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Das Kind in der Mitte

“Jesus stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen:  Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.”

Einfache und verständliche Worte Jesu. Alles andere als einfach zu leben. Denn tagaus, -ein erfahren wohl viele von uns die Logik eines anderen Lebensstils. Üblicherweise zählt der “Chef” mehr. – Seit nunmehr 3 Monaten bin ich ein solcher “Chef”. So jedenfalls werde ich wahrgenommen; Bischöfe zählen dazu. Man ist immer wieder in der 1. Reihe, man ist “Person des Öffentlichen Lebens” mit all den Annehmlichkeiten wie auch den damit verbundenen Schwierigkeiten, viele wollen in Kontakt treten, wollen mitunter auch, dass der Bischof zu jedem und allem was sagt etc. Ich könnte die Liste meiner Erfahrungen fortführen, etwa, dass ein Bischof in Amtskleidung leichter in den Petersdom reinkommt als andere, dass es unglaublich viele Menschen gibt, die sich freuen, dass ich Bischof geworden bin usw. Angesichts des Evangeliums muss ich mich aber genau vor alledem in Acht nehmen; es ist durchaus geeignet, eine Art “Beichtspiegel für einen Bischof” zu sei.

Gott sei Dank aber gibt es da u. a. junge Leute, mit denen man unterwegs ist, sagen wir auf einer Ministrantenwallfahrt. Denn – auch das ist im Evangelium deutlich zu hören – wenn man sich auf junge Leute um Jesu willen einlässt, auf Kinder, dann nimmt man letztlich IHN auf als den, der uns beim rechten Menschsein hilft.
Was ich mir von dort mitgenommen habe? Einige kurze Gedanken.

Da gibt es viele junge Leute, die Interesse haben an dem, was wirklich zählt – ca. 8.000 Ministranten sollen es sein in der Steiermark. Nehmen wir als Pfarren das einfach zur Kenntnis? Gehen Sie uns nur ab, wenn wieder mal keine/keiner da ist? Oder aber: lassen wir uns ein auf sie und ihre Lebenswelt, damit wir ihnen von dem mitgeben können, was uns selbst an unserem Glauben wertvoll ist, was uns selbst Gott bedeutet, wie wir mit ihm umgehen im Alltag? Liebe Erwachsene: ich glaube, da haben wir von den jungen Leuten was zu lernen und dürfen uns zugleich aufgefordert wissen, uns selbst mehr „rein zu hauen“ …

Da gibt es junge Menschen, die unbefangen mit Neuem umgehen: in Rom gab es ca. 40° im Schatten, da galt es mal den, mal den Weg zu gehen, da hieß es spontan zu sein und auf andere zuzugehen, die einem noch fremd waren. Binnen kürzester Zeit aber waren Tücher getauscht und Bekanntschaften geschlossen – ja: es gibt sogar eine whatsApp-Gruppe eines Busses, der aus diesem Dekanat mit war! – Wie schwer wir Erwachsene uns da oft tun, uns auf Neues einzulassen. In den Pfarren höre ich immer wieder, nicht nur von Pfarrern, es soll ja alles so bleiben wie es ist – von Jesus aber wissen wir, dass er so ziemlich alles anders gesehen und entsprechend geändert hat. – Angesichts der vielen, die da zu uns kommen und Hilfe brauchen, gibt es immer wieder Stimmen, die sagen, dass wir uns mal um die Einheimischen kümmern sollten [ich frage mich dann, wieso wir das nicht schon längst gemacht haben?], dass die dort bleiben sollten, wo sie sind etc. Junge Menschen aber, und das erfahre ich in den letzten Wochen auch immer wieder, fragen nach, wo und womit sie helfen können, unbürokratisch etc.; Erwachsene denken oft lange nach, stellen Fragen, weisen zurecht und argumentieren sich mitunter ganz gescheit an den Notwendigkeiten vorbei.

