Alle Beiträge von Wilhelm Krautwaschl

WIR sind Kirche

Vor einigen Tagen begegnete mir in der geistlichen Lektüre eine Überlegung, die m.E. sehr wertvoll – und not-wendend für die Kirche heute – ist.

Der Ausgangspunkt ist klar: Wenn ich von mir sage, ich sei als Mensch Gottes Kind, Sein Ebenbild, dann geht es nicht an, diese Zusage den anderen zu verweigern. In den Bereich der geistlichen Erfahrung übertragen: es gibt eben nicht nur meinen ganz speziellen Weg zu Gott (vgl. Benedikt XVI.: es gibt so viele Wege zu Gott wie es Menschen gibt), sondern ich habe dies auch für jede und jeden um mich anzuerkennen. Es geht also nicht an, Gott “einzusperren” auf den Weg, den ich gehe, Gottes Liebe “nur” auf mich zu beziehen. Wenn ER die Liebe ist, dann ist ER sie für alle.

Ich glaube wahrzunehmen, dass es den Anschein hat, dass manche   aber eher meinen, nur “Gott in sich” zu lieben, “Gott auf meinem Weg”, den ich gehe, anzuerkennen: Selbstbezogenheit in der Liebe macht auch vor Christen nicht Halt. – Nebenbemerkung: ‘s ist schon interessant, wie sehr wir uns “aufregen”, wenn “in der Welt” nur das Eigene in den Vordergrund gerückt wird … Die “Zelle” der Begegnung mit Gott ist also nicht nur in mir und bei mir, sondern in allen Brüdern und Schwestern zu finden.

Dies wirklich ernst zu nehmen, würde endlich (!) auch Kirche ernst nehmen: Kommunikation zwischen IHM in mir und IHM in dir …

Der Gekreuzigte – Weg der Ökumene

“[D]er Einsatz für die Ökumene kann wohl nur in dem Maß fruchtbar sein, als wir im gekreuzigten und verlassenen Jesus, der sich ganz in die Hände des Vaters gibt, den Schlüssel erkennen, um jede Uneinheit zu verstehen und die Einheit wiederherzustellen. Für eine erfolgreiche Ökumene braucht es Menschen, die sich von ihm, dem gekreuzigten und verlassenen Jesus, ergreifen lassen und ihm nicht ausweichen.”

Chiara Lubich: Auch als Kirchen die gegenseitige Liebe praktizieren, in: dies.: Wo Einheit wächst. Spirituelle Impulse für die Ökumene, München: Neue Stadt 2017, 92-94, hier: 94.

In der Einheit “neu” er- und entstehen

“Es ist nicht so, dass die eine oder andere Kirche untergehen muss, wie manchmal befürchtet wird. Es ist vielmehr so, dass jede in der Einheit neu erstehen soll. In voller Gemeinschaft in dieser einen Kirche zu leben, wird etwas Großartiges sein, faszinierend wie ein Wunder, das die Aufmerksamkeit und das Interesse der ganzen Welt auf sich lenkt.”

Chiara Lubich: Auch als Kirchen die gegenseitige Liebe praktizieren, in: dies.: Wo Einheit wächst. Spirituelle Impulse für die Ökumene, München: Neue Stadt 2017, 92-94, hier: 93f.

gegenseitige Liebe

Das, was für einzelne gilt, Jesu Gebot der gegenseitigen Liebe (Joh 13,34) gilt es auch unter Gruppen und Gemeinschaften zu verwirklichen. – Daher bringt dies auch den ökumenischen Weg der Kirchen zueinander weiter:

“Es geht […] um die Liebe zu den anderen Kirchen, um die gegenseitige Liebe unter den Kirchen, eine Liebe, die dazu führt, dass jede Kirche Geschenk für die anderen wird. In der Kirche der Zukunft ist die Wahrheit eine einzige, sie drückt sich aber auf verschiedene Weise aus, kann unter verschiedenen Blickwinkeln erschlossen werden und bringt in einer Vielfalt von Deutungen ihren ganzen Reichtum ans Licht.”

Chiara Lubich: Auch als Kirchen die gegenseitige Liebe praktizieren, in: dies.: Wo Einheit wächst. Spirituelle Impulse für die Ökumene, München: Neue Stadt 2017, 92-94, hier: 93.

aufeinander zu

“Je näher wir dem Kreuz Christi kommen, desto näher kommen wir einander.” Diese Erkenntnis steht praktisch am Beginn der ökumenischen Bewegung (aus der Erklärung der Weltkonferenz für Praktisches Christentum in Stockholm 1925). Er ist es ja, der vereint, weil er dort am Kreuz seine Hände ausbreitet, um alle bei sich zu haben …

Er ist es, der am Kreuz das Leid der Welt mit einem “Mein Gott, warum …?” in die Dunkelheit des Tages hinausschreit und damit als das Zerrissene und die Tragik der getrennten Christenheit seinem Vater anvertraut. Und tatsächlich: “Warum nur?” kann und muss auch angesichts der vielen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gefragt werden. Noch dazu hat Jesus auf dem Weg zum Ölberg darum gebeten, dass “alle eins seien, … damit die Welt glaubt” (vgl. Joh 17,20f.).

So wird das notwendige Aufeinander-Zu derer, die sich in unterschiedlichen Bekenntnissen in der Nachfolge Christi wissen, aber längst schon durch das sakramentale Band der Taufe in einen Leib hineingetaucht sind, mehr und mehr zu einem Weg hin zum Kreuz: Selbstentäußerung ist angesagt: es gilt, sich “all dessen [zu] entledigen, was uns von Christus und voneinander fernhält” (Konrad Raiser, damals Generalsekretär des Weltkirchenrats am 28.10.2002 nach einem Vortrag von Chiara Lubich “Wo die Einheit wächst”). Ein anspruchsvoller Weg, der aber zu gehen ist!

Mit IHM

In den vergangenen Tagen habe ich – mitunter gemeinsam mit einem befreundeten Priester – geistliche Texte vertieft. Wir tauschten uns auch darüber aus, was denn der eine oder andere Satz denn für unser persönliches Dasein bedeuten könnte. Daraus entstanden Gedanken, die ich hier und in den kommenden Tagen ungeordnet einfach weitergeben möchte.

Wirklich Kirche zu leben ist ein großartiges Geschenk, weil wir dann mit IHM, dem Lebendigen unterwegs sind, “leben mit einem, der lebt”! Ich weiß: da gibt es die Zeiten herauf bis ins Heute genügend Dinge, die uns den innersten Kern dessen, wofür Kirche steht und geht, verdunkeln. In den Sakramenten, in Seinem Wort, aber vor allem auch dort, wo “zwei oder drei in seinem Namen”, also in Seiner Liebe (!), “zusammen sind” (vgl. Mt 18,20), wird ER als das Maß und die Orientierung schlechthin deutlich, wird Himmel im Heute erfahrbar – und damit das Wesentliche, weil Bleibende von Kirche [so jedenfalls hat es schon Klaus Hemmerle in einem für mich ganz besonderen Satz zusammengefasst] deutlich. Dafür bin ich angetreten – als Getaufter und Gefirmter, das ist jene Wirklichkeit, die ich uns in Erinnerung rufe in meinem Dienst und das ist jene Erfahrung, an der ich viele teilhaben lassen möchte …