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„Herr, ich bin nicht würdig …“

Am 9. Sonntag im Jahreskreis wird im Lesejahr C das Evangelium vom „römischen Hauptmann“ (Lk 7,1-10) in den katholischen Kirchen verkündet. Für die Messfeier in Kumberg gestern hatte ich mir folgende Gedanken zurecht gelegt.

Wir alle wissen um die Stelle in der hl. Messe, von der das heutige Evangelium spricht. Vor der Kommunion wird uns mit Johannes dem Täufer zugerufen: „Seht das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünde der Welt“. Und wir antworten mit dem römischen Hauptmann: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Ja: für die unmittelbare Begegnung mit Gott sind wir Menschen eigentlich gänzlich „ungeeignet“. Dies wird durchwegs in der Bibel des Alten Testaments geschildert. Seine Größe ist für uns nicht greif- und erfassbar. Wir „stammeln“ gleichsam etwas, um die Wirklichkeit Gottes auszudrücken. Wenn wir was sagen von ihm, müssen wir uns bewusst sein, dass Er noch immer größer ist als das, was wir in Worte und Begriffe einfangen können. – Darüber hinaus muss gesagt werden: weil der Mensch es von Anfang an in sich hatte, und das ist eben ein Aspekt der biblischen Erzählung von der Erschaffung des Menschen, seine Freiheit wirklich auszukosten, wollte er sich selbst auch zu Gott erheben, wie „er“ sein. Deswegen – welch Hochmut dies doch gewesen ist! – gibt es die Sünde und damit die Trennung zwischen Gott und dem Menschen.
In aller Kürze bedeutet das demnach: wir selbst sind nicht unendlich, sondern beschränkt. Daher gibt es eigentlich keine uns zur Verfügung stehende Möglichkeit, Gott wirklich zu begegnen. Nun aber, und in dieser Situation war ja auch ob der Traditionen des Judentums der römische Hauptmann, kommt uns aber in Jesus Christus Gott selbst – als Mensch unter uns Menschen – entgegen. Gott selbst überwindet den Graben zwischen Unendlichkeit und Endlichkeit und macht sich uns gleich. Weil er als Gott, der Liebe ist, nicht anders kann als lieben, holt er den Menschen auf seine Seite. Nicht wir sind es, die uns ihm würdig machen, das geht nicht; nein: Er begibt sich radikal auf unsere Seite und lädt uns zum Leben mit IHM ein. Das schafft Lebensmöglichkeit, das gibt Hoffnung, das eröffnet letztlich jene Perspektive, die uns ewiges Leben verheißt.
Daher: die Phrase kurz vor der Kommunion ist eigentlich nicht das x-te Bekenntnis der Kleinheit und vielleicht auch Sündhaftigkeit des Menschen, sondern eines von vielen Bekenntnissen, dass Gott eben in Seiner Größe nichts anderes im Sinn hat als die Grenzen, die Menschen gesetzt sind, zu überwinden. Um uns in Sein Leben einzulassen, das nicht erarbeitet werden kann, sondern Geschenk ist; das eben nicht mit einem tadellosen Leben allein erreicht werden kann, sondern aus Barmherzigkeit mit den Heilmitteln der Kirche vermittelt wird. Ja: Er kommt in unser Leben, niemand geringerer! Und so macht Er uns heil, ganz, lässt Er uns den eigentlichen Ruf erfahren, der somit zur Berufung wird: „Du: ich liebe Dich. Ich lade Dich ein, leb‘ mit mir – auf ewig!“ Niemand sonst kann diese Größe haben. Und wir dürfen als Christen darum wissen. Welch‘ großes Geschenk!

Kreuzesnachfolge

Am heutigen Sonntag habe ich mit vielen Gläubigen die beinahe gänzlich neu instandgesetzte und weitläufige Kreuzweg-Anlage auf den Kalvarienberg der Pfarre Weiz in der Gemeinde Thannhausen gesegnet. Für diese Feier hatte ich folgende Gedanken vorbereitet:

Wir leben Nachfolge Jesu Christi. Wir gehen in Seinen Fußspuren. Daher erleben wir in unserem Dasein daher immer wieder Kreuzwege, Herausforderungen, die uns an den Rand des persönlichen Abgrunds bringen. Dies dürfte wohl der innere Grund dafür sein, dass es zu einer beliebten Frömmigkeitsübung geworden ist, den letzten und alles entscheidenden Lebensweg unseres Herrn und Meisters, wie er uns in der Bibel überliefert ist, betend und betrachtend zu meditieren. Daher sei an dieser Stelle allen Danke gesagt, die mitgewirkt haben, dass dieser Kreuzweg mit einer ihm eigenen Stationenfolge wieder erstehen konnte.
Wir sind eben betend diesen Weg gegangen. Entlang der Stationen, die seit 275 Jahren Menschen das Leiden und Sterben Christi betrachten haben lassen. Die Meditation dessen, was Jesus durch sein Leiden, Sterben und Auferstehen für uns und auch jene, die nach uns kommen, erwirkt hat, ist von Bedeutung. Ja: Sein Weg, damals in Jerusalem geschunden und gepeinigt und endend draußen vor der Stadt am Kreuz ist auch heute ein ernsthaft zu betrachtender Weg … –
– für viele, die leiden und nicht mehr aus und ein wissen für sich und ihr Dasein, die der Pflege bedürfen, denen aufgrund von Krankheit alles Mögliche, was üblicher Weise mit „Leben“ verbunden wird, genommen wurde.
– für Menschen, denen am Beginn des Daseins wie auch am Ende des irdischen Daseins die Möglichkeit zu leben geraubt wird
– für Menschen, denen Lebensmöglichkeiten genommen werden, weil sie durch Krieg und Terror verzweifeln, weil sie die Folgen der Klimaänderung – die auch vom Menschen in den reichen Ländern der Welt und den Lebenskonsum mit verursacht wird – daran hindern, vor Ort weiterhin leben zu können
– für Menschen, denen bei uns Hoffnung auf Zukunft genommen wird, weil sie nicht arbeiten können
– für Menschen, deren Zukunftsexistenz scheinbar genommen wird, da sie sich nicht mehr einbringen können in die uns gewohnte Leistungsgesellschaft
– für Menschen, die anstehen, weil sie sich in einer ausweglosen Situation wähnen, egal ob diese von ihnen verschuldet oder nicht verschuldet wurde
– für Menschen, die blind sind oder taub für die Personen neben ihnen und die meinen, dass sie selbst der Nabel der Welt seien und damit alles sich um sie und ihre Interessen zu kreisen habe
– für Menschen wie du und ich in den kleinen und großen An- und Herausforderungen des eigenen Daseins.
Die von mir eben genannten Personengruppen sind keine vollständige Auflistung. Sie machen nur darauf aufmerksam, dass der Leidensweg Jesu in der einen oder anderen Form, mehr oder weniger deutlich wohl fast keinem Menschen erspart bleibt, wenn er in den Fußstapfen unseres Herrn und Meisters unterwegs ist. Gerade deshalb tut es gut und ist es sehr wertvoll, um Orte wie diese zu wissen, die schon viele Generationen von Menschen Trost finden haben lassen. Weil der Weg zu Ende gegangen eben nicht im Tod versinkt, sondern auf Gott hin und Sein ewiges Leben hin offen ist. Möge daher dieser Raum mitten in Gottes Schöpfung auch weiteren Generationen von Menschen jene Hoffnung zusprechen, die nicht genommen werden kann.

Miteinander – füreinander

Das Fest der Dreifaltigkeit, am Sonntag nach Pfingsten gefeiert, ist vielen alles andere als leicht verständlich. Ich selbst habe versucht, bei der heutigen Aushilfe in Graz-St. Elisabeth in Webling nach dem Ende des Einkehrtags im Priesterseminar und meiner Stimmabgabe bei der Wahl des Bundespräsidenten folgendes zu predigen:

„Fast jedes Kapitel im Johannes-Evangelium enthält Passagen, in denen vom innigen Miteinander des Sohnes mit dem Vater die Rede ist; das heutige Evangelium (Joh 16,12-15) bringt  diese Einheit in Verbindung mit dem Geist und weist daher den Weg zu einem Verstehen Gottes als des Einen und doch Dreifaltigen. Aufs Erste ist diese Wirklichkeit nur schwer zu verstehen – und wird daher auch oft ausgeblendet; wenn ich mich richtig erinnere, sprach sogar der berühmte Theologe Karl Rahner davon, dass wohl nicht viel in den theologischen Büchern verändert werden müsste, wenn der Heilige Geist nicht als Person Gottes angesehen werden würde … Die rein begriffliche Durchdringung der Wirklichkeit Gottes als des Dreifaltigen hat auch mich nicht sonderlich bewegt. Mit der Zeit habe ich aber mehr und mehr darüber nachgedacht, was es bedeutet, dass der Mensch die Realität dieses – dreifaltigen – Gottes abbildet, wenn wir von ihm sagen, er sei als Ebenbild Gottes erschaffen. Als ich so zu denken begonnen habe, wurde es für mich immer spannender, dieses Glaubensbekenntnis abzulegen.
Ich erfahre mich zunächst als Individuum. Und das ist gut so. Unaustauschbar bin ich, einmalig, einzigartig. Meine Lebensgeschichte ist in diese Welt eingeschrieben und unwiederbringlich. In derselben Art und Weise und ähnlich mich bestimmend gibt es aber auch noch eine andere Erfahrung: Ich bin auf ein Du verwiesen, auf Beziehung und Liebe hin angelegt. Wer ich bin, erfahre ich deutlich in der Auseinandersetzung mit anderen. Da gibt es andere Meinungen, da gibt es Personen, die anders denken, anders aussehen usw. und die dadurch mein Ich verstärken: ich bin eben Wilhelm Krautwaschl auch deswegen, weil die anderen mich so nennen und als solchen anerkennen. Der Mensch ist also ein Individuum und zugleich Gemeinschaftswesen. Soweit so gut. Aber es gibt noch eine dritte Erfahrungsebene: die Einheit zwischen ich und Du, zwischen Individualität und Gesellschaftswesen. Und auch die wird vielfach erfahren und ist zugleich etwas ganz Anderes als das, was wir täglich an Kompromissen oder „über den Tisch ziehen des einen vom anderen“ erleben. Alltäglich erfahre ich dies auch in meinem derzeitigen Dienst: da kommt jemand mit einem Anliegen zu mir. „Höre ich mir es an? Weise ich es von vorn-herein ab?“ Oder aber: Lade ich die Person ein, dieses Spiel wirklichen Miteinanders zu leben: du bringst wirklich alle deine Argumente vor, ohne mit irgendeinem hintan zu halten und „legst es in die Mitte“ und danach mache ich das Gleiche. Wir beide stellen uns damit einem „Dritten“, von dem wir ja wissen: wenn wir in Liebe einander begegnen, ist Er als der Lebendige und Auferstandene unter uns. Und wir sehen es als Gewinn an, wenn wir durch die wechselseitige Darlegung all unserer Argumente zu einem Ergebnis kommen, das weder ihn bzw. sie noch mich als Sieger vom Platz gehen lässt. Oft ist es tatsächlich so, dass etwas ganz Neues entsteht, zu dem beide Seiten 100%ig stehen können.
Das ist ein herausfordernder Lebensstil, weil wir ihn auch nicht gewohnt sind, weil wir in alten Denkschemata etwa des Entweder-Oder zutiefst gefangen und gefesselt sind von „oben“ und „unten“; zugleich aber ist dieser auch Geschenk, weil er nicht machbar ist. Aber: es ist einer, der tatsächlich Kirche erfahrbar werden lässt – eine Kirche, die nicht nur im Namen die Gemeinschaft der Herausgerufenen ist, sondern eine, die deutlich zum Ausdruck bringt, wer ihr Leben gibt, weil ER, der Auferstandene bestimmt, wo’s langgeht, Gott selber also in ihrer Mitte wohnt.“