Zwei kleine Beispiele, wo deutlich wird, dass junge Leute sich vielleicht leichter tun, das Einfallstor Gottes zu uns Menschen in den konkreten Situationen, denen wir gegenübertreten, zu erkennen. Und das ist eigentlich unsere Sendung als Christen, auch hier! Danke also Euch Jungen, dass Ihr unseren Glauben stärkt, dass Ihr damit auch mir in diesen Rom-Tagen geholfen habt, nicht zu sehr nach oben zu schweben, sondern ganz bei Euch zu sein. Danke daher auch, dass Sie dem Bischöfl. Spendenkonto zur Flüchtlingshilfe was zur Verfügung stellen als deutliches Zeichen dafür: “Wir Katholiken im Dekanat Gleisdorf nehmen Gottes Anruf wahr und helfen – mit Geld, mit Wohnraum, mit dem und dem …” und: wir lernen uns dabei als Kirche neu kennen!

(schriftliche Auszüge aus der Predigt bei der Dekanatswallfahrt des Dekanates Gleisdorf 19.9.2015)

Kirche ist wirklich mehr!

Nun denn: heute Abend kann ich wirklich nicht anders als schreiben, dass Kirche mehr ist. Die Tage, die mir geschenkt sind (siehe Beitrag von gestern) sind schon viel, dennoch sind sie nur eine Seite. Dir zweite Seite wird von jenen ge- und beschrieben, denen ich in den vergangenen Tagen hier in Rom auch noch begegnet bin ….
* Da treffe ich einen Steirer, der bei den Johannesbrüdern lebt: ich bemerke offensichtlich, wie sehr das Evangelium einen packen kann und nicht mehr loslässt …
* Da esse ich mit Admonter Benediktinern zu Abend: wie reich doch Kirche ist, weil sie so viele Wege ermöglicht, Nachfolge zu gestalten …
* Da wird mir die Gelegenheit geboten, einigen die auf der Behinderten-Wallfahrt nach Rom sind, die vom Malteser-Hilfsdienst gerade jetzt durchgeführt wird, in die Augen zu schauen und “Grüß Gott!” zu sagen und entdecke dabei viele glückliche Menschen …
* Da bin ich beim österreichischen Botschafter zu Gast und nehme wahr, wie sehr das Leben aus dem Glauben Bedeutung hat für das alltägliche Dasein von Menschen …
* Da tauche ich bei einem Abendessen in Santa Maria dell’Anima tief in die Geschichte ein und stelle fest – zum wiederholten Mal: das Evangelium prägt Menschen und hat die Kraft auch heute Europa zu prägen …
* Da esse ich mit einem Verantwortlichen aus der Fokolarbewgung zu Mittag und mache zum wiederholten Mal die Erfahrung, wie geteiltes Leben auf dem eigenen Weg weiter hilft …
* Da gehe ich nach Santa Maria in Trastevere und feiere – so wie heute Abend – das tägliche Gebet mit; da es dieses Mal besonders für die Kranken ist, habe ich einige Personen deren Leben ich Gott hinlegen darf. In der Einfachheit des Singend und Betens einer vollen Kirche laufe ich förmlich dem armenisch-katholischen Bischof von Aleppo über den Weg, der seit Jahren praktisch unter Bomben lebt und höre ihn vom Heil predigen, das uns das Kreuz Jesu Christ erwirkt. – Im Gespräch danach mit einem Mitglied der Bewegung Sant’Egidio, die sich täglich hier um 20:30 zum Gebet trifft, wird mir wieder einmal deutlich: es geht um das Leben der Nachfolge. Und ich frage mich, wieso das mitunter so schwer “rüberkommt” und Kirche oft “nur” als Struktur wahrgenommen wird …
* Da berichtet eine Ministrantin in der WhatsApp-Gruppe der Ministrantenwallfahrt, an der ich im August teilgenommen habe, von der beglückenden Erfahrung, am heutigen ersten Schultag jungen Flüchtlingen beim Deutschlernen geholfen zu haben und denke mir, wie einfach es doch ist, das Evangelium zu leben und wie schwer wir uns das oft miteinander machen …

Ja: Kirche ist wirklich mehr: das sind wir Menschen, die wir uns wirklich begegnen und so die Erfahrung machen, dass der Auferstandene unter uns lebt!
Gott sei Dank also gab es dieses Treffen hier, wurden mir 10 Tage “Wallfahrt zum Grab des hl. Petrus”, Tage der Reflexion und Besinnung zum bischöflichen Dienst, geschenkt, denn damit wurden auch diese lebendigen Begegnungen ermöglicht, wurde Kirche gebaut.

