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In seinem Buch „Wage zu träumen“ versucht Papst Franziskus manche Fragestellungen aufzuwerfen wie die Krise der Pandemie zur Chance werden könnte die Zukunft unserer Erde „neu“ zu gestalten zu helfen. In unregelmäßigen Abständen werde ich hier meine Gedanken dazulegen.

Wage zu träumen XLI

Zusammenhalt ist gefragt

Die Impfstoff-Entwicklung der letzten Monate machte deutlich, wozu doch die Menschheit, wenn sie wirklich sich geeint weiß und dem entsprechend vorgeht, fähig ist! Grandios, was da an Wissen zusammengetragen wurde und wird, um möglichst rasch Impfungen und Medikamente gegen COVID19 zu erhalten.

Könnte dieses Miteinander nicht auch auf anderen Gebieten zu einem neuen Verständnis von Menschheit führen, einem, das zukunftsfähig ist? Doch: neben dieser Realität gibt es eben auch noch andere:

  • Kriege wurden auch 2020 geführt – und ebenso werden weiterhin Waffen produziert und in der ganzen Welt damit „Geschäft“ gemacht
  • Terror hat sich auch 2020 nicht abgemeldet – und ereignete sich praktisch vor unserer Haustür
  • -zig Millionen Menschen sind auf der Flucht, vielfach im eigenen Land, vielfach in alles andere als reichen Ländern, aber eben auch in Richtung Europa
  • gegen die drohende Klimakatastrophe wird es keine Impfung geben
  • Zunahme (?) an Gleichgültigkeit – Papst Franziskus wird nicht müde diese da und dort anzuprangern

Ich glaube, jede und jeder, der/die das liest, könnte viele weitere Fragestellungen hinzufügen ohne wohl lange nachdenken zu müssen. Einfache Antworten wird es wohl nicht geben – gemeinsames Voranschreiten aber wäre mit einer ähnlichen Anstrengung sicherlich hilfreich. Das Vertrauen, dies selbst zu leben und dies Verantwortungsträgern in unserer Welt in Erinnerung zu rufen, habe ich allemal …

Wage zu träumen – XL

Abstand halten

Immer wenn ich meine Stopp-Corona-App am Morgen wieder in Betrieb nehme und meinen bislang immer möglichen Eintrag „keine Symptome“ anklicke erscheint das Wort vom „Abstand halten“. Es wurde zu Beginn der Pandemie dann mit einem englischen Begriff eigentlich falsch interpretierend in unsere Sprachwelt übertragen: „social distancing“ meint nicht so sehr physisch Abstand zu halten, sondern sich von größeren Menschenansammlungen real fernzuhalten.

Die Beziehung darf und kann nicht in den „Lockdown“ gehen, sie müssen – anders zwar und daher auch mit anderen Mitteln – gelebt werden. Weil der Mensch eben ein soziales Wesen ist. Gerade deswegen schmerzen die Beschränkungen auf diesem Gebiet sehr – ich denke an die Kunst und alles, was mit Kultur zusammenhängt; ich denke an die gemeinsamen Feiern – ob im Familienkreis oder auch in gottesdienstlichen Zusammenkünften; ich denke an die sehr eingeschränkten [aber diese gibt es wenigstens!] Besuchsmöglichkeiten in Krankenhäusern und Pflegeheimen etc. Ich denke auch an die vielen Ideen, die in den letzten Monaten umgesetzt wurden, um die räumliche Nähe zu überwinden: eine Videokonferenz oder ein Videotelefonat könnten eine persönliche Begegnung mit der Möglichkeit den ganzen Menschen in seiner „Sprachwelt“ wahrzunehmen nicht ersetzen, ermöglichen aber dennoch so manches an gemeinsamem Beraten und auch Entscheiden. Ich denke auch an meine Mutter – mittlerweile 90 Jahre alt lebt sie im Pflegeheim in Gleisdorf: als nach dem ersten Lockdown Besuche im Freien ermöglicht wurden, teilte sie uns Kindern mit, ja nicht auf die Idee zu kommen, sie zu besuchen, denn im Freien und auf die Entfernung können sie uns nicht hören bzw. verstehen. Wir sollten sie lieber anrufen – unsere Gesichter kenne sie ohnedies … Auch die Stimme zu vernehmen kann so manche Distanz überwinden (helfen).

Ja: es wäre fatal, wenn es einen Beziehungs-Lockdown gäbe! Gerade deswegen ist es notwendig und damit Not wendend, kreativ zu werden, um Nähe zum Ausdruck zu bringen, die zum (Über)Leben gebraucht wird!

Wage zu träumen XXXIX

Weniger?

Vor einigen Wochen bin ich einem steirischen Landespolitiker begegnet. Seit dieser Begegnung frage ich mich wie er immer wieder: „Was geht mir wirklich an Lebensnotwendigem ab?“ Auch jetzt – im Lockdown?! Freilich: manches Angenehme kann derzeit nicht stattfinden, schmerzlichst vermisse ich auch das gemeinsame Feiern des Glaubens in größerer Gemeinschaft. Aber: meine – persönliche – Beziehung zu Gott ist nach wie vor tragend und das, was ich zum Leben brauche ist vorhanden. Und dennoch gibt es Unzufriedenheit …

Vor einigen Jahrzehnten bin ich mit einem Jugendlichen in Hartberg unterwegs gewesen. Auf einem Spaziergang tauschten wir uns aus. Irgendwann kam dann einmal das berühmte Wort „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben …“. Wir blieben stehen. Ich fragte nach: „Was meinst du damit wirklich? Haben wir nicht eh schon alles?“

Die Kehrseite dieser Erfahrungen ist: Wie werden wir es mit „weniger“ schaffen? Da wird uns manches genommen für eine geraume Zeit und schnell wird von „Diktatur“ gesprochen … „Wie bitte?“ Da wird davon gesprochen „Ich will mein normales Leben wiederhaben!“ und gemeint ist wohl nur, dass alle Annehmlichkeiten – ohne die anderen mitzusehen und zu bedenken – wie wir sie halt gewohnt waren, wiederkommen, koste es was wolle und auch auf Kosten von anderen …

Wie wohl und gut doch der große Visionär Papst Franziskus tut, der einfach und in einfachen Worten nicht müde wird von der weltweiten Geschwisterlichkeit zu sprechen, also davon, dass wir ernst machen damit, als Menschen rund um den Erdball verwoben zu einer Menschheit zu sein. „Globalisierung“ der anderen Art gleichsam: ernst machen damit, dass mir das was sich woanders ereignet und nicht unbedingt vor meiner Haustür auch was mit mir zu tun hat … Eigentlich ein schöner Traum, oder?[1]

[1] Vgl. hierzu die letzte Enzyklika von Papst Franzisus „Fratelli tutti“ (http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html) und sein „Interviewbuch“ Wage zu träumen, das diesen Einträgen zugrundeliegt.

Wage zu träumen XXXVIII

Kirche ist mehr

Wie wird es weitergehen? Schon am Ende des 1. Lockdowns im Frühjahr 2020 wurden so manche Pläne geschmiedet und wurde so manches bedacht. Ich habe damals ein Hirtenwort veröffentlicht, an das ich gern auch jetzt erinnern möchte, weil ich meine, dass wir noch nicht tief genug in die daran angeführte Entdeckung eingedrungen sind: „Kirche ist mehr“.

Hier sei abermals an das Interview erinnert, dass der nunmehrige Kardinal Mario Grech als frisch ernannter Generalsekretär der Bischofssynode der Zeitschrift „La civilta cattolica“ gegeben hat und das ich meinen Überlegungen im zweiten Lockdown in mehreren Passagen vorangestellt habe.[1]


[1] http://krautwaschl.info/kirche-im-lockdown-i/; http://krautwaschl.info/kirche-im-lockdown-ii/; http://krautwaschl.info/kirche-im-lockdown-iii/; http://krautwaschl.info/kirche-im-lockdown-iv/; http://krautwaschl.info/kirche-im-lockdown-v/; http://krautwaschl.info/kirche-im-lockdown-vi/

Wage zu träumen XXXVII

ratlos in die Zukunft?

Vielfach macht sich angesichts der anhaltenden Pandemie – trotz aller Erfolge mit dem Virus und seinen auftretenden Mutationen umzugehen, trotz des Silberstreifs der Impfung etc. – da und dort Ratlosigkeit breit, mitunter von so mancher Angst besetzt. Wenn es „eng“ wird – und das ist üblicher Weise bei so manchem „logisch“, das neu ist und mit dem wir Menschen erst umgehen lernen müssen – ist Angst eine „Begleiterscheinung“.

Als Glaubender weiß ich: Ich bin nicht allein. Denn: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ meinte Jesus zu seinen Aposteln, ehe er in den Himmel aufgenommen wurde (vgl. Mt 28,20). Ich sehe mich herausgefordert, gerade in diesen Wochen und Monaten Jesus beim Wort zu nehmen. Nicht die nach rückwärts gewandte Frage nach dem „Warum?“ ist angebracht, sondern weit mehr jene nach dem „Wozu?“ und damit Orientierung für die Zukunft. Vertraue ich wirklich darauf, dass das, was auch mich und uns zukommt, von IHM begleitet ist – oder ist das bloßes (frommes) Gerede? Mitunter kann es schon sein, dass auch jene, die vorgeben, dies zu glauben, nicht IHN im Blick haben, sondern nur ihre eigenen Wünsche, die sich dann in kruden Vorstellungen Platz machen (etwa: „Wenn mir Jesus in der Kommunion begegnet, dann kann ich doch nicht infiziert werden …“) oder auch in scharfen Attacken gegen Andersmeinende, die denselben Glauben bekennen (wenn ich mir da so manche Vorwürfe anschaue, die dem Papst und so manchen Bischöfen gegenüber geäußert werden …).

Noch einmal: Wie fest ist wirklich mein Vertrauen, dass ER da ist, auch und gerade (!) jetzt? Sodass ich sicheren Schrittes vorangehen kann, auch wenn ich nicht um alles weiß, was da auf mich zukommt …

Wage zu träumen XXXVI

auf die Wortwahl achten

Deutsch war in der Schule neben dem Fach „Leibesübungen“ jenes mit meinen schlechtesten Jahresnoten. Ob ich es damit schon verspielt habe, auch nur kurz zu dieser Überschrift was sagen zu dürfen? Ich meine nicht, denn auf unterschiedlichen Ebenen werden wir herausgefordert, ob des Miteinanders in der Gesellschaft und in den vielen kleineren und größeren Gemeinschaften, in denen wir leben, die Worte mit Bedacht zu wählen. Gerade darin scheint mir so manches – nicht erst in den letzten Monaten der Pandemie mit ihren damit verbundenen Einschränkungen – beinahe aus den Fugen geraten zu sein. Wir halten andere Meinungen fast nicht (mehr) aus und stellen uns damit nur ungern, wenn überhaupt, dem Diskurs. Das fällt mir bei mir selbst – leider – auch immer wieder auf.

Wie kann ich bei mir selbst die Sensibilität für Sprache und Begriffe fördern? Wie gelingt es mir, in so manchen Auseinandersetzungen in Geduld die alles andere als „einfache Mitte“ – ich zitiere damit bewusst meinen Vorgänger im bischöflichen Dienst Egon Kapellari – zu besetzen[1]. Aber nur in dieser (!) Position ist Leben und damit auch Glauben aushaltbar. Beispiele, die mir in den vergangenen Wochen aufgefallen sind, seien hier unkommentiert benannt, in denen m.E. ein genaueres Hinschauen und Hinhören notwendig ist, das keineswegs mit bloßer „politischer Korrektheit“ verwechselt werden darf …

  • Was ist etwa gemeint mit „politischem Islam“?
    Dürfen Gläubige nicht „leben“ und – weil sie Menschen sind – sich einbringen in politische Debatten?
    Hier haben sich in den letzten Wochen die ÖBK[2] wie auch die Kommission für Weltreligionen der ÖBK deutlich zu Wort gemeldet[3].
  • Debatte rund um „blackfacing“ angesichts des Sternsingens
    hierzu auch das Wort des Pressesprechers der Erzdiözese Wien zu einer immer wiederkehrenden „Debatte“[4]
  • „religiös motivierter Extremismus“: worin unterscheidet sich ein solcher von anderen Formen des Extremismus und wieso braucht es dann hierfür einen eigenen Tatbestand? Außerdem: wird damit nicht insgeheim „unterstellt“, dass Religion überhaupt was „Gefährliches“ ist?
  • Flüchtlinge …
    Hier reicht’s m.E. das Wort hinzuschreiben …
  • Sterbehilfe – Sterbebeistand – assistierter Suizid
    Welche Bilder evozieren diese Begriffe?

Sie sehen: es muss nicht erst auf die mitunter schauderhaften Worte verwiesen werden, die in diversen Internetforen locker dahin geschrieben werden, es muss auch nicht erst soweit wie in den vergangenen Tagen in Washington D.C. bei der Erstürmung des Kapitols kommen … Es reicht aufmerksam Worte zu wählen und Bilder zu hinterfragen, die mitunter sich als „frames“ in unserem Un(ter)bewussten abspeichern …

Gehen wir sorgsam miteinander und auch sorgsam in der Sprache um …


[1] Dies kann auch für die Gesellschaft bzw. die Politik geltend gemacht werden, wie der Essay zeigt, der von Manfred Prisching unter dem Titel „Warum braucht jede Demokratie Maß und Mitte?“ in der Kleinen Zeitung am 10.1.2021, 4-5 veröffentlicht wurde.

[2] https://www.bischofskonferenz.at/2020/presseerklaerungen-zur-online-herbstvollversammlung-2020

[3] https://www.kath-kirche-graz.at/einrichtung/11/themenschwerpunkte/caritas/infosstellungnahmen/article/18937.html

[4] https://www.diepresse.com/5920631/geschwarzte-sternsinger