so manches versucht und, wenn es nicht gelingt, auch wieder fallen gelassen. Dass hierbei auch das geschwisterliche Zusammenstehen der Jüngerinnen und Jünger Christi weltweit sinnvoll und notwendig ist, versteht sich von selbst. Auf einem "Landstrich", der eben von 1,3 Mrd. Menschen bevölkert ist, ist dies darüber hinaus auch notwendig, denn nicht in alle entfernt gelegenen Dörfer und Gegenden dringt alles an Verbesserung sofort durch. Ja: ich habe Hoffnung und Auftrag aus Indien mitgenommen.


Indien ≠ Indien

Es ist einfach so: jeder hat so seine Vorstellungen, mit denen er jemandem begegnet. Ähnlich ist das mit Ländern. Etwa: "In Indien leben die Inder." Dass es hier mehrere Stämme gibt, dass es hier -zig Sprachen gibt, dass es hier unterschiedlichste Religionen gibt usw. usf. ist schwer in das einzupacken, was wir so an Vor-Stellungen mit uns herumtragen. Begegnung hilft. Und: Begegnung wirkt. - Ich erlebe das in diesen Tagen selbst: vom Nordosten ging es in den Südwesten, von einer Gegend, in der es "Spurenelemente" katholischen Lebens gibt, mitten hinein nach Kerala, in eine Situation in der ca. 30% [Thomas-]Christen leben. Von so manchen Fragen und Schwierigkeiten hinein in eine Gegend, in der anlässlich einer großen Wallfahrt der Hindus diese in einem Ort nahe Kanjirapalli diese zunächst mal an einer Mosche Halt machen um dort vor ihrem Weiterziehen zu beten, in der bei der großen Sebastiani-Prozession hin zur Kathedrale der syro-malabarischen Katholiken mit etwa 40.000 Teilnehmern am Eingang zum Viertel, in dem mehrheitlich Muslime wohnen diese um den Segen der Katholiken bitten, ehe diese durch dieses auf ihrem Weg weiterziehen.

Und damit werden so manche Vor-Urteile über den Haufen geworfen. Und Neu-Orientierung ist angesagt. Auch im Hinblick auf die allgemeine Bewertung dessen, was wir üblicherweise mit dem G20-Mitglied und "Tigerstaat" verbinden: aufstrebende Wirtschaft, mehr Wohlstand usw. usf. Ja. Und zugleich gibt es nach wie vor Armut. Ja. Und zugleich sind nach wie vor in manchen Gegenden viele ausgeschlossen von dem, was Prosperität genannt wird. Als Bischof Mathew Arackal in Peermade als Pfarrer für 4 christliche Familien begonnen hat, hat er noch eine Zeitlang mit "tribals" auf Baumhäusern gelebt. Nach mehr als 20 Jahren und der Gründung der "Peermade development society" mit ihren mittlerweile 18 verschiedenen Initiativen, die als NGO sich verpflichtet, das erwirtschaftete Geld zu 85% in Entwicklung zu stecken [für nötige Investitionen darf max. 50% davon verwendet werden] "profitieren" davon ca. 42.000 Familien - egal welcher Religion, egal welcher Herkunft. "Wir sind da um das Evangelium zu verkünden - und ich habe damit halt einfach begonnen, indem ich mit ihnen das Leben geteilt habe" meint der mittlerweile fast 74jähringe mittlerweile seit 18 Jahren Bischof seiende Mar Mathew. Ja: es geht was weiter in Indien. Und: es ist alles ein wenig komplexer als man vordergründig annimmt, ist doch auch Indien etwas großer und vielfältiger als wir üblicher Weise denken ...

Ach ja: wer glaubt, dass ich mit diesen Gedanken ganz Indien getroffen habe, irrt.


Armut

Auf dem Flug von Delhi nach Kochi gestern - in dieser heute begonnenen Woche besucht unsere steirische Gruppe im Bundesstaat Kerala die Diözese von Matthew Arackel Kanjirapalli - habe ich in einer indischen Zeitung vom "Paradox der indischen Armut" gelesen. In den vergangenen Tagen haben wir uns im Nordosten - in den Bundesstasten Bihar und Jharkand - durch das, was wir gesehen haben, auch mit dieser Erfahrung konfrontiert gesehen. Und tatsächlich fragten wir uns: wir hören zwar immer und wieder vom aufstrebenden Staat, von Wachstumsraten und Zunahmen am BIP und wie die verschiedenen Indices auch heißen mögen, machen aber auch die Entdeckung, ob das wirklich "bei den Menschen ankommt". Gleichzeitig: Es habe sich viel in den vergangenen Jahren zum Positiven verändert meinte eine aus unserer Reisegruppe, die sich schon seit längerem mit den Entwicklungen am indischen Subkontinent beschäftigt - und das mit einem rasanten Tempo. Dies kann ich, der ich zum ersten Mal hier bin, nicht sagen, da ich ja keine Vergleichsmöglichkeit habe - ich glaube es einfach und sah mich in Gedanken auf der Fahrt zum Flughafen in Ranchi plötzlich einem Bild in den Straßen von Masan gegenüber, das sich eingeprägt hat: die dortige Kathedrale steht in einer alles andere als "reichen Straße", aber unmittelbar hinter den einfachsten Läden und Häuschen erheben sich modernste Hochhäuser, die einen Kontrast deutlich machen, der sich - auf gut steirisch gesagt - "g'waschen" hat. Wieder jemand anderer aus unserer Gruppe hat seine eigenen Erfahrungen aus seiner Kindheit erzählt: hier sei so manches ihm bekannt vorgekommen, er selbst stammt aus einem dem früher so genannten Osteuropa angehörenden Land. -
Es gibt wohl keine Antworten auf die Frage, aber einen Weg zu leben: zu lieben - und dazu ist jede und jeder von uns aufgerufen.

Die Liebe, caritas, wird uns schon deswegen immer abverlangt werden, weil wir, wenn wir von der Einzigartigkeit jedes Menschen sprechen, ernst machen damit, dass wir unterschiedlich sind. Nur weil wir nicht gleich sind, können wir lieben. Und zur Liebe fühle ich mich hier in Indien auf -zigfache Weise herausgefordert. Am Freitag Abend saßen wir mit den Seminaristen des Priesterseminars von Ranchi zusammen - etwa 180 aus ca. 35 Diözesen, fast 95% von ihnen stammen von den "tribals" ab wie uns der Rektor mitteilte. Sie erzählten uns von ihren "ministries", die sie unter anderem in den Slums von Ranchi leben: sie lernen mit Kindern, denen der Schulbesuch alles andere als schmackhaft gemacht wird, sie proben mit ihnen Theaterstücke und führen diese auf, sie laden sie immer wieder ein um mit ihnen auf dem Campus des Seminars zu spielen und Freude zu haben, sie musizieren mit ihnen usw. Die Seminaristen sprachen unter anderem davon, dass sie mit dieser Arbeit sich "anders", wenn nicht gar "intensiver" - wer kann dies schon bewerten? - auf ihre Berufung vorbereiten, als Priester in dieser Kirche zu wirken. Denn sie machen damit ernst, dass das Reich Gottes nicht erst kommt, sondern in Christus schon mitten in der Welt angebrochen ist. Wir dürfen uns daher "aufgefordert" wissen, dies wirklich bis in die letzten Phasern unseres Mensch- und Christseins ernst zu nehmen. Ja: Es gilt, in allem, was uns begegnet, damit zu rechnen. Denn - dieses Sprichwort sei hier in Indien bekannt: "Wenn ein Gast kommt, kommt Gott." Gut, dass diese jungen Männer hier buchstäblich vor ihrer Haustür auf diese Möglichkeit stoßen, "an die {existentiellen] Peripherien zu gehen", um von dort aus - um einen Gedanken unseres Papstes aufzugreifen - alles mit einem neuen Blick zu sehen, also auch "unser gemeinsames Haus Erde" und die Kirche in ihr.

Gerade auf diesem Hintergrund ist es alles andere als "Nebensache" für Christen, sich zu engagieren und zur Weltverbesserung beizutragen [gerade hier in Indien wird auch deutlich, wie sehr sich das Klima wandelt: nicht selten sind wir in den vergangenen Tagen über große Brücken und beinahe leere Flussbette darunter gefahren, weil hier im Nordosten die Regenzeit alles andere als ausgiebig war] - auch wenn das, was wir in der Welt leisten, nach menschlichem Ermessen die Frage hochkommen lässt: "Was ist das für so viele"? Es ist schlicht Ernstfall des Glaubens, weil es Ernstfall des Lebens und damit der Menschen ist. Wir können nicht anders, als das, was uns möglich ist, zu geben. Mitunter wird dies als nicht dem "Kern des Christseins" angehörend abgetan. Meines Erachtens ist eine solche Einstellung schlicht und einfach falsch. Mitunter verlangen ja dieselben "Kritiker", dass sich die Kirche ja nicht auf die Sakristeien zurückziehen soll. Wie sie es also macht: es ist für manche sicher falsch ... Da aber immer und überall Menschen glauben, ist Glaube immer auch mit Leben verbunden - schließlich ist ja der Sohn Gottes nicht nur in Synagogen zu finden gewesen, er hat geheilt, er hat zu essen gegeben usw. Mehr noch: "Er, der wie Gott war", ist einer von uns Menschen geworden, also ein "ganz anderer" geworden, an die Peripherien gegangen! Dies zu leben ist "politisch", weil es der "Stadt" ["polis" heißt "Stadt"] und damit dem "Ganzen" dient und alles andere als "partei - politisch" ist. Letzteres nimmt - wie es der Begriff allein schon deutlich macht ["Partei" kommt ja von "pars", also "Teil"] - eben nur einzelne Teil-Aspekte gewissen Interesses in den Blick. Kirche kann und darf nicht schweigen, wenn es darum geht, das Wohl der Menschen im Ganzen in Erinnerung zu rufen - wie dies genau umzusetzen ist in einer Gesellschaft, in der es eben nicht nur Christen gibt, ist den Verantwortungsträgern in unserer Gesellschaft und in den Gemeinwesen auf den verschiedenen Ebenen anvertraut. Sie bieten zwar aus ihrer persönlichen Sicht- und Zugehensweise Lösungen an, diese dann aber eben eigentlich nicht nur mehr für ihr Klientel, ihren Teil also, sondern für das Ganze. In diesem Sinn sind sie dann eben nicht bloß "Parteigänger". Deswegen irritiert es mich auch schon seit längerem - in so manchen Predigten der vergangenen Jahre habe ich es immer wieder erwähnt - dass etwa von den "Gutmenschen" geredet wird, dass "Asyl" diskreditiert wird, dass zu helfen mehr und mehr scheel und als unvernünftig betrachtet wird, dass es scheinbar schick wird, sich auf Kosten anderer zu profilieren, dass es oft eher heißt "ich und meine Interessen" zuerst - auch auf Gemeinwesen wird dies ja schon angewendet - und damit durch Worte und Taten, virtuell und real, manches aufgerissen wird und nicht verbunden wie in einem Feldlazarett. Wenn ich diesen Begriff eben verwendet habe, dann soll damit auch deutlich werden, dass ich mich selbst und damit auch Vorgänge in der Kirche keineswegs ausnehme. Aber eben: "nur die Liebe zählt"!


In einem Dorf ...

Ich sei der erste Bischof aus einem anderen Land in ihrem Dorf gewesen hat sich Sr. Gemma in einem Dorf nahe Hazaribag von mir verabschiedet. Das habe den Menschen hier, die einem gewissen Stamm angehören und in ihren Lehmhäusern nach der Regenzeit wieder alles ausgebessert und blitzblank gemacht haben , sehr viel Freude bereitet. Sie seien ganz aufgeregt gewesen: "Was, der schläft in unserem Dorf?" und ähnliches mehr habe sie gehört.

Ich muss mich selbst immer wieder neu einfinden in der Wirklichkeit, dass ich Bischof bin und man einem solchen eben nicht "tagtäglich" begegnet. Aber - wie sagt schon der hl. Augustinus: "Mit euch bin ich Christ, für euch Bischof" oder eben auch: "Mit euch bin ich Mensch ...". Auf der von vielen Erfahrungen reichen Reise auf dem indischen Subkontinent konnte ich mich als Mensch und als Bischof "neu" entdecken. Indien ist eben nicht von "den" Indern bewohnt, sondern mit einer langen Geschichte behaftet - und da gibt es eben auch die "tribals" in einfachsten Dörfern - auf der Fahrt nach Bodgaya sind wir bewusst eine Straße entlanggefahren, auf der die verschiedenen Typen an "villages" sichtbar und belebt waren - und unwillkürlich sah ich mich wieder in Uganda und in Tansania, mit dem Unterschied, dass wir hier meist asphaltierte Straßen entlanggefahren sind und die Dörfer um einiges bequemer zu erreichen waren. Da hat sich also was getan in Indien. Ich habe mir erst meine Bilder, die unwillkürlich vorhanden sind, angesichts des kurzen geschichtlichen Abrisses des Werdens der heutigen Nation zurechtrücken müssen, um den Menschen hier entsprechend und recht zu begegnen. Ich durfte als "Mensch" einige Herausforderungen gleichsam jeweils einen Tag lang erspüren, denen sich die Millionen hier stellen müssen - in Indien sind ja 1% der Bevölkerung etwa 13.000.000 (!) Personen [weit mehr als ganz Österreich Einwohner hat]. Gerade das wird ja auch an der Zahl der Motor- und Fahrräder sowie Rikshas sowie Autos deutlich, die sich laut hupend und eigentlich links fahrend irgendwie ihren Weg bahnen. Und dazwischen gibt es dann teilweise "weite" Landstriche in denen es ruhig, wirklich ruhig ist. Ich konnte vielen Frauen und Männern in die Augen schauen, Kindern begegnen, ihr Lachen wahrnehmen, musste aber mitunter auch das fehlende hoffnungsgeschwängerte Glitzern in den Augen vermissen. Ich konnte dankbar das wahrnehmen, was Kinder und auch Erwachsene in der Dreikönigsaktion auf ihren mitunter schweren Wegen für andere zuwege bringen, bin den vielen dankbar die mit Fastensuppen und Kirchensammlungen sowie anderen Initiativen bei uns zu Hause den "Familienfasttag der Katholischen Frauenbewegung" unterstützen, durfte erfahren, was an Missio gespendete Euro bewirken und weiß nunmehr erneut wieder, was wir - wenn wir teilen - an Gutem bewirken. All das habe ich als "Mensch unter Menschen" erfahren.

Und zugleich wusste ich mich schon in der ersten Woche meiner 14-tägigen Indien-Reise auch in meinem bischöflichen Dienst gestärkt, der ja in der Nachfolge der Apostel einer ist, das Evangelium "bis an die Ränder der Erde zu bringen". Ich konnte sehen, was bewirkt wird und kann dies in mein eigenes Denken und die Erfahrung der Ortskirche, der ich diene, einbringen. Frischluft - oder sollte ich nicht besser sagen - "Geist" wird mir und denen aufs Neue eingehaucht, die sich mit mir auf den Weg gemacht haben. Denn: damit wird das Eigene, das uns in der Steiermark unverwechselbar ausmacht, aufs Neue gestärkt und vertieft angegangen, weil wir eben auch als "alte Ortskirche" mit 800 Jahren auf dem Buckel wohl uns eingestehen dürfen, mitunter auf die Tatkraft und Agilität derer angewiesen zu sein, die unsere kirchlichen Enkel genannt werden könnten, wie zugleich diese froh sein können darüber, dass wir ihnen mit unserem Erfahrungsschatz an Positivem und bei weiten nicht so Vollkommenen zur Seite stehen ...


Wie ein Geschenk

Heute morgen habe ich in der "Lesehore", dem Meditationsgottesdienst des Stundenbuches der Kirche diesen Abschnitt aus der Pastoralenzyklika des Zweiten Vatikanischen Konzils "Gaudium et spes" betrachtet (Nr. 88):
"Zum Aufbau einer internationalen Ordnung, in der die rechtmäßigen Freiheiten aller wirklich geachtet werden und wahre Brüderlichkeit bei allen herrscht, sollen die Christen gern und von Herzen mitarbeiten, und das um so mehr, als der größere Teil der Welt noch unter solcher Not leidet, dass Christus selbst in den Armen mit lauter Stimme seine Jünger zur Liebe aufruft. Das Ärgernis soll vermieden werden, dass einige Nationen, deren Bürger in überwältigender Mehrheit den Ehrennamen "Christen" tragen, Güter in Fülle besitzen, während andere nicht genug zum Leben haben und von Hunger, Krankheit und Elend aller Art gepeinigt werden. Denn der Geist der Armut und Liebe ist Ruhm und Zeugnis der Kirche Christi.
Lob und Unterstützung verdienen jene Christen, vor allem jene jungen Menschen, die freiwillig anderen Menschen und Völkern ihre persönliche Hilfe zur Verfügung stellen. Es ist jedoch Sache des ganzen Volkes Gottes, wobei die Bischöfe mit Wort und Beispiel vorangehen müssen, die Nöte unserer Zeit nach Kräften zu lindern, und zwar nach alter Tradition der Kirche nicht nur aus dem Überfluss, sondern auch von der Substanz.
Das Sammeln und Verteilen von Mitteln muss, zwar ohne starre und einförmige Organisation, jedoch ordnungsgemäß, in den Diözesen, den Ländern und in der ganzen Welt durchgeführt werden, und das in Zusammenarbeit der Katholiken mit den übrigen Christen, wo immer es angebracht erscheint. Denn der Geist der Liebe verbietet durchaus nicht die wohlüberlegte und organisierte Durchführung einer sozialen und caritativen Aktion, sondern fordert sie sogar. Darum ist es auch notwendig, dass diejenigen, die sich dem Dienst in Entwicklungsländern widmen wollen, in geeigneten Instituten ausgebildet werden."

Mir scheint: in diesen Tagen erlebe ich hautnah vieles von dem, was hier beschrieben ist, als Realität von Kirche. Als Realität einer Kirche, die wirklich bereit ist "an die Ränder" zu gehen, wie es Papst Franziskus immer wieder formuliert - und die daher auch so manches riskiert, sich selbst nämlich auch. Das ist für jemanden, der in einer "alten" Kirche groß geworden ist, ein großes Geschenk - und ich möchte daher auch meine jährlichen Reisen in Länder, mit denen wir über unsere zahlreichen kirchlichen Hilfswerke verbunden sind, nicht missen. Sie tun auch deswegen gut, weil sie mir versichern, dass auch einer "alten Kirche" neuer Geist einzuhauchen ist. Es braucht nur den Willen dazu und die innere Einstellung - eben eine Art "Bekehrung", eine Art "Hinkehr" zu den wirklichen Quellen des Evangeliums, die mitunter verschüttet scheinen - gerade auch wenn wir etwa auf die Zahl der Berufungen in ein geistliches Amt oder in den Lebensstil der Evangelischen Räte denken. Dies aber fängt mit einem "neuen Blick" an auf die Menschen und die Situationen, in denen wir leben. Das, was war und bisher getragen und bis hierher gebracht ist keineswegs schlecht, aber es gilt, der Gefahr zu wehren, hinter alledem nicht mehr den Ruf Jesu in die Bekehrung, weil das Reich Gottes nahe ist, zu hören ...
Bei der Begegnung mit dem auch schon von seinem Alter gezeichneten vor kurzem emeritierten Kardinal Toppo am Rande der immer größer werdenden Hauptstadt Ranchi wurde von einer Mitreisenden daran erinnert, was er angeblich im Vorkonklave unter anderem über die Situation der indischen Kirche gesagt habe. Er als erster indigener Kardinal und damit ein bedeutsames Zeichen für einen Großteil dieser Stämme meinte dort u.a. in etwa: "Wenn es uns in Indien nicht gelingt, deutlich zu machen, dass Menschen unterschiedlicher Religion miteinander in Frieden leben, wird es uns nirgendwo auf der Welt gelingen". Ein bedenkenswerter Satz, der im Heute von Indien noch einmal Bedeutung gewinnt. Und der auch deutlich macht, dass wir als Kirche dort "echt" und damit auch "recht" sind, wo wir uns hinein "verlieren" mit dem, was uns ausmacht, in die Herausforderungen dieser unserer Welt - denn: "Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich ..." (vgl. Phil 2,5-11). Ich habe bei mir täglich neu mit dieser Bekehrung zu beginnen!


Gemeinsam unterwegs