Alle Beiträge von Wilhelm Krautwaschl

bewegt sein

In einer Ansprache an die Teilnehmer des 3. Weltkongresses der kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften am 22.11.2014 hat Papst Franziskus die Bedeutung der “Bewegung” unterstrichen und die Gefahr in Erinnerung gerufen, sich der Sendung in die Kirche und Welt nicht mehr bewusst zu sein. Nun ist diese Ansprache auf deutsch offiziell verfügbar; hier ist sie zu lesen.

Gott Raum geben – im eigenen Leben

In diesen Tagen bin ich als Priester gefordert. Ich bin bei Besinnungs- und Einkehrtagen engagierter Männer und Frauen dabei. Über 100 sind ins Mariapolizentrum, dem Seminarzentrum “Am Spiegeln” in Wien gekommen. Menschen, die in den Anforderungen der Welt von heute Gott Raum zu geben versuchen. Diese Erfahrung tut mir als Priester mehr als gut: in Gesprächen, bei der Spendung der Sakramente – oft werde ich bei Aussprache und Beichte “gebraucht”, im Anstellen beim Essen, bei den verschiedenen Impulsen etc.: überall scheint das Licht Gottes durch die unterschiedlichsten Lebenswirklichkeiten durch.

Ich mache die Entdeckung – zum wiederholten Mal, und gerade deswegen ist sie immer wieder nötig: die Botschaft des Evangeliums ist nicht eine abgehobene, sondern will durch uns Menschen heute neu “Fleisch” werden. Ich, Du und Wir sind dazu berufen, mitten in der Welt deutlich zu machen, wer Gott ist und wie er ist. Toll eigentlich: wie damals in Palästina, so gibt ER sich heute durch uns der Welt preis … Und: durch uns möchte ER heute “zur Welt gebracht” werden.

Gott auf der Spur

Seit es Menschen gibt, gibt es Sehnsucht. Sehnsucht auch nach Gott. In Weihnachten wird die Sehnsucht gestillt, nicht weil sich der Mensch Gottes ermächtigt hätte, sondern weil Gott sich zum Menschen auf den Weg gemacht hat.

Seit es Christen gibt, spüren diese weltweit diesem großartigen Geschenk nach, was dies wirklich bedeutet, dass Gott in seinem Sohn einer wie wir wurde. Ein Mensch mit Haut und Haaren, mit Geburt und Tod …: Gott also in der Zeit.

Seit den Tagen des heiligen Franziskus wird diesem Nachspüren des “Größten im Kleinsten” Gestalt in Krippen verliehen. In den vergangenen Tagen war ich in einigen Kirchen der Wiener Innenstadt auf einer “Kripperlroas”. Unterschiedlich wurde da dem einen Glauben Gestalt verliehen: mal in Lebensgröße, mal in großen und lebendigen Landschaftsdarstellungen, mal im Ausdruck des 20. Jahrhunderts, mal mit Mitteln des 19. – Eigentlich kommen wir nie ans Ende damit, Gott ins Bild zu bringen.

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Eingeladen zum Leben

Das “Wort des Lebens” lädt rund um die Welt tausende Menschen ein, einen Monat lang sich ganz besonders einem Wort aus der Heiligen Schrift zu widmen. Es gilt, dieses in die Tat umzusetzen, in den Alltag des Lebens. Ein kurzer Kommentar, der hier zu finden ist, hilft sich auf Lebens-Aspekte der Bibelstelle einzulassen. – Ich bin schon gespannt darauf, was sich bei mir so tun wird mit diesem Wort …

Mitten hinein in die Nacht

Predigt zu Weihnachten (In der Heiligen Nacht)
1. Lesung: Jes 9,1–6
2. Lesung: Tit 2,11–14
Evangelium: Lk 1,1–14

1. Mitten hinein in die Nacht der Welt bricht sich Gott Bahn. Wie auch immer wir versuchen, die Botschaft der Hl. Nacht zu verkünden, was auch immer mitunter an Kitsch daraus gemacht wird. Der Kern – und nicht umsonst wird die Mette in der Nacht begangen – ist dieser: auch wenn die Welt noch so finster ist: Gott macht sie hell durch sein Kommen in genau diese Welt. Ja: Gott nimmt genau diese Welt ganz in sich hinein, er bleibt nicht “außen vor”, er macht deutlich, dass er sich selbst zum Akteur machen will und nicht bloß  “besserwisserisch” das Schicksal der Welt von außen beurteilen und dann halt wieder mal gröber eingreifen will. Nein: von innen her, in der Welt will er deutlich machen, dass sie “gottfähig” ist.

