Alle Beiträge von Wilhelm Krautwaschl

Neuer Stil

Erste interessante Reaktionen auf das postsynodale Schreiben von Papst Franziskus:

Hier kann der Text der Präsentation von “Amoris laetitia” durch Christoph Kardinal Schönborn OP.  eingesehen werden.

Familienleben – Familien leben! Erste Gedanken zu “Amoris laetitia”

Ein Zeichen dafür, dass etwas lesenswert für mich ist, ist es, wenn ich mich nicht leicht stören lasse um es von Anfang bis zum Schluss zu lesen. Bei “Evangelii gaudium” (“Die Freude des Evangeliums”) ist es mir so gegangen und bei “Amoris laetitia” (“Die Freude der Liebe”). In einfacher Sprache schenkt uns Papst Franziskus in seinem postsynodalen Schreiben tiefe und schöne Einsichten in das, was Ehe und Familie ausmacht. Er schaut aber nicht nur auf diese, sondern benennt viele Situationen, die es im Zusammenleben der kleinsten Zelle von Gesellschaft und Kirche gibt. Er macht auch nicht davor Halt, zu sagen, dass es Unterschiede in Freuden und Sorgen von Familien weltweit gibt. Wen wundert’s, bin ich versucht zu sagen, wenn dieses Wort des Papstes am – vorläufigen – Ende eines über Jahre andauernden Prozesses in der katholischen Kirche weltweit steht. Mehrere Jahre hindurch standen Themenfelder im Bereich rund um Ehe und Familie an prioritärer Stelle kirchlichen Nachdenkens: nach der Ankündigung gab es weltweit Möglichkeit, Fragen zu beantworten – über 16.000 beteiligten sich in der Steiermark, wenn ich es recht in Erinnerung habe; gesammelt und verdichtet wurden diese in einer außerordentlichen Versammlung der Bischofssynode; nach einer weiteren “Runde der Überlegungen” in der ganzen Welt und der Ordentlichen Versammlung der Synode und dem damit verbundenen intensiven Zuhören nunmehr das Wort des Papstes.

Ja, es ist eine Freue gewesen, das lange Dokument zu lesen. Und es würde sich wohl lohnen, bei dem einen oder anderen Kapitel länger zu verweilen und in die Tiefe zu gehen. Denn: das was uns das Evangelium und damit die christliche Botschaft lehrt, sehen alle in ihrem je eigenen Leben, von ihrem je eigenen Standpunkt aus und machen sich demzufolge auch von dort aus auf den Weg. “Indem ich daran erinnere, dass die Zeit mehr wert ist als der Raum, möchte ich erneut darauf hinweisen, dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen. Selbstverständlich ist in der Kirche eine Einheit der Lehre und der Praxis notwendig; das ist aber kein Hindernis dafür, dass verschiedene Interpretationen einiger Aspekte der Lehre oder einiger Schlussfolgerungen, die aus ihr gezogen werden, weiterbestehen. Dies wird so lange ge-schehen, bis der Geist uns in die ganze Wahrheit führt (vgl. Joh 16,13), das heißt bis er uns vollkommen in das Geheimnis Christi einführt und wir alles mit seinem Blick sehen können.” (AL 3) Als ich diese Überlegungen gleich zu Beginn der 300 Seiten gelesen habe, ahnte ich: “Hier spricht einer, dem die unverfälschte Botschaft der Kirche ein Anliegen ist und zugleich die Menschen wichtig sind, die auf dem Weg der Nachfolge gehen”.

Klar: das Schreiben wird wohl auch – vielleicht sogar bewusst – von manchen missverstanden werden wollen. All diese kann ich nur ermuntern und bitten, sich umfassend auf das einzulassen, was uns unser Papst hier vorlegt. All jene, die meinen, es hätte müssen das Eine oder Andere von dem, was vor allem in unserem Kulturkreis an Erwartungen in dieses Schreiben und die Synode gesetzt wurden, deutlicher geschrieben werden, möchte ich nur einen anderen Abschnitt in Erinnerung rufen: “Wenn man die zahllosen Unterschiede der konkreten Situationen – wie jene, die wir vorhin erwähnten – berücksichtigt, kann man verstehen, dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte. Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle. Und da “der Grad der Verantwortung […] nicht in allen Fällen gleich [ist]”, müsste diese Unterscheidung anerkennen, dass die Konsequenzen oder Wirkungen einer Norm nicht notwendig immer dieselben sein müssen.” (AL 300)

Gerade diese “doppelte Orientierung” macht Papst Franziskus für mich so “spannend”. Er ist ein Geschenk für unsere Kirche.

Hier kann der deutsche Text von “Amoris laetitia” heruntergeladen werden.

