Archiv der Kategorie: Allgemein

Begegnung: wir haben viel zu lernen

Immer wieder werde ich seit Antritt meines Dienstes gefragt, wie ich denn mit den vielen Terminen zu Rande käme. Vor einigen Wochen hat mich jemand daraufhin angesprochen und lapidar gemeint: “Versuch nicht ‘Termine’ zu sehen, sondern ‘Begegnungen’.” Ein wahres Wort. Leichter gesagt als gelebt.

Denn: lassen wir uns wirklich aufeinander ein? Gehen wir nicht oft und oft in Gespräche mit “unserem Vor-Urteil” hinein, weil wir eben bestimmte und dem entsprechend geprägte Ohren haben? Diese Frage beschäftigte mich in den vergangenen Wochen angesichts einer langsam, beinahe Meditation zu nennenden Lektüre eines Buches, das die Vorträge des damaligen Bischofs von Aachen Klaus Hemmerle 1991 im Bildungshaus St. Georgen am Längsee widergibt:  Hemmerle, Klaus: Leben aus der Einheit. Eine theologische Herausforderung, hg. v. Peter Blättler, Freiburg i. Br. u. a.: Herder 1995.

Wenn ich mir in Erinnerung rufe, was mir in den vergangenen Tagen an Begegnungen geschenkt wurde, dann waren das immer wieder Menschen – und auch die Ministranten in diesen Tagen in Rom leben das als Kinder und Jugendliche mir vor (!), die an mir als Person interessiert waren: “Du bist mir wichtig”. Und: anscheinend habe ich die Augen-Blicke auch entsprechend genutzt. Allzuschnell verkommen Begegnungen aber zu  “Machtspielchen”, auch wenn sie sich freundlich schminken: da will einer was beim Anderen erreichen; jemand dient sich einem anderen (bieder) an, mitunter auch mit gut gemeinten Ideen und Vorstellungen usw. Oft mache ich auch bei mir in Momenten der Selbstreflexion die Wahrnehmung: eigentlich “will” ich dieser oder jener Person nicht wirklich begegnen, blende sie daher geflissentlich aus meinem Blickfeld aus usw. Manchmal mache ich auch die erschreckende Entdeckung, dass ich Gefahr laufe, am Menschen neben mir eigentlich nicht interessiert zu sein, sondern nur an dem, was er “mir bringt”, worin wir gemeinsam unterwegs sind etc. Gelingt es mir – eine Frage der letzten Wochen in meiner neuen Verantwortung – wirklich als “Bruder” den anderen zu begegnen? Was bedeutet es, angesichts der Regelungen, die jede Gemeinschaft nötig hat, um miteinander auszukommen – auch die Kirche ist eine solche, diese als “Leben schenkend” und sinnvoll aufgrund der durch sie zu schützen versuchten Werte und Haltungen diese mit anderen zu teilen?

Wie gelingt es mit anderen Worten wirklich “ehrlich” miteinander umzugehen, also auch ein feedback zu geben, das die Dinge benennt, die meines Erachtens falsch gelaufen sind, ohne dass dabei die Person sich angegriffen fühlt. – Die Liste der Gedanken, die in mir hochgekommen sind, kann fortgeführt werden … Alles in allem: Ich kann, darf, ja muss dem Anderen bzw. der Anderen “in mir” Raum geben und darauf vertrauen, dass auch sie/er mir “in sich” Raum eröffnet. Mein Dienst als “Brückenbauer” soll dem entsprechend gestaltet sein. Ich hoffe, dass ich selbst mir diese Latte immer wieder anlegen lasse.

Ja tatsächlich: ich habe viel zu lernen. Wir haben in der Kirche viel (neu) zu lernen, weil wir uns in der Nachfolge Jesu wissen. Zugleich aber lässt mich die dahinter liegende Sehnsucht nicht locker, denn ein Miteinander – in der Kirche – das von Begegnungen erfüllt ist, ist etwas ganz Anziehendes. Und dieser Vision will ich folgen, denn so gelingt es, in Seinem Namen beisammen zu sein (vgl. Mt 18,20) – und der Auferstandene ist unter uns. Leben wir mit einem, der lebt! Begegnen wir einander!

