Alle Beiträge von Wilhelm Krautwaschl

Francesco

Francesco – eine Dokumentation von Evgeny Afineevsky hatte in der vergangenen Woche in Rom Premiere und wurde gestern beim Savannah Film Festival für Nordamerika erstausgestrahlt. Ich habe mir ein Ticket gekauft und den Film gestreamt. Ich bin einfach berührt von den Bildern und dem Inhalt, der weit größer ist als das, was sofort und schnell in allen Medien in unseren Breiten kommuniziert wurde. War es bei Wim Wenders “Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes” in einer Art “Privataudienz”, so wird in dieser Dokumentation sein “Gehen an die existentiellen Ränder” mit Originalbildern gezeichnet und auch von einigen “Weggefährten” gedeutet.

Schon die ersten Bilder, die am Ende “wiederkehren” sind eindrücklich: der leere Petersplatz und der allein dort die Stufen zum Baldachin hoch steigende Papst Ende März, “am Beginn” der Pandemie und des lockdowns, der mit einigen Bildern aus großen Städten der Welt und Teilen seiner damaligen Predigt unterlegt wird. Von “laudato si” beginnend und damit den großen Fragen der Ökologie – wie bei allen Themen sind auch hier Reisen, etwa auf die Philippinen, als “Erweis” seiner Botschaft dokumentiert – nimmt das Thema Flucht und Migration (Lampedusa) auch einigen Raum ein – im Begriffspaar “Brücken statt Mauern” wird es auch später einmal (Mexiko) aufgegriffen.

Gleich drei Mal wird das Thema Missbrauch aufgegriffen, um – so scheint es – die Persönlichkeit des Papstes zu unterstreichen – es geht dabei immer um Chile: zunächst sein vor Ort noch dokumentiertes “Unverständnis”, dann sein “Lernen” [apostolische Visitation] und die Bitten um Verzeihung und schließlich die Konsequenzen [Treffen mit allen Bischöfen, Verschärfungen im Kirchenrecht, …], die er aus den großen leidvollen Erfahrungen gezogen hat. “Begleitend interpretiert” werden diese Abschnitte immer vom selben Opfer, das Franziskus auch in Rom empfangen hat: der Weg, den dieser Mann auch in der “Beurteilung” des Papstes zurück gelegt hat, ist nicht nur bedeutsam, sondern auch sehr emotional.

Eingestreut in all die Ereignisse sind Lebensabschnitte des früheren Erzbischofs von Buenos Aires, “Lernorte” gleichsam für sein Wirken als Papst im Heute: seine Mitgliedschaft bei den Jesuiten, genauso wie seine Familie mit Fluchthintergrund. Alles macht deutlich: er setzt sich für die Geschwisterlichkeit ein, die er in seiner jüngsten Enzyklika als jenen Lebensstil propagiert, der uns in dieser Welt eigentlich auszeichnen sollte. Von daher werden sein Zugehen auf die “Frauenfrage”, auf gleichgeschlechtliche Beziehungen, sein die Stimme erheben was den Genozid an den Armeniern anlangt, sein Besuch in Auschwitz, sein – auch diplomatisch geschicktes – Umgehen mit den Fluchtfragen der Rohingya, der Besuch auf Lesbos u.a.m. ins Bild gerückt. Dass in vielen Abschnitten Personen aus dem unmittelbaren Umfeld des Vatikans wie auch der Bewegung Sant’Egidio zu Wort kommen, darf da nicht verwundern. Es ist eben der Papst, der heute der richtige ist [so jedenfalls wird abschließend die Wahl zum Papst von den Kardinälen 2013 geistlich interpriert].

Schön, dass ich die Gelegenheit genutzt habe, mir an unserem Nationalfeiertag gerade diese Dokumentation anzusehen, um mir – wieder einmal – unsere Aufgabe in Erinnerung zu rufen, uns füreinander einzusetzen …

Geschwisterlichkeit – weltweit

Papst Franziskus hat gestern am Grab des hl. Franz von Assisi seine dritte Enzyklika unterzeichnet, die heute Mittag der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Nach einer ersten Lektüre habe ich mir folgende Zusammenfassung niedergeschrieben:

Unser Papst ist in seinen Schriften und nicht nur durch seinen Namen dem heiligen Franz von Assisi sehr verbunden. Es ist auch kein “Zufall”, dass er am Tag des Heimgangs des poverello, dem 3. Oktober, seine neueste Enzyklika unterschrieben hat. Wie “laudato sí” wird auch diese Enzyklika über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft mit einem Zitat des Heiligen eröffnet, das der Papst dessen Ratschlägen entnommen hat. Allen Brüdern und Schwestern – weil alle Kinder Gottes sind – legt der Heilige nahe, die Menschen zu lieben, auch wenn sie weit entfernt leben. – In Demut will der Papst dieses Lehrschreiben verstehen als Gesprächsbeitrag zu einer Kultur der Geschwisterlichkeit unter allen Menschen so wie eben Franz von Assisi beim Sultan seinerzeit auch nicht Wortgefechte geführt, sondern ihm die Liebe Gottes – vgl. 1Joh 4,16 – mitgeteilt hat. Angeregt durch seinen Besuch beim Großimam in Abu Dhabi 2019 begann Papst Franziskus seine Gedanken niederzuschreiben, die er zum einen nicht als Lehre umfassende Lehre über die geschwisterliche Liebe verstanden wissen will und die zum anderen durch die Pandemie an Notwendigkeit deutlich gewonnen hat, wurden doch damit viele unserer falschen Sicherheiten offengelegt: “Ich habe den großen Wunsch, dass wir in dieser Zeit, die uns zum Leben gegeben ist, die Würde jedes Menschen anerkennen und bei allen ein weltweites Streben nach Geschwisterlichkeit zum Leben erwecken.” (8)