Jesus – ein Trainer

Beim Fußballturnier der katholischen Internate und Tagesinternate am vergangenen Wochenende in Graz (hier gibt es einen Bericht) habe ich angesichts der Berufungserzählung aus dem Lukasevangelium (Lk 5,1-11) Jesus mit einem Trainer verglichen.
Hier das was ich vorbereitet hatte:

1. Jesus ist ein guter Trainer. Er kennt die Fähigkeiten der einzelnen Leute sofort. Intuitiv erfasst er: die sind zu was anderem ausersehen als bloß auf sich allein gestellt tagaus, tagein zu fischen. Das konnte er wohl auch deswegen sofort entdecken, weil sich Petrus ganz auf ihn verlassen hat: er hat, obwohl er die ganze Nacht gefischt hat, sich noch einmal hinaus gewagt.
Ja: Jesus ist ein guter Trainer:

2. Er traut seinen „Pappenheimern“ was zu.
Ich weiß nicht, wie lange ihr euch in euren Mannschaften auf dieses Turnier vorbereitet habt. Ich bin mir aber sicher, obwohl ich selber alles andere als ein guter Fußballspieler bin, dass Euer Trainer euch mitunter ermuntert hat, euch was zuzutrauen. Vielleicht hat er das eine oder andere Mal auch zu Euch gesagt: „Ich bin mir sicher, du kannst mehr.“ Oder: „Pass da und da auf, und du wirst entdecken, dass es dann diese guten Konsequenzen hat …“. – Euer Trainer, ob hier beim Fußball, ob in der Schule die Lehrer, ob im Internat die Erzieher: sie sind dann gut, wenn sie es wie Jesus machen und euch was zutrauen [im besten Sinn des Wortes]. Also: „Denkt nicht zu klein von Euch! – Gott ist seit der Taufe mit Euch und traut Euch viel zu, Er vertraut sogar darauf, dass durch Euch, durch jede/n von Euch die Welt um einiges besser wird, indem ihr anfangt, die Menschen zu lieben.“

3. Jesus fordert seine Jünger auf, sich ganz reinzuhauen.
So wie Eure Trainer ist auch Jesus: Sie laden euch ein, euch voll reinzuhauen, das letzte aus euch herauszuholen. Nur so wird das Spiel nämlich gut: wenn einer in der Mannschaft sagt: „Ich glaube, dass eh die anderen sich voll reinhauen, auf mich kommt es nicht an!“, wird das Ganze nicht lange gutgehen. Also, liebe Fußballsportler: haut euch auch ganz rein in dem, was Glauben heißt. Manche meinen, dass es ohnedies reicht, wenn andere mit Gott ernst machen, dass es auf mich nicht ankommt. Außerdem sagen manche in unserer Gesellschaft auch: „Das mit Gott, das ist uncool. Ich vertraue lieber auf mich selber, der Rest kann mir gestohlen bleiben.“ Wenn ihr so im Fußball agieren würdet, würde alles daneben gehen. Im Glauben aber meinen wir, können wir uns das leisten?!

4. Jesus ruft in die Nachfolge.
Auch in diesem Punkt ist Jesus einem Trainer ähnlich, denn jeder Trainer will, dass seine Spieler das möglichst gut umsetzen, was er ihnen mitgibt – taktisch und spielerisch. – Als der Trainer schlechthin gibt uns Jesus viel an Einsatzmöglichkeiten mit. Er sagt etwa: „Liebt einander wie ich euch geliebt habe!“ Also: ob beim Fußballspiel, in der Schule oder auch im Internat: wir sollen einander lieben! Also: wir sollen versuchen, in allem (!) immer auch an den Nächsten zu denken und damit also auch ernst machen damit, dass es letztlich und eigentlich darum geht, miteinander so zu leben wie er es uns vorgelebt hat. Wenn wir so miteinander umgehen, dann dürfen wir uns erst Recht nicht wundern, wenn wir uns immer mehr und deutlicher fragen, wo denn Gott uns auf der Bühne dieser Welt haben will …

