Archiv der Kategorie: Pfarrinstruktion

Meine unvollständigen und alles andere als wissenschaftlich-exakten Gedanken zur Instruktion „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“
werde ich in loser Folge in diesen Tagen hier veröffentlichen. Gesammelt können diese unter http://krautwaschl.info/category/instruktion abgerufen werden. –
Da hier dem Erscheinungsdatum entsprechend absteigend sortiert wird, sind die einzelnen Kapitel „von unten nach oben“ zu lesen. Danke für das Verständnis.

instruiert werden – XXXVIII

38. gemeinsam die Sendung der Pfarre leben: mit den Gottgeweihten

Die beiden Artikel, die die Instruktion den „Gottgeweihten“, also jenen Menschen im Volk Gottes widmet (83-84), die nach den Evangelischen Räten der Armut, Ehelosigkeit und des Gehorsams leben – in Ordensgemeinschaften oder Kongregationen, in Säkularinstituten, allein oder aber auch in einer der zahlreichen neuen geistlichen Gemeinschaften – macht mir erneut manche Unschärfen aber auch Prinzipien deutlich, die ich hier nur kurz antippen will, da diese Abschnitte keinerlei Rechtsfolgen benennen, sondern lediglich den Beitrag beschreiben, den Menschen in dieser Lebensform für das Leben der Kirche und damit auch von Pfarren leisten.

  1. Eingeordnet in das Kapitel zur „Übertragung der Hirtensorge“ machen diese Abschnitte keinen Sinn, da darüber nicht verhandelt wird. Daher verstärkt sich auch hier der immer wieder kritisierte Eindruck, es gehe eigentlich darum, das Leben von Kirche (in Pfarren) nur unter dem Aspekt der „Leitung“ [durch einen Pfarrer/Priester] zu sehen. Dies wird verstärkt, da ja zu diesem Thema in 83f. nichts ausgesagt wird, sondern nur die Lebensform und deren Bedeutung zu Wort kommen.
  2. Die „charismatische Dimension“ von Kirche wird in „Strukturdebatten“, aber auch in üblichen Diskursen über das Leben von Kirche vielfach ausgeblendet – und daher ist es wiederum gut, sie auch in solchen zu erwähnen. Dem kommt die Instruktion nach, vermeidet es aber – leider – die „marianische Dimension“ im Unterschied zur „petrinischen“, also „hierarchischen“ deutlicher auszugestalten. Die Bekehrung, die alle zu leben haben bzw. hätten ist ja immer mehr und deutlicher das „ja“ Mariens zum Willen Gottes für das eigene wie auch das gemeinschaftliche Leben in Tat umzusetzen. Damit ist das Leben vor (!) der Struktur auch inhaltlich deutlich – hier aber eben leider der Struktur unter- und damit auch nachgeordnet.
  3. Gerade, wenn in 84 davon die Rede ist, dass der „Beitrag, den die Gottgeweihten für die missionarische Sendung der Pfarrgemeinde leisten können, [..] sich in erster Linie von ihrem ‚Sein‘ ab[leitet], d. h. vom Zeugnis einer radikalen Nachfolge Christi durch die Profess der evangelischen Räte, und nur in zweiter Linie auch von ihrem ‚Tun‘, d. h. von ihren Werken, die dem Charisma der Institute entsprechen (beispielsweise Katechese, Caritas, Bildung, Jugendpastoral, Sorge für die Kranken)“, müsste die Chance – eine andere Anordnung in der Instruktion vorausgesetzt – genutzt werden, diesen Aspekt des „Strebens nach Heiligkeit“ und damit beständiger Umkehr zu Christus und zum Evangelium zu betonen. So eingeordnet verstärkt sich – jedenfalls für mich – eher der Eindruck, dass dies zwar ge- und beschrieben wird, aber eben doch nur unter dem Tun betrachtet wird, weil die Gottgeweihten damit doch einen strukturellen Beitrag zum Aufbau der Sendung von Kirche geben.

instruiert werden – XXXVII

37. gemeinsam die Sendung der Pfarre leben: mit anderen, die zum Dienst geweiht sind

Ich habe es in meinen Beiträgen schon mehrmals erwähnt: es ist schade, dass die Instruktion in ihrem Aufbau nicht einer anderen Logik folgt und die Dienste erst nach den Aufgaben des Volkes Gottes benennt – auch Lumen gentium und das kirchliche Gesetzbuch sind dem entsprechend strukturiert – sondern von den Fragen der „Leitung“ her die konkreten Normen in Erinnerung ruft und damit Gefahr läuft, klerikal missinterpretiert zu werden. Auch wenn ich prinzipiell dennoch dem Aufbau der Instruktion mit meinen Darlegungen folge, jetzt „muss“ ich eine Ausnahme machen, denn dass über Vikare (also Priester, die keine Pfarre leiten), Diakone, die Gottgeweihten und die Laien mittendrin in den Gedanken der Instruktion zur „Übertragung der Hirtensorge“ in Kapitel VIII (d-g) gehandelt wird, verstärkt tatsächlich diesen eben kurz geschilderten Eindruck. So wird eigentlich ausgesagt, dass eben alles „vom Pfarrer“ abhänge und alle Dienste „ihm“ zugeordnet gelten würden, also er und nicht Christus (!) „der grundlegende Bezugspunkt für die Pfarrgemeinde“ (62) sei. Ich helfe mir damit, dass eben „Pfarre“ nicht ohne „Pfarrer“ gedacht werden kann und man dennoch (!) mit dem Verstehensschlüssel der Bekehrung an alle Themen – auch ohne den inneren Zusammenhang der Instruktion näher zu kennen – herangehen kann.

Zum Pfarrvikar – bislang war dies in der Steiermark eigentlich der „Kaplan“, nunmehr unterscheiden wir zwischen dem „Vikar“ als einem Priester nach der Weihe und der berufsbegleitenden Ausbildung mit den entsprechenden Kursen hin zum Pfarrer-Amt und dem „Kaplan“ als einem jungen Priester, der noch in der berufsbegleitenden Ausbildung steht – wird eigentlich nicht viel gesagt; lediglich 78 spricht von ihm. Drei Aspekte möchte ich dennoch kurz herausgreifen:

  1. Beauftragung für einen besonderen pastoralen Bereich: dies macht deutlich, dass es wohl auch Priester gibt[1], die mehr nach ihren persönlichen Charismen und Begabungen ihr Priestersein leben wollen und nicht nur unter Blickwinkel des „Pfarrers“ ihren Dienst versehen wollen.
  2. Wenn von der Möglichkeit die Rede ist, dass Vikare in einem bestimmten, mehrere Pfarren betreffenden Territorium für besondere seelsorgliche Aufgaben zugeordnet sind, wird von der Notwendigkeit der deutlichen Aufgabenklärung wie auch der Zuordnung gesprochen. Leider wird hier dies nur auf Dekret-Ebene abgehandelt: Gespräch zwischen Pfarrer und den anderen, die mit ihm gesendet sind, sind eigentlich Selbstverständlichkeit, damit der Dienst tatsächlich gemeinsam gelebt werden kann.
  3. Wenn von der Möglichkeit mehrerer Priester gesprochen wird, dann fehlt leider (!) meines Erachtens die an anderer Stelle besonders hervorgehobene Idee, dass durch gemeinsames Leben von Priestern auch ein Zeugnis in der Gemeinde gegeben werden kann. Hier wäre tatsächlich auch noch Platz gewesen, diesen Aspekt erneut zu vertiefen. Was dann eben auch bedeutet: nicht jeder Priester „muss“ Pfarrer werden[2].

Zu den Diakonen wird interessanter Weise ausführlicher Stellung bezogen (79-82), wohl auch deswegen, weil dieses Amt zum einen in manchen Weltgegenden (wie etwa Amazonien, wohl auch Afrika) derzeit nach wie vor nur spärlich gelebt wird[3], zum anderen auch, weil es in dieser Form erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und damit praktisch „neu“ eingeführt wurde: „In der Hierarchie eine Stufe tiefer stehen die Diakone, welche die Handauflegung ’nicht zum Priestertum, sondern zur Dienstleistung empfangen'“ führt LG 29 aus und zitiert damit die Konstitutionen der ägyptischen Kirche[4]. Dies mag auch ausschlaggebend dafür sein, manche Klärungen herbeizuführen – gerade in Gegenden, in denen das Diakonat noch nicht sehr weit verbreitet ist, haben diese Passagen der Instruktion, wenn ich es recht sehe, sehr positive Reaktionen hervorgerufen.