Kirche ist mehr

10 Tage sind mir derzeit in Rom geschenkt: Gemeinsam mit mehr als 120 Kollegen, die im vergangenen Jahr zu Bischöfen ernannt bzw. geweiht wurden. 17 davon kommen aus katholischen Ostkirchen.
Mir wird hier unter anderem deutlich:
Kirche ist mehr …
* 5 Bischöfe sind aus Deutschland und Österreich angereist. Es gibt keine deutsche Übersetzung. – Kirche ist mehr als der Horizont, in dem ich groß geworden bin und den Weg der Nachfolge Christi begonnen habe. Eine “heilsame” Ent-Grenzung sozusagen, die nicht nur gut, sondern auch nottut. Nur allzuoft glaube ich, dass meine Fragen die sind, die alle Welt zu interessieren haben … Im “Hirnkastl” ist das zwar präsent, aber es ist was anderes, das “hautnah” zu erfahren.
* Da bin ich in der kleinen Austauschrunde mit den neuen slowenischen Bischöfen, den Bischöfen aus Krk und aus Budweis, 3 aus den deutschsprechenden Landen sowie einem von der IS verfolgten aus dem Irak beisammen. – Und plötzlich wird deutlich: das Leben in der Nachfolge Jesu ist – weltweit gesehen – alles andere als immer nur Honigschlecken. Ich weiß: die Situationen sind nicht zu vergleichen und dennoch werden unsere Fragen und Sorgen auf den Ort verwiesen, wohin sie wirklich gehören. Es ist eben ein Unterschied, ob Nachfolge zu leben ist in der Furcht um das eigene Leben oder ob man in Freiheit seine Religion bekennen und ausüben kann. Nutze ich, nutzen wir diese und gegebene Chance wirklich – auch angesichts der Wanderungsbewegungen, die sich auf unserem Kontinent derzeit ereignen?
* Da bin ich mit Bischöfen aus Lateinamerika, aus dem Nahen Osten, aus der Ukraine, aus Europa, aus Nordamerika etc. an “einem” Tisch – die Sprache muss je neu gefunden werden und dann geht es manchmal nur mit “Händen und Füßen”. Vielfach wächst Kirche. Ich “lerne”, dies auch bei uns zu sehen – ein Perspektivenwechsel ist angesagt. Auch in unserer vergleichsweise “alten” Kirche bricht sich immer wieder neues Leben Bahn. Nehme ich es hinreichend wahr, auch wenn es den normalen Ablauf irritiert und mitunter quer geht zum Geplanten? Gibt es nicht auch die Realität, dass Gott überraschend eingreift und zum Zeugnis herausruft, zu einer vielleicht neu zu akzentuierenden Sendung auffordert?! Etwa: Flüchtlinge – Sein Anruf? Etwa: Menschen, die sich abgewendet haben, enttäuscht sind von Kirche usw. – ein Aufruf von Gott, nicht zu meinen, dass ich “alles” bin?! Etwa: Menschen die sich engagieren, neu anfangen mit der Nachfolge Christi in dieser oder jener Form, Bewegung, Gruppierung vielleicht auch jenseits von Pfarre – ein Plan Gottes, nicht zu eng zu denken in fixen Territorien, Pfarrgrenzen etc.?!
* Wie wenig ich doch Kirche und kirchliche Situationen weltweit kenne. Klar: im normalen Alltag reichen die üblichen Dinge, aber habe ich hinreichend weltkirchliche Fragen “intus”? Klar: ich muss mir nicht die Probleme zu meinen machen, die andere haben, aber ich darf auch nicht die Fragen, die mich und uns hier betreffen hichstilisieren zu den Fragen aller und weltweit. Ganz abgesehen davon, dass ich eine ganz beschränkte Erfahrungswelt habe – nicht nur weil ich Brillen trage: ich muss ganz einfach mehr kennenlernen, mich für andere interessieren, ihre Welt und ihr Denken, ihre gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen usw., damit ich mich selbst im Gefüge der einen Welt neu und entsprechend entdecke. Da komme ich u.a. auch zur Erkenntnis: nicht Flüchtlinge sind der Skandal, sondern der Krieg oder die Kriege, die in verschiedenen Weltgegenden toben; si jedenfalls hat es die Gemeinschaft Sant’Egidio formuliert und den kann ich mich nur anschließen.
Und ich darf dies auch von den anderen erbitten, Liebe gilt es in der Nachfolge Christi gegenseitig zu leben. – Und ganz nebenbei mache ich dabei die Entdeckung, dass eben hier in Rom Weltkirche vor Augen ist, wenn Äußerungen getätigt und Schriften veröffentlicht werden …

Danke für diese geschenkten Tage!