Sich an den Glauben herantasten

Für die Messfeier in Santa Maria dell’Anima am sogenannten “Weißen Sonntag”, dem “Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit” habe ich folgende Worte für die Predigt vorbereitet.

“Jesus kennt die Seinen. Das traue ich mir zu sagen gerade angesichts der Art und Weise wie er mit Thomas in dem uns ganz und gar vertrauten Evangelium verfährt. Wen wundert’s wirklich, dass die Auferstehung nicht so einfach geglaubt werden kann? Wenn wir uns selbst dieses “Geheimnis unseres Glaubens” in Erinnerung rufen: ist dieses Vertrauen an das Leben wirklich ganz tief in unser Dasein eingeprägt, ohne dass Fragen aufkommen, ohne das Zweifel sich breit machen? Ehrlich: ich empfinde Thomas als ganz und gar sympathischen Kerl. Weil er mir, wohl auch (vielen von) uns sehr ähnlich ist. Wir tun uns einfach leichter und es ist angesichts der letzten Jahrhunderte mit ihren großen Errungenschaften in den Naturwissenschaften auch mehr als verständlich, dass wir eher etwas annehmen und übernehmen, wenn es messbar ist und gezählt werden kann. Und das alles – um es salopp zu formulieren – gibt es eben beim Faktum der “Auferstehung von den Toten” nicht.
Wie eine Hebamme erscheint mir der Auferstandene Thomas gegenüber. Er führt ihn Schritt für Schritt zum Bekenntnis: “Mein Herr und mein Gott!” Er ist sich dafür nicht zu schade. Er liebt ihn. Er hält Thomas nicht vor, dass er eigentlich wissen sollte aus den Jahren in denen er mit ihm unterwegs war, wer Er ist. Und mit dieser Art seiner Liebe, die auch Barmherzigkeit genannt werden kann, und die er nicht nur lebt, sondern ist, wird Einblick in das Wesen Gottes ermöglicht. Wir stellen uns die Szene bildlich ohnedies meist eindrücklich vor und haben wohl auch die eine oder andere Darstellung im Kopf, wie Thomas sich zum Bekenntnis herantastet. Ja: im Bekenntnis zum Auferstandenen, im Rühren an Seine Wundmale – um es bildlich auszudrücken – schauen wir das Wesen unseres Gottes, dessen Name – um unseren Papst in seinem sehr lesenswerten Interviewbuch zu zitieren – Barmherzigkeit ist. Im Übrigen ist diese Bezeichnung Gottes eine, die schon Papst Benedikt XVI. verwendet hat. Aus seinem Leben nämlich, das er als Gott mitten unter uns Menschen geführt hat, wird uns auch im Heute dieser Welt deutlich, dass Gott mitten unter uns erfahren werden kann, dass der Himmel – um es anders auszudrücken – nicht nur eine Wirklichkeit für das “Danach” ist, sondern inmitten des Alltags erfahren werden kann. Und damit wird auch deutlich: dort wo Liebe, dort wo Barmherzigkeit gelebt und damit auch erfahren wird, dort öffnet sich der Himmel ein Stück weit. Ich bin mir sicher, dass unser Papst uns mit der Feier des außerordentlichen Heiligen Jahres in die Herzmitte unseres Glaubens führen möchte. Er lädt uns förmlich ein, in diese Mitte einzutreten, sie zu berühren und damit unser Glaubensbekenntnis, aus dem heraus wir nur leben können, zu erneuern.
Anders ausgedrückt: “Geben wir wie Thomas nicht nach!” Rühren wir immer wieder neu mit unserem Dasein, mit unserem Alltag an diesem Jesus. Dann, wenn wir ihm begegnen in Seinem Wort, wenn wir uns stärken lassen von Ihm in den Sakramenten, dann wenn wir Ihm in den Notleidenden Schwestern und Brüdern begegnen, die uns an die Seite gestellt werden oder uns über den Weg rennen. Und indem wir ihn anrühren mitten in unserem Leben erfahren wir das Leben, das kein Ende kennt, werden wir wie von selbst zum Bekenntnis geführt: “Mein Herr und mein Gott!”

Glauben im Leben

Am Vorabend des Hochfestes des hl. Josef, des steir. Landespatrons, hatte ich Gelegenheit mit der Frühjahrskonferenz der Kath. Männerbewegung Österreichs Messe zu feiern. Der Gedanke, dass Glauben wie beim hl. Josef im Leben geht hat mich zu folgenden Gedanken der Predigt inspiriert:

1. Wiewohl wir vom hl. Josef, dessen Hochfest wir am morgigen Samstag feiern, und der unser Landespatron ist, nicht viel aus den Heiligen Schriften der Bibel wissen, eines ist dennoch klar: er war keiner, der seinen Glauben versteckt hat. Denn er hat mit seiner Familie einiges auf sich genommen – die Stationen in denen er mit seiner Gattin und dem aufwach-senden Jesus herausgefordert war, kennen wir. Mehr noch: Ich traue mir zu behaupten, dass das Vertrauen und damit der Glaube an Gott ihm erst die Möglichkeit eröffnet hat, so zu agieren. – Und damit, meine ich, unterscheidet er sich – plakativ gesprochen – von vielen heute, für die Glauben alles andere als Lebensermöglichung ist. Glauben und Leben werden, so nehme ich es wahr, zunehmend in unserer Weltgegend nicht miteinander kompatibel angesehen. Vernunft und Gläubigkeit werden mitunter ausgespielt, zum Glauben an Gott zu stehen wird vielfach “verwechselt” mit einer sich frömmelnd gebärdenden Art und Weise, das Leben auf dieser Welt zu sehen. Erst Recht im Umgang mit Erfahrungen anderer Religionsgemeinschaften und fundamentalistischen Strömungen in diesen wird gelebter Glauben scheel angeschaut und mit allerlei Nebenwirkungen in der Öffentlichkeit bedacht, so als ob es notwendig wäre, Glauben immer nur gemeinsam mit einer Art Beipackzettel von Arzneien zu genießen, um (schädliche) Nebenwirkungen hintanzuhalten. Ein solches Klima, das seit geraumer Zeit uns entgegenweht, macht auch vor uns nicht Halt.
2. Ich jedenfalls habe in meiner Lebensgeschichte Glauben ganz anders erlebt und versuche daher auch, dies in meinem Dienst als Bischof deutlich zu machen. Glauben ist zunächst, allgemein gesprochen, die Möglichkeitsbedingung zu leben: denn es gibt immer mehrere Möglichkeiten, das Leben zu gestalten – und ich fühle mich daher immer von den konkreten Dingen angegangen und zu Entscheidungen herausgefordert, weil ich wählen kann. Im religiösen Kontext kann damit dann die Rückbesinnung und Rückbindung des Menschen an die Wirklichkeit Gottes bezeichnet werden, der mich und mein Dasein für eine Lebenswirklichkeit öffnet, die offen auf Zukunft ist, weil offen für die Ewigkeit. Noch weiter und enger gedacht ermöglicht mir daher der Glaube in unserer Kirche, der Glaube an den Gott, der Liebe ist und daher nichts anderes kann als auf Ewigkeit hin zu lieben, sich ganz und gar dem zu öffnen was sich mir in meiner Welt an Herausforderungen stellt. Glaube ist demnach, so erfahre ich es, nicht damit verbunden, sich von der Welt und allem in ihr zu “entfernen”, sondern ermöglicht es mir, sich dieser (!) Welt mit allem (!), was sich in ihr abspielt, ganz und gar zu stellen. Glauben ist Lebens-Ermöglichung!
3. Daher, liebe Männer: Lassen wir uns in diesen Tagen der österlichen Bußzeit, die dieser intensiven Auseinandersetzung dienen soll, neu ein auf Gott und damit auf den Glauben. Er ist weit mehr als das, was wir vielleicht an Bildern von “Kirche” und ihrem Leben in uns tragen, er ist mehr als bloßes Engagement für die Aufrechterhaltung gewisser Ereignisse im Jahreslauf, und er ist mehr als Brauchtumspflege. Glauben ist Beziehungspflege, die es mir ermöglicht, von Gott aus und damit dem Blickwinkel der Ewigkeit aus, alles zu gestalten und auch umzugestalten, was mir in dieser Welt begegnet. Nichts kann mich mit Ihm (!) eigentlich aus der Bahn werfen. M.a.W.: es gilt – und die Komplexität der Herausforderun-gen in der Welt, wie sie sich uns bietet, leitet uns immer stärker dazu an – die Ewigkeit als Ziel unseres Daseins wieder deutlicher in den Blick zu nehmen. Wir sind eben nicht daraufhin erschaffen, alles was möglich ist, in unser Dasein hin-ein zu stopfen. Unser Leben währt eben nicht nur die zu erwartenden Jahrzehnte – unser Leben ist eines auf ewig. Und daher erwächst uns Freiheit, die nächsten Schritte vertrauend darauf zu setzen, dass ER uns mit allem in seinen Händen hält.
4. Lernen wir glauben! Und: lernen wir uns genau darüber – und das fällt, soweit ich es sehe, uns Männern sehr schwer – auszutauschen. Damit meine ich nicht Seelenstriptease, sondern die Beantwortung der Frage: “Was lässt dich leben? Was lässt dich überzeugt sein? Was lässt den nächsten Schritt in eine ungewisse Zukunft setzen?” Noch einmal: Nehmen wir im hl. Josef ein Vorbild! Lernen wir glauben!