Eingeladen

In den letzten Wochen habe ich in jenem Saal gegessen, das vom Bild des Priesters und Malers Sieger Köder “Das Mahl der Sünder” geprägt ist: im Refektorium der Villa San Pastore nahe bei Rom, im Ferienhaus des “Pontificium Collegium Germanicum Hungaricum” also.

Card

Eines Tages während der erholsamen mit Austausch und all dem, was der Erholung dient gespickten Zeit meinte ein Kollege, dass der Harlekin ursprünglich vom Künstler eine Bischofsmütze aufgesetzt erhalen hätte, die dann übermalt worden wäre, aber aus einem bestimmten Blickwinkel doh zu erkennen wäre.

Die Tage darauf hat mich dieser Gedanke immer wieder beschäftigt. Denn Er, von dem nur die Hände des Einladens gesehen werden, lädt alle möglichen “Typen”  zum Mahl. Auch ich gehöre dazu. Wohltuend, wie sich der Mensch gewordene Sohn Gottes den Einzelnen gegenüber mit ihrer wohl alles andere als bloß glorreichen Lebensgeschichte verhält. Wie trostvoll. Wie barmherzig. Ungeschuldet. Und: “ganz dran”.  Ich bin froh, zu einer Gemeinschaft zu gehören, die eigentlich von dieser Art des Miteinanders geprägt ist. Ich weiß: genau diese Realität wird nicht immer wahrgenommen. Mein Dienst aber ist es, die Menschen in ihrem So-Sein, das nicht geleugnet wird, das nicht einfach auf die Seite geschoben wird, das auch die Wunden und Verwundungen ernst nimmt, IHM anzuvertrauen und anheimzustellen.

Prinzipien: bleibender und orientierender Ursprung für die Weggeschichten der Menschen

Die Familiensynde rückt näher. Erwartungen werden da und dort geäußert. Mitunter stelle ich mir dabei die Frage, ob denn all diese wirklich grund-legend sind? Bei der Lektüre des “instrumentum laboris” ist mir u.a. aufgefallen, dass weltweit gesehen vieles aufs Tapet zu kommen hat. Bin ich bereit wirklich zu hören oder gehe ich mit den “Ohren” (Erwartungen) in die Debatte hinein, von denen ich meine, sie seien die nowendigsten …?!

In seinem neuesten blog-Beitrag ruft auch Christian Hennecke diesen Gedankengang in Erinnerung, denn: es geht tatsächlich um eine neue Art des Kirche-Seins , auf allen Ebenen.

Daheim sein

Am 5. Juli durfte ich wieder mal “ganz daheim” sein: in Gleisdorf feierte ich mein Silbernes Priesterjubiläum und hielt eine Homilie zum Thema “Priester”. Die Kirche war voll wie selten zuvor, beim traditionell am letzten Sonntag vor den Großen Ferien gefeierten Pfarrfest Gleisdorf war Platz für 1.600 Personen. Brütende Hitze – daheim.

Am frühen Nachmittag stattete ich dann dem Bezirksaltenheim mit seinen knapp 140 Bewohnerinnen einen Besuch ab: ein neues Daheim für viele, die nicht mehr allein zu Hause sein können oder Pflege benötigen.

Auf der Suche nach einem Daheim sind derzeit knapp 30 Männer im ehemaligen Stadtkindergarten – auf ziemlich vorbildhafte Weise arbeiten hier Gemeinde und Pfarre zusammen, schon seit Monaten. Weitere Asylbewerber aus den Pfarren meines Heimat-Pfarrverbandes gesellten sich schließlich gegen Abend zu einem unkomplizierten Treffen hinzu. Bei den persönlichen kurzen Begegnungen und Gesprächen mit Menschen aus Syrien, aus Somalia, aus Nigeria, aus Pakistan usw., Christen und Moslems kamen mir einige Gedanken:

  • Da sind viele zum Warten verurteilt – Monate lang; ihre Familienangehörigen sind zu Hause oder in anderen Ländern …
    Ich mag mir eigentlich gar nicht vorstellen, wie es diesen Personen in ihrem Inneren geht.
  • Da engagieren sich viele von uns freiwillig, um mit denen, deren Zukunft ungewiss ist, Deutsch zu lernen und andere Integrationsmaßnahmen zu setzen; ist nämlich jemand dann anerkannter Flüchtling soll er bzw, sie sofort und ganz “integriert” sein …
    Gott sei Dank machen sich MitbürgerInnen auf, um jenen ohne Heimat einfach, weil es Menschen sind, nahe zu sein.
  • Da erzählen mir manche von ihren Gründen und die Abenteuer bis zum Tag, an dem sie in Gleisdorf angekommen sind.
    Mir kommen die Bilder in den Sinn, die derzeit immer wieder von uns in Österreich gezeigt werden, die die Fragen rund um AsylwerberInnen deutlich machen. Ich denke an die knapp 600 Personen, die derzeit – diözesan koordiniert – in kirchlichen Häusern untergebracht und von der Caritas begleitet werden. Land und Diözese arbeiten im Interesse von Menschen sehr gut miteinander.
    Ich frage mich auch: “Tun wir als Gesellschaft wirklich alles für jene, die bei uns anklopfen? Mir kommt die Herbergsuche in den Sinn – mir geistern viele Gedanken durch den Kopf: Wie war das vor Jahrzehnten als Österreich bei weitem nicht so reich und sofort bereit war aus Ungarn Tausende und Abertausende aufzunehmen etc. etc. – Da gibt es viel Angst und Unsicherheit – vor Menschen wie du und ich: immer dann, wenn mir etwas Neues begegnet, ist dies eine “normale” Reaktion;  ich überwinde sie, indem ich mich dem Neuen stelle, also den Menschen begegne …

Danke also für meine Heimatstadt, die für viele neue Heimat ist und Heimat gibt. Und zugleich eine Bitte: Es geht um Menschen, um unser aller Haus, unsre Erde, mit ihren vielen unsicheren, ja schrecklichen und mitunter menschenverachtenden Kriegs- und Notgebieten. Wir sind zum Miteinander aufgefordert.

Werkzeug sein

In einigen Stunden werde ich zum Bischof geweiht. Was mir da so durch den Kopf geht? “Werkzeug sein” …
Weil …

  • … tausende mir in den vergangenen Wochen ein Wort des Zuspruchs, einen Segenswunsch und ähnliches mehr zukommen lassen
  • … hunderte heute und in den Tagen bis heute Hand anlegen, damit ein großes Fest gefeiert werden kann
  • … viele Hoffnung zum Ausdruck bringen

All das sind meines Erachtens sicht- und spürbare Ausdrücke dafür, dass Gott auch heute den Menschen (etwas) angeht. Und genau dafür Werkzeug sein zu dürfen, angreifbar für IHN im besten Sinn des Wortes. Toll, großartig.

Wahrheit und/oder Barmherzigkeit

Rund um die Bischofssynode im Herbst werden unterschiedlichste Meinungen und Stellungnahmen abgegeben. Mal ist die “Wahrheit” im Vordergrund, mal “Barmherzigkeit”. Und beide Seiten scheinen sich auszuschließen … Wie mit den Differenzen umgehen? Christian Hennecke hat weitere Überlegungen zu diesem Themenbereich hier beschrieben.

Beratung in der Kirche

Christian Hennecke ist seit kurzem Pastoralamtsleiter der Diözese Hildesheim. Erstmals war er bei einer Sitzung des Diözesanrats dabei und schildert in seinem blog, dass Beratung in der Kirche mehr sein “muss” als Überlegung von Aktivitäten u.ä.m., sondern  “Hinschauen mit den Augen des Evangeliums” auf die Wirklichkeiten ist, wie sie sich uns darbieten.

Reform

Mitunter werde ich den Verdacht nicht los, dass “Reform in der Kirche” mit bestimmten Veränderungen verbunden wird – so auch (wieder mal) in einem lesenswerten Artikel der SZ über den mittlerweile 1 Jahr amierenden Bischof von Passau Stefan Oster. Ob aber das, was Bischof Oster angeht und wie er es angeht, nicht eher Re-Form genannt werden muss?