Von diesen Tagen hier in Rom wurde ein Interview mit Radio Vatikan gesendet, das hier nachgelesen bzw. nachgehört werden kann.

Das größte Geschenk, …

… das Sie mir machen konnten, war Ihr Besuch.”

So steht es auf einer Box, die ich heute Abend nach dem Besuch eines 14jährigen erhalten habe. Wie ich ihn kennengelernt habe? Nun denn: einer seiner Bekannten hat mir einen Artikel geschickt, für den Daniel in einem Aufsatzwettbewerb zum Thema “Freundschaft” gewonnen hat. Einige Tage danach war dieser Artikel in einer Zeitung abgedruckt. Ich war angetan von seinen Gedanken rund um facebook und Freundschaft.

Hier sind sie:
1000 Freunde… auf Facebook!
Aber wer von ihnen gibt mir Halt in schweren Zeiten, ein “Gefällt mir” auf mein Leben und nicht nur auf meine Urlaubsfotos aus Ägypten? Wer nimmt meine “Freundschaftsanfrage” wirklich an? Denn was heißt “befreundet sein”? Bin ich mit Landtagspräsident Majcen befreundet, nur weil er auf “Bestätigen” gedrückt hat, als ich ihm eine Freundschaftsanfrage auf Facebook geschickt habe? Gefalle ich den Mädchen aus meiner Klasse, weil sie mein Selfie liken?
Was ist mir denn lieber? Neunzig Likes auf mein Profilbild zu bekommen oder zusammen mit drei, vier Freunden ein Eis essen zu gehen und zu tratschen? Eine Freundschaftsanfrage von allen Schülern der vierten Klassen und dabei auf dem Sofa sitzen bleiben oder mit einem Schüler zu radeln? Was ist mir wichtiger? Eine Runde “Schnopsn Online” gegen meine Online-Freunde oder ein echtes Bummerl gegen meinen Nachbarn? Was ist denn Hilfe? Einem Freund Münzen bei “Hay Day” zu “spenden” oder dem kranken Schulkameraden die Schulübung nachzubringen?
Jemandem beistehen – ist das, einen Nachmittag lang auf Whatsapp zu chatten oder zu skypen – und dabei vielleicht zu erwähnen, wie sch**** es einem gerade geht? Oder sich einfach auf eine Parkbank zu setzen und alle Probleme auszudiskutieren? Was ist wertvoller für mich? Einen Witz auf Facebook zu teilen und dafür ein paar Kommentare zu bekommen: “Der ist gut!”, und so weiter. Oder meinem Sitznachbar eine lustige Episode zu flüstern, sodass wir beide rot werden und laut lachen müssen?
Denn das wussten schon die alten Römer – man braucht jemanden, der immer neben mitläuft. Der im Windschatten läuft, wenn ich toll in Form bin, aber mir auch hilft, wenn ich stolpere. Denn schon Ovid, ein lateinischer Dichter, sagte: “Donec eris felix, multos numerabis amicos. Tempora si fuerint nubila, solus eris.” Das bedeutet soviel wie: “Im Glück hast du viele Freunde. Sind die Zeiten aber schlecht, stehst du alleine da!” Es ist schön, ein freundschaftliches Verhältnis mit jemandem zu haben – ob mit Geschwistern, Eltern oder Großeltern, vielleicht auch mit Lehrern. Denn “jeder Mensch braucht jederzeit irgendwo Geborgenheit”, wie schon Peter Alexander singt. Nach dieser philosophischen Episode möchte ich mit einem Zitat eines unbekannten Philosophen enden, das die Freundschaft wohl am besten beschreibt:
“Freundschaft liegt nicht im Trend, sie folgt auch keiner Mode. Man bekommt keine Zinsen, und auch keine Rendite, aber trotzdem ist sie die beste Investition im Leben.”