Schonungslos benennt er daher im 1. Kapitel seiner Enzyklika “fratelli tutti” einige Wahrnehmungen, die einer universalen Geschwisterlichkeit im Weg stehen: neu aufbrechende Egoismen und Nationalismen, Reduktion eines wirklichen Miteinanders auf wirtschaftliche Vernetzung und damit eine neue Einsamkeit der Menschen, die auch “geschichtslos” in die Zukunft ausblicken. Dies werde wiederum durch Populismen mit Verdächtigungen etc. verschärft: “Ein Plan mit großen Zielen für die Entwicklung der Menschheit klingt heute wie eine Verrücktheit.” (16) Menschen laufen daher Gefahr nicht mehr in ihrer Würde gesehen sondern lediglich als Mittel zum Zweck benutzt zu werden. Sichtbar wurde dies auch durch die Pandemie, indem etwa in so manchen Ländern das Sterben weggesperrt und damit Menschen selbst in dieser entscheidenden Stunde gleichsam “weggeworfen” wurden; Rassismus oder auch der Umgang mit Arbeitslosigkeit sind weitere Anzeichen für den Papst wie des Menschen Würde zerstückelt wird: Wirtschaft hat der Gesamtentwicklung des Menschen zu dienen! (21) Ja: es fehlen die Horizonte, die uns zur Einheit führen (26), weil wir selbst vereinzelt sind: “Von Neuem erscheint »die Versuchung, eine Kultur der Mauern zu errichten, Mauern hochzuziehen, Mauern im Herzen, Mauern auf der Erde, um diese Begegnung mit anderen Kulturen, mit anderen Menschen zu verhindern. Und wer eine Mauer errichtet, wer eine Mauer baut, wird am Ende zum Sklaven innerhalb der Mauern, die er errichtet hat, ohne Horizonte. Weil ihm dieses Anderssein fehlt«” (27) – all das gleicht einem “Schisma” zwischen den Einzelnen und der Gesellschaft um ihn herum. Auch in Fragen rund um die Migration sind solche Schemata offenkundig. “Während verschlossene und intolerante Haltungen, die uns vor den anderen abschotten, zunehmen, verringert sich oder verschwindet paradoxerweise die Distanz bis hin zur Aufgabe des Rechts auf Privatsphäre” (42): digitale Medien können auch die vermeintliche Offenheit hin zum Ganzen vorgaukeln, während der Mensch im Individualismus verhaftet bleibt und Gefahr läuft sich gegenüber anderen zu erheben – Hass im Netz und entsprechende “Blasen-“Aggressionen machen vor niemandem Halt: “Wir müssen zugeben, dass der Fanatismus, der zur Zerstörung anderer führen kann, auch von religiösen Menschen – Christen nicht ausgeschlossen – verübt wird” (46). Dem kann aber wahre Begegnung abhelfen (48), wozu aber ein Aufschauen aus dem Kreisen um sich selbst notwendig ist: “Wir können gemeinsam die Wahrheit im Dialog suchen, im ruhigen Gespräch oder in der leidenschaftlichen Diskussion.” (50) – Was für den Einzelnen gilt ist auch für Gesellschaften ähnlich, die in Gefahr stehen, sich auch nicht entsprechend entwickeln zu können, sondern von einzelnen in ihnen bzw. unter den Staaten “oben” und “unten” vertieft werden, “reich” und “arm” noch weiter sich voneinander entfernen.
All diese Entwicklungen wurden durch die weltweite COVID-19-Krise aufgedeckt: “wir haben uns mit Connections vollgestopft und darüber den Geschmack an der Geschwisterlichkeit verloren […] Der Schmerz, die Unsicherheit, die Furcht und das Bewusstsein der eigenen Grenzen, welche die Pandemie hervorgerufen haben, appellieren an uns, unsere Lebensstile, unsere Beziehungen, die Organisation unserer Gesellschaft und vor allem den Sinn unserer Existenz zu überdenken.” (33). “Gott gebe es, dass es am Ende nicht mehr „die Anderen“, sondern nur ein „Wir“ gibt.” (35) Genau das aber ist für Papst Franziskus auch ein Ansatz, in dem Hoffnung sichtbar und deutlich wird, die er in den folgenden Kapiteln aufzuschlüsseln gedenkt.

Wie wir es mittlerweile von ihm schon gewohnt sind stellt der Papst nach einer Wahrnehmung der Welt wie sich eben darbietet eine Betrachtung über eine Bibelstelle allem anderen voran. So macht er je neu deutlich, dass Glauben eben Leben aus einer Quelle bedeutet, die das sichere Fundament ist. Im 2. Kapitel seiner Enzyklika stellt er das vielen – wohl auch Nichtchristen – bekannte Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) in die Geschichte des Bundes Gottes mit seinem Volk, das zur Erkenntnis der Nächstenliebe in der auch uns bekannten Form wohl auch ob seiner leidvollen Geschichte und des damit verbundenen Exodus aus Ägypten gekommen ist. Franziskus greift dabei u.a. auf die jesuitische Praxis der Bibellektüre zurück und lädt die Lesenden ein sich in selbst in die Handelnden der Erzählung zu versetzen: “Wer bin ich in dieser Bibelstelle?” Kurz beschreibt er die Räuber, die – religiösen – Menschen, die vorübergehen, den Mann aus Samarien und auf den Verletzten: “»in der globalisierten Gesellschaft gibt es einen eleganten Stil, sich abzuwenden, der gegenwärtig praktiziert wird: Unter dem Deckmantel der politischen Korrektheit oder ideologischer Modeerscheinungen schaut man auf den Leidenden, ohne ihn zu berühren; er wird live im Fernsehen übertragen. Es wird sogar eine scheinbar tolerante Sprache voller Euphemismen benutzt«.” (76) “Dieses Gleichnis ist ein aufschlussreiches Bild, das fähig ist, die grundlegende Option hervorzuheben, die wir wählen müssen, um diese Welt, an der wir leiden, neu zu erbauen” (67): es zeigt Menschen, die eben nicht vorübergehen, die das Zerbrechliche, den Rand sehen und annehmen und mit Liebe erfüllen und damit an einer menschenwürdigen Gesellschaft bauen, in der alle Platz haben. Daher gilt es: “Suchen wir die anderen, und nehmen wir die uns aufgetragene Wirklichkeit in die Hand, ohne Angst vor Schmerz oder Unvermögen, denn dort liegt all das Gute verborgen, das Gott in das Herz des Menschen gesät hat.” (78) Es gilt eben, zum Nächsten zu werden!