Mit dem Diakon soll der „Dienst“ in der Kirche deutlich gemacht, „behütet“ werden wie es Papst Franziskus in der von der Instruktion (zu) kurz zitierten Ansprache an Priester und Gottgeweihte in Mailand deutlich macht: „Der Diakon ist – sozusagen – der Hüter des Dienens in der Kirche. Jedes Wort muss gut bemessen sein. Ihr seid die Hüter des Dienens in der Kirche: des Dienstes am Wort, des Dienstes am Altar, des Dienstes an den Armen. Und eure Sendung, die Sendung des Diakons, und sein Beitrag bestehen darin: uns allen in Erinnerung zu rufen, dass der Glaube in seinen verschiedenen Ausdrucksformen – der gemeinsame Gottesdienst, das persönliche Gebet, die verschiedenen Formen der Nächstenliebe – und in seinen verschiedenen Lebensständen – der laikale, der klerikale und der familiäre – eine wesentliche Dimension des Dienens besitzt. Der Dienst an Gott und an den Brüdern. Und in diesem Sinne gibt es einen langen Weg zu beschreiten! Ihr seid die Hüter des Dienstes in der Kirche.“[5] Mitunter – ich bin mir unsicher, ob dies wirklich so gedeutet werden kann – sage ich: wenn der Priester „Christus, das Haupt der Kirche“ sakramental darstellt, dann der Diakon „Christus als den Diener der Kirche“ – ER ist beides und beides bedingt einander, macht den Einen aus.

Aus den weiteren Abschnitten, die die Instruktion dem Diakon widmet, wird ein weiterer Aspekt klar, der wohl als Konsequenz der „Neu-Einführung“ dieses Amtes nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bezeichnet werden kann: es gilt vor „Straßengräben“ einseitiger Betonung dieses Amtes zu „warnen“: er ist weder „nur“ in der Liturgie anzusiedeln, noch auch nur im caritativen Bereich[6] kirchlichen Lebens; auch können ihm viele konkreten Dienste anvertraut werden – es gibt bekanntlich keine „nur“ dem Diakon vorbehaltene, aber: durch die Beauftragung eines Diakons mit der Ausführung derselben bekommen diese einen ‚besonderen Glanz‘.

[1] Schon seit Jahren haben wir bei so manchen Priestern erlebt, dass sie „in die 2. Reihe“ zurücktreten wollen, um ihrem ureigensten priesterlichen Auftrag aufs Neue leben zu können.

[2] Bei einer Begegnung von Bischöfen mit den Hausleitungen unserer Priesterseminare meinte zu Beginn des Jahres 2020 der Erzbischof von Wien, dass zu seinen Anfangsjahren wohl 2/3 der Priester nicht Pfarrer gewesen seien. – Nebenbei: Dass dann auch der „Leitungsdienst“ der Priester anders interpretiert und verstanden wurde ist klar.

[3] Wenn ich es recht sehe, wurde etwa bei der sog. „Amazonas-Synode“ die Frage aufgeworfen, wieso es denn praktisch keine Diakone gäbe. Ein Grund könnte wohl der sein, dass eben auf eine nicht dem was Kirche wirklich ist, entsprechende Weise Priester bzw. Pfarrer ihren Dienst ausüben?

[4] Diese Definition steht wohl in einer gewissen Spannung zur „Dreigliedrigkeit“ des einen geweihten Amtes in der Kirche, das üblicher Weise betont wird. M.E. kann dieser Abschnitt eben auch bereichernd und damit erweiternd verstanden werden, dass es neben dem Dienstamt der Priester, für die es eine „Durchgangsphase“ braucht, eben diesen wirklich selbständig zu betrachtenden Dienst braucht.

[5] Franziskus: Ansprache bei der Begegnung mit Priestern und Ordensleuten am 25.3.2017 in Mailand [http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2017/march/documents/papa-francesco_20170325_milano-sacerdoti.html].

[6] 82: interessant, dass auch die „Verwaltung der [materiellen] Güter“ in der Kirche unter diesem Blickwinkel zu sehen ist – auch hier gibt es m.E. viel an Notwendigkeit von Bekehrung.

instruiert werden – XXXVI

36. Leitung der Pfarre VII

Vielfach – und damit ist jetzt dann wirklich Schluss mit den prinzipiellen Überlegungen zur Leitung von Pfarren [die einzelnen Abschnitte der Instruktion unter all diesen eben breit erörterten Gedanken zu lesen überlasse ich jedem und jeder LeserIn dieses Blogs] – wird zum Thema „Leitung“ (kirchlich verstanden) auch die innere Verknüpfung zum Weihesakrament infrage gestellt. Auch erinnere ich an das, was ich unter http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xxxiv/ von Klaus Hemmerle zitiert habe. Gerade ob dieser Lebens-Tatsache ist es bedeutsam und wichtig, dass jene, denen dieser Dienst „für“ anvertraut selbst und untereinander so leben, dass deutlich wird, wes Geistes Kind sie sind. Auch die Geweihten sind aufgerufen – und besonders (!) – dieses Miteinander zu leben. Wo dies nicht gelingt, sei es unter Priestern, sei es unter Diakonen, sei es unter Bischöfen untereinander und/oder mit dem Papst, wird Kirche zum „Anti-Zeugnis“. Und deshalb möchte ich auch hier Klaus Hemmerle aus dem Vortrag zu meditieren einladen: „Für den, der in die Welt von heute. hineinschaut, kann es eigentlich kein Zweifel sein: Jesus in der Mitte ist das Zeugnis, auf das die Menschheit, die um ihre Einheit ringt, am meisten wartet. Nur er in unserer Mitte kann die Welt überzeugen. Das ist die größte Herausforderung, aber auch die größte Chance für uns Bischöfe in der Kirche. […] Wir haben für die anderen und füreinander die radikale Liebe Jesu zu leben, die Ausgangspunkt, Kraft, Inhalt und Ziel unserer Sendung ist. Und in dieser Liebe zu allen und zueinander werden wir jene Struktur dreifaltige Lebens zum Rhythmus unseres eigenen Daseins werden lassen: Einheit mit dem Papst und Einheit miteinander, bis wir ganz verzehrt sind in diese doppelte und doch eine Einheit hinein. […] Papst Paul VI. sagte einmal in einer Homilie zu einer Bischofsweihe: „Wer sind die Freunde eines Bischofs? (…) Die erste Kategorie ist jene der Bischöfe selbst …, denen, in der Person der Apostel, mit Vorzug das Neue Gebot gegeben wurde, nämlich sich gegenseitig zu lieben.“ (Insegnamenti di Paolo VI., Poliglotta Vaticana, 1975, XII, S. 623-624). Also: Wenn wir die Kollegialität miteinander leben und darin zugleich die Einheit mit dem Papst leben, dann können wir gar nicht anders leben als so, daß Jesus in unserer Mitte ist. Und dann wird unser oft so schwer verständlich erscheinender Dienst als Bischöfe, der vielen zur Barriere für den Glauben zu werden droht, genau zu jenem Zeugnis, das die Menschheit anzieht.
Es ist aber nicht minder wichtig, denselben Weg in der umgekehrten Richtung zu gehen. Wenn wir uns konkret darum bemühen, einander so zu begegnen, daß wirklich Jesus in unserer Mitte ist, dann wird sowohl die Kollegialität der Bischöfe wie die Vollmacht des einzelnen Bischofs wie vor allen Dingen die Autorität des Papstes wiederum auf Verständnis stoßen, wiederum Leuchtkraft für die Welt haben. An unserer Entschiedenheit , mit Jesus in der Mitte zu leben, wird es hängen, ob der Dienst und die Vollmacht der Hierarchie und ihrer Strukturen als fremde und dem Evangelium ferne Institution den Menschen Glaubenshindernis werden oder aber genau die Brücke, auf der Jesus aus unserer Mitte in die Mitte der Vielen kommen und dort sein Licht anzünden. kann.“[1]

Bekehrung tut not, kein Zweifel.

[1] Klaus Hemmerle: Jesus in der Hierarchie (Typoskript), 27.1.1978.

instruiert werden – XXXV

35. Leitung der Pfarre VI

Meine prinzipiellen Gedanken zur „Leitung“ sind nun doch ausführlicher geworden als ich es ursprünglich vorhatte. Dass es mehrere Möglichkeiten gibt, diese Leitung Priestern zu übertragen, ist klar und wird eben von 66-77 bzw. 87-93 ausgeführt. Hierzu ergänzt m.E. der frühere Würzburger Kirchenrechtler Hallermann: „‚Monopolistisch‘ […] ist Leitung [..] dort und nur dort rechtlich geregelt, wo es um die Ämter in den kirchlichen Verfassungsstrukturen geht, deren Inhalt die Hirtensorge oder die umfassende Seelsorge (cura pastoralis) ist: Es geht um das Amt des Diözesanbischofs und um das Amt des Pfarrers. Der Inhalt der Hirtensorge wird am Beispiel der Pfarrei in den cc. 528 und 529 CIC rechtlich umschrieben. Eine ganze Reihe der dort beschriebenen Aufgaben, zu denen die Feier der Eucharistie gehört, die zum Mittelpunkt der pfarrlichen Gemeinschaft der Gläubigen werden soll, setzt zur Ausübung den Empfang der Priesterweihe voraus. Gemäß c. 150 CIC/1983 kann aber ein Amt, das der umfassenden Seelsorge dient, zu deren Ausübung die Priesterweihe erforderlich ist, jemandem, der die Priesterweihe nicht empfangen hat, nicht gültig übertragen werden. So ergibt sich logisch aus c. 521 § 1 CIC/1983, dass das Kirchenamt eines Pfarrers gültig nur einem dafür geeigneten Priester übertragen werden kann. Nicht ‚monopolistisch‘ ist allerdings die Ausübung dieses Amtes konzipiert, denn c. 519 CIC/1983 zeigt, dass das Amt des Pfarrers nur in Kooperation mit anderen Gläubigen wirksam ausgeübt werden kann (vgl. auch c. 529 § 2 CIC/1983). Dass die Praxis mitunter ganz anders aussieht, ist nicht der Rechtsordnung anzulasten.“[1]