2. Nennen wir ruhig Finsternisse, die uns/mir so schnell einfallen:
– Leid, Schrecken, Tod von Menschen, die sie sich gegenseitig zufügen – in den Kriegs- und Krisengebieten
– Unheil und sorgenvolle Schreie von Menschen jeden Alters, geboren oder nicht, an den Rand gedrängt weil nicht mehr produktiv oder eben in der Mitte aller Schaffenskraft
– Not und Trauer von vielen, ja Millionen, die des Nötigsten zum Leben bedürfen
– Ungerechtigkeiten sondergleichen zwischen Nord und Süd, Reich und Arm, Ost und West – und auch da spielen sich wohl viele, viele Bilder vor unseren geistigen Augen ab
– die Einteilung der Welt und der Menschen in ihr mit einfachen Kategorien wie “gut und böse” oder auch in Einflusssphären irgendwelcher Weltmächte
– kleine und größere Nöte des Alltags, weil es zu wenig Arbeit gibt, weil mir Bildung vorenthalten wird und damit die Würde des Menschen nicht entsprechend gelebt werden kann
– und und und …:
Ja: auch 2014 feiern wir die Geburt Gottes inmitten der Nacht der Welt und der Menschheit.

3. Was aber heißt das dann? Nun: Gott ist nicht fern, er erlebt genau das mit Haut und Haaren an sich selbst. Er teilt das Los der vielen Nöte, die zum Himmel schreien und macht damit deutlich: “Ich steh zu Euch! – Mein Ja zur Welt bleibt aufrecht, trotz allem – denn: ich kann doch nicht mich selbst in ihr zerstören um des vermeintlichen Neuanfangs willen?!” Und: damit lädt er mich/uns ein, IHM ähnlich untereinander zu leben, nicht besserwisserisch zu sagen: “Dieses und jenes würde sich gehören, …”, sondern genau das, was mir nicht in den Kram passt, zu lieben. Er wurde Mensch, damit wir – mehr – Mensch werden… Ja: er lädt mich ein, die Finsternisse und Abgründe, in die Menschen heute sich verstricken, nicht bloß als Orte zu sehen, die uns mit unserer Botschaft des Heiles gut ausschauen lassen – unter dem Motto: “Wenn ihr euch nur bekehren würdet, dann wäre alles geritzt” – sondern so wie Sein Sohn zur Sünde für uns geworden ist uns ganz zu den Not Leidenden, Verzweifelten zu begeben, nicht herab zu beugen, sondern den Dreck und das Elend selbst an unserer Haut zu spüren. Damit Heil erfahrbar wird. –

4. Die Heilige, die “geweihte” Nacht macht mir deutlich: Kirche wird immer mehr sie selbst, wenn sie alles verlässt, wovon sie meint, dass es ihr Ureigenstes sei, so wie ER sich nicht zu schade war, das was ER war gering zu achten und zu verlassen. Und ich entdecke, indem ich das sage, wie sehr ich selbst und wohl auch wir noch in den uns liebgewordenen Bereichen verbleiben würden; ja: ich erfahre die Versuchung zur “Machtausübung”, auch wenn sie subtil gehandhabt wird und geistlich vielleicht genannt wird. Oder anders: Nicht dann, wenn alles hell strahlt, wenn alle am Sonntag in die Kirche gehen würden und die Beichstühle voll wären, sind wir am Ziel, sondern wenn wir uns in den Dreck zum Letzten hinabbeugen und das Holz der armen Krippe, in der auch heute viele geboren werden, an unseren eigenen Händen spüren. – Ich hab noch viel zu lernen, wenn ich Weihnachten wirklich ernstnehmen würde …

Gott baut sich ein Haus

Predigt am Morgen des 24. Dezember 2014
Lesung: 2Sam 7,1–5.8b–12;14a.16;
Ev: Lk 1,67–79

1. David ist ein Mensch durch und durch. Er möchte was gelten, schaffen, fruchtbar sein. – Er wird eingebremst von Gott – durch den Propheten. Unsanft. Und das, obwohl er eine eigentlich ganz selbstverständliche und für menschliche Dimensionen logische Frage hat: ich wohne in einem Haus, die Lade Gottes nicht. Also: was liegt näher, als auch dem Herrn etwas IHM entsprechendes zu bauen. – Dieser allzu verständliche Wunsch wird vom Propheten als Irrung entlarvt. Weil es um Gott geht und nicht bloß darum, etwas “gut Gemeintes” umzusetzen.

2. Menschen heute haben auch oft Gutes im Kopf. Und wollen es umsetzen, in- und außerhalb der Kirche. Beispiele zu letzterem fallen mir naturgegebener Maßen eher ein: was es da nicht alles an Reformvorschlägen gibt um Kirche im Heute “neu” ankommen, wieder erstarken zu lassen. Manche treten dann auch mit einem gewissen messianischen Gehabe auf: “Wenn Du nicht diesen Weg gehst, dann läufst du in die Irre.” Tatsächlich: Eigene Wünsche und Vorstellungen über den “rechten Weg” der Kirche geben sich mitunter ganz fromm, aber eben auch beinahe “allein seligmachend”. Und vor lauter “Man müsste, man sollte” diese oder jene Veranstaltung besuchen, diesen oder jenen Wallfahrtsort aufsuchen, diese oder jene Maßnahme setzen, damit Kirche (über)lebt etc. kommt mir mitunter schon vor, dass Gott außen vor gelassen wird.