Liebe ist jene Lebenshaltung, die uns dabei hilft – im 3. Kapitel lenkt Papst Franziskus unsere Blicke darauf, wie eine “offene Welt” zu schaffen ist und zitiert hierbei u.a. den heiligen Papst Johannes Paul II.: “Der Liebende tritt heraus aus seinem Selbst, um eine vollere Existenz in einem anderen zu finden.” (88) – “Perversionen” falsch verstandener Liebe sind, so Franziskus, mitunter auch solchen Menschen nicht fern, die sich gläubig nennen und von “Liebe” bloß sprechen, damit aber eine in sich geschlossene Ideologie meinen (92); auch in und zwischen Gesellschaften und Staaten können sich ähnlich gelagerte Phänomene ereignen, die eben Liebe in diesem Sinn nicht entsprechen: so mancher Mensch ist “existentiell” am Rand – weil behindert, weil anderer Hautfarbe u.ä.m. – Erst wenn der Mensch liebt kann Geschwisterlichkeit wachsen, denn: “Der Individualismus macht uns nicht freier, gleicher oder brüderlicher. Die bloße Summe von Einzelinteressen ist nicht in der Lage, eine bessere Welt für die gesamte Menschheit zu schaffen.” (105) Daher: aus Liebe und in Liebe gilt es, jedem Menschen in der Welt, egal wo er wohnt und lebt, ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Dies gilt es zu wollen – in der Sorge um unser gemeinsames Haus, das unsere Welt ist! Einem solchen Lebensstil sollen auch die wirtschaftlichen Mechanismen dienen. Denn es gibt “Grundrechte, die »jeder Gesellschaft vorausgehen, weil sie sich aus der Würde ableiten, die jedem Menschen zukommt, weil er ein Geschöpf Gottes ist«” (124). Freilich: damit muss die Begegnung und der Austausch unter den Nationen und Ländern vielfach anders als derzeit gelebt geführt werden. “Wenn jeder Mensch eine unveräußerliche Würde hat, wenn jeder Mensch mein Bruder oder meine Schwester ist, und wenn die Welt wirklich allen gehört, ist es egal, ob jemand hier geboren wurde oder außerhalb der Grenzen seines eigenen Landes lebt.” (125) Nur, wenn wirklich diese vor-gegebene Beziehung zwischen allen anerkannt und entsprechend gelebt wird, wird wirklicher und dauerhafter Friede möglich.

So gilt es “ein offenes Herz für die ganze Welt” zu leben, wie das 4. Kapitel überschrieben ist. Papst Franziskus widmet sich eingangs verschiedenen Aspekten von Migration und den damit zusammenhängenden Herausforderungen, da die Gründe sich aus der angestammten Heimat auf den Weg zu machen unterschiedlicher Natur sind: “aufnehmen, schützen, fördern und integrieren” bezeichnet er als die vier Verben, die es zu leben gilt, solange es Situationen in der Welt gibt, die die volle Verwirklichung des Personseins einzelner nicht ermöglichen. Dies aber ist nicht für einzelne Staaten allein zu schultern, sondern braucht das Engagement in Gemeinschaft und damit der wirklichen Begegnung, damit sich etwa Kulturen gegenseitig bereichern. Dieser Gedanken der Gegenseitigkeit wird von Papst Franziskus danach weiter und allgemeiner entfaltet: es gilt, dies zu leben, auch wenn es zunächst keinen unmittelbaren Nutzen für den Helfenden aus einem solchen Lebensstil geben sollte: “Wie es um die verschiedenen Länder der Welt wirklich bestellt ist, lässt sich an dieser Fähigkeit abmessen, nicht nur an das eigene Land, sondern an die ganze Menschheitsfamilie zu denken, und das wird besonders in kritischen Zeiten offenbar.” (141) Um nicht in simples “entweder” – “oder” zu verfallen ergänzt unser Papst: “die universale Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft im Inneren jeder Gesellschaft [sind] zwei untrennbare und gleichwichtige Pole […] So wie es ohne persönliche Identität keinen Dialog mit anderen gibt, so gibt es auch keine Offenheit zwischen den Völkern ohne die Liebe zum eigenen Land und seinen Menschen sowie zu ihren jeweiligen kulturellen Eigenheiten.” (142f.) Nur so (!) verkommt der Gedanken des Universalen nicht zu einem Einheitsbrei, der – wie etwa im legendären Turmbau zu Babel – hypertrophe Züge angenommen hat: niemand kann sich selbst genügen. “Je weniger Weite ein Mensch in seinem Denken und Empfinden besitzt, desto weniger wird er in der Lage sein, die ihn unmittelbar umgebende Wirklichkeit zu deuten.” (147)

“Um die Entwicklung einer weltweiten Gemeinschaft zu ermöglichen, in der eine Geschwisterlichkeit unter den die soziale Freundschaft lebenden Völkern und Nationen herrscht, braucht es die beste Politik im Dienst am wahren Gemeinwohl.” (154) Mit diesen Worten leitet Papst Franziskus das 5. Kapitel seines Gesprächsbeitrags ein. Populismus wie auch Liberalismus leben ihre Ideen meist auf den Ärmsten und Schwächsten aus, was Papst Franziskus in einigen Artikeln danach für beide Entwicklungen differenzierend ausführt und im Vorübergehen auch noch manche linke Ideologien entlarvt. Gerade deswegen erinnert er gemeinsam seine Vorgänger zitierend daran, “dass eine »Reform sowohl der Organisation der Vereinten Nationen als auch der internationalen Wirtschafts- und Finanzgestaltung« notwendig ist, »damit dem Konzept einer Familie der Nationen reale und konkrete Form gegeben werden kann.«” (173) Daher plädiert Franziskus für den Primat der Politik – trotz all der Misstöne in ihrer Umsetzung – vor der Wirtschaft, damit das Gemeinwohl auch für zukünftige Generationen nicht gefährdet ist. So gilt für ihn: “Es ist keine pure Utopie, jeden Menschen als Bruder oder Schwester anerkennen zu wollen und eine soziale Freundschaft zu suchen, die alle integriert. […] Es geht darum, zu einer gesellschaftlichen und politischen Ordnung zu gelangen, deren Seele die gesellschaftliche Nächstenliebe ist.” (180) So gelebte “soziale Liebe” ermöglicht es auf dem Pfad hin “zu einer Zivilisation der Liebe voranzuschreiten” (182). ” Der Politiker ist tatkräftig, er ist ein Erbauer mit großen Zielen und mit realistischem und pragmatischem Weitblick auch über sein Land hinaus. Die größte Sorge eines Politikers sollte nicht das Fallen der Umfragewerte sein, sondern vielmehr, dass er keine wirksame Lösung findet, um »das Phänomen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ausschließung mit seinen traurigen Folgen wie Menschenhandel, Handel von menschlichen Organen und Geweben, sexuelle Ausbeutung von Knaben und Mädchen, Sklavenarbeit einschließlich Prostitution, Drogen- und Waffenhandel, Terrorismus und internationale organisierte Kriminalität so schnell wie möglich zu überwinden.” (188) Gerade Regierende wissen sich vor der Herausforderung, so zu lieben, dass eben auch Dialog “als Austausch von Angeboten zugunsten des Gemeinwohls” gelebt wird (190).