Und daher: ernst gemacht – und ins Auto gesetzt. Ja: ein Besuch ist wirklich was wertvolles …

 

Beeindruckt

Eine kleine Gruppe von steirischen Ministrantinnen und Ministranten habe ich gestern Abend vom großen Fest der Österreicher auf der internationalen Ministrantenwallfahrt 2015 nach Rom nach Hause begleitet. EIn kurzes Gespräch mit einer Begleiterin hat mich sehr nachdenklich gemacht. Sie meinte, dass sich die Begegnungen dieser Tage – etwa mit dem Papst, das einfache Miteinander – etwa auch mit mir als Bischof usw. wohl tief in die Seele der jungen Leute eingeprägt haben. “Wieso eigentlich? Es ist ja nichts Aufregendes [außer halt, dass man dem Papst nicht alle Tage förmlich ‘über den Weg’ rennt] passiert. Oder doch? Redet Gott nicht, um etwas aus meinem Theologiestudium hervorzukramen, meist über sogenannte “Zweitursachen”, also Erlebnisse, Augen-Blicke und ähnliches mehr, und nicht sehr oft ‘direkt’?

Dahinter steckt – einfach gesprochen – meine ich, einfach Erfahrung von Kirche. In ihr leben wir mit einem, der lebt. Nach seiner Auferstehung hat uns Jesus Christus seine bleibende Gegenwart versprochen: “Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!” (Mt 28,20) und: “Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.” (Mt 18,20). Im “kirchlichen Alltag”, der geplant wird, der “abgearbeitet” wird, kann es schon sein, dass Seine lebendige Gegenwart, die alles trägt und fundiert – die Sakramente sind ja die deutlichsten Zeichen dafür, überdeckt wird von anderem, “Offensichtlicherem” und damit vielleicht auch “Oberflächlicherem”. Dort aber, wo wir uns selbst verlassen – vielleicht auch den Ort unserer “Üblichkeiten”, wo wir uns also aufeinander wirklich einlassen, blitzt kurz oder auch länger ER auf, der Leben schenkt und einen Augenblick “Himmel” mitten unter uns erfahrbar werden lässt. In der Basilika St. Paul vor den Mauern war das gestern mit den über 3000 nach Rom angereisten österreichischen Minis so – ich jedenfalls habe das empfunden.

Und: in einem solchen Klima findet dann jede und jeder den entsprechenden Platz um sich selbst ganz zu entfalten. So war es etwa eine Wonne, Paul mit seiner steirischen Harmonika beim “Privatkozert” am Mittwoch Abend im Hotel zu erleben oder auch beim großen Minis-Fest nach der Messfeier gestern im Park vor St.. Paul vor den Mauern. Das ist eben auch Kirche: ein Leib und viele Glieder. In einem solchen Klima wird auch das Amt in der Kirche “anders” erlebt und leicht/er gelebt. Das werde ich mir jetzt in die Arbeit in der Diözese mitnehmen – auch als Einladung an viele bei uns, dem entsprechend sich zu verlassen, um Glauben zu leben.

Begegnung: wir haben viel zu lernen

Immer wieder werde ich seit Antritt meines Dienstes gefragt, wie ich denn mit den vielen Terminen zu Rande käme. Vor einigen Wochen hat mich jemand daraufhin angesprochen und lapidar gemeint: “Versuch nicht ‘Termine’ zu sehen, sondern ‘Begegnungen’.” Ein wahres Wort. Leichter gesagt als gelebt.

Denn: lassen wir uns wirklich aufeinander ein? Gehen wir nicht oft und oft in Gespräche mit “unserem Vor-Urteil” hinein, weil wir eben bestimmte und dem entsprechend geprägte Ohren haben? Diese Frage beschäftigte mich in den vergangenen Wochen angesichts einer langsam, beinahe Meditation zu nennenden Lektüre eines Buches, das die Vorträge des damaligen Bischofs von Aachen Klaus Hemmerle 1991 im Bildungshaus St. Georgen am Längsee widergibt:  Hemmerle, Klaus: Leben aus der Einheit. Eine theologische Herausforderung, hg. v. Peter Blättler, Freiburg i. Br. u. a.: Herder 1995.