Auch Hallermann betont: es geht ums Leben – und daher: wie leben wir unsere gemeinsame Sendung von Kirche, die alle (!) in die Umkehr ruft: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium!“ gilt eben nicht nur „für die jeweils anderen“, sondern zunächst und zuallererst jedem und jeder von uns und damit auch der Art, wie wir uns selbst in unserem Dienst am Ganzen verstehen. Gerade deswegen – man kann nie prinzipiell genug sein – ein weiterer Ausschnitt aus der Betrachtung, die Klaus Hemmerle vor Bischöfen, die der Fokolar-Bewegung nahestehen, 1978 gehalten hat, der eben – erneut – deutlich macht, wie notwendig dieses Wesensmoment christlichen Daseins ist, da wir sonst anderen zum Ärgernis werden: „Es ist gewiß ein besonderes Licht und ein besonderer Antrieb des Geistes für unsere Zeit, daß so viele Menschen, gerade auch junge Menschen, wieder die Gestalt Jesu lieben lernen. Das Evangelium, die Weise Jesu , vom Vater zu sprechen und sich über den niedrigen und kleinen Menschen mit ganzer Liebe zu beugen, wirkt für den Menschen von heute ungemein anziehend, der sich so oft vaterlos, ungeliebt, entfremdet, versklavt und abgeschrieben fühlt. Daß dieser Jesus uns in jedem Nächsten begegnet und daß wir durch sein Wort lebendigen Kontakt mit ihm haben können, daß er tiefer inwendig als unser Innerstes in uns leben will und auch daß·er dort zugegen sein will, wo wir uns in seinem Namen versammeln, dies spricht die Menschen an, das erscheint wie die unmittelbare Nähe seines Geheimnisses zu uns. Ein ganzes Stück bereits schwieriger wird es manchen, Jesus in der heiligsten Eucharistie anzunehmen. Das Ärgernis des Wortes Jesu bleibt: „Mein Fleisch essen und mein Blut trinken“ (vgl. Joh 6,53). Freilich, wer mit diesem Jesus zu leben anfängt, der fängt auch an zu verstehen, warum er sich bis zu Brot und Wein, zu Speise und Trank entäußert, um sich ganz mitzuteilen und uns ganz zu durchdringen.
Doch ein anderes Ärgernis ist noch größer als jenes von Brot und Wein, in denen der Herr sich gibt: das Ärgernis des Menschen, der beansprucht, im Namen des Herrn zu den anderen Menschen zu kommen, ihnen verbindlich seine Wahrheit und seinen Willen auszulegen, sein Heilshandeln in ihrem Wirken gegenwärtig zu setzen. Unter den Quellen, aus denen uns die Gegenwart Jesu hier und jetzt zuströmt – Jesus im Wort, im Sakrament, im Bruder, in mir selbst, in unserer Mitte, in der Eucharistie, im Amt der Kirche – ist die letztgenannte jene, zu der gerade die Menschen von heute am schwersten Zugang finden.
Wir kennen die Einwände, die immer wieder erhoben werden: mit der Berufung auf göttliche Vollmacht werde menschlicher Machtwille verbrämt; der Geist Gottes werde in eine institutionelle Vollmacht gebannt, die zur Herrschaft des Menschen über den Menschen führe; die Gleichheit aller werde verletzt, indem nicht das ganze Volk Gottes als apostolisch in der Nachfolge der Apostel gesehen wird, sondern einzelne als Nachfolger der Apostel gelten; man berufe sich auf spätere Schichten der Schrift, in denen bereits die ursprüngliche Botschaft Jesu von kirchlichen Machtinteressen überfremdet sei.“[2]

[1] Heribert Hallermann: Über den Unterschied von Gemeinde und Pfarrei. Zur Debatte zum Thema Leitung in der Kirche, in: HerKorr Nr. 9(2020), 50f., hier: 51.

[2] Klaus Hemmerle: Jesus in der Hierarchie (Typoskript), 27.1.1978.

instruiert werden – XXXIV

34. Leitung der Pfarre V

In den vergangenen Tagen habe ich einige Überlegungen des verstorbenen Bischofs von Aachen, Klaus Hemmerle betrachtet[1], etwa was das gelebte Miteinander unter Bischöfen – gemeinsam mit dem Papst ausmacht – oder aber auch Gedanken, die er – damals noch als geistlicher Assistent des ZdK prinzipiell niederschrieb nach dem Erscheinen der Enzyklika „Humanae vitae“ (1968)[2]. Wieder mal ist mir deutlich geworden, dass für die gemeinsame Sendung als Kirche das „Hören“ von eminent wichtiger Bedeutung ist – und damit auch für die gemeinsame Sendung von Kirche hinein in die Welt. Zugleich habe ich mich immer wieder gefragt: „Wie könnte solch eine Art Kirche und damit auch Pfarre zu leben um des Schutzes ihrer Sendung willen [!][3] in rechtliche Normen gegossen werden?“ Ich muss gestehen: ich habe bei all meinem Nachdenken bislang keinen Weg gefunden, da eben rechtliche Sprache Eindeutigkeit und damit auch „entweder – oder“ und nicht „sowohl – als auch“ kennt. Anders ausgedrückt: Das Recht, Statuten, Gesetze, Normen sind nicht Beschreibung des (ganzen) Lebens, sondern Leitplanken, um auf dem – guten – Weg zu bleiben. Daher: wenn wir uns wirklich als Kirche verstehen und dem entsprechend leben „klären“ sich eigentlich Rollen und Funktionen „wie von selbst“, zumindest sollten sie es.

Wenn es recht verstanden und gelebt wird, ist somit auch das – geweihte – Amt in der Kirche nicht „Ärgernis“, sondern „Geschenk“: Um es mit Klaus Hemmerle beim schon erwähnten Vortrag 1978 zu sagen: „Sinn der Sendung von Menschen durch Jesus, damit sie seine Sendung weitertragen zu den Menschen, ist es also, daß sie gerade den sichtbar machen, welcher der einzige Mittler ist. Er, der einzige, bedient sich der Menschen, um den Menschen nur um so näher zu sein. Die Konsequenz heißt freilich: Nur dann, wenn wir durchsichtig sind für Jesus als den einzigen Mittler, wird er von den anderen als dieser einzige Mittler gesehen und verstanden. Es hängt also von unserer Weise, wie·wir die Mittlerschaft Jesu repräsentieren, entscheidend ab, ob und wie die Mittlerschaft bei den Menschen „ankommt“. Freilich ist diese Abhängigkeit von unserem Verhalten nur die eine Seite. Entscheidender ist noch die andere. Er selber will uns nahe sein, und gerade weil er der einzige Mittler ist, vollbringt er diese Nähe unabhängig von uns, über unsere Kräfte und unser Wollen hinaus. Er, sein Geist, den er im Sakrament des ordo uns verleiht, konstituiert die Gültigkeit des Zeichens, das wir sind. Er ist stärker in uns als wir. Gerade so ist er der einzige Mittler – wäre er ausschließlich abhängig von uns, von unserer Weise, die uns anvertraute Aufgabe gut oder schlecht zu erfüllen, dann wären eben doch wir die Mittler. Aber sein Geist löscht eben unsere Freiheit und ihre Wirkung nicht aus, sondern bedient sich ihrer, und so hängt es auch von unserer Antwort an die uns gegebene Gabe und Gnade des Geistes ab, in welchem Maße das Sakrament, das er uns schenkt und das wir „sind“, zum Zuge kommt.
Es bleibt freilich die Frage, weshalb sich Gott gerade auf ein so gebrechliches und gefährdetes Zeichen wie die menschliche Existenz eingelassen hat, um sein Mittlersein den Menschen zu bekunden. Sicherlich hätte Gott ungezählter Weisen sich bedienen können, um das Heil des Menschen zu wirken. Er hat die eine Weise, die der größten Liebe gewählt: sein Sohn wurde für uns Mensch. Und so ist es im Heilsplan Gottes eben der Mensch, durch den Gottes Heil zum Menschen kommt. Gott sendet seinen Sohn als Menschen in die Welt, und dies ist schon im Auftreten Jesu das Ärgernis schlechthin! Was soll der uns zu sagen haben, dessen Familie wir kennen, der unter uns gelebt hat, der doch einer ist wie wir? Was gibt ihm das Recht, in der Vollmacht Gottes zu uns zu sprechen? (vgl. Mark 6,1-6) Aber gerade in diesem Ärgernis zeigt doch Gott, wie nahe er uns sein will, wie ganz er sich uns geben will; was uns am menschgewordenen Sohn Gottes erschreckt, ist das Übermaß der Liebe und Nähe des sich entäußernden Gottes.
Und so ist es im Grunde „logisch“, logisch in der Ordnung der Liebe, daß diese Selbsthingabe, diese schockierende Nähe Gottes in der Gestalt von zwei Sakramenten sich fortsetzt und mitteilt in die Geschichte hinein. Einmal in der Gestalt des Brotes und Weines, zum andern im Sakrament des ordo. Auf die eine Weise sind Brot und Wein das äußerste Zeichen der Selbsthingabe, der Selbstentäußerung Gottes: Gott wird zur Speise und zum Trank, zur „Sache“. Auf die andere Weise ist es das äußerste Zeichen dieser Hingabe und Entäußerung, daß Gott sich im Wort und Wirken von Menschen den anderen Menschen eröffnet und mitteilt, daß er Menschen die Sendung seines Sohnes für die Kirche anvertraut; denn Brot und Wein sind keine widerständigen Zeichen, das Sakrament ist fertig, wenn Brot und Wein verwandelt und dem Menschen zum Empfang angeboten werden. Daß Gott sich aber dem endlichen, begrenzen Menschen ausliefert, um durch ihn in die Welt hineingetragen und in ihr repräsentiert zu werden, dies ist äußerste Auslieferung und Erniedrigung Gottes. Wir müssen also die Eucharistie und den ordo zusammen sehen, um die ganze Liebe und die ganze Selbstlosigkeit dessen zu ermessen, der·sich wirklich bis zum letzten für uns dahingegeben hat.
Hier sehen wir auch, weshalb das Sakrament des Ordo und das Sakrament der Eucharistie unabdingbar aufeinander bezogen sind. Jesus gibt uns, daß er der für uns Hingegebene ist: Sakrament der Eucharistie. Jesus gibt uns aber auch, daß er der Gebende ist und will als der Gebende in uns wirken: Sakrament des ordo.
Das Gesagte gilt bezüglich des ordo nicht allein vom Bischof, sondern auch von den Priestern. Es hat aber im Bischof seinen Höhepunkt und seine Fülle. Nicht nur, daß die Eucharistie stets in Einheit mit dem Bischof zu feiern ist; der Bischof, der zugleich die Sendung und Verantwortung dafür hat, daß das Evangelium allen authentisch verkündigt und die Einheit des Volkes Gottes gewahrt wird, ist jener,der zugleich Gewähr dafür bietet und Sorge dafür trägt, daß das Volk Gottes selbst zur lebendigen Eucharistie, zum einen, aus dem Geist und dem Blut des Herrn lebenden und sich mit ihm für die Welt hingebenden Leib Christi wird.
Das also ist unser Geheimnis, das Geheimnis Jesu in uns: es ist das Geheimnis seiner je größeren Liebe, das Geheimnis seines Ratschlusses, sich bis zum äußersten uns schenken und darin uns anvertrauen und darin durch uns wirken und gegenwärtig werden zu wollen.“[4]

[1] Das eine oder andere Mal habe ich schon Bezug auf sein Referat vor Bischöfen, Freunden der Fokolar-Bewegung in den vergangenen Beiträgen gemacht: Klaus Hemmerle: Jesus in der Hierarchie (Typoskript), 27.1.1978.

[2] https://klaus-hemmerle.de/de/werk/enzyklika-und-dialog.html

[3] Für mich ist es immer wieder frappierend zu entdecken, dass rechtliche Normierungen nicht als Schutz verstanden, sondern mitunter als jener Grat interpretiert werden, der unbedingt zu beschreiten sei. So etwa müsste daher wohl auch deutlich werden, dass zum Schutz von (ehrenamtlichen) Laien Verantwortungen und vor allem die Grundvollmacht beim Priester/Pfarrer angesiedelt wird.

[4] Klaus Hemmerle: Jesus in der Hierarchie (Typoskript), 27.1.1978.

instruiert werden XXXIII

33. Leitung der Pfarre IV

„Können Sie mir bitte sagen, worüber Sie mit mir sprechen wollen – in den meisten Fällen bin ich nämlich nicht zuständig.“ Dies aus meinem Mund zu hören ist vielen, die mir begegnen (wollen), nicht unbekannt. Ähnliches gilt demnach auch für die Pfarren. Wenn es um die gemeinsame Sendung geht, dann gilt es eben auch, die übertragenen Verantwortungen ernstzunehmen, damit recht und gut im Sinn des vereinbarten Miteinanders auf Handlungsebene gearbeitet werden kann.

Sind aber wir für diese Art gemeinsam Kirche zu sein wirklich vorbereitet? – Wo gibt es solche „Teams“, die ihren Namen auch verdienen, die eben zunächst und zuallererst unter sich schon so leben, dass der Auferstandene in ihrer Mitte anleitet? Und – gerade auf dem Hintergrund der Instruktion wurde und wird diese Frage gestellt: „Sind Teams wirklich möglich – und damit ein Miteinander ‚auf Augenhöhe‘?“ Deutlich ist aus meinen bisherigen Ausführungen wohl schon geworden, dass das sakramentale Amt in der Mitte des Volkes Gottes verankert ist (vgl. can. 207§1) um diesem zu dienen (vgl. can. 1008)[1]. Daher sagt auch der emeritierte Kirchenrechtler von Würzburg Heribert Hallermann zurecht: “ Auch wenn Priester und Bischöfe kraft ihrer Weihe die Vollmacht besitzen, in der Person Christi, des Hauptes der Kirche, zu handeln, werden sie damit nicht im Sinne einer Machtstellung über andere Gläubige erhoben: Vollmacht bedeutet Rückbindung in Verantwortung an den Vollmachtgeber, und nicht Befugnis zur Machtausübung über andere.“[2]

In einem Vortrag an Bischöfe, Freunde der Fokolar-Bewegung, hat schon 1978 der verstorbene Bischof von Aachen deutlich gemacht: „Wenn das Amt in der Kirche sich auf die von oben verliehene Vollmacht und Sendung gründet, dann ist das Volk Gottes nicht weniger repräsentiert und gegenwärtig, sondern mehr. Wo bin ich mehr da und mehr aufgehoben als in der Liebe dessen, der mein Leben und Sterben und meine Schuld auf sich genommen und in sich ausgelitten hat? Wo bin ich mehr eins mit allen als in dem, der sich für uns alle hingegeben, der jeden einzelnen ganz persönlich und uns alle doch gemeinsam in seinem einen Tod, in seiner einen Hingabe mit dem Vater und miteinander versöhnt hat? Ich bin mehr repräsentiert und mehr mit dem Ganzen geeint, wo nicht von mir, sondern von ihm die Vollmacht dazu ausgeht, daß einer mir seinen Weg zeigt, sein Wort verkündet, das Sakrament seiner Liebe schenkt. Amt aus Vollmacht und Sendung von oben schafft nicht mehr Distanz, sondern mehr Nähe. Es liegt freilich an denen, die diese Sendung annehmen und ausführen, sie als die Gegenwart und den Dienst seiner Nähe durch ihr Leben zu beglaubigen. Was aber letztlich zählt und trägt, ist nicht mein oder dein Einsatz, sondern sein Einsatz, dem alle Sendung und Vollmacht sich verdanken.“[3]

Zwei Dinge nehme ich daher für mich auf alle Fälle mit:

  1. Das Amt, das ich ausübe, habe ich nicht von „mir“: ich bin zunächst und zuallererst mit allen hinein gerufen in die Kirche und dann (!) erst auch zur Kirche gesendet um sakramental den deutlich zu machen, der als der Lebendige mit uns geht.[4] Also: ich habe nicht mich, sondern IHN zu bringen und daher auch – wie alle IHN zu leben.
  2. Nur indem ich IHN lebe – also auch Seinen Dienst [vgl. Fußwaschung, vgl. Phil 2,1-11 u.a.m.] wird das [glaubwürdig] deutlich, was ich sakramental repräsentiere: IHN, der dient.

So das Amt zu verstehen und zu leben erlaubt es einfach nicht, behaupte ich einfach mal, die unterschiedlichen Verantwortlichkeiten im Leib Christi zu trennen oder auch, ein „oben“ und „unten“ im Sinn von herkömmlichen Machtstrukturen und Ausübung derselben zu denken oder auch zu leben, weil eben wir alle uns IHM verdanken. Freilich: Gerade weil wir wenig geübt sind, so zu denken – unsere Mentalität ist eben zutiefst geprägt von „schwarz – weiß“, von „oben – unten“ etc. – laufen wir immer Gefahr, Differenzierungen und Aufgaben innerhalb eines Ganzen zu schnell als „Diskriminierung“ zu verstehen – unter dem Motto: „Wenn der/die eine ‚mehr‘ zu sagen hat, sind die ‚anderen‘ weniger wert.“ Und – das kann und darf nicht verschwiegen werden: die Ausübung des Dienstes wurde und wird wohl nach wie vor (oft?) dem entsprechend erfahren …

Wieder einmal wird deutlich: die Instruktion lädt ein, auch den Dienst der Leitung unter die notwendige „pastorale Umkehr“ zu stellen und ist daher mir eine große Gewissenserforschung: Lebe ich die Eingebettetheit ins Miteinander von Kirche und – bei mir eben auch ins Miteinander der Apostelnachfolger? Wo und wie wird dies deutlich? Spiele ich den anderen Charismen und Diensten, die wir alle gemeinsam den Leib Christi bilden, ihre Rolle/n zu? Lass ich sie ihre Verantwortung dann auch leben? – Und all das: im Kleinen und im Großen?!

[1] Vgl. hierzu die Ausführungen etwa zur 1. Frage bei der Priesterweihe, in der im deutschen Rituale vom „Leiten“, im lateinischen von „pascere“, im italienischen von „servire“ die Rede ist.

[2] Heribert Hallermann: Über den Unterschied von Gemeinde und Pfarrei. Zur Debatte zum Thema Leitung in der Kirche, in: HerKorr Nr. 9(2020), 50f., hier: 50.

[3] Klaus Hemmerle: Jesus in der Hierarchie (Typoskript), 27.1.1978.

[4] aaO führt Hemmerle kurz vor dem Gedankengang von eben aus: „Sicherlich sind die Erstgesandten die Apostel und in ihrer Zwölfzahl wird deutlich, daß sie die Stammväter des neuen Israel, der Kirche sind. So ist die ganze Kirche eine apostolische Kirche und ist die einmalige und unwiederholbare Sendung der Apostel grundlegend für die Sendung der Kirche im ganzen. Aber ihre Sendung geht nicht nur weiter in der Sendung der Kirche an die Welt, sondern auch in der Sendung derer, die vom Herrn für die Kirche ausersehen sind, um sie zu leiten, zu lehren und zu heiligen. Ihre Sendung für die Welt kann die Kirche nur ausfüllen, indem Jesus als Weg und Hirte, als Wahrheit und Lehrer, als Leben und Priester hier gegenwärtig wird. Und nach der Ökonomie des Heiles sind es eben Menschen, die dieses dreifache Amt Christi für die Kirche wahrnehmen. Sie können es nicht aus sich, sie können es nicht einfach deswegen, weil sie zur Kirche gehören, sondern sie bedürfen dazu der besonderen Kraft des Geistes Jesu, sie müssen unmittelbar herauswachsen aus der Sendung der Apostel, in ihrer Nachfolge stehen: Die Apostel sind Anfang der Kirche und stehen zugleich doch der Kirche leitend, lehrend,·heiligend gegenüber – ihre Nachfolger sind Kirche, sie stehen dabei aber auch im Verhältnis der Apostel zur Kirche, stehen dem Volk Gottes leitend, lehrend, heiligend vor und gegenüber. Nur so bleibt das Sakrament der einzigen Mittlerschaft Christi in der Kirche lebendig. Auf diese Weise hat es von allem Anfang an die Kirche allüberall verstanden und geübt, so allein geht die Sendung Christi organisch weiter.

Wie immer also die Amtsträger aus der Mitte des Volkes Gottes ausgesucht werden, ihre Vollmacht ist nicht delegiert von jenen, die sie bestellen und für die sie bestellt sind. Es ist Dienst Christi für sie, der auch in seiner besonderen Gnadengabe und Sendung verankert sein muß. Wer seine Vollmacht allein auf jene zurückführt, die er vertritt, in dem kann nicht Christus als das Haupt jenes wirken, was eben nur er wirken kann. In jenem kann auch nicht über den Kreis der aktuellen Mitglieder dieser  Gemeinde oder Kirche hinaus die Kirche als ganze, als die Zeiten übergreifende communio sanctorum gegenwärtig werden.“

instruiert werden – XXXII

32. Leitung der Pfarre IV

In einigen Abschnitten der Instruktion geht es nun darum, dass es [mehr als] sinnvoll ist, dass der Dienst des Pfarrers ein beständiger ist (68-69), der aber auch zu gegebener Zeit verändert werden kann (69), der – das ist ein gewisser Rechtsschutz (!) nicht der Willkür des Bischofs ausgeliefert sein kann und eines guten Endes (Alter, Krankheit, …) bedarf (71-74) sind meines Erachtens „logische“ Erläuterungen. Dahinter steckt freilich eben der Grundansatz des kirchlichen Rechts und der Instruktion, dass die Pfarren „besetzt“ sein sollen [„Pfarre“ und „Pfarrer“, ich wiederhole mich, gehören einfach zusammen] und andere Situationen nicht dauerhauft eingerichtet sein sollen. Dies ist prinzipiell logisch, aber in der Praxis – zumal in den Zeiten, in denen wir uns befinden – alles andere als leicht. Unter diesem „Licht“ erscheinen die Lösungen eines „Administrators“ (75) wie auch die oftmals praktizierte gem. can. 517§2 als nicht „optimal“ (87-93) zu sehen auch logisch. Andererseits – und damit steht diese Logik – nicht faktisch, wie mir scheint (!) – in gewisser Spannung zur apostolischen Exhortation „Querida Amazonia“ (93-94), in der Papst Franziskus ausdrücklich die Möglichkeit der Beteiligung der Laien anspricht: „Es geht [..] nicht nur darum, eine größere Präsenz der geweihten Amtsträger zu ermöglichen, die die Eucharistie feiern können. Dies wäre ein sehr begrenztes Ziel, wenn wir nicht auch versuchen würden, neues Leben in den Gemeinden zu wecken. Wir müssen die Begegnung mit dem Wort und das Wachstum in der Heiligkeit durch verschiedene Laiendienste fördern, was eine biblische, dogmatische, spirituelle und praktische Ausbildung als auch verschiedene Programme zur Fortbildung voraussetzt.Eine Kirche mit amazonischen Gesichtszügen erfordert die stabile Präsenz reifer und mit entsprechenden Vollmachten ausgestatteter verantwortlicher Laien, die die Sprachen, Kulturen, geistlichen Erfahrungen sowie die Lebensweise der jeweiligen Gegend kennen und zugleich Raum lassen für die Vielfalt der Gaben, die der Heilige Geist in uns sät. Denn dort, wo eine besondere Notwendigkeit besteht, hat der Heilige Geist bereits für die Charismen gesorgt, die darauf antworten können. Dies setzt in der Kirche die Fähigkeit voraus, der Kühnheit des Geistes Raum zu geben sowie vertrauensvoll und konkret die Entwicklung einer eigenen kirchlichen Kultur zu ermöglichen, die von Laien geprägt ist. Die Herausforderungen Amazoniens verlangen von der Kirche eine besondere Anstrengung, um eine Präsenz in der Fläche zu erreichen, was nur zu verwirklichen ist, wenn die Laien eine wirksame zentrale Rolle innehaben.“ In der Anmerkung 136 hierzu heißt es deutlich: „Der Bischof kann wegen Priestermangels »einen Diakon oder eine andere Person, die nicht die Priesterweihe empfangen hat, oder eine Gemeinschaft von Personen an der Wahrnehmung der Seelsorgsaufgaben einer Pfarrei beteiligen« (Codex des kanonischen Rechts, 517 § 2).“[1] Die „Auflösung“ dieser Spannung hängt m.E. erneut mit den Bildern zusammen, die wir mit „Leitung“ vor unserem geistigen Auge aufsteigen lassen: Beteiligung an den Seelsorgeaufgaben bedeutet eben Übertragung von Handlungsvollmachten, bedeutet eben auch „Miteinander“, ja sogar – wie wir es in unserer Diözese nunmehr bezeichnen: „Führungsteam“[2]. Und damit wird m.E. indirekt erneut und zum wiederholten Mal deutlich, dass es nicht um Ausspielen von „Macht“ geht, sondern um die für eine gewisse Gemeinschaft von Gläubigen, die eine Pfarre bilden, entsprechende Struktur ihrer missionarischen Sendung.

Erneut wird auch sichtbar und deutlich, dass die „pastorale Umkehr“ nicht nur eine „nach außen“ ist – also wie wir unsere Sendung als Kirche verstehen, sondern auch eine ist, die das Verständnis der einzelnen Funktionen und (!) die Ausübung derselben betrifft. Dies kann nicht oft genug betont werden: rechtliche Bestimmungen können nie und nimmer die Fülle des – kirchlichen – Lebens einfangen und in Normen gießen. Grundvoraussetzung ist, dass alle gewillt sind, wirklich Kirche zu leben, leben also mit einem, der lebt. Normierungen sind Grenzziehungen, die eben „schützen“ wollen vor einem Abgleiten ins Ungewisse etc.; auch sind deswegen m.E. Statuten eher allgemein zu formulieren um nicht den Verdacht zu erwecken, dass alle, auch die kleinsten Aspekte, des Lebens geregelt sind.

[1] Die Spannung kann nicht ganz aufgelöst werden, das ist auch zuzugestehen, da eben – m.E. gegen „Querida Amazonia“ (93-94) in der Instruktion (88) schon auch davon die Rede ist: „Diejenigen, denen auf diese Weise [i.e. gemäß can. 517§2] eine Beteiligung an der Ausübung der Hirtensorge der Gemeinde anvertraut wird, werden durch einen Priester, der mit den entsprechenden Befugnissen ausgestattet und „Moderator der Hirtensorge“ ist, koordiniert und geleitet. Ausschließlich ihm kommen die Vollmacht und die Funktionen des Pfarrers mit den entsprechenden Pflichten und Rechten zu, obwohl er dieses Amt nicht innehat. Es ist daran zu erinnern, dass es sich um eine außerordentliche Form der Übertragung der Hirtensorge handelt, die der Unmöglichkeit geschuldet ist, einen Pfarrer oder einen Pfarradministrator zu ernennen. Sie darf nicht mit der gewöhnlichen aktiven Mitwirkung und mit der Übernahme von Verantwortung durch alle Gläubige verwechselt werden.“

[2] vgl. Rahmenstatut für die Seelsorgeräume in der Diözese Graz-Seckau (https://www.katholische-kirche-steiermark.at/dl/rmOrJmoJKKNmJqx4KJKJKJKMoL/KVBL_2020_8.pdf).

instruiert werden – XXXI

31. Leitung der Pfarre III

Wie jede soziale Größe, soll sie „funktionieren“ auch Abläufe und Zuständigkeiten braucht, so ist dies auch in der Pfarre so, so ist dies auch in der Liturgie: „Bei den liturgischen Feiern soll jeder, sei er Liturge oder Gläubiger, in der Ausübung seiner Aufgabe nur das und all das tun, was ihm aus der Natur der Sache und gemäß den liturgischen Regeln zukommt.“[1] Es geht eben – auch in der „Übertragung der Hirtensorge für die Pfarrgemeinde“ – um eine Klärung der Ordnung im Miteinander und damit in der Sendung der Kirche vor Ort. Die Instruktion listet mehrere Möglichkeiten auf, die hierbei vom Recht her gegeben sind und beschreibt diese (VIIIa – VIIIc, VIIIh), wobei sie – wieder einmal – an Logik vermissen lässt, da eben auch der Dienst der Diakone wie der Laien unter dem Blickwinkel der „Hirtensorge“ beschrieben werden und nicht in einem entsprechenden und eigenen Kapitel. Dies kann freilich als Vorwurf der verengten und auf den Pfarrer/Priester fixierten Sichtweise de Instruktion gewertet werden; ein anderes Ordnungsprinzip in der Schilderung des „Lebens der Pfarre und ihre Dienste“ wäre m.E. weit besser gewesen; dies sage ich auch deshalb, weil eben unter Kapitel VIII eben auch Diakone und Pfarrvikare, Gottgeweihte [Ordensleute] und eben die Laien subsumiert werden (VIIId – VIIIg).

Nun denn: Pfarre ist ohne „Pfarrer“, also damit Priester in der Leitung nicht denkbar. Das hat zur Folge, logisch-konsequent, dass dieser Dienst – im Sinn der Kirche – nur von einem Priester ausgeübt werden kann. Und das bedeutet eben auch „1“ Priester[2] ist für die Grundverantwortung zuständig. Dass hierbei – wie auch in der einen oder anderen Kritik beschrieben wird[3] – von einem „Idealbild“ ausgegangen wird, kann und darf de Instruktion wie auch dem Kirchenrecht nicht übel genommen werden[4]: ich konnte von meiner ersten priesterlichen Arbeitsstelle an bis heute als Bischof so manches nicht in diesem Idealbild leben. Ich musste lernen, damit umzugehen. Um es an einem Beispiel zu erläutern: wenn dem Bischof die jährliche Visitation seiner Pfarren, wenigstens aber innerhalb eines Zeitraums von 5 Jahren vorgeschrieben wird, so mag dies in einer Diözese wie Frascati mit 24 möglich sein: wie gestalte ich diese Forderung bei 386 Pfarren, auf diesem großen Territorium etc. Es gibt die Möglichkeit der Veränderung der Diözesangrenzen – also mehrere Diözesen auf demselben Gebiet; auch Pfarrzusammenlegungen im rechtlichen Sinn wären eine Möglichkeit oder aber ein „kreativer Umgang“ mit dem kirchlichen Vorgaben [etwa mit der Visitation durch Beauftragte, mit einer Adaptierung an die modernen Techniken, sodass manches auch über die IT einer Revision unterzogen werden kann etc.], weil eben die vorgegebene Größe der Diözese auch eine stimmige Einheit ist. Als ich Pfarrer wurde, gab es eben diesen Gedanken bei mir: „Der Bischof schickt mich zu diesen 20.000 Menschen, die rechtlich in 2 bzw. 3 Pfarren leben, wir haben insgesamt 11 Kirchen etc. etc. – Ich habe den Auftrag als Pfarrer, meinen Dienst hier den Vorgaben entsprechend zu ordnen.“ Ob dies Sinn macht oder die Zulassungskriterien für das Weiheamt geändert werden müssten entbindet mich nicht meiner „Hirtensorge“ im Jetzt, sondern fordert mich heraus, gemeinsam dies gut „auf die Füße zu stellen“ und daher auch Verantwortung anderen zu übertragen, die mit mir gemeinsam gesendet sind. So etwa wird in der Pfarrkanzlei viel an Verwalterischem (im herkömmlichen Sinn) erledigt, so etwa gibt es auch noch Kapläne, so etwa gehen viele in Arbeitskreisen und Gremien gestalterisch mit, so etwa gibt es Pastoralassistenten[5]. Ich muss mir, Gott sei Dank (!), nicht einbilden, dass ich „Hansdampf in allen Gassen“ sein muss: wir können unser Handeln gemeinsam gestalten und auch verantworten.

Das Pfarrer-Amt dient der „umfassenden Hirtensorge“ – Leitung wird eben so (!) verstanden[6] – und muss daher einer „natürlichen Person“, die Priester und auch entsprechend vorbereitet und ausgebildet ist, übertragen werden. Von der Logik her ist es daher einleuchtend, dass es nicht von einer Gemeinschaft übernommen werden kann [wie es früher etwa bei inkorporierten Pfarren der Fall war, wo die Ordensgemeinschaft „Pfarrer“ war]. Das aber bedeutet eigentlich nicht, jedenfalls glaube ich, dass dies logisch ist, dass für die Ausführung der Dienste, damit Seelsorge gewährleistet werden kann, damit die Sendung vollbracht werden kann, alles dieser 1 Person „umgehängt“ werden kann – wichtig ist „nur“, den im Kirchenrecht anders verstandenen Begriff von „Leitung“ richtig zu verwenden als er im organisationstheoretischen Rahmen/Kontext verwendet wird.[7] Wir sprechen daher – und das ist eben aufgrund der unterschiedlichen Bilder und frames, die jeder Begriff automatisch mit sich bringt, alles andere als „Wortklauberei“ – um der Klarheit der Unterscheidung willen eben von „Grund-“ bzw. „Handlungsverantwortung“ und damit von „Leitung“ (beim Pfarrer oder einem Priester-Team [can. 517§1]) bzw. „Führung“.

[1] Liturgiekonstitution „Sacrosanctum concilium“ 28.

[2] Wer genau hinsieht, wird auch entdecken, dass bei der „solidarischen Übertragung“ der Hirtensorge an mehrere Priester nicht vom „Pfarrer“ gesprochen wird (Instruktion 6 bzw. can. 517§1), sondern von der „solidarischen Übertragung der Hirtensorge“. In unserer Diözese haben wir daher für diesen Fall „mit dem Titel ‚Pfarrer‘ gem. can. 517§1 vorgesehen.

[3] vgl. etwa die von Rainer Bucher: https://www.feinschwarz.net/der-widerstreit/.
Wie das gehen soll, dass der Pfarrer (vgl. Instruktion 70), dem mehrere Pfarren anvertraut sind, alle kennen soll, um seiner Hirtensorge entsprechen zu können – und dies auch noch vom Bischof klug abgewogen werden soll, ist – etwa angesichts der vorhandenen Zahl an Priestern und deren Alter und damit auch Einsatzfähigkeit – leicht hingeschrieben, doch angesichts unserer Geschichte und unserer Art, Seelsorge und Pastoral zu sehen und professionell zu gestalten – im Unterschied etwa zu ‚jungen Kirchen‘ – nicht unbedingt einfach möglich. Dass daher manche Diözesen ihre Entwicklungsprozesse, um eine rechte „Ordnung im System“ zu halten, auch an der Priesterzahl festmachen und ihr entsprechend Pfarren rechtlich zusammenlegen verwundert mich nicht. Dass damit dann aber auch erst Recht der Vorwurf der „Klerikalisierung“ einhergeht, wundert mich auch nicht. Es ist wohl ein Dilemma, in dem wir – gut steirisch gesagt – auf alle Fälle auf der einen oder anderen Seite die „Arschkarte“ ziehen – ganz abgesehen davon, dass es immer wieder auch Priester gibt, die als Seelsorger sehr gut geeignet sind, aber eben nicht als Hirte für die umfassende Seelsorge.

[4] Ich hege freilich den Verdacht, dass wir mit unserer Mentalität uns da sehr schwer tun, dies „flexibel“ und „situationselastisch“ zu lesen und zu verstehen.

[5] unsere Reform sieht den neuen Begriff „PastoralreferentInnen“ vor.

[6] vgl. auch oben: http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xix/.

[7] Ob diese Begriffsverwirrung gut ist, sei dahingestellt. Ich meine auch, dass es sinnvoller wäre, für ein- und dieselbe Sache einheitliche Begrifflichkeiten zu verwenden. Dies ist aber weder in den vatikanischen Dokumenten, noch im Kirchenrecht der Fall, soweit ich es überblicke (Hirtendienst, Leitung, ….). Die Differenzierung in der Begrifflichkeit müsste aber wohl auch in der deutschen Übersetzung römischer Dokumente daher m.E. deutlicher zum Ausdruck kommen oder aber, wie ich andernorts schon gebeten habe, durch ein „Glossar“ vielleicht erklärt werden.

instruiert werden – XXX

30. Leitung der Pfarre II

Nach diesem für – mich jedenfalls notwendigen – Exkurs kehre ich nun erneut zur Frage zurück, was denn nun die „Leitung der Pfarre“ ausmacht. Ich „musste“ ganz einfach und das relativ ausführlich schildern, wie ich persönlich zu einem lebbaren Verständnis von „Leitung in der Kirche“ gekommen bin. Wenn ich den hermeneutischen Schlüssel, den ich für die Lektüre der Instruktion von Anfang an empfehle und anlege[1], dann lesen sich die nun folgenden kirchenrechtlichen Erinnerungen „anders“[2].

  1. Alle Ämter und Dienste in der Pfarre stehen unter dem Anspruch der „pastoralen Umkehr“. Sie haben dem missionarischen Auftrag der Kirche zu dienen.
  2. Die Amtsträger selbst sind unter die Anforderung der (persönlichen) Umkehr gestellt[3].
  3. Kirche verstanden als „Leib“ mit unterschiedlichen Gliedern muss als Kirche ihrem Namen entsprechend leben – leben also mit einem, der lebt. Nur unter diesem Vorzeichen können Dienste und Ämter in ihr recht verstanden werden.
  4. Jeder Dienst, jedes Amt ist nicht einer/eines „gegen“ etwas Anderes, sondern dazu da, den anderen Gliedern des Leibes dazu zu verhelfen, ihre Gaben zum Aufbau des Ganzen entsprechend leben zu können. – In der Nachfolge – und damit auf der Ebene der Heiligkeit – gibt es kein „oben“ und „unten“, kein „Mann oder Frau“.
  5. Das Miteinander aller in der Sendung der Kirche, die immer wieder – nicht nur im „1.“, „prinzipiellen“ Teil der Instruktion Erwähnung findet, muss (!) eben auch für den „besonderen Teil“ der „kirchenrechtlichen Leitplanken“ als Lese- und Verstehenshilfe angewendet werden.[4]

Dass in der Instruktion recht ausführlich über Möglichkeiten gesprochen wird, wie der Dienst der Leitung im kirchlichen Sinn recht „übertragen“ werden kann, hat wohl auch seinen Sinn darin, das Unverzichtbare des Miteinanders ans Licht zu heben [eben sakramental auf den eigentlichen Leiter und Herrn der Kirche zu verweisen] und damit auch den, das Engagement derer, die üblicher Weise „Laien“ genannt werden, aber alles andere als „Nicht-Fachleute“ im Glauben sind, zu schützen vor unangebracht gelebtem „Macho-Dasein“ derer, die leiten. Zum anderen freilich gibt es eben unterschiedliche Möglichkeiten, ein solches – auch soziologisches – Gebilde wie es die Pfarre eben ist, zu leiten, also jene Grundverantwortung zu leben, die beständig die Orientierung an IHM in Erinnerung ruft. Dass in der Handlungsverantwortung dies von unterschiedlichen Personen mit ihrer je eigenen Fachexpertise etc. zu leben ist, ist ohnedies klar: in unserer Diözese nennen wir dies dann „führen“, um nicht den eigentlich theologisch gefüllten Begriff von „leiten“ mehrdeutig zu verwenden[5]. Ich vermute, dass sich ein Gutteil der Kritik und der „Abwehr“ gegenüber der Instruktion sich aufgrund dieser sprachlichen Verwirrung ergibt, die aber meines Erachtens in den vergangenen blog-Beiträgen immer wieder und hoffentlich deutlich genug als eine solche entlarvt wurde. Vereinfacht gesagt: die üblichen Bilder, die wir mit „leiten“ verbinden sind wohl nicht die, die in der Kirche damit verbunden werden (Stichwort: Frage nach der Bereitschaft zur Leitung bei der Priesterweihe, die im lateinischen eben mit „Hirte sein“ gestellt wird und im italienischen überhaupt „dem Volk Gottes dienen“ gestellt wird). Dass wiederum die Einbettung der Leitung in das Gesamt des Volkes Gottes nicht wie in Lumen gentium erfolgt, habe ich schon an anderer Stelle erläutert und ist zweifellos ein schweres Manko der Instruktion[6]. Durch die Betonung aber der Leitungsfrage entsteht – berechtigter Weise – tatsächlich darüber hinaus der Eindruck einer einseitigen Betonung des priesterlichen Dienstes gegenüber der immer wieder gemeinsamen Sendung aller Getauften – und damit auch der Geweihten – zum Aufbau der Kirche und der Sendung hinein in die Welt.

[1] Ich glaube mittlerweile immer mehr, dass dies eine berechtigte Möglichkeit ist, die Instruktion zu lesen und zu verstehen, selbst dann, wenn man – wie etwa die Exegetin Juliane Eckstein (https://eulemagazin.de/von-v-und-h-eine-exegetin-liest-die-instruktion-aus-dem-vatikan/) – feststellen muss, dass sie alles andere als „aus einem Guss“ gefertigt ist.

[2] Der Münchener Kirchenrechtler Stephan Haering nimmt in seinem Kommentar, bezogen auf die Prozesse in München m.E. in großer Differenziertheit Stellung und macht damit auch deutlich, wie sich die Instruktion selbst versteht: https://mk-online.de/meldung/richtschnur-fuer-geltendes-kirchenrecht.html.

[3] In der Instruktion wird in Kapitel VI von der rechten Reihenfolge der Umkehr gesprochen: „Von der Umkehr der Personen zur Umkehr der Strukturen“ (34-41).

[4] Ich bin überzeugt, dass hier noch weitere Punkte angeführt werden müssten, will es aber – dem Charakter meiner Überlegungen in diesem blog entsprechend aber bei diesen ersten Überzeugungen, die mir gekommen sind, belassen.

[5] Ich gebe zu: diese Unterscheidung haben auch wir in unserem Prozess erst mit der Zeit „gelernt“ und sind nach wie vor wohl nicht am Ende, diese wirklich zu Ende gedacht zu haben.

[6] Auch wenn mir vorgeworfen werden kann, dass ich der Instruktion gegenüber zu „positiv“ eingestellt sei, so erlaube ich mir bewusst diesen anderen Zugang – negativ Kritisches ist ohnedies zuhauf bekanntgemacht worden. – Darüber hinaus verhehle ich nicht, dass auch für meinen Geschmack die kirchenrechtlichen Erinnerungen zum Eingang der Instruktion in einem gewissen Sinn inhaltlich „abfallen“, muss aber auch daran erinnern, dass eben die literarische Gattung einer Instruktion ohnedies nicht gut getroffen wurde, sodass eben auch durch den Einstieg Erwartungen geweckt wurden, die kirchenrechtliche Änderungen erwarten ließen. Den hermeneutischen Schlüssel der „Umkehr“ anzuwenden und ihn dann auch konsequent zu leben ist alles andere als leicht aus dem geschriebenen Wort zu entnehmen.

instruiert werden – XXIX

29. Exkurs: leiten lernen V

2015: ich werde zum Bischof ernannt. Eine weitere, wiederum neue und ganz andere Erfahrung in dem, was „leiten in der Kirche“ heißt. Ich weiß, dass viele es nicht entsprechend auffassen, weil eben der „frame“ von „leiten“ im deutschen ein anderes Bild „erzeugt“: es ist mehr noch ein Dienst als vorher[1]. Interessant ist freilich, dass es hierzu – im Unterschied zur Priesterweihe[2] – keine Frage unter den Weiheversprechen gibt:

  • Bist du bereit, in dem Amt, das von den Aposteln auf uns gekommen ist und das wir dir heute durch Handauflegung übertragen, mit der Gnade des Heiligen Geistes bis zum Tod zu dienen?
  • Bist du bereit, das Evangelium Christi treu und unermüdlich zu verkünden?
  • Bist du bereit, das von den Aposteln überlieferte Glaubensgut, das immer und überall in der Kirche bewahrt wurde, rein und unverkürzt weiterzugeben?
  • Bist du bereit, am Aufbau der Kirche, des Leibes Christi, mitzuwirken und zusammen mit dem Bischofskollegium unter dem Nachfolger des heiligen Petrus stets ihre Einheit zu wahren?
  • Bist du bereit, dem Nachfolger des Apostels Petrus treuen Gehorsam zu erweisen?
  • Bist du bereit, zusammen mit deinen Mitarbeitern, den Presbytern und Diakonen, für das Volk Gottes wie ein guter Vater zu sorgen und es auf dem Weg des Heiles zu führen?
  • Bist du bereit, um des Herrn willen den Armen und den Heimatlosen und allen Notleidenden gütig zu begegnen und zu ihnen barmherzig zu sein?
  • Bist du bereit, den Verirrten als guter Hirte nachzugehen und sie zur Herde Christi zurückzuführen?
  • Bist du bereit, für das Heil des Volkes unablässig zum allmächtigen Gott zu beten und das hohepriesterliche Amt untadelig auszuüben?

Ich könnte davon ausgehen, dass hiermit das umschrieben wird, was „Leitung“ im Vollsinn meint, wenn in der Kirche davon die Rede ist[3]. Und gerade deshalb gilt: „leiten“ bedeutet „ermöglichen“, „befähigen“, „freilassen“ und nicht „herrschen“. Wenn ich die Diözese Graz-Seckau anschaue: 386 Pfarren, beinahe 800.000 Katholiken, rd. 16.500 km2, knapp 400 Priester [mit hohem Altersdurchschnitt] einige hundert Angestellte in Seelsorge und Verwaltung, direkt in der Diözese, ca. 1.500 in der diözesan Caritas, ca. 900 Religionslehrerinnen und und und … Das ist wohl für einen, der Theologie studiert hat, allein „nicht zu schaffen“. Weil wir Kirche sind und daher gerufen, den „Leib Christi“ im Heute darzustellen, weiß ich aber, dass wir an diesem Körper unterschiedliche Glieder haben und dann ein entsprechendes Zeugnis vor der Welt abgeben, wenn wir das Miteinander, das Gott in sich ist, hier möglichst gut untereinander leben. Meine Aufgabe ist es, dies zu ermöglichen, den Raum hierfür zu eröffnen und – als lebendiger Verweis auf den Auferstandenen – alles daran zu setzen, dass niemand von uns IHN aus dem Blick verliert. Das ist anspruchsvoll, zumal in einer Zeit wie der unsrigen, in der die Welt und damit auch die Kirche immer „komplexer“ werden.

„Herr Bischof, jetzt hauen Sie mal auf den Tisch“ – ein verfängliches Wort, das schön klingen mag, aber eigentlich in die Irre führt – so jedenfalls meine Erfahrung der ersten Jahre in meinem Dienst. Es geht vielmehr darum, immer neu jede und jeden darauf aufmerksam zu machen, was ihre bzw. seine ureigenste Berufung ist, nicht loszulassen von IHM. Gerade die COVID-Pandemie[4] hat mich hierfür so manches gelehrt: es wäre wirklich „teuflisch“[5], den eigenen Weg, die eigene Spiritualität als den Weg vorzugeben und genauso „teuflisch“, zu meinen immer der „erste“ sein zu müssen[6]. – Nebenbei: die Erfahrung hat mich mittlerweile schon auch gelehrt, dass diese Art sich selbst zu verstehen, mitunter nicht verstanden wird. Auch muss hier – kurz jedenfalls erwähnt werden – dass so manche sich vom „Hirten“ nichts sagen lassen – egal auf welchem Pol des „kirchlichen Verfassungsbogens“ sie angesiedelt werden. Wenn ich etwas für mich erneut und vertieft erkannt habe als Bischof, dann ist dies sicher: „Wir sind trotz jahrhundertelanger ‚Einwurzelung‘ des Christseins in unseren Breiten nach wie vor weit weg, von einem solchen Miteinander, von dem wie mir scheint Jesus ‚geträumt‘ hat, wenn er auf dem Weg zum Ölberg den Vater um die Einheit der Jünger und all derer, die durch sie an IHN glauben, gebeten hat: ‚Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast‘.“ (Joh 17,20f.).

[1] Bischof Klaus Hemmerle nahm 1978 bei einem internationalen Bischofstreffen dazu ausführlich Stellung. In dem mir als Manuskript vorliegenden Text unter dem Abschnitt „Das Motiv Gottes für die Gegenwart Jesu in der Hierarchie“ heißt es u.a.: „Die Einwände, die gegen die konstitutive Bedeutung der Hierarchie für die Kirche, gegen eine göttliche Vollmacht in ihren Amtsträgern erhoben werden, kulminieren in der einen Frage: Wenn Menschen durch ihre besondere Sendung und Vollmacht Jesus Christus an die anderen vermitteln, schieben sie sich dann nicht zwischen Jesus und die anderen, bleibt dann Jesus noch der einzige Mittler? Ich habe bei Chiara Lubich einen Satz gefunden, der die Antwort knapp zusammenfaßt: „Jesus ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen. Die Hierarchie ist nicht Mittlerin, sondern ist das Sakrament (d.h. das sichtbare Zeichen) der einzigen Mittlerschaft Jesu. Die Bischöfe manifestieren Jesus den Mittler.“ Sinn der Sendung von Menschen durch Jesus, damit sie seine Sendung weitertragen zu den Menschen, ist es also, daß sie gerade den sichtbar machen, welcher der einzige Mittler ist. Er, der einzige, bedient sich der Menschen, um den Menschen nur um so näher zu sein. Die Konsequenz heißt freilich: Nur dann, wenn wir durchsichtig sind für Jesus als den einzigen Mittler, wird er von den anderen als dieser einzige Mittler gesehen und verstanden. Es hängt also von unserer Weise, wie·wir die Mittlerschaft Jesu repräsentieren, entscheidend ab, ob und wie diese Mittlerschaft bei den Menschen „ankommt“. Freilich ist diese Abhängigkeit von unserem Verhalten nur die eine Seite. Entscheidender ist noch die andere. Er selber will uns nahe sein, und gerade weil er der einzige Mittler ist, vollbringt er diese Nähe unabhängig von uns, über unsere Kräfte und unser Wollen hinaus. Er, sein Geist, den er im Sakrament des ordo uns verleiht, konstituiert die Gültigkeit       des Zeichens, das wir sind. Er ist stärker in uns als wir.“

[2] Beachte Anm. 7 unter http://krautwaschl.info/instruiert-werden-i/, die ich hier großteils wiederhole: Die „erste Frage, die Kandidaten bei der Priesterweihe vom Bischof gestellt wird, [lautet] im deutschen Ritus [..]: „Bist du bereit, das Priesteramt als zuverlässiger Mitarbeiter des Bischofs auszuüben und so unter der Führung des Heiligen Geistes die Gemeinde des Herrn umsichtig zu leiten?“ Im Italienischen wiederum heißt es: „Vuoi esercitare per tutta la vita il ministero sacerdotale nel grado di presbitero, come fedele cooperatore dell’ordine dei vescovi nel servizio del popolo di Dio, sotto la guida dello Spirito Santo?“ Im lateinischen Urtext wird diese Frage aber so gestellt: „Vultis munus sacerdotii in gradu presbyterorum ut probi Episcoporum Ordinis cooperatores, in pascendo grege dominico, duce Spiritu Sancto, indesinenter explere?“ – Welch unterschiedliche Bilder doch hier entstehen, oder?

[3] vgl. hierzu den 19. Abschnitt: http://krautwaschl.info/instruiert-werden-xix/.

[4] vgl. hierzu meine in diesem blog gegebenen „Tagebuch-Einträge“ http://krautwaschl.info/category/covid19.

[5] im Wortsinn von diabolos: „durcheinander bringen“.

[6] Franziskus an die italienischen Bischöfe am 23.5.2013: “Ja, Hirt sein bedeutet jeden Tag an die Gnade und die Kraft zu glauben, die vom Herrn kommt, trotz all unserer Schwäche, und die Verantwortung zu übernehmen, der Herde voran zu gehen, frei von Lasten die das gesunde apostolische Vorangehen behindern, und es bedeutet in der Leitung ohne Zögern unsere Stimme hörbar zu machen, sei es für die, die den Glauben angenommen haben, sei es für die, die „nicht aus diesem Stall“ sind (Joh 10:16). Wir sind gerufen, den Traum Gottes zu unserem zu machen, dessen Haus keine Ausschlüsse von Menschen oder Völkern kennt, wie es Jesaja prophetisch in der ersten Lesung angekündigt hat (Jes 2:2-5). Hirte sein bedeutet aber auch, sich darauf einzustellen inmitten der Herde und auch hinter ihr zu gehen: Fähig zu sein, die stille Geschichte dessen zu hören, der leidet und die Schritte derer zu stützen, die sich fürchten, sie zu machen; bereit, aufzurichten, zu ermutigen und neu Hoffnung zu schenken. Aus dem Teilen mit den Armen geht unser Glauben immer gestärkt hervor: Lassen wir also jede Form von Vermessenheit beiseite und knien wir vor denen nieder, die der Herr unserem Dienst anvertraut hat.” (http://w2.vatican.va/content/francesco/de/homilies/2013/documents/papa-francesco_20130523_omelia-professio-fidei-cei.html)