Um soziale Freundschaft zu leben ist Dialog notwendig: um diesen Gedanken kreisen die Worte von Papst Franziskus im 6. Kapitel der neuen Enzyklika. Dialog ist aber etwas anderes als ein – mitunter hitziger – Meinungsaustausch, der eigentlich ein Anzahl von nebeneinander stattfindenden Monologen ist, wie es vielfach in den sozialen Netzwerken vorzufinden ist: “Der echte Dialog innerhalb der Gesellschaft setzt die Fähigkeit voraus, den Standpunkt des anderen zu respektieren und zu akzeptieren, dass er möglicherweise gerechtfertigte Überzeugungen oder Interessen enthält.” (203) Gerade Medien haben es eigentlich in ihrer “DNA”, für das Vermittelnde zu sorgen, das nicht gleichzusetzen ist mit Relativismus: “In einer pluralistischen Gesellschaft ist der Dialog der beste Weg zur Anerkennung dessen, was stets bejaht und respektiert werden muss und was über einen umstandsbedingten Konsens hinausgeht.” (211) Erneut fordert Franziskus in diesem Zusammenhang die “Kultur der Begegnung” ein; Prozesse hierfür an- und einzuleiten sollte auf der Tagesordnung aller am gesellschaftlichen Diskurs Beteiligten stehen: “Rüsten wir unsere Kinder mit den Waffen des Dialogs aus! Lehren wir sie den guten Kampf der Begegnung!” (217) Dies kann natürlich auch bedeuten, dass nötigenfalls etwas für das Gemeinwohl aufzugeben ist, da die “Suche nach einer falschen Toleranz [..] dem Realismus des Dialogs weichen muss, dem Realismus derer, die überzeugt sind, ihren Prinzipien treu bleiben zu müssen, gleichzeitig aber anerkennen, dass der andere ebenso das Recht hat, zu versuchen, seinen eigenen Prinzipien treu zu sein.” (221)

Im vorletzten Kapitel seiner Enzyklika beschreibt Papst Franziskus schließlich “Wege zu einer neuen Begegnung”: “Der Weg zum Frieden bedeutet nicht, die Gesellschaft homogen zu machen, sondern zusammenzuarbeiten” (228), woraus deutlich wird, dass er eigentlich nicht nur “Vertrag” ist, sondern andauernde Veränderung im eigenen Menschsein, wobei fehlende ganzheitliche Entwicklung des Menschen Friedensbildung verunmöglicht: “Wenn es um einen Neuanfang geht, müssen wir immer bei den Geringsten unserer Brüder und Schwestern beginnen” (235). Dass hierbei Vergebung und Versöhnung notwendige Motoren sind, den Weg voranzutreiben ist alles andere als ein Zeichen von Schwäche, also Konflikte sind – entsprechend gelebt – unvermeidlich, auch weil “Achtung vor anderen Menschen [..] nicht dazu führen [darf], um des vermeintlichen Friedens in Familie und Gesellschaft willen sich selbst untreu zu werden.” (240) “Wahre Versöhnung aber geht dem Konflikt nicht aus dem Weg, sondern wird im Konflikt erreicht, wenn man ihn durch Dialog und transparente, aufrichtige und geduldige Verhandlungen löst.” (244) Denn: “Die Einheit steht über dem Konflikt. […] Es geht nicht darum, für einen Synkretismus einzutreten, und auch nicht darum, den einen im anderen zu absorbieren, sondern es geht um eine Lösung auf einer höheren Ebene, welche die wertvollen innewohnenden Möglichkeiten und die Polaritäten im Streit beibehält” (245). Auch bedeutet Vergeben nicht zu vergessen: Franziskus erinnert im Vorübergehen an die Verbrechen der Schoah, die Atombombenabwürfe, an Sklavenhandel und ethnische Säuberungen usw. Und er geht auch kurz auf die Extremsituationen von [auch vermeintlich “gerechtem”] Krieg und Todesstrafe ein.