Wenn ich mir in Erinnerung rufe, was mir in den vergangenen Tagen an Begegnungen geschenkt wurde, dann waren das immer wieder Menschen – und auch die Ministranten in diesen Tagen in Rom leben das als Kinder und Jugendliche mir vor (!), die an mir als Person interessiert waren: “Du bist mir wichtig”. Und: anscheinend habe ich die Augen-Blicke auch entsprechend genutzt. Allzuschnell verkommen Begegnungen aber zu  “Machtspielchen”, auch wenn sie sich freundlich schminken: da will einer was beim Anderen erreichen; jemand dient sich einem anderen (bieder) an, mitunter auch mit gut gemeinten Ideen und Vorstellungen usw. Oft mache ich auch bei mir in Momenten der Selbstreflexion die Wahrnehmung: eigentlich “will” ich dieser oder jener Person nicht wirklich begegnen, blende sie daher geflissentlich aus meinem Blickfeld aus usw. Manchmal mache ich auch die erschreckende Entdeckung, dass ich Gefahr laufe, am Menschen neben mir eigentlich nicht interessiert zu sein, sondern nur an dem, was er “mir bringt”, worin wir gemeinsam unterwegs sind etc. Gelingt es mir – eine Frage der letzten Wochen in meiner neuen Verantwortung – wirklich als “Bruder” den anderen zu begegnen? Was bedeutet es, angesichts der Regelungen, die jede Gemeinschaft nötig hat, um miteinander auszukommen – auch die Kirche ist eine solche, diese als “Leben schenkend” und sinnvoll aufgrund der durch sie zu schützen versuchten Werte und Haltungen diese mit anderen zu teilen?

Wie gelingt es mit anderen Worten wirklich “ehrlich” miteinander umzugehen, also auch ein feedback zu geben, das die Dinge benennt, die meines Erachtens falsch gelaufen sind, ohne dass dabei die Person sich angegriffen fühlt. – Die Liste der Gedanken, die in mir hochgekommen sind, kann fortgeführt werden … Alles in allem: Ich kann, darf, ja muss dem Anderen bzw. der Anderen “in mir” Raum geben und darauf vertrauen, dass auch sie/er mir “in sich” Raum eröffnet. Mein Dienst als “Brückenbauer” soll dem entsprechend gestaltet sein. Ich hoffe, dass ich selbst mir diese Latte immer wieder anlegen lasse.

Ja tatsächlich: ich habe viel zu lernen. Wir haben in der Kirche viel (neu) zu lernen, weil wir uns in der Nachfolge Jesu wissen. Zugleich aber lässt mich die dahinter liegende Sehnsucht nicht locker, denn ein Miteinander – in der Kirche – das von Begegnungen erfüllt ist, ist etwas ganz Anziehendes. Und dieser Vision will ich folgen, denn so gelingt es, in Seinem Namen beisammen zu sein (vgl. Mt 18,20) – und der Auferstandene ist unter uns. Leben wir mit einem, der lebt! Begegnen wir einander!

Eingeladen

In den letzten Wochen habe ich in jenem Saal gegessen, das vom Bild des Priesters und Malers Sieger Köder “Das Mahl der Sünder” geprägt ist: im Refektorium der Villa San Pastore nahe bei Rom, im Ferienhaus des “Pontificium Collegium Germanicum Hungaricum” also.

Card

Eines Tages während der erholsamen mit Austausch und all dem, was der Erholung dient gespickten Zeit meinte ein Kollege, dass der Harlekin ursprünglich vom Künstler eine Bischofsmütze aufgesetzt erhalen hätte, die dann übermalt worden wäre, aber aus einem bestimmten Blickwinkel doh zu erkennen wäre.

Die Tage darauf hat mich dieser Gedanke immer wieder beschäftigt. Denn Er, von dem nur die Hände des Einladens gesehen werden, lädt alle möglichen “Typen”  zum Mahl. Auch ich gehöre dazu. Wohltuend, wie sich der Mensch gewordene Sohn Gottes den Einzelnen gegenüber mit ihrer wohl alles andere als bloß glorreichen Lebensgeschichte verhält. Wie trostvoll. Wie barmherzig. Ungeschuldet. Und: “ganz dran”.  Ich bin froh, zu einer Gemeinschaft zu gehören, die eigentlich von dieser Art des Miteinanders geprägt ist. Ich weiß: genau diese Realität wird nicht immer wahrgenommen. Mein Dienst aber ist es, die Menschen in ihrem So-Sein, das nicht geleugnet wird, das nicht einfach auf die Seite geschoben wird, das auch die Wunden und Verwundungen ernst nimmt, IHM anzuvertrauen und anheimzustellen.