3. Da tun Worte aus dem Mund des Propheten Natan gut: “Gott selbst wird sich ein Haus bauen!” Nicht wir. Wir sind tatsächlich oft in Gefahr das Jesuswort an Petrus abzuändern – gerade in unseren Breiten: Es heißt ja: “Du bist Petrus – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen” und nicht, so jedenfalls gebärden wir uns mitunter: “Du bist Petrus und auf diesen Felsen wirst du deine Kirche bauen.” Gottvertrauen ist tatsächlich etwas, was uns in unserer Kirche, die so gut durchorganisiert ist, (mehr als) nottut – und damit: Glaube. Wir sehen Zahlen und nehmen manches bzw. vieles wahr, was weniger wird – und sofort haben wir Lösungen parat: Weihezulassungskriterien müssen geändert werden bzw. Pfarren aufgelöst, damit der Pfarrer nicht mehrere Pfarren hat etc. etc. – und wir übersehen, dass sich in den letzten Jahrzehnten halt einiges in der Gesellschaft geändert hat, was den Bezug und das Leben in und mit der Kirche anlangt. So zum Beispiel:
– Firmung wird oft und oft als Abschiedssakrament aus der Kirche gebrandmarkt – und wir übersehen, aus welchem Grund sollten Jugendliche, die vorher nie mit der Kirche gelebt haben, aufgrund 1 singulären Ereignisses plötzlich zu “Überchristen” werden, wenn auch die Erwachsenen da nicht mitleben?
– Wir hören: Dort geht dieses und jenes gut und meinen, dass wir sofort auch in unserem eigenen Bereich dasselbe umzusetzen hätten, und alles würde wieder gut werden, zumindest halt so, wie es (angeblich) immer schon war bzw. wie es halt war zu einer Zeit, die wir noch als “goldene” in Erinnerung haben.
Die Reihe an Maßnahmen, die dann überlegt und gesetzt werden könnte wohl ins unendliche fortgesetzt werden. Allen aber ist anzumerken: eine bestimmte Gestalt an Kirche, die uns lieb und teuer war – über Jahrhunderte – soll möglichst fortgesetzt werden; oder ein Aufbruch, der sich abspielt, ist nur dann wertvoll, wenn alle mittun und wenn möglichst das “frühere” wiederhergestellt wird … “Teuflisch” was sich da abspielt und letztlich Gott-los ist, weil wir planen und “machen”.

4. Wie gut da der heutige Morgen und die Feier von Weihnachten tun: Gott baut sich unter den Menschen selbst ein Haus – so wie er aus dem Erstorbenen der Elisabeth Fruchtbarkeit wachsen lässt. Diese Botschaft Gottes muss (!) wieder neu bei uns eindringen, dringend nötig haben wir sie.

Die Henne oder das Ei?

Wir kennen sie, die berühmte Frage: “War zuerst die Henne oder das Ei?” – Wenn ich mir Debatten rund um die Kirchenentwicklung anschaue, kommt mir immer wieder dieser Vergleich. Vielen Vorschlägen ist eines gleich: die Strukturen (und nur diese) sollen und müssen sich ändern. Mal wird da von der Hierarchie aus gedacht (“Es gibt weniger Priester und Pfarrer, daher …”), mal wird vieles vermeintlich “von unten”, aber in derselben Denke angenommen, weil halt darauf abgezielt wird die Zahl der geweihten Amtsträger zu erhöhen. Mit einem Wort: wir tragen, nein wir schleppen die Last der Geschichte mit.
Zeiten fundamentaler Veränderungen brauchen radikale Ansätze. Mir hilft da das große Trost- und Hoffnungsbuch der Bibel, die Offenbarung des Johannes. Dort wird  u.a. im Bild und in der Rede vom “himmlischen Jerusalem” davongesprochen, dass “am Ende der Zeiten” der Herr inmitten der Seinen lebt, es keinen Tempel mehr braucht usw. (vgl. Offb 21). Das aber, um mit Klaus Hemmerle zu sprechen (vgl. meinen Eintrag unter “besondere Sätze”), was am Ende und in der Vollendung erwartet wird, ist auch im Heute und Hier schon zu leben, verspricht doch der Herr den Seinen: “Wo 2 oder 3 in meinem versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.” (Mt 18,20). Und von dorther – so Hemmerle – bekommen erst Strukturen und Mittel zum Ziel, Sakramente etc., wohl auch die Kirche, ihren Sinn und nur (!) von dorther werden sie verstanden.

Erneut hat Christian Hennecke in seinem blog auf einen Artikel in “Christ in der Gegenwart” geantwortet, in dem von der Enwticklung der römisch-katholischen Kirche hin zur Freikirche die Rede ist, weil es aufgrund des Priestermangels Sonntags auch Wort-Gottes-Feiern gibt. Bei der Lektüre des blog-Eintrags – den Artikel gibt es leider noch nicht (?) online – sind mir diese Gedanken gekommen. Wann machen wir uns – verstärkt – auf, unser Christsein in der Gegenwart zu leben, also die Beziehung mit dem Auferstandenen real erfahrbar werden zu lassen? Oder “verkommen” wir zu einem in seinem setting alten, sich selbst verwaltenden “Apparat”?