Archiv der Kategorie: Lockdown

Durch den erneuten Lockdown in Österreich stellen sich viele Fragen an die Kirche. Ausgehend von einem Interview des zum Kardinal kreierten Generalsekretärs der Bischofssynode Mario Grech, das ich in einer persönlichen und daher auch fehlerhaften wie auch schlechten Übersetzung vorstelle mache ich mir danach verschiedene Gedanken zu Herausforderungen, die sich uns stellen.

Kirche im Lockdown (?) – XVIII

Advent wird oft verbunden mit dem Begriff des „Wartens“, ist er doch auch die Vorbereitungszeit auf das Fest der Geburt unseres Herrn und Meisters. So wird „Advent“ zur Zeit des „Wartens auf Weihnachten“[1]. Zu warten ist eine urmenschliche Erfahrung, die mehrfach besetzt ist: auf einen Bus oder den Zug oder jemanden zu warten, der zu spät kommt, ist was anderes als die Vorfreude des Wartens auf ein Geschenk, um das man – etwa wie zu Weihnachten – eine Tür weiter weiß. So etwa war es für mich als Kind zu Hause immer total „faszinierend“, dass wir zu Hause just dann das Fest des „Christuskindes“ zu feiern begonnen haben, nachdem ich mit meinem Vater in unserem Haus und dem Bauernhof geräuchert hatten. Genauso aber weiß ich um so manche Ungeduld, die ich habe, wenn sich etwas oder jemand nicht pünktlich einstellt: da mache ich mir so manche Gedanken, da werde ich „unrund“, da ist nichts von „freudiger Erwartung“ zu spüren – und wenn der Zeitpunkt dann doch noch kommt, dann muss ich darauf achtgeben, dass ich meinen Unmut nicht spüren lasse …

„Warten“ will – so bin ich beinahe versucht zu sagen – „gelernt“ sein. Und das ist in einer Zeit wie der jetzigen des Lockdowns durchaus möglich. Da wir auf Lockerungen „warten“ und hoffen, dass das, was an Maßnahmen zu befolgen war, langsam und schrittweise wieder aufgehoben wird. – Wäre es da nicht auch möglich, das Warten „zu füllen“ mit Gedanken der Hoffnung und Zuversicht, mit solchen etwa, die wir auch in der Lesung des heutigen Freitags finden: „Nur noch kurze Zeit, dann verwandelt sich der Libanon in einen Garten, und der Garten wird zu einem Wald“ (Jes 29,17). Der „Prophet des Advents“ Jesaja spricht in diesem Abschnitt jene Zuversicht aus, die eine durch Gott neu geschenkte Zukunft dem Volk – und darin wieder besonders „denen am Rand“ ermöglicht: Es sind die Armen sind, die Schwachen und Benachteiligten, denen Gott seine Liebe zuwendet und denen er damit Leben und Zukunft ermöglicht. Und das in naher Zukunft, nicht erst irgendwann. Was wiederum für mich bedeutet, dass auch ich mit meinem Leben etwas dazu beitragen kann, dass dies im Jetzt, Heute und Hier Wirklichkeit wird.

Ich hoffe, dass ich durch so manche Gedanken, Worte und auch Werke dazu beitrage, dass die Zukunft, auf die wir zugehen, eine lebenswerte ist – und gerade deswegen fühle ich mich herausgefordert, auf andere zu achten, die Schöpfungsverantwortung ernst zu nehmen etc. etc. Dann ist mein Leben nicht ein „leeres“, sondern „gefülltes“ Warten, eben Hoffnung.


[1] Auch aus diesem Grund mag ich eigentlich nicht von „Vorweihnachtszeit“ sprechen, denn der Charakter der 4 adventlichen Wochen ist eben nicht die Vorwegnahme des Festes …

Kirche im Lockdown (?) – XVII

Mitunter wird der Advent als „stillste Zeit des Jahres“ bezeichnet. Heuer hat das sicher – zumindest in den Tagen des Lockdowns, in dem wir nach wie vor leben, einen ganz anderen Sitz im Leben als in den vergangenen Jahren der Umtriebigkeit, mit der wir uns auf Weihnachten üblicher Weise in unseren Breiten vorbereiten. Freilich: auf sich selbst zurückverworfen zu sein, Stille auszuhalten, ist alles andere als leicht: viele von uns sind es nicht gewohnt, da es fast dauernd Möglichkeiten gibt, sich dem zu entziehen. – Ich ergänze sofort, dass so manche Herausforderungen sich gerade erst durch den Lockdown ergeben und es gerade daher auch schwer sein kann, „heilsam“ in Stille zu gehen.

Ich habe Gott sei Dank die Möglichkeit, einige Meter neben Wohnung bzw. Büro eine Kapelle zu haben. Dort weiß ich alles aufgehoben. Dort kann ich alles hinlegen. Dort komme ich zur Ruhe im Getriebe des Alltags, feiere derzeit täglich die Messe[1], halte Anbetung, das Stundengebet oder einfach Stille. Dort ziehe ich mich das eine oder andere Mal auch in Ruhe zurück, um vor IHM und mit IHM mein Dasein anzuschauen: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken“ (Mt 11,28). Diese Erfahrung möchte ich nicht missen.

Vielleicht lässt sich auch bei Ihnen zu Hause ein kleines Fleckchen als „ihr persönlicher Rückzugsort“ gestalten? Damit ist nicht unbedingt eine gewisse Quadratmeteranzahl gemeint – oft genügt eine Kerze, ein Kreuz an der Wand; in meinem Wohnzimmer etwa sind es viele Sterbeandenken oder auch Anzeigen von Taufen und Trauungen, die mich einladen, immer dann wenn ich meinen Blick flüchtig darauf werfe, dieser Menschen und ihrer Schicksale zu gedenken. Gerade das Gebet ist in Zeiten der aufgezwungen Zurückgezogenheit eine große Brücke, die wir zwischen uns aufrichten können. Das wird mir auch bei den Übertragungen der Messfeiern täglich bewusst und bei so manchen Kommentaren auf die Hoffnungs- und Mutworte, die wir nicht müde werden, gerade in diesen Tagen in unsere Welt hinein zu sagen.

Manchmal aber ist auch einfach ein Da-Sein notwendig und damit Not wendend. Unter dem Motto: „Da bin ich Herr und Gott. Ich schaue Dich an und Du schaust mich an.“ Ohne Worte. Wie auch Liebende sich mitunter ohne zu sprechen gut, ja sehr gut verstehen. – Natürlich: dies kann auch bedeuten, die Geschäftigkeiten hintan halten zu müssen, denn „zu tun“ ist wohl für alle bedeutsam, sind wir doch in einer Gesellschaft groß geworden, für die „zu schaffen“ auch ein Stück weit identitätsstiftend ist. Gerade jetzt aber kann uns aus unserem gemeinsamen Glauben deutlich werden: Nicht mein Tun, sondern mein Sein gibt mir Würde und Wert. Ich möchte mich und uns einladen, dafür die kommenden Tage im Advent zu nutzen.

[1] Im „üblichen“ Programm bin ich lediglich ein Mal pro Woche in der Bischofskapelle, da ich dann fast täglich in Ordensgemeinschaften oder Pfarren mit den Gläubigen Eucharistie feiere.

Kirche im Lockdown (?) – XVI

Die Tage werden nach wie vor kürzer, Nacht und Dunkelheit noch eine geraume Zeit länger. Diese existentielle Erfahrung drückt mitunter aufs Gemüt. Gerade auch, weil so vieles, was uns eigentlich gerade in diesen Wochen bedeutsam ist, derzeit unmöglich erscheint bzw. auch verboten ist. Die Vorbereitungszeit auf Weihnachten, der Advent, fällt auf der Nordhalbkugel unseres Planeten in genau diese Zeit der Bedrücktheit. Die Pandemie und so manche damit in Zusammenhang stehende Frage hat uns – so gesehen – eine „neue“ Möglichkeit geschenkt, den Advent zu leben. Lockdown sozusagen als den Menschen zuinnerst treffendes Erleben von Dunkelheit und damit verbunden auch Orientierungslosigkeit.

Am Ende dieser Wochen steht eine interessante Erfahrung. Sie wird in einem Buch des Alten Bundes beschrieben: „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab“ (Weish 18,14f.). Dieses weisheitliche Wort ist mit ein Grund, wieso es zur Mette mitten in der Nacht gekommen ist. Am Ende dieser Wochen steht eben nicht das „Aus“, sondern ein Lichtstrahl, neue Orientierung: dann, wenn es existentiell dunkel ist und dies immer bedrückender zu werden scheint – Weihnachten ist im Jahreslauf bei uns in jenen Tagen terminisiert, an denen die Wintersonnenwende begangen wird. In Jesus Christus – so gleichsam für uns ein kosmisches Schauspiel – leuchtet jenes Licht auf, das Menschen ermöglicht, das Dunkel auszuhalten und sich nicht um es herumzudrücken.

Wie sehr doch so manche in unserer Gesellschaft meinen, „besser“ unterwegs zu sein, wenn sie Dunkelheit nicht aushalten wollen – das „Glöckeln“ in so manchen Teilen unserer Heimat bringt auch die Sehnsucht zum Ausdruck, dem Dunkeln entfliehen zu wollen. So manches an Zeitvertreib der heutigen säkularen Welt könnte wohl auch darin eine Begründung haben. – Wir als Christen aber sagen: wir müssen alledem nicht entfliehen, wir wissen um einen, der auch im größten Dunkel an unserer Seite geht, der sich als Gott sprichwörtlich mit Haut und Haaren auf alles, was uns Menschen widerfahren kann, eingelassen hat. Wir können „Ja“ sagen und „aushalten“ – mitunter machen manche dann sogar die Entdeckung, dass „jenseits“ des Dunkels eine Wirklichkeit wartet, die jetzt und hier stehen bleiben lässt. Nach wie vor bin ich angetan von einem Lied der italienischen Gruppe „Genrosso“, das mir in den vergangenen Jahren so manches Dunkel zu akzeptieren geholfen hat: „Oltre l’Invisibile“. Ich übersetze hier den italienischen Text:

Wenn dem Leben die Würde genommen wird
und ein stummer Schrei in mir aufsteigt,
wenn die Stadt grau ist, draußen
und in mir Regen fällt,
frage ich mich,
ob es denn nur Dunkel gibt.

Wenn mir das Leben wie eine Lüge und Durchhalten zwecklos erscheint,
wenn mich ein Gefühl der Beklemmung überkommt,
denke ich mir: Alles ist krank,
ein finsterer Tunnel ohne Ausgang. 

Doch: Gerade in der Nacht reicht mein Blick weiter.
Ich sehe Sterne und Galaxien,
das sonst Unsichtbare.
Und gerade dann spricht dein Schweigen,
erzählt mir von dir.
Ich bringe kein Wort hervor, aber ich will dich suchen. 

Vielleicht bleibt mir die Kraft zu stammeln,
vielleicht gibt es doch noch einen kleinen Lichtblick.
Jedenfalls weiß ich:
Hinter den Schatten, die mich erzittern lassen,
wenn ich keine Sicherheiten mehr habe,
dahinter bist du. 

Gerade in der Nacht reicht mein Blick weiter.
Ich sehe Sterne und Galaxien,
das sonst Unsichtbare.
Und gerade dann spricht dein Schweigen,
erzählt mir von dir.
Ich bringe kein Wort hervor, aber ich will dich suchen. 

Jenseits der Nacht,
jenseits des Sichtbaren und des Unsichtbaren
gibt es eine Quelle, die nie versiegt:
der Unendliche, der uns neu beflügelt. 

Jenseits der Nacht,
jenseits des Sichtbaren und des Unsichtbaren
gibt es eine Quelle, die nie versiegt:
der Unendliche, der uns Kraft gibt, auszuhalten, zu bleiben:
jetzt,
hier.

Kirche im Lockdown (?) – XV

Ein Lockdown oder auch andere krisenhafte Phänomene im persönlichen wie auch im gesellschaftlichen Bereich lassen bei so manchen verstärkt nach spirituellen und religiösen Quellen für Hoffnung und Zuversicht suchen. Kirchen und Religionsgemeinschaften haben mit ihren Vergemeinschaftungsformen eine erprobte und solide Basis, darauf adäquate Antworten zu geben. Damit wird Verschwörungstheorien und irrationaler Emotionalisierung vorgebeugt. Dieser Gedanke, der mir wie so manches in den letzten Tagen von Prof. Reinhold Esterbauer benannt wurde, hat nach dem schrecklichen Attentat von Wien am 3.11. einen weit beachteten Erweis erhalten: im fast leeren Stephansdom standen VertreterInnen verschiedener Religionsgesellschaften gemeinsam mit der Regierung von Staat und Land zusammen, um deutlich zu machen, dass die religiöse Dimension des Menschen die innere Kraft hat, zusammenzuführen, wird sie nicht – wie tags zuvor – pervertiert benutzt.

Vor einigen Jahren gab es in Graz eine ähnlich Erfahrung: noch am Abend der Amokfahrt durch die Innenstadt fanden sich viele in der Stadtpfarrkirche ein, um Ihr Fragen und Ihr „Warum?“ „abzulegen“ bei einem Gott, so können wir als Christen sagen, der selbst das große „Warum?“ in die Dunkelheit der Welt hinausgeschrien hat (vgl. Mk 15,34). Am Ende der gemeinsamen Trauer gab es Tage danach einen großen Schweigemarsch die Route der Amokfahrt entlangt – und bei der Schlusskundgebung am Hauptplatz fanden sich auch die Religionsgesellschaften ein, um ihrer Sprachlosigkeit und Hoffnung Ausdruck zu verleihen.

Auch in diesen Wochen des Lockdowns – zumal in diesen Tagen des Advent – wird deutlich wie bedeutsam für jene, die hierfür einen Zugang haben, Rituale aus dem Glauben sind, damit der Mensch erneut fähig wird, dem entgegenzutreten, das sich seinen Planungen und Überlegungen querlegt, mit dem im Jetzt umzugehen, was die angedachten Wege durchkreuzt.

Kirche im Lockdown (?) – XIV

Zum Leben gehören auch Leiden und Sterben. Vielfach verdrängt und an den Rand geschoben, wurde durch die Pandemie die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit menschlichen Daseins erneut deutlich – es war fast unmöglich, sich diesen Fragen zu entziehen. Schon im 1. Lockdown im Frühjahr wurde u.a. deutlich, dass Besuchs- und andere Verbote Kranke und Sterbende zusätzlich zu ihrer prekären medizinischen Situation oft in weitere Vereinsamung und Isolation geführt haben. Auch die Verwandten wurden in diesen Zeiten auf eine harte Probe gestellt, so etwa waren Begräbnisse und damit Abschiednehmen anfangs praktisch nur im kleinsten Kreis möglich. In der Krankenhaus- und Pflegeheimseelsorge wie auch im Palliativ- und Hospizbereich leisten die Kirchen einen wichtigen Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft.

Hier wurde von Frühjahr bis in den Herbst so manches „gelernt“: Seelsorge wird nun ausdrücklich erwähnt, wenn es darum geht, Menschen in ihrer Krankheit zu begleiten – was zur Folge hat, dass in geeigneter Weise dies auch ermöglicht wird. Freilich sind da und dort Auflagen zu beachten. – Auch beim Abschiednehmen hat sich so manches geändert: Sterbenden kann und darf beigestanden werden. – Auch wenn es nicht kommuniziert wurde: in der Steiermark haben wir etwa 60 Priester zu einem „Notrufdienst“ versammelt, die auch schon im 1. Lockdown dieses Jahres bereit waren, in den Krankenhäusern zu sein, wenn es galt, die Salbung zu spenden oder ganz allgemein Sterbende zu begleiten. – Bewusst haben wir auch mit den SeelsorgerInnen die Bereitschaft geklärt, dass Weggeleit auf der letzten irdischen Etappe geleistet werden soll, so erwünscht. Das, was ER uns sagt, dass ER bei uns bleiben wird bis ans Ende der Zeiten (vgl. Mt 28.20), das versuchen wir durch Nähe den Einzelnen deutlich und spürbar werden zu lassen, so dies möglich ist. Dass unsere SeelsorgerInnen dabei auch vielfach das Pflegepersonal entlasten, weil sie auch den Verwandten beistehen und begleitend auch dem – teilweise über die Grenzen hinaus belasteten – Personal in den Häusern und Heimen zur Seite stehen, versteht sich von selbst.

In so manchen Pfarren ist es üblich geworden, die Kommunion für jene mit nach Hause zu geben, die in ihrer Bedürftigkeit die Stärkung durch das Brot des Lebens begehren …. – Allesamt also Dienste an den und für die Menschen, die alles andere als medienwirksam sind, aber bedeutsam und wichtig in durch die Pandemie zusätzlich herausgeforderten Situationen. Kirche wird gelebt – auch im Lockdown.

Kirche im Lockdown (?) – XIII

Professor Reinhold Esterbauer, der Philosophie an unserer Katholisch-Theologischen Fakultät lehrt,[1] hat mir vor kurzem einigen wertvolle Gedanken geschenkt, was Kirchen und Religionsgesellschaften stützend zur Bewältigung des Lockdowns beitragen. Einer von diesen lautet: „Kirchen sind [..] Dienstleister zur Vergemeinschaftung. Kirchen und Religionsgemeinschaften bieten nicht nur unterschiedliche caritative und spirituelle Dienste an, sondern kümmern sich auch um Menschen, die solche Angebote von sich aus nicht (mehr) wahrnehmen können. Menschen am Rande der Gesellschaft werden aktiv aufgesucht. Ihnen wird gezeigt, dass sie nicht vergessen sind, sondern dass sich jemand um sie sorgt.“ Ich hoffe, dass dies tatsächlich auch in unterschiedlicher Weise gelebt wird.

Gerade der kommende Advent und das folgende Weihnachtsfest sind mit ihren unterschiedlichen Feiern tief auch in den Sehnsüchten der Menschen eingegraben. Gerade deswegen haben sich unsere Pfarren und auch so manche Stellen im Ordinariat schon seit Wochen Überlegungen gemacht, wie denn all dies unter den gegebenen Umständen und im engen Korsett der augenblicklichen Möglichkeiten gefeiert werden kann[2]: Feste können dennoch gefeiert werden.

Und ich hoffe, dass durch Telefonate, durch die Spendung der Krankenkommunion und -salbung, durch Begegnung in Kranken- und Pflegeheimen (Seelsorge ist dort wenn auch unter Auflagen möglich), durch einfache Nachbarschaftshilfe, durch so manch kleine oder auch größere Aufmerksamkeit/en, durch das Hinhören der Telefonseelsorge, so mancher Lichtblick ermöglicht wird – denn durch die Krise wie auch durch die derzeitige winterliche Situation unserer Weltgegend und die damit verbundene höhere Zahl an Nebel- bzw. dunklen Stunden sind solche mehr als zu anderen Zeiten notwendig.


[1] CORONA – Beiträge Grazer Theologinnen und Theologen – Katholische Theologie (uni-graz.at)

[2] Alle wichtigen Corona-Infos unserer Diözese werden hier aktuell dargestellt

Kirche im Lockdown (?) – XII

In Zeiten des Lockdowns wird auch so manches Defizitäre in einer Gesellschaft deutlich. So etwa zählen viele in der älteren Generation zu jenen, die aufgrund der zunehmenden Digitalisierung unter Umständen auf der Verliererstraße landen. Doch trifft die Tatsache der „Digitalisierungsverlierer“ wohl auch so manch andere – weil etwa Kinder durch die Digitalisierung Wesentliches in ihrem Aufwachsen durch physisches Miteinander nicht erfahren.

Auch wenn wir als Kirche in den letzten Monaten einen wahren „Digitalisierungsschub“ hingelegt haben – vor einiger Zeit hätte ich mir noch nicht zu träumen gewagt, dass wir die Vollversammlung der Bischofskonferenz oder auch Diözesan- und Priesterrat im virtuellen Raum abhalten können würden – so darf nicht vergessen werden, dass gerade das „physische Zu- und Miteinander“ wesentlich ist für die Gemeinschaft derer, die „dem Herrn gehören“ (Wortsinn des Begriffs ‚Kirche‘). Gerade deswegen schmerzt es, dass unser Feiern in seiner Größe derzeit auf ein Minimum reduziert ist. Interessant freilich ist es für mich, dass zumeist darauf vergessen wird, dass viele unserer offiziellen kirchlichen Liturgien eigentlich tagaus, -ein jenseits der Öffentlichkeit begangen werden: In meinen 30 Jahren seit der Priesterweihe habe ich nur selten das Gebet der Kirche, das Stundengebet, in größeren Gemeinschaften gefeiert. Wir sind – und um diese Erweiterung unseres Denkens geht es mir mit diesen Gedanken – nicht nur meist auf Gottesdienste beschränkt, wenn wir an „Kirche“ denken, sondern dabei wieder auf die Feier der Eucharistie, die Messe. Ich weiß: das eine ist gegen das andere nicht auszuspielen, aber wenn das Zweite Vatikanische Konzil einmal von der Liturgie, ein anderes Mal von der Eucharistie sagt, sie sei Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Tuns[1], dann wird damit eben auch das Gesamtgefüge von Kirche angedeutet. Denn weder „Quelle“ noch „Höhepunkt“ kann für sich allein leben: Eine Quelle, die nicht einem Bach oder einem Fluss Wasser zuführt, verkommt zu einem stinkenden Tümpel – so auch die Feier der Kirche, wenn sie nicht der Sendung dient[2]. Und will ich einen Höhepunkt erleben, braucht es notwendigerweise einen Anweg dorthin, sonst ist die Rede von einem Höhepunkt unwahr – oder anders: erst dann, wenn ich mein Christsein im Alltag lebe, erst dann, wenn wir uns ganz und gar auf Gott hin im Gebet orientiert erfahren und wissen, werden wir das große Geschenk dessen einigermaßen in rechter Weise erkennen, der von sich gesagt hat: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt“ (Joh 6,51).


[1] Lumen gentium (Kirchenkonstitution) 11 spricht von der Eucharistie, Sacrosanctum Concilium (Liturgiekonstitution) 10: die Liturgie ist „der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“.

[2] Interessant ist hier für mich zu erwähnen, dass sich die deutsche Bezeichnung „Messe“ wohl von den letzten Worten der Feier herleiten lässt, die im Lateinischen heißen: „Ite missa est“ und damit die Sendungsperspektive in den Blick nehmen: im Leben hat sich das zu bewähren, was wir gefeiert haben. Messe lebt aus der liebenden Lebenshingabe Jesu, damit wir ihm gleich handeln.

Kirche im Lockdown (?) – XI

In Zeiten wie diesen merken wir so manche Fliehkräfte in der Gesellschaft, von denen wir in guten Tagen eigentlich wenig bemerken. Ich denke an so manche Demonstrationen, an immer härter vorgetragene Kritiken an so manchen Maßnahmen, an offen zur Schau getragene Missachtung von Aufforderungen; ich entdecke solche Züge aber auch in verschiedenen Debatten, wenn da und dort Meinung auf Meinung prallt und keine/r gewillt ist, auf den anderen bzw. die andere zu hören. Hinzu kommen noch die Meinungsblasen, die durch die Algorithmen der sogenannten „sozialen Medien“ verstärkt werden, sodass sich so manche Menschen nur mehr unter ihresgleichen bewegen und daher nahezu immun werden, statt sich verantwortungsvoll auch mit anderen Argumenten auseinanderzusetzen – da das Leben ohnedies schon zu komplex ist läuft man dann sogar Gefahr, dies auch gar nicht mehr zu wollen, so „besessen“ ist man von der persönlichen Weltsicht, dass egal was gesprochen, gepostet oder auch überlegt wird, man nur mehr „angetrieben“ wird sich selbst und die eigene Meinung in den Vordergrund zu rücken.

Die Botschaft, für die wir als Christinnen und Christen stehen, ist genau hierfür eine, die dem Auseinander entgegenzuwirken hilft, ohne dass dabei das Eigene und die Identität der Einzelnen negiert wird: Schon auf dem Weg vom Abendmahlssaal zum Ölberg, vor Beginn des letzten entscheidenden irdischen Lebensabschnittes Jesu bittet dieser in einem langen Gebet Gott darum, dass all jene, die durch die Jünger an ihn glauben (werden), eins sein mögen: „Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,20f.).

Diözese, Seelsorgeräume, Pfarren, kirchliche Einrichtungen und Gruppen bieten durch die gemeinsame Orientierung an IHM, dem Auferstandenen, Halt und Identifikation, von wo aus auch immer Einzelne dies wahrnehmen. Wo dazuzugehören bedeutet daher auch Einsamkeit vorzubeugen, auch wenn das Leben allein gestaltet werden muss – wie sonst wären die Einschaltzahlen bei streaming-Angeboten einzelner Gottesdienste zu erklären? Bei einem Telefonat mit einem Pfarrer während des 1. Lockdowns erzählte er mir, dass er Vorwürfen ausgesetzt sei, weil er nicht wie andere Gottesdienste ins Internet übertrage – er hatte eine für sich entsprechendere Art gewählt und daher sich mit Alleinstehenden via Telefon in Kontakt gesetzt: hier wird deutlich, wie sehr „unsere Pfarre“ zusammenschweißt, auch wenn äußerliches Leben nicht sehr sichtbar sein kann.

Gerade deswegen ist es bzw. muss es unser Anliegen sein, soziale Nähe trotz verordneter physischer Distanz zu leben – ob das Mascherl „Kirche“ draufsteht oder nicht ist nebensächlich. Ich hoffe, dass viele Einzelinitiativen wie auch die unserer kirchlichen Hilfseinrichtungen und -organisationen dies genauso deutlich machen wie die Nähe bei den Kranken in den Sakramenten und die Seelsorge, die in Spitälern und Pflegeheimen – unter diversen strengen Hygieneauflagen – ermöglicht wird.

Kirche im Lockdown (?) – X

Wenn ich mir die Aufgabe der Kirche in Erinnerung rufe – nicht nur in Zeiten des Lockdowns – dann fällt mir ein, dass wir Evangelium zu bringen haben, Frohe Botschaft – jenseits „billiger Fröhlichkeit“, mit der sich so manche versuchen über die Tristesse ihres eigenen Daseins hinwegzuturnen versuchen. Da unser Hoffnungsanker weit ausgeworfen ist – bei Gott nämlich – wird genau diese Ankerkette in Zeiten der Krise gefordert. Unser Beitrag als Glaubensgemeinschaft ist daher ein wesentlicher: wir leisten einen Dienst an der Gesellschaft, weil es unser innerster Auftrag ist, das Heute vom Blickwinkel Gottes aus zu sehen und dem entsprechend auch mit Leiden, Krankheit, Sterben, Tod und allem, was sich querlegt zu dem was üblicher Weise „gelingendes Leben“ genannt werden kann, umzugehen.

Alle Taten Jesu, von denen die vier Evangelien in unterschiedlicher theologischer Dichte erzählen, sind von dieser Sicht „angetrieben“: „ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10b). Wie wahr doch auch der erste Halbsatz dieses Verses ist: „Diebe“, die das Leben verunmöglichen oder es mit Blendwerk anfüllen gibt es immer wieder – auch und gerade heute. So gesehen könnte gesagt werden: in fundamentaler Verunsicherung kann die Botschaft eines uns nahen Gottes, der von Ewigkeit her ist, wirklich Halt geben. Daher kann ich auch derzeit nicht anders, als dass ich bei der Feier jeder Messe deutende Worte in einer kurzen Homilie an jene richte, die vor Ort oder auch via sozialen Medien mitfeiern. Diese spirituelle Kraft jenseits dessen, was sich uns darbietet und an Möglichkeiten gegeben ist, kann und darf nicht gering geschätzt werden. Dieses innere Wesen von Kirche freilich muss teilweise auch neu gehoben werden, da wir in der Welt mitunter lediglich als Brauchtumserhalter akzeptiert und daher auch von so manchen allen möglichen anderen Lebensäußerungen der Gesellschaft gleich gestellt werden.

Und tatsächlich ist es auch so: wie viele Gläubige doch einfach, wenn auch nicht jauchzend, die ihnen auferlegten Regelungen bei der Feier der Gottesdienste gelebt haben. Die Selbstverpflichtung der Kirchen und Religionsgesellschaften war weitgehend mit schärferen Auflagen verbunden als die, die der Staat verlangt hat. Und „selbstverständlich“ war auch, dass die großen Feiern, zu denen sich Hunderttausende in Österreich etwa Sonntag für Sonntag versammeln, zugunsten und aus Rücksicht auf die Gefährdung von Einzelnen bis auf ein Mindestmaß reduziert wurden. Das ist schwerwiegend, weil damit Grundlegendes unseres Selbstverständnisses zumindest zeitweise auf ein Minimum reduziert wird: um der Menschen willen kann unser Feiern nicht gänzlich aufhören. Aber das stellvertretende Beten und Singen wird gerade in diesen Wochen neu vertieft: Wir sind eben nicht für uns selbst Christen, sondern als Getaufte hinein gesendet in diese Welt mit jener Botschaft, die Halt, Trost und Orientierung zu geben vermag – trotz all der Dunkelheit, in der sich so manche derzeit befinden, trotz der nach wie vor weltweit grassierenden Pandemie.

Kirche im Lockdown (?) – IX

Noch einmal zur Erinnerung: Ich will mit diesen Gedanken versuchen, Blicke zu weiten, da ich meine, dass es in so vielem in unserer Welt nicht bloß einen richtigen Weg gibt, sondern erst aus unterschiedlichen Blickwinkel eine Angelegenheit einigermaßen recht und umfassend gesehen werden kann. Erst dadurch wird meines Erachtens der Weg zur Zuversicht eröffnet. Leider ist es nun aber auch so, dass diese Fähigkeit zumal in krisenhaften Zeiten alles andere als üblich ist, auch wenn auch sehr notwendig wäre. Briefe und Petitionen, die da und dort in meinem (elektronischen) Postfach landen, sind beredte Zeugen dafür, dass sich Menschen klarerweise schwertun, ihre Überzeugungen hinterfragen zu lassen, wie auch immer diese aussehen. So ist die „Gefahr“ vorhanden, dass es eben nicht zu einem Austausch von Argumenten in einem Dialog kommt, sondern eher zu Auseinandersetzungen, in denen nichts anderes als Meinung und Gegenmeinung nebeneinander und unversöhnt ausgehalten werden müssen.

Es ist mir klar, dass Krisen enge Sichtweisen fördern – ich erinnere mich mit innerer Bewegtheit an eine Krisen-Schulung der Polizei, die für Pädagogen angeboten wurde, und von der einer unserer Erzieher im Bischöflichen Internat damals, als ich im Augustinum tätig war, erzählte. Ich merke aber auch, dass der Diskurs generell in der Gesellschaft schärfer geworden ist, die Foren in den sogenannten neuen sozialen Medien und die damit verbundenen (Meinungs-)Blasen, in denen man sich bewegt praktisch ohne anderen und Anderem zu begegnen, legen Zeugnis dafür ab. Die Zeiten sind unübersichtlicher geworden – nicht erst durch Corona. Um sich in komplexer werdenden Zeiten zurechtzufinden, in denen es keine einfachen Antworten und erst Recht nicht die Lösung auf alles und das recht schnell gibt, brauche ich aber Sicherheiten: markige Sprüche, in gewisser Art und Weise „lautes Bellen“ und Schreie – die dann wohl eher solche nach Hilfe sind und nicht gepflegter Meinungsaustausch – oder auch der Rückzug auf das Eigene und damit die eigenen Vorstellungen, die dann schnell Maß aller Dinge werden – all das ist nachvollziehbar, aber alles andere als förderlich dem Zusammenhalt.

In den letzten Wochen und Monaten sind daher gesellschaftliche Gruppen und deren Entfernung voneinander neben all den vielen Initiativen der Solidarität deutlicher sichtbar geworden. Die Haut so mancher ist dünnhäutiger – wohl auch deswegen, weil, zumindest