Prinzipien: bleibender und orientierender Ursprung für die Weggeschichten der Menschen

Die Familiensynde rückt näher. Erwartungen werden da und dort geäußert. Mitunter stelle ich mir dabei die Frage, ob denn all diese wirklich grund-legend sind? Bei der Lektüre des “instrumentum laboris” ist mir u.a. aufgefallen, dass weltweit gesehen vieles aufs Tapet zu kommen hat. Bin ich bereit wirklich zu hören oder gehe ich mit den “Ohren” (Erwartungen) in die Debatte hinein, von denen ich meine, sie seien die nowendigsten …?!

In seinem neuesten blog-Beitrag ruft auch Christian Hennecke diesen Gedankengang in Erinnerung, denn: es geht tatsächlich um eine neue Art des Kirche-Seins , auf allen Ebenen.

Daheim sein

Am 5. Juli durfte ich wieder mal “ganz daheim” sein: in Gleisdorf feierte ich mein Silbernes Priesterjubiläum und hielt eine Homilie zum Thema “Priester”. Die Kirche war voll wie selten zuvor, beim traditionell am letzten Sonntag vor den Großen Ferien gefeierten Pfarrfest Gleisdorf war Platz für 1.600 Personen. Brütende Hitze – daheim.

Am frühen Nachmittag stattete ich dann dem Bezirksaltenheim mit seinen knapp 140 Bewohnerinnen einen Besuch ab: ein neues Daheim für viele, die nicht mehr allein zu Hause sein können oder Pflege benötigen.

Auf der Suche nach einem Daheim sind derzeit knapp 30 Männer im ehemaligen Stadtkindergarten – auf ziemlich vorbildhafte Weise arbeiten hier Gemeinde und Pfarre zusammen, schon seit Monaten. Weitere Asylbewerber aus den Pfarren meines Heimat-Pfarrverbandes gesellten sich schließlich gegen Abend zu einem unkomplizierten Treffen hinzu. Bei den persönlichen kurzen Begegnungen und Gesprächen mit Menschen aus Syrien, aus Somalia, aus Nigeria, aus Pakistan usw., Christen und Moslems kamen mir einige Gedanken:

  • Da sind viele zum Warten verurteilt – Monate lang; ihre Familienangehörigen sind zu Hause oder in anderen Ländern …
    Ich mag mir eigentlich gar nicht vorstellen, wie es diesen Personen in ihrem Inneren geht.
  • Da engagieren sich viele von uns freiwillig, um mit denen, deren Zukunft ungewiss ist, Deutsch zu lernen und andere Integrationsmaßnahmen zu setzen; ist nämlich jemand dann anerkannter Flüchtling soll er bzw, sie sofort und ganz “integriert” sein …
    Gott sei Dank machen sich MitbürgerInnen auf, um jenen ohne Heimat einfach, weil es Menschen sind, nahe zu sein.
  • Da erzählen mir manche von ihren Gründen und die Abenteuer bis zum Tag, an dem sie in Gleisdorf angekommen sind.
    Mir kommen die Bilder in den Sinn, die derzeit immer wieder von uns in Österreich gezeigt werden, die die Fragen rund um AsylwerberInnen deutlich machen. Ich denke an die knapp 600 Personen, die derzeit – diözesan koordiniert – in kirchlichen Häusern untergebracht und von der Caritas begleitet werden. Land und Diözese arbeiten im Interesse von Menschen sehr gut miteinander.
    Ich frage mich auch: “Tun wir als Gesellschaft wirklich alles für jene, die bei uns anklopfen? Mir kommt die Herbergsuche in den Sinn – mir geistern viele Gedanken durch den Kopf: Wie war das vor Jahrzehnten als Österreich bei weitem nicht so reich und sofort bereit war aus Ungarn Tausende und Abertausende aufzunehmen etc. etc. – Da gibt es viel Angst und Unsicherheit – vor Menschen wie du und ich: immer dann, wenn mir etwas Neues begegnet, ist dies eine “normale” Reaktion;  ich überwinde sie, indem ich mich dem Neuen stelle, also den Menschen begegne …

Danke also für meine Heimatstadt, die für viele neue Heimat ist und Heimat gibt. Und zugleich eine Bitte: Es geht um Menschen, um unser aller Haus, unsre Erde, mit ihren vielen unsicheren, ja schrecklichen und mitunter menschenverachtenden Kriegs- und Notgebieten. Wir sind zum Miteinander aufgefordert.