Schließlich erinnert Papst Franziskus im 8. Kapitel der Enzyklika “Fratelli tutti” an den Beitrag der Religionen an der Geschwisterlichkeit in der Welt: “Der Dialog zwischen Menschen verschiedener Religionen findet nicht nur aus Diplomatie, Freundlichkeit oder Toleranz statt. […] Als Gläubige sind wir davon überzeugt, dass es ohne eine Offenheit gegenüber dem Vater aller keine soliden und beständigen Gründe für den Aufruf zur Geschwisterlichkeit geben kann.” (271f.) Wird nämlich der Mensch ohne seine transzendente Dimension gesehen wird manches im Dialog ausgeblendet, die aber Voraussetzung stiftet für einen Dialog auf Augenhöhe. Gerade deswegen kann und darf Kirche sich nicht auf das Private zurückziehen, weil sie eben den Menschen in seiner Ganzheit sieht: “Für uns [als Kirche – im Unterschied zu anderen Religionen] liegt die Quelle der Menschenwürde und Geschwisterlichkeit im Evangelium Jesu Christi. Aus diesem »entspringt für das christliche Denken und für das Handeln der Kirche der Primat, der der Beziehung vorbehalten wird: der Begegnung mit dem heiligen Geheimnis des anderen und der universalen Gemeinschaft mit der ganzen Menschheit als Berufung aller«” (277). Die Forderung nach Religionsfreiheit hat genau darin ihren Ursprung; sie wird die Kirche nicht müde für alle Menschen einzumahnen. Für das Miteinander und daher auch den Frieden zwischen den Religionen ist jener Blick Gottes nötig, der einer des Herzens ist: “Die Wahrheit ist, dass Gewalt keinerlei Grundlage in den fundamentalen religiösen Überzeugungen findet, sondern nur in deren Verformungen” (282), wodurch u.a. deutlich wird, dass Terrorakte “im Namen Gottes” Religion instrumentalisieren. Deswegen schließt die Enzyklika mit Ausschnitten aus der Begegnung von Papst Franziskus in Abu Dhabi 2019 mit Großimam Al-Tayyib und dem dort formulierten Aufruf für Frieden, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit[1], Erinnerungen an Inspiratoren für seine Gedanken wie etwa dem hl. Franz von Assisi, Martin Luther King, Desmond Tutu, Mahatma Gandhi und andere wie auch Charles de Foucauld: “Seine Vision einer Ganzhingabe an Gott fand ihre Verwirklichung [..] in seiner Identifikation mit den Geringsten und Verlassenen in den Weiten der afrikanischen Wüste […] Er wollte letztendlich »der Bruder aller« sein” (287). Ein Gebet zum Schöpfer und ein ökumenisches Gebet beschließen die ausführlichen Gedanken des Papstes.

[1] vgl. https://www.katholisch.at/aktuelles/124519/wortlaut-die-bruederlichkeit-aller-menschen.

instruiert werden – XLVIII

48. Schlussbemerkungen II

Eigentlich wollte ich nur kurz so manche Gedanken liefern, um deutlich zu machen, dass ich bereit bin, im “Hören” auf diese Instruktion – ich hoffe ich habe es getan – manches an Tageslicht zu befördern, was im grellen Scheinwerferlicht der Beobachtung mitunter nicht gesehen wird oder übersehen wird. Ich meine auch, dass dieses “ruhige Hinhören” gewinnbringender ist bei allem, was auch “dagegen” gesagt werden muss – und auch das ist in den nunmehr knapp 50 blog-Einträgen geschehen – als bloß das schnelle und nach Aufmerksamkeit heischende Antworten im grellen Scheinwerferlicht der Klassifizierungen zwischen “progressiv” und “konservativ” u.ä.m.

Ich meine, dass es sich “lohnt”, die Überschrift wirklich als Verstehensschlüssel für alle Passagen der Instruktion her zu nehmen und diese Art von “Gesellschaft” zu leben, die eben Kirche so einzigartig macht als “Leib Christi”. Von der Sendung her gilt es Kirche “neu” zu verstehen – so jedenfalls interpretiere ich selbst immer wieder unseren Papst und gebe ihm vollkommen recht: die bloße Lehre als hieratischen Block ohne Leben aus der und der Liebe den Menschen anzubieten ist fahrlässig und wird uns ohnedies durch eine Glaubwürdigkeitskrise sondergleichen, die wir derzeit wahrnehmen, offensichtlichst aufgetischt. Und nach wie vor beschäftigen wir uns als Innenarchitekten statt die Sendung als uns bestimmend wahrzunehmen, nach wie vor meinen wir unsere Identität (als Kirche bzw. als Glieder in ihr, als Amtsträger usw.) zu retten und zu erhalten, indem wir uns abgrenzen von anderen. Wir merken dabei zu wenig, dass wir an der christlichen Identität mehr als vorbeischrammen, die eben heißt: nicht Identität durch Abgrenzung, sondern durch Liebe und Hingabe. Ich ergänze sogleich, dass ich um mich als sündigen Menschen weiß – das ist kein “fishing for compliments”! Auch ich hoffe, dass ich mich redlich mühe – gerade weil ich ein geweihtes Amt in der Kirche und für sie ausübe – den Worten und damit Geboten unseres Meisters zu entsprechen. Das ist Leitung, die freigibt und eben nicht “bestimmt”, aber gerade darin bestimmend ist, weil einen Lebensstil in diese Welt einpflanzend, den sie gerade im Heute nötig hat, das vielfach von egoistischen Antrieben gezeichnet ist[1].

Man würde mich wohl auch dann “falsch” verstehen, wenn all das, was ich mir in den vergangenen Wochen so zu dieser Instruktion gedacht und niedergeschrieben habe – tagebuchmäßig, als bloße “Verteidigung” der römischen Position gelesen würde. Ich verstehe meine Überlegungen zum Einen als hinhörendes Reflektieren und damit auch als Kritik im ursprünglichen Sinn des Wortes und hoffe, dass sich hier einige wiederfinden. Ich habe daher versucht, an für mich “entscheidenden Stellen” das deutlich zu machen, etwa

  • wenn ich meinte, ob eine Instruktion das richtige Vehikel sei, prinzipielle pastorale Erwägungen zu transportieren – und habe mich dennoch darauf eingelassen, weil es nun mal so vorgegeben ist;
  • wenn ich angefragt habe, ob und wie gesamtkirchliche Dokumente ohne Rücksprache mit den Ortskirchen und damit auch einer einfühlsameren Übersetzung, die den Denkhorizont der Empfänger wirklich ernst nimmt, sinnvoll sind;
  • wenn ich den inneren Aufbau der Normen, die in Erinnerung gerufen werden, als unglücklich um nicht zu sagen “falsch” dargestellt habe, weil es in der missionarischen Sendung der Kirche und damit auch unserer Pfarren eben nicht nur um Themen rund um die Leitung und damit die Rolle und Funktion der Pfarrer bzw. Priester geht, sondern wesentlich diese Dimension der ganzen Kirche in den Vordergrund gerückt werden soll;
  • wenn ich manche Themen in einer weltweiten Instruktion als eigentlich nicht angebracht betrachte oder deren Bedeutung durch eine falsche Setzung von Kapiteln und Abschnittsunterteilungen infrage stelle;
  • wenn ich darüber hinaus das Instrument der “Instruktion” in manchen Bereichen als nicht entsprechende literarische Form für so manche Darstellungen hinterfragt habe;
  • usf.

Habe ich mit diesen ausführlichen Überlegungen, die wie gesagt weit länger wurden als ich mir selbst gedacht habe, nicht doch – gegen meinen anfangs getätigten Einwand – dieses römische Dokument “zu ernst” genommen? Die Frage mag gestellt werden. Genauso aber irritiert mich bei so manchen der – beinahe schon – prinzipielle hermeneutische Verdacht an Dokumenten unter dem Motto: “Kann denn aus Rom etwas Gutes kommen?” Ich finde, dass im aufmerksamen Hinhören auch so manches mir selbst für unseren Weg in der Diözese klarer und deutlicher wurde und daher werde ich mich mühen, dies – und das ist eben diese evangelisierende Dimension von Kirche, die sich gemeinsam gesendet weiß mitten hinein zu allen in unserer Welt, vor allen zu denen am Rand – auch in meinem Verantwortungsbereich entsprechend deutlich einzumahnen. Ob ich fähig bin, ob wir fähig sind zu einer solchen Umkehr hoffe ich.

[1] Derzeit in der COVID19-Krise sind ja sehr viele die richtigen und besten Virologen; bekanntlich ist Österreich ja eine Nation, in der es mehr als 8.000.000 Fußballnationaltrainer gibt usw. – Wenn ich es recht sehe – und damit wird deutlich, dass dies für mich kein Vorwurf ist – ist es auch irgendwie nachvollziehbar, dass Menschen in einer zunehmend komplexer werdenden Wirklichkeit ihr “Heil” im eigenen Selbst als dem vermeintlich einzig Stabilen suchen. Und diese Wirklichkeit macht auch vor den JüngerInnen Jesu im Heute des 21. Jahrhunderts nicht Halt.

instruiert werden – XLVII

47. Schlussbemerkungen I

In so manchen Kommentaren, die zur Instruktion erschienen sind, werden Beginn und Ende durchaus lobend erwähnt. Weil sie die missionarische Sendung der Kirche betonen würden, was tatsächlich stimmt. Wenn ich 122-124 richtig lese, wird damit nicht bloß eine Klammer zum Anfang gezogen, sondern tatsächlich auch deutlich gemacht, dass unter diesem Licht die ganze Instruktion zu lesen ist: “Unter Bezugnahme auf die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils, im Lichte des gegenwärtigen Lehramtes und mit Blick auf die tiefgehend veränderten sozialen und kulturellen Gegebenheiten, präzisiert die vorliegende Instruktion das Thema der Erneuerung der Pfarrei im missionarischen Sinn.” (122) In den abschließenden Bemerkungen werden unter diesem Gesichtspunkt erneut manche Betonungen wiederholt, die in dieser “unverzichtbare[n] Institution für die Begegnung und die lebendige Beziehung zu Christus und den Geschwistern im Glauben” (122) zu leben sind:

  • Ständige Auseinandersetzung (der Kirche, der Pfarre) mit den “aktuellen Veränderungen in der heutigen Kultur und im Leben der Menschen” (122).
  • Mit “Kreativität [können] Wege und neue Instrumente” erprobt werden, “die es ihr erlauben, ihrer erstrangigen Aufgabe zu entsprechen”: zu evangelisieren (122)
    Klar wird damit wieder einmal, dass die innere Verfasstheit der Kirche, die im oft sehr negativ kritisierten Teil der Instruktion genau diesem Zweck zu dienen hat.
  • Es geht um eine Überwindung des “Kirchturmdenkens” der einzelnen Pfarre (123), die nichts mit anderen Lebenswirklichkeiten von Kirche zu tun haben will.
    Schon Bischof Klaus Hemmerle “mahnte” ein, dass das Gebot Jesu der Nächstenliebe auch Institutionen leben können und sollen: “‘Deine’ Pfarre ist ‘meine’ und ‘meine’ ‘deine’.”[1] Oder eben: “Deine Lebenswirklichkeit von Kirche liebe ich wie meine eigene, ja ich bin bereit für sie das Leben zu geben”[2], um es spirituell auszudrücken.
  • Synergetisches Wirken der verschiedenen Charismen, Dienste und Ämter (123), um ein “‘pastorales Miteinander’ im Dienste der Diözese und ihrer Sendung strukturieren”.
    Dass dieses Zusammenwirken in der Kirche in ihrer spezifischen Struktur gelebt werden kann und soll bedeutet eben auch, dass eine pastorale Umkehr wirklich von allen erfordert ist – ich habe dies immer wieder im Laufe meiner weit länger als gedacht gewordenen Überlegungen deutlich zu machen versucht.
  • “Es geht um ein pastorales Handeln, das durch eine wirkliche und vitale Zusammenarbeit zwischen Priestern, Diakonen, Gottgeweihten und Laien und zwischen verschiedenen Pfarrgemeinden des gleichen Gebietes oder der gleichen Region danach strebt, gemeinsam die Fragen, die Schwierigkeiten und die Herausforderungen hinsichtlich der Evangelisierung auszumachen; das versucht, Wege, Instrumente, Vorschläge und Mittel, die geeignet sind, um diese anzugehen, einzubeziehen.” 123 werden danach einige Möglichkeit missionarischen Miteinanders und Koordinierung benannt …
    Angesichts dieser Erinnerung stelle ich an so manche negativ kritische Bemerkung die Frage, ob es eigentlich in der kirchlichen Struktur des geweihten Amtes usw. usf. wirklich nicht denkmöglich ist, dies zu leben?[3] Jedenfalls habe ich den Eindruck – und: wäre es daher nicht höchst an der Zeit, es zumindest mit einem (neuen [?]) Miteinander der verschiedenen zu beginnen, höchst an der Zeit gemeinsam als Kirche Zeugnis zu geben vom Auferstandenen, “damit die Welt glaubt” (vgl. Joh 20,22)?
  • “Das pastorale Miteinander erfordert daher über eine verantwortliche Koordination der Aktivitäten und der pastoralen Strukturen hinaus, die imstande sind, miteinander in Beziehung zu treten und untereinander zusammenzuarbeiten, den Beitrag aller Getauften.” (123) Gerade diese Art eines Miteinanders und nicht “Nebeneinanders”[4].
    Beziehung und damit Liebe zu leben sind wirklich Schlüssel, an denen die Welt die Jüngerinnen Christi erkennt, weil ER dann als Auferstandener in ihrer Mitte gegenwärtig ist (vgl. Mt 18,20). Wie wenig doch dieses Miteinander in den Pfarren, zwischen verschiedenen spirituellen Gruppen, zwischen Pfarren etc. wirklich zum Wohl des Ganzen, des Leibes Christi mitunter gelebt wird. Dies bedeutet keineswegs, dass nichts gelebt wird, aber eben “individuell” und “nebeneinander”.
    Gerade deswegen möchte ich an dieser Stelle noch einmal allen danken, die haupt- und/oder ehrenamtlich sich engagieren – an irgendeinem “Zipfel” von Kirche, um dadurch IHN zu bezeugen. Bringen wir all diese Gaben mehr und mehr ein ins Miteinander, damit sich nicht Einzelne (als Personen wie auch als Pfarren) um “alles” mühen …

[1] vgl. u.a. Mt 19,19 par.

[2] “Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe.” (Joh 15,12)

[3] In der englischen Fassung eines Abschnittes von 123 wird m.E. genau dies deutlicher als in der deutschen, wenn es dort heißt: “The present Document, therefore, besides underscoring the urgency of a this type of renewal, presents the canonical norms that establish the possibilities …”, so als ob ausgedrückt werden will: Gerade weil es um diese Dimensionen des Lebens von Kirche geht, werden die Normen des Rechts in Erinnerung gerufen. (Derselbe Abschnitt wird im deutschen wie folgt wiedergegeben: “Über die Betonung der Dringlichkeit einer solchen Erneuerung hinaus, legt deshalb das vorliegende Dokument eine Anwendungsweise der kanonischen Normen vor …”.

[4] Wenn wir uns selbst ehrlich sind, ergeben sich doch zahlreiche Arten und Formen “nebeneinander” zu leben, die mitunter auch noch gepflogen werden – der sprichwörtlich bekannte “klerikale” Neid ist nach wie vor auch unter kirchlichen Strukturen nicht ausgestorben.

instruiert werden – XLVI

46. “milde Gaben”

Kapitel XI der Instruktion ist meines Erachtens “der Fremdkörper” schlechthin. Es geht darin um die Gaben der Gläubigen für gottesdienstliche Feiern. Wenn dies schon ein wichtiges Thema ist, das angesprochen werden muss in einem solchen Schreiben, dann müsste es wohl unter der “Vermögensverwaltung” einen entsprechenden Platz finden. Was dies mit der “pastoralen Umkehr” der Pfarren zu tun hat, die sich hauptsächlich um strukturelle Veränderungsfragen und die Art und Weise wie Seelsorge angelegt werden soll, ist und bleibt zu fragen.

Freilich: mit gerade diesen Gaben ist sorgsam umzugehen, damit keinesfalls der Eindruck von “Kauf” von geistlichen Gütern entsteht – dies scheint wohl da und dort in der Weltkirche problematisch zu sein. Andererseits – und die Instruktion bemerkt dies selbst – werden diese freiwilligen (!) Gaben ja zum Unterhalt der Pfarre wie auch dem der Amtsträger gegeben und sind daher Gelder, die unter dem missionarischen Aspekt der Kirche zu verwenden sind. Dennoch ist ein eigenes Kapitel für diese Thematik (118-121) für mich jedenfalls reichlich übertrieben.

Zugleich ist aber eben auch erneut die Weltdimension einer solchen Veröffentlichung zu bedenken: Vielfach leben Priester und Gemeinden von den Gaben und Spenden des Volkes. In Gegenden wie der unsrigen, in der es einen Kirchenbeitrag[1] gibt, die wesentliche Teile dieses Anliegens übernimmt, ist die Höhe der Gaben zu vernachlässigen[2]. Dass gegebenenfalls – gerade aufgrund unserer spezifischen Situation der Kirchenfinanzierung auf dem Gebiet der “milden Gaben” für die Feier der Sakramente immer wieder neue Überlegungen angestellt werden sollten – hier wird auch viel für andere Diözesen in der Welt geleistet[3] – sollte selbstverständlich sein. Zugleich wird aber, soll diesem abschließenden Kapitel doch auch im Verstehenshorizont dieser Betrachtungen Positives abgewonnen werden, erneut deutlich, wofür Kirche stehen und gelebt werden soll und daher auch das Geld, das sie zu verwalten hat: es geht um den Einsatz für die Gesellschaft – rund um die Welt.

[1] In den Diözesen der BRD eine “Kirchensteuer”.

[2] In Österreich werden etwa € 9,00 für die Feier der Messe erbeten; hinzu kommen dann ggf. noch Kosten für die musikalische Gestaltung. Den Diözesen ist es überlassen, den Betrag zu splitten in einen Teil für den Priester und in einen Teil für die Kirche, da ja Kerzen, Beleuchtung etc. bei gottesdienstlichen Feiern anfallen. Was die übrigen “Gebühren” (“Stolare”) anlangt so sind diese ebenfalls – aufgrund des Kirchenbeitrages – in der Höhe gering, sind aber in den Diözesen unterschiedlich geregelt.

[3] Es gibt wohl etliche Pfarren, die sogenannte Messintentionen Priestern in der sog. “3. Welt” zur Verfügung stellen. Ich weiß auch von vielen Priestern, die von vornherein diese Gelder wohltätigen Zwecken zuführen, für die sie bestimmt sind.

instruiert werden – XLV

45. gemeinsam Verantwortung tragen – für die Pastoral

Die “berühmte” Anmerkung zum Beginn der sogenannten “Pastoralkonstitution” des Zweiten Vatikanischen Konzils “Gaudium et spes” lautet: “Die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute besteht zwar aus zwei Teilen, bildet jedoch ein Ganzes. Sie wird “pastoral” genannt, weil sie, gestützt auf Prinzipien der Lehre, das Verhältnis der Kirche zur Welt und zu den Menschen von heute darzustellen beabsichtigt. So fehlt weder im ersten Teil die pastorale Zielsetzung noch im zweiten Teil die lehrhafte Zielsetzung. Im ersten Teil entwickelt die Kirche ihre Lehre vom Menschen, von der Welt, in die der Mensch eingefügt ist, und von ihrem Verhältnis zu beiden. Im zweiten Teil betrachtet sie näher die verschiedenen Aspekte des heutigen Lebens und der menschlichen Gesellschaft, vor allem Fragen und Probleme, die dabei für unsere Gegenwart besonders dringlich erscheinen. Daher kommt es, daß in diesem zweiten Teil die Thematik zwar den Prinzipien der Lehre unterstellt bleibt, aber nicht nur unwandelbare, sondern auch geschichtlich bedingte Elemente enthält. Die Konstitution ist also nach den allgemeinen theologischen Interpretationsregeln zu deuten, und zwar, besonders im zweiten Teil, unter Berücksichtigung des Wechsels der Umstände, der mit den Gegenständen dieser Thematik verbunden ist.”[1]

Wenn es also im Kirchenrecht darum geht, über “Pastoral” zu sprechen, dann ist zunächst einmal anzunehmen, dass hinter diesem mittlerweile in unseren Sprachgebrauch eingegangenen Begriff dieser Inhalt gemeint ist. Die Überschrift und damit der Verstehensschlüssel der Instruktion legen dies nahe: es geht nicht um die “Innenarchitektur” der Kirche, sondern um unsere Sendung. Es geht nicht zunächst darum, wie wir uns selbst verstehen und daher organisieren, sondern darum, wie wir nach dem Willen Gottes fragen und die erkannten Antworten im Dienst an Welt und Gesellschaft in dieser und für sie leben. Es gilt also, dass wir das Evangelium allen anbieten, hier vor allem an jene denken und sie “hereinholen”, die “draußen” sind und dies gemeinsam bezeugen. Gerade deswegen ist es sinnvoll, dass es einen Ort gibt, an dem die Sendung der Kirche – je nach den vorgefundenen Umständen bedacht, reflektiert und in den Blick genommen wird.

Interessant ist, dass nach der Einschärfung Papst Franziskus’, Pastoralräte einzurichten – in unserer Diözese heißen diese Diözesanrat und Pfarrgemeinderat – die Instruktion in 108 auf die unterschiedlichen Möglichkeiten verweist, wie dieser Räte eingeführt und gelebt werden können. Hierbei ist (109) die Chance der unterschiedlichen Charismen, die den Leib Christi aufbauen, zu nutzen: “Weit davon entfernt, ein schlichter bürokratischer Organismus zu sein, unterstreicht und verwirklicht der Pastoralrat folglich die Bedeutung des Volkes Gottes als Subjekt und aktiver Protagonist der missionarischen Sendung kraft der Tatsache, dass alle Gläubigen die Gaben des Heiligen Geistes in der Taufe und in der Firmung empfangen haben” (110).

Gerade deswegen würde es sich wohl auf diözesaner Ebene wie auch pfarrlicher Ebene, auf der Ebene der Pfarrverbände oder auch der Seelsorgeräume – wie auch immer in den einzelnen Diözesen diese synodalen Räte genannt werden – lohnen, die Tagesordnungspunkte der letzten Jahre durchzusehen: “Wo beschäftigten wir uns mit der missionarischen Sendung der Kirche?”, wie es in 110 deutlich verlangt wird. Und – um auch 112 in Erinnerung zu rufen: Ist wirklich das Gesamt des Volkes Gottes in unseren Räten abgebildet: “Er stellt einen spezifischen Bereich dar, in dem die Gläubigen ihr Recht wahrnehmen und ihrer Pflicht nachkommen, ihre Meinung hinsichtlich des Wohls der Pfarrgemeinde den Hirten und auch den anderen Gläubigen mitzuteilen”. Daher ist er eben nicht so sehr auf die Organisation kirchlichen Lebens ausgerichtet, sondern auf die Sendung der Kirche in die Welt. “Damit der Dienst des Pastoralrates wirksam und fruchtbar ist, gilt es zwei Extreme zu vermeiden: zum einen dass der Pfarrer sich darauf beschränkt, dem Pastoralrat bereits getroffene Entscheidungen vorzulegen, vorausgehend nicht in geschuldeter Weise informiert oder den Rat nur pro forma zusammenruft; andererseits dass der Pfarrer nur Mitglied des Rates und seiner Rolle als Hirte und Leiter der Gemeinde beraubt ist” (113).

Damit wird – analog dem Vermögensverwaltungsrat – auch die beratende Stimme in Erinnerung gerufen[2]. Schließlich wird daran erinnert, dass jene die in der Pastoral tatsächlich auch Verantwortung tragen, mit beteiligt sind, damit eben nicht der Fall eintritt – um es plakativ zu machen: da gibt es diejenigen, die “anschaffen” und jene, die “umzusetzen haben”. All dies scheint mir wohl dann am ehesten gegeben, wenn sich alle (!) in Erinnerung rufen: es geht um die Sendung der Kirche, der Pfarre, des Seelsorgeraumes hinein in die jeweiligen Situationen der Welt, die mit dem Evangelium beseelt werden soll/t/en. In vielen Pfarren geschieht sehr viel, wird dies auch unter dieser Priorisierung bedacht, beraten und gelebt? Und: wird Kirche als “mehr” gesehen denn “Feier-Ort”, wird “Kirche” auch als “Caritas” wahrgenommen oder/und als Ort, an dem Glaube verkündet und bekannt wird?[3]

[1] http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html

[2] Wie schon beim Wirtschaftsrat (http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xliv) sei hier auch an die Ausführungen zum Thema “Leitung” erinnert – als Verstehens- und Verständnishilfe, dass eben “Rat” zu geben etwas ganz und gar Bedeutsames ist: vgl. u.a. http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xix/ und http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xxiv/ und http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xxx/ und http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xxxi/ und http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xxxii/ und http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xxxiii/ und http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xxxiv/ und http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xxxv/ und http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xxxvi/.

[3] Einige Jahre meines priesterlichen Lebens war ich Leiter im Schul- und Bildungszentrum “Augustinum” unserer Diözese: hier wurde nur selten sonntags Eucharistie gefeiert – auch in Ermangelung anwesender SchülerInnen oder Internatler. Ist ein solcher Ort dann nicht “Kirche”? Und: welche Bilder von “Kirche” prägen uns in unserem Inneren?