Im Voraus erwählt

Am 2. Sonntag nach Weihnachten wurde eine meiner Lieblingsstellen aus dem Neuen Testament in einer der Lesungen der Messfeier verkündet: „Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen“ (Eph 1,5). Für die Messfeiern in Krakauebene und St. Marein am Neumarkt an diesem Sonntag sind mir in der Vorbereitung folgende Predigtworte eingefallen:
1. „Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen“ wurde uns u.a. in der 2. Lesung des heutigen Sonntags mit auf den Weg unseres Lebens gegeben. Lassen wir uns den Inhalt dieses Satzes förmlich auf der „Zunge zergehen“, so tiefen Inhalt hat er. Er, der Schöpfer der Welt (!), sieht uns als seine Kinder an, weil es Weihnachten gegeben hat, weil Er selbst ein Mensch wie wir geworden ist. Im Antlitz des zu Betlehem Geborenen erkennt Gott nicht nur Seinen Sohn, sondern auf’s Neue – in Seinem Sohn den Menschen als Sein Ebenbild. Wir alle sind demnach ganz in Gottes Nähe geborgen. Und dies gilt es anzunehmen und zu leben. So schön dieses Wissen ist, so wenig glaube ich mitunter entdecken zu müssen, dass wir wirklich daraus leben, dass wir in Christus Gottes Kinder sind. Woran ich dies festmache? Einige Hinweise:
2. Leben wir wirklich die Leichtigkeit die die Kinder auszeichnet und daher erst Recht Kennzeichen der Kinder des himmli-schen Vaters sein sollte? Leben wir wirklich abgrundtiefes Vertrauen darauf, dass wir in Ihm uns geborgen wissen dürfen, der uns in Christus als seine Töchter und Söhne angenommen hat? – Wie sehr sich doch manche von uns Christen mühen und abrackern, um ja Gott zu gefallen: Schwestern und Brüder! Wir sind längst schon Kinder Gottes! Werfen wir daher unser Leben in die Waagschale des Vertrauens und damit des Glaubens an Seine Liebe! Dies ist recht, dies sei falsch, nur so und nicht anders etc. – das mögen zwar Erziehungsmethoden sein, die uns bekannt sind. Sie aber laufen auch Gefahr, dass wir meinen: wir können und müssen uns den Himmel verdienen, Gottes Zuwendung und Liebe uns erarbeiten usw. – Das ist alles andere als ein „laissez faire“-Stil, alles andere als ein Nichternstnehmen des Anspruchs unseres Glaubens. So zu leben bedeutet ganz und gar sich in das Vertrauen hinein zu verlieren, dass Er da ist, eben nichts, wirklich nichts, auf seine eigenen Fahnen heften und der Gefahr zu erliegen zu meinen, dass ich Gott was vorweisen müsste. Ein solcher Lebensstil ist Glauben bis ins Letzte und erscheint genau deswegen vielen von uns Menschen alles andere als üblich, weil wir zutiefst einer Welt verhaftet sind, in der eben Leistung zählt und dem entsprechend Mensch-sein mehr oder weniger geachtet wird.
3. Leben wir wirklich so wie es Kinder üblicher Weise machen und ahmen wir unsere Eltern, unseren Vater, unser Mutter nach? – Wenn wir als Kinder Gottes uns in Jesus Christus wissen, dann ist unser Dasein eigentlich von nichts Anderem bestimmt als der Nachahmung und damit dem Versuch wie Gott zu leben. Sein Leben aber ist das der Liebe, der Liebe bis ins Letzte. In Christus ist dies offenkundig, mitten unter uns Menschen erfahrbar geworden. – Wie oft mir doch verbissen lebende Christen begegnen, denen alles andere als die sich verschenkende Liebe als erfüllende Lebensform anzusehen ist, die teilweise gepeinigt sich geben, um ja alles recht zu machen und damit eben selbstgerecht sind statt liebend. Liebe nämlich hat das Heil des/der Anderen im Blick: mit dir, mit dir, mit dir weiß ich mich unterwegs, will ich Seine Liebe sichtbar leben und damit Kirche sein. Diese Botschaft ist alles andere als eine beängstigende. Sie ist wahre Freiheit und damit auch wirkliche Freude. Wo wird diese Liebe, diese Barmherzigkeit Gottes durch unser Leben und Agieren als Kin-der Gottes, als Laien und Priester wirklich sicht- und erfahrbar? Viele erlebe ich, die in rechter Absicht meinen, sich ei-nen „gnädigen Gott“ förmlich „erarbeiten“ müssen und dabei ganz vergessen, den Nächsten zu lieben, weil mir in ihm/ihr Er selbst gegenübertritt. – Auch hier: dies ist alles andere als „Christsein light“, ich muss da nämlich nur auf mich schauen und mich selbst immer wieder an der Nase nehmen: „Lebe ich Liebe, die befreit und mich wirklich erfüllt Mensch sein lässt?“
4. „Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen“: machen wir uns auf, wirklich Christen zu sein!

Lesungsstellen des 2. Sonntags nach Weihnachten, Lesejahr C:
1. Lesung: Sir 24,1–2.8–12
2. Lesung: Eph 1,3–6.15–18
Evangelium: Joh 1,1–18

Das Kind in der Mitte

„Jesus stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen:  Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“

Einfache und verständliche Worte Jesu. Alles andere als einfach zu leben. Denn tagaus, -ein erfahren wohl viele von uns die Logik eines anderen Lebensstils. Üblicherweise zählt der „Chef“ mehr. – Seit nunmehr 3 Monaten bin ich ein solcher „Chef“. So jedenfalls werde ich wahrgenommen; Bischöfe zählen dazu. Man ist immer wieder in der 1. Reihe, man ist „Person des Öffentlichen Lebens“ mit all den Annehmlichkeiten wie auch den damit verbundenen Schwierigkeiten, viele wollen in Kontakt treten, wollen mitunter auch, dass der Bischof zu jedem und allem was sagt etc. Ich könnte die Liste meiner Erfahrungen fortführen, etwa, dass ein Bischof in Amtskleidung leichter in den Petersdom reinkommt als andere, dass es unglaublich viele Menschen gibt, die sich freuen, dass ich Bischof geworden bin usw. Angesichts des Evangeliums muss ich mich aber genau vor alledem in Acht nehmen; es ist durchaus geeignet, eine Art „Beichtspiegel für einen Bischof“ zu sei.

Gott sei Dank aber gibt es da u. a. junge Leute, mit denen man unterwegs ist, sagen wir auf einer Ministrantenwallfahrt. Denn – auch das ist im Evangelium deutlich zu hören – wenn man sich auf junge Leute um Jesu willen einlässt, auf Kinder, dann nimmt man letztlich IHN auf als den, der uns beim rechten Menschsein hilft.
Was ich mir von dort mitgenommen habe? Einige kurze Gedanken.

Da gibt es viele junge Leute, die Interesse haben an dem, was wirklich zählt – ca. 8.000 Ministranten sollen es sein in der Steiermark. Nehmen wir als Pfarren das einfach zur Kenntnis? Gehen Sie uns nur ab, wenn wieder mal keine/keiner da ist? Oder aber: lassen wir uns ein auf sie und ihre Lebenswelt, damit wir ihnen von dem mitgeben können, was uns selbst an unserem Glauben wertvoll ist, was uns selbst Gott bedeutet, wie wir mit ihm umgehen im Alltag? Liebe Erwachsene: ich glaube, da haben wir von den jungen Leuten was zu lernen und dürfen uns zugleich aufgefordert wissen, uns selbst mehr „rein zu hauen“ …

Da gibt es junge Menschen, die unbefangen mit Neuem umgehen: in Rom gab es ca. 40° im Schatten, da galt es mal den, mal den Weg zu gehen, da hieß es spontan zu sein und auf andere zuzugehen, die einem noch fremd waren. Binnen kürzester Zeit aber waren Tücher getauscht und Bekanntschaften geschlossen – ja: es gibt sogar eine whatsApp-Gruppe eines Busses, der aus diesem Dekanat mit war! – Wie schwer wir Erwachsene uns da oft tun, uns auf Neues einzulassen. In den Pfarren höre ich immer wieder, nicht nur von Pfarrern, es soll ja alles so bleiben wie es ist – von Jesus aber wissen wir, dass er so ziemlich alles anders gesehen und entsprechend geändert hat. – Angesichts der vielen, die da zu uns kommen und Hilfe brauchen, gibt es immer wieder Stimmen, die sagen, dass wir uns mal um die Einheimischen kümmern sollten [ich frage mich dann, wieso wir das nicht schon längst gemacht haben?], dass die dort bleiben sollten, wo sie sind etc. Junge Menschen aber, und das erfahre ich in den letzten Wochen auch immer wieder, fragen nach, wo und womit sie helfen können, unbürokratisch etc.; Erwachsene denken oft lange nach, stellen Fragen, weisen zurecht und argumentieren sich mitunter ganz gescheit an den Notwendigkeiten vorbei.

Zwei kleine Beispiele, wo deutlich wird, dass junge Leute sich vielleicht leichter tun, das Einfallstor Gottes zu uns Menschen in den konkreten Situationen, denen wir gegenübertreten, zu erkennen. Und das ist eigentlich unsere Sendung als Christen, auch hier! Danke also Euch Jungen, dass Ihr unseren Glauben stärkt, dass Ihr damit auch mir in diesen Rom-Tagen geholfen habt, nicht zu sehr nach oben zu schweben, sondern ganz bei Euch zu sein. Danke daher auch, dass Sie dem Bischöfl. Spendenkonto zur Flüchtlingshilfe was zur Verfügung stellen als deutliches Zeichen dafür: „Wir Katholiken im Dekanat Gleisdorf nehmen Gottes Anruf wahr und helfen – mit Geld, mit Wohnraum, mit dem und dem …“ und: wir lernen uns dabei als Kirche neu kennen!

(schriftliche Auszüge aus der Predigt bei der Dekanatswallfahrt des Dekanates Gleisdorf 19.9.2015)

Werkzeug sein

In einigen Stunden werde ich zum Bischof geweiht. Was mir da so durch den Kopf geht? „Werkzeug sein“ …
Weil …

  • … tausende mir in den vergangenen Wochen ein Wort des Zuspruchs, einen Segenswunsch und ähnliches mehr zukommen lassen
  • … hunderte heute und in den Tagen bis heute Hand anlegen, damit ein großes Fest gefeiert werden kann
  • … viele Hoffnung zum Ausdruck bringen

All das sind meines Erachtens sicht- und spürbare Ausdrücke dafür, dass Gott auch heute den Menschen (etwas) angeht. Und genau dafür Werkzeug sein zu dürfen, angreifbar für IHN im besten Sinn des Wortes. Toll, großartig.

Wenn Gott einen an-geht

Nun also ist es offiziell: Papst Franziskus hat mich zum 58. Bischof der Diözese Graz-Seckau ernannt. Das wurde heute offiziell bestätigt. Wie’s mir damit geht? – Anbei das, was ich für die heutige Pressekonferenz vorbereitet habe:

Bei der Priesterweihe ist es üblich, dass die Kandidaten sich einen sogenannten „Primizspruch“ aussuchen. Meiner ist mir angesichts eines Bildes gekommen: „Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“ (Gen 32,27). Da kämpft der zurückkehrende Jakob am Fluss Jabbok mit Gott. So jedenfalls wird es rezipiert. Es wird auch davon berichtet, dass Jakob seit dieser nächtlichen Auseinandersetzung hinkt – für mich ist dies stimmiges Bild und Erfahrung:
Gott ist einer, der mich im besten Sinn des Wortes an-geht. Auf unterschiedliche Weise.
Einige Schlaglichter:

  • Geboren bin ich in eine Familie in Gleisdorf. Ich war das vierte Kind. Kurz nach meiner Geburt verstarb die Zwillingsschwester meiner älteren Schwester bei einem Verkehrsunfall. Ein Jahr später kam schließlich meine jüngere Schwester zur Welt. Leid, Trauer, Sterben gingen bei uns in der Jahngasse ein und aus: mein Vater war Bestatter. Täglich galt es im Wohnhaus unserer Nebenerwerbslandwirtschaft Menschen zu begrüßen, die einen Todesfall anzuzeigen hatten. Mir hat sich – alles spielte sich auf dem Bauernhof „mitten in der Stadt“ in der Küche ab – diese Erfahrung sicher tief eingeprägt.
  • Schließlich erkrankte meine ältere Schwester an Leukämie: mehr als 10 Jahre Krankenhausaufenthalte und Fahrten zur Kontrolle mussten von meinen Eltern, vor allem meiner Mutter gemeistert werden. Dann die erlösende Nachricht: Zwei von den damals auf der Kinderklinik Behandelten wurden geheilt, darunter meine Schwester.

Von Gott angegangen werden: alles andere als immer nur „Hoch-Zeit“.

 

  •  Für einen Gleisdorfer war klar – damals jedenfalls: er muss getauft werden, noch dazu, wenn er 100 Meter neben der Stadtpfarrkirche groß wird. Am 17.3.1963 war das der Fall. Meine Mutter erzählte mir vor kurzem wieder einmal: der Taufpriester, Kaplan Josef Fuchs – er wohnte eine Zeitlang während des Pfarrhofumbaus bei uns – ließ uns nicht beim Seiteneingang in die Kirche, sondern rollte vom Haupteingang aus den roten Teppich aus: „Aus diesem Bursch wird noch was Besonderes“ soll er damals gesagt haben.
  • Für einen Gleisdorfer so nah neben der Kirche groß zu werden bedeutete damals auch, die Karriere eines Ministranten einzuschlagen. Sogar bei der Erstkommunion. Und dann eine Panne: Dechant Josef Fink war damals gewohnt an mir vorüberzugehen. So auch bei dieser Feier. Ich musste mir also die Erstkommunion „erkämpfen“, indem ich den Dechant am Messkleid zurückzog: „Ich darf heute auch schon!“ Damit war die „kirchliche Karriere“ vorgezeichnet und ich stand sogar beim Fotografen danach im Ministrantengewand.
  • Es folgten 10 Jahre Ministrantendasein und Gruppenleitung, Engagement in der Jungschar und beim Jugendchor. Die Schulen (Volksschule Jahngasse, Bundesgymnasmium und -Realgymnasium Gleisdorf) mussten fast „nebenbei“ gehen.
  • Nach der Firmung 1977 dann auch Eintauchen in eine Übung, die mir nach wie vor nicht fremd ist: ein Wort der Bibel lesen und betrachten, vor allem aber auch, es leben. In einer Gruppe trafen wir uns da regelmäßig. Erst Jahre später kam dann die Erkenntnis: „Erst das Leben der Worte der Hl. Schrift bringt diese zur Vollendung“. Kirche ist ja nicht Hüter von Erinnerungen aus vergangenen Zeiten, sondern Hüter des lebendigen Feuers, das der Auferstandene auch heute dort ist, wo „zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind“ (vgl. Mt 18,20). Und das Wesentliche leuchtet dann durch Erzählen des Erfahrenen und unter Umständen auch dann im noch so Kleinen auf. Und zwischendurch zwei Mal die Frage von Priestern, ob ich denn nicht Priester werden wolle. Mit Zehn antwortete ich meinem Heimatpfarrer: „Das kann ich mir nicht vorstellen, ins Knabenseminar zu gehen (heute: ein gewisses Bischöfliches Seminar), weil mich die Eltern zu Hause brauchen.“ Mit Vierzehn nahm mich der Kaplan nach Horn mit ins damalige „Spätberufenenseminar“. Als klar wurde, dass die Schmutzwäsche nur zu Hause gewaschen werden konnte, war es für mich entschieden: ich bleib daheim.

Von Gott angegangen werden: Er begleitet das Leben.

 

  • Durch einen Kaplan, den ich in der Maturaklasse als Religionslehrer bekommen habe – heute ist er der Schriftleiter des Sonntagsblattes – wurde ich dann zum Begegnungstag im Priesterseminar eingeladen. Das Kind vom Land fuhr in die große Stadt mit den „Öffis“. Sonntags. Viel zu früh kam ich an, der Eingang Bürgergasse 2 ins Priesterseminar war bald gefunden. Deswegen wartete ich beim Schauspielhaus und dachte mir (bitte jetzt weghören): „Irgendwann in der Schule habe ich ja mal gelernt, dass es in Graz einen Dom geben muss. Wo der denn sein kann?“. Im Herbst danach, 1981: Eintritt ins Seminar. Wir waren damals über 70, zeitweilig über 80 – eine tolle Lebensgemeinschaft.
  • Relativ zu Beginn des Studiums an der Karl-Franzens Universität in Graz kam dann die Einladung des besagten Kaplans, dass sich alle, die Religionspädagogik oder Theologie studieren und aus unserer Pfarre kommen, sich über das, was sie dabei „lernen“, austauschen. Bei einem Einkehrtag zu Beginn wurde uns eine Berufungsstelle aus der Bibel mit auf den Weg gegeben mit der Frage: „Was hättest du begonnen, wenn du nicht diesen Weg eingeschlagen hättest?“ Ich wusste keine Antwort: eine Krise begann. Und die war weitgehend. Plötzlich tauchte da auch die Frage der Ehelosigkeit auf und mir wurde klar: diese Antwort ist von mir zu geben, wenn ich den Weg weitergehen will. Eine Auseinandersetzung, die ich als sinnvoll bezeichnen möchte, begann.
  • Aktivitäten in der Katholischen Jungschar auf Diözesanebene, im Grazer Dom – zunächst in der sogenannten „Domassistenz“, beim Katholikentag und Papstbesuch 1983 sowie danach 1987 ließen in mir immer wieder die Frage hochkommen: „Engagierst du dich weil du gesehen wirst oder weil dir Gott ein Anliegen ist?“ Spiritual Toni Wittwer hat mir damals über die bedrängende Frage hinweggeholfen, indem er lapidar bei Exerzitien meinte: „Wenn du das gern tust, dann wird da schon was dahinter sein!“
  • Gott sei Dank war ich für eine Priesterweihe zu jung (Mindestalter 25) und außerdem konnte mich Regens und Dompfarrer Gottfried Lafer auch gut als Zeremoniär im Dom brauchen. So wurde mir ermöglicht, unmittelbar nach dem Magisterium das Doktorat anzuschließen. Auf einem internationalen Kongress der Fokolarbewegung für Seminaristen aus Europa wurde mir deutlich: „Wenn ich Priester werden will, dann geht es nicht zunächst darum, diesen Beruf anzustreben, sondern darum, aufmerksam zu sein und nach dem Willen Gottes zu suchen.“ Das ist Aufgabe zeitlebens und entlastet, wenn sich auf dem Weg Hindernisse auftun oder Ereignisse Platz greifen, die die Berufsausübung unmöglich machen. Wir begannen dies miteinander im Priesterseminar zu leben. Einige fanden aus dieser Auseinandersetzung zu einem anderen Lebensweg, einige wurden Priester.

Von Gott angegangen werden: immer wieder sich einlassen auf das, was „dran“ ist.

 

  • Verschiedene Wirklichkeiten von Kirche begleiteten mich nach der Weihe zum Diakon (17.12.1989) und zum Priester (1.7.1990). Zunächst im Grazer Dom, kam ich mit 1.9.1999 nach Hartberg, eine oststeirische Pfarre, nicht unähnlich meiner Heimat. Im Zentrum eine kleine Stadt und rundherum -zig Dörfer. Und hier geschah das Kennenlernen und Vertiefen von Kirche, die im Volk fest verankert ist, und die sich – Pfarrer war übrigens der jetzige Zisterzienser August Janisch – den Herausforderungen einer sich rapid ändernden Gesellschaft stellt: Flüchtlingsarbeit nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs. Fragen kamen hoch: „Wenn sich das Rundherum ändert, muss sich dann nicht auch die Kirche ändern in ihrer Art das Leben zu äußern?“
  • Im Pfarrverband Knittelfeld – Lind-Maßweg – Schönberg ob Knittelfeld erlebte ich eine andere Situation: ich ersetzte zwei Kapläne, der benachbarte pensionierte Pfarrer starb im November 1993. Binnen zwei Monaten waren es zwei Priester weniger. Zwei Jahre später: die Erweiterung des Pfarrverbandes um St. Margarethen/Knittelfeld und Rachau. Eine kleine und eine große Pfarre, eine Kirche im Umfeld der Industrie mit den damit verbundenen Herausforderungen etwa des täglichen Umgehens mit Ausgetretenen stellt die Frage: „Sind wir uns als Kirche schon hinreichend bewusst, dass wir mit den Menschen und ihren Suchbewegungen umzugehen haben?“
  • Bruck: Ab 1998 ein Jahr als Kaplan und dann als Pfarrer im Pfarrverband Bruck/Mur – St. Dionysen-Oberaich und ab 2005 auch von Pernegg. Die Obersteiermark hat wiederum andere Erfahrungsräume von Kirche und es stellt sich die Frage: Dienen unsere Strukturen dem Leben? Wie ist das mit dem ’neuen Wein in neuen Schläuchen‘?
  • Bischof Egon Kapellari – an dieser Stelle einfach ein großes „Vergelt’s Gott!“ – bat mich 2006 das immer bedeutsamer werdende Feld der „Berufungspastoral“ zu beackern, also das Grundthema jeden kirchlichen Lebens wachzuhalten, was es denn heißt „mit Gott zu leben“. Schwerpunkt dieser Arbeit sollte das Bischöfliche (Knaben-)Seminar sein und das in ersten Planungsschritten angedachte „Bischöfliche Zentrum für Bildung und Berufung“, heute „Augustinum“, das 2008 bis 2009 im Gebäudekomplex Ecke Lange Gasse – Grabenstraße saniert wurde. „Wie lernen wir heute ‚wie Glauben geht’“ (vgl. Bischof Klaus Hemmerle). In der Begegnung mit den jungen Menschen und über meine anderen Aktivitäten darüber hinaus machte ich die wache Entdeckung: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran neu die Botschaft lernen kann, die ich dir zu überliefern habe.“

Von Gott angegangen werden: in unterschiedlichsten Herausforderungen und Gestalten wird dies bewusst.

  •  Vor einigen Tagen berichtet die Presse von einer „geheimen Liste“. Ich erfahre dies in der Pfarre Graz-Graben und höre, dass dies auch im Radio schon gesagt wurde.
  • April 2015: Ich lese, da ich diesmal nur eine Messe feierte, das Interviewbuch des Alterzbischofs von Poitiers zu Ende: „Aufbruch zum Miteinander“. Es steigt mir innerlich hoch, wie Kirche gesehen und erlebt werden kann. Es geht mich an.
    Für den Abend hatten wir Priester in der Fokolarbewegung schon seit längerem jene Frauen eingeladen, die in einer Wohngemeinschaft, „Fokolar“ genannt, hier in Graz miteinander leben, um einen gemütlichen Abend zu verbringen. Beim Einräumen des Geschirrspülers überhöre ich das Vibrieren meines Telefons. Ich sehe: Telefonnummer aus Wien, auf die Mailbox wurde gesprochen. Ich höre in meinem Zimmer die Mailbox ab: „Grüß Gott, lieber Monsignore Krautwaschl, hier ist der Apostolische Nuntius“. Vor Schreck drücke ich aufs Handy und lösche die Nachricht. Einige Anrufe – welche Nebenstelle? – fruchten nichts. Endlich gegen 20:30 Uhr dann noch einmal das Telefonat und die Bitte diesen Dienst zu übernehmen. Nach einer kurzen Information an den Diözesanadministrator – auch ihm ein großes „Vergelt’s Gott!“ für seinen umsichtigen Dienst in diesem Amt – eine Nacht ohne Schlaf.
  • Am Morgen ging ich in den Dom zur Messe, frühstückte bei Heinrich Schnuderl und informierte meine beiden Amtsvorgänger, ehe ich nach Wien aufbrach, um in wirklich brüderlicher Atmosphäre den Grund für mein heutiges Hiersein zu besprechen. Unterwegs schaute ich bei meiner Mutter vorbei, um es ihr zu sagen. Unter anderem hat sie in diesem Zusammenhang mir gestanden: „Ich habe bei deiner Primiz damals kein neues Kleid gekauft, wieso sollte ich das jetzt tun?“

Von Gott angegangen werden: er spart nicht damit, das – bildlich gesprochen – „Hinken“ zu erleichtern.

 

Junge Leute begegnen den Fragen des Glaubens heute anders. Vertrauen wir dem auch: Gott ist mit ihnen?

Menschen in geglückten, schwierigen oder gescheiterten Beziehungen: was heißt das für die Verkündigung und vor allem das Leben miteinander?

Menschen, die hier Heimat haben oder suchen mit ihren unterschiedlichsten Lebens- und Glaubensgeschichten und -gestalten: ist Gott nicht längst schon mit und bei ihnen, noch ehe wir mit dem, was Kirche heißt, bei ihm ankommen und welche Auswirkungen hat das?

Einige von vielen Fragen – ich bin und bleibe bei alledem auch ein Suchender: mit dem Kompass des Evangeliums und der kirchlichen Tradition als Richtschnur und Wegmarken. Denn: ein Bischof ist Hirte und nicht Alleswisser, erst recht nicht der Beste in Leben. Das können auch meine Zeugnisse aus der Schule bestätigen: Deutsch und Turnen waren zeitlebens die schlechtesten Noten.
Er ist aber auch nicht der Beste im Glauben, zumindest nicht von vornherein :-). Aber ich darf mit den Vielen, die in der Steiermark auf dem Weg des Glaubens in unserer Kirche unterwegs sind, die Freude am Glauben teilen und erneuern; wir werden in einer so verstandenen Kirche vielfältig sein und die Seelsorge neu ausrichten und als Kirche die Gesellschaft mitgestalten. Auf unserem „Weg2018“ hin zum Diözesanjubiläum nehme ich vieles an Fragen mit, da bin ich alles andere als fertig, da hab ich kein Patentrezept und bin kein Wunderwuzzi. Aber ich möchte im Vertrauen beginnen:

Ich bin von Gott angegangen worden und ich will nicht von ihm lassen: Denn „Gott ist die Liebe (1Joh 4,16)“

Ostern 2015

„Wenn es Ostern nicht gäbe: Würde sich da was am Leben, an meinem Leben ändern?“ Irgendwie ist mir diese Frage in den letzten Tagen da in Mürzzuschlag gekommen – ich bin in diesen Tagen hier aus Aushilfe. Klar: dann gäbe es all die Feiern und damit auch die Feiertage nicht. Aber: sonst in meinem Leben?  Die Gedanken der Predigt am Karfreitag scheinen mir da mit eigenen Worten einen Antwortversuch zu verbergen ..

Vielfach begegne ich Menschen mit Angst vor  in verschiedenen Varianten: da gibt es die Angst vor der Krankheit, denn Gesundheit (sei ja das wichtigste Gut, Angst vor Scheitern und Ungenügen, Angst vor Zerbrechen von Beziehungen usw. usf. Und  natürlich auch Angst vor dem Tod. – Nebenbei: sind nicht alle Ängste Spielformen dieser letzten? Und ist damit nicht eigentlich  Angst vor dem Leben verbunden?. Denn das Leben bekommt erst durch Tod „Gewicht“. Würde alles gleich gültig sein, wäre es erstens gleichgültig und daher zweitens auch nichts wert. Erst die Sicherheit des Sterbens macht das Leben zu mehr als bloß einem Ablauf von gewissen Sekunden und Minuten.
Durch das, was wir in diesen Tagen weltweit feiern, wird dem „Entfliehen des Todes“ eigentlich der „Kampf“ angesagt: das Leben ist eines „durch den Tod hindurch“. Und daher könnten wir es uns auch leisten, heute  das Leben jenseits und mit dem Tod bewusst für uns selber zu bedenken – wenn wir nach vor treten und unser Knie beugen vor einem, der dargestellt wird als am Kreuz Gehängter. Tod und Leben gehören zusammen! Und: nehmen wir das auch in unseren Alltag mit: jeder Augenblick ist kostbar! Jeder Augenblick hat es eigentlich in sich, zu einer Begegnung mit dem Ewigen zu werden!
Lassen wir daher nichts einfach nur so vorübergehen.