Alle Beiträge von Wilhelm Krautwaschl

Mit dem Auferstandenen unterwegs sein

Am heutigen Ostermontag habe ich in Friedberg Messe gefeiert. Hierfür hatte ich folgende Predigt vorbereitet:

1. Seit hunderten von Jahren sind Menschen in unserer Gegend mit dem Auferstandenen unterwegs. Seit nunmehr 800 Jahren tun wir es auf dem Gebiet der heutigen Steiermark als Diözese. Wir “leben mit einem, der lebt”. Das, was wir sind, ist aber immer wieder aktuell neu im eigenen Dasein zu buchstabieren – die Geschichte der Kirche in unseren Breiten ist Zeugnis dafür, wie notwendig diese Selbstvergewisserung ist. Nur zu sagen: “Ich gehöre dazu, ich bin katholisch” ist zu wenig. Es gilt, nehmen wir Auferstehung tatsächlich ernst, mit dem Auferstandenen zu leben, mit Ihm und daher auch Seinen Augen die Welt anzuschauen. Sie merken: da bin ich als Bischof nie am Ende – und das ist Aufgabe von einem jeden, der sich in Seinen Fußspuren unterwegs weiß. Es heißt nicht: “wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit bis in Ewigkeit”, wenn es um Nachfolge geht. Es geht vielmehr darum, sich Seiner Gegenwart je neu zu vergewissern und in Seiner Art an alles heranzugehen. Noch einmal: da haben wir alle noch viel zu lernen, oder?
2. Denn, um dies an einem Beispiel deutlich zu machen und dabei an einer Passage des heutigen Evangeliums Anleihe zu nehmen: die beiden Jünger rennen in der Nacht zurück nach Jerusalem. Zunächst haben sie den ihnen Unbekannten unter dem Argument ins Haus eingeladen, dass es bald Abend werde – wenn man sich die Verhältnisse damals in Erinnerung ruft ist dies verständlich. Und gerade deshalb mutet es ja widersinnig an, dass sie danach ins Dunkel der Welt hinausrennen als ob es das Selbstverständlichste wäre. Sie können es, weil sie IHN erkannt haben. Mit anderen Worten und schon ein wenig konkretisiert heißt es: mit dem Wissen um den Auferstandenen sehe ich die Ereignisse in der Welt anders, das Dunkel, selbst das Dunkel des Todes, ist hell und voller Hoffnung. – Dies leitet mich an, die Vorgänge in Welt und Kirche nicht un-ter dem Vorzeichen zu sehen, dass “alles den Bach runtergeht”. Nein: ich habe zu lernen, mit Seinen Augen all das anzu-schauen. Und da mache ich dann auch die Entdeckung, wie viel in der Kirche an Vertrauen, an Engagement, an Hoffnung, an Glauben von vielen gelebt wird. Natürlich: da hat sich auch was verändert daran in den letzten Jahrzehnten – und auch Sie werden das hier in der Oststeiermark merken. Was aber nicht geht meines Erachtens ist, pauschal oder populistisch ein-fach alles über den Kamm zu scheren und zu meinen, es sei alles nur schlechter geworden. Auch Sie bemühen sich wohl tagaus, -ein in Ihrem Leben die Situationen, die Sie umgeben, mit Seinen Augen zu sehen. Ich weiß: dies bedarf der Übung, zu sehr sind wir alle hineinverwoben in diese unsere Welt mit all ihren Schreckensnachrichten usw. Das Gute, das zwi-schen uns auf unterschiedlichste Art und Weise blüht wird oft nicht gesehen; es ist halt leichter am Stammtisch oder in der anonymen Weite des Internets zu krakeelen und alles und jeden in den Dreck zu ziehen. Aber: unser Auftrag ist es, die Welt mit Oster-Augen zu sehen, “die im Tod bis zum Leben, in der Schuld bis zur Vergebung, in der Trennung bis zur Einheit, in den Wunden bis zur Herrlichkeit, im Menschen bis zu Gott, in Gott bis zum Menschen, im Ich bis zum Du zu sehen vermögen” .
3. Fangen wir so und fangen wir heute so zu leben an! Das ist ein immens wichtiger Dienst am Miteinander und am Zusam-menhalt unserer Gesellschaft. Ich traue es mir zu sagen: das ist einer der wohl bedeutsamsten Dienste der Kirche an den Menschen unserer Heimat in diesen Jahren. Gott sei Dank gibt es uns als Kirche in diesem Land – und: Gott sei Dank gibt es Sie, die heute und hier deutlich machen: Ich stehe dafür ein, ich stehe nötigenfalls auch dafür auf!

Die Evangelienstelle, auf die ich mich bezog war:
Lk 24,13-35.

Ein Kreuz in der Öffentlichkeit

In Kapfenberg habe ich heute, am Palmsonntag-Abend ein Osterkreuz gesegnet. Für diese Feier hatte ich diese Predigt vorbereitet (die Schriftlesungen: Hebr 4,14-16; 5,7-9 und Joh 19,17-30):

  1. Das Kreuz begegnet uns oft im eigenen Leben. Das Kreuz begegnet uns in unserer Heimat immer und immer wieder auch in der Öffentlichkeit – und das ist gut so. Denn: so wie Jesus als Mensch gelitten hat, so wie er das Kreuz auf sich genommen hat, so ergeht es auch vielen im Leben unserer Welt von heute. Das Zeichen des Kreuzes erinnert die Menschen eigentlich daran, dass es einen Zufluchtsort gibt für alle, die nicht mehr weiterwissen – und das ist gut so in einer Welt, in der es scheinbar nur zählt, erfolgreich und immer “voll gut drauf” zu sein. Es erinnert die Menschen daran, dass Leiden und auch Tod alles andere als Betriebsunfälle des Daseins sind – und das ist gut so in einer Welt, die scheinbar nicht mehr sich der Wirklichkeit des Todes stellen will, obwohl oder weil (?) sie ihn tagaus, -ein hunderte Male frei Haus geliefert bekommt – in Zeitung, Radio und Fernsehen. Es erinnert die Menschen daran, dass es einen Ort gibt, an dem Ausgrenzungen, an den Rand geschoben und nicht beachtet sein, an dem arm sein nicht beiseitegeschoben, sondern akzeptiert und damit als zentral wahrgenommen wird – und das tut einer Welt gut, in der die Reichen und Schönen oft die Orte in der Mitte besetzen. Es erinnert die Menschen daran, dass es da vor nunmehr 2.000 Jahren einen gegeben hat, der all das durch das Tragen eines Kreuzes zu seiner eigenen Hinrichtungsstätte auch im Zeichen auf sich genommen und ausgelitten hat. Gerade deswegen ist der Mensch gewordene Sohn Gottes einer, der “alle an sich gezogen” hat, weil alle Menschen in ihren Nöten und Leiden plötzlich nicht alleingelassen sich fühlen müssen, sondern sich in Jesus aus Nazareth ganz angenommen erfahren.
  2. Mehr noch: das Zeichen des Kreuzes schlagen wir uns selbst des öfteren über unser Leben. Es wird damit zur Erinnerung, was uns zuinnerst prägt: nicht das “sich über dem anderen wähnen”, sondern das “aus Liebe” sich hingeben. – Gerade deswegen finde ich es nicht nur passend, sondern höchst angebracht, dass dies im Jubiläumsjahr unserer Diözese weithin sichtbar als Botschaft der Nähe und Liebe Gottes in diese Welt hinein gestrahlt wird. Ich danke den Initiatoren und jenen, die Hand angelegt haben und damit uns alle daran erinnern, woraus wir als Menschen leben, was der Kern unseres Christseins eigentlich ist. – Werden wir nicht müde, diese Botschaft des sich angenommen Wissens bei und von Gott noch mehr in Zukunft in unsere Lebenswelten hineinzutragen. Ja: “Säen wir Zukunft!” durch die Botschaft des Evangeliums – in Kapfenberg und bis an die Grenzen der Erde!

Christliches Leben in Pfarren: sich einander verschenken

Bei der Bußfeier in Mönichwald am Freitag der 5. Fastenwoche hatte ich folgende Worte für die Predigt vorbereitet (die Schriftlesungen waren: Jes 55,6-11 bzw. Joh 12,24-26):

  1. Das Bild, von dem Jesus eben im Evangelium gesprochen hat, ist wohl denen, die in der Landwirtschaft tätig sind oder auf irgendeine Art und Weise zu ihr Bezug haben, bekannt und vertraut. Jesus geht es nicht darum, naturwissenschaftliche Erkenntnis zu verbreiten – die Rede vom “Sterben” des Kornes in der Erde ist vielmehr eine bildhafte und daher einfach nachzuvollziehen. Christliche Ohren hören bei diesen Worten Jesu sicher auch und sofort Tod und Auferstehung mit. Und sie liegen damit nicht falsch. –
    Wenn es aber “Wort des Lebens” ist, dann gilt zu fragen: “Was hat das mit uns hier in unseren Pfarren zu tun?” Und: “Was könnte dieses Gleichnis, diese Bildrede uns bei unserer fastenzeitlichen Bußfeier helfen?” In der Lesung wurde uns ja deutlich: jedes Wort, das aus Gottes Mund kommt, ist dazu ausgesandt, dass es Wirkung zeigt unter den Menschen, auf der Erde.
  2. Ich möchte kurz einen Gedankengang vertiefen, der mir in den Sinn kommt. Wenn ich auf das Leben Jesu in dieser Welt schaue ist dieser Aspekt offensichtlich: sein Leben war von Liebe geprägt, weil er als Gott Liebe ist. Anders ausgedrückt: sein Dasein war von Hingabe geprägt, Orientierung gleichsam “mit Haut und Haaren” ganz auf Gott und ganz auf die Menschen hin. Er selbst hat sich nicht in den Mittelpunkt gerückt. – Wie wohltuend dieser Lebensstil doch gerade angesichts unserer Welt ist, in der sich viele Einzelne aufplustern. Es mag zwar verständlich sein, dass uns in den Entwicklungen dieser Welt viel an Sicherheiten genommen wurde, dass viele Zeitgenossen heute eigentlich nicht mehr recht wissen, was zählt; angesichts der Komplexitäten die Übersicht verlieren und daher auch versucht sind, sich selbst als das einzig Sichere in den Mittelpunkt zu rücken. Die Antwort Jesu aber ist eine andere: Nicht ich, sondern DU, du Gott, du Mensch. Und ich glaube tatsächlich, dass dieser Lebensstil der Liebe – und damit der Lebensstil des Himmels – unserer Erde, unserer Welt im Kleinen und im Großen nottut. Wie sehr doch Einzelne und auch Gemeinschaften, Pfarren, politische Gemeinden mitunter versucht sind, sich nicht auf die anderen einzulassen und zu meinen, nur dann, wenn wir zu unserem Recht kommen – und zwar so wie wir es uns vorgestellt haben, nur dann wäre die Welt in Ordnung. – Ich weiß: der Lebensstil der Gottes- und Nächstenliebe – immerhin das erste Gebot aus dem Munde Jesu – muss neu unserer Welt eingestiftet werden, in der die Selbstdarstellung und damit “das eigene Selbst in der Mitte” zunimmt, alles was ein anderer denkt Gefahr läuft in sogenannten sozialen Medien und auch am Stammtisch schlecht gemacht zu werden, oder auch andere Meinungen die nicht ins eigene Selbstverständnis passen zu ignorieren und auf die Seite zu legen wenn nicht gar dagegen anzukämpfen. Hier tut Bekehrung not: Du bist mir gleich wichtig wie ich mir selbst wichtig bin!
  3. Mehr noch: Jesu Lebensstil ist der der Hingabe – “wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein”. Daher gilt es auch für uns als Christen, als Pfarren, als Menschen mitten in der Gesellschaft, nicht Partei- also Eigeninteressen in den Vordergrund zu rücken, sondern das Wohl des Anderen und eben das Wohl des Ganzen ebenso von Anfang an mitzusehen. Komm ich da selbst zu kurz? Keineswegs, denn ich bin unendlich von Gott von Anfang an bis auf ewig geliebt. Um mich und mein letztgültiges Wohl muss ich mir keine Sorgen machen. – Übertragen ins Heute und hier: eigentlich heißt es als Waldbacher für die Mönichwalder zu leben, als Christ, für den dieser Weg zu Gott der rechte ist, den Weg anderer zu unterstützen, die nicht denselben gehen – unter dem Motto: “Hauptsache, sie gehen auf Gott zu!” – Lernen wir mehr und mehr auf verschiedenen Ebenen leben und lieben, damit unser Christsein – eingestiftet in diese (!) Welt – immer authentischer wird. Dazu ist Besinnung und Bekehrung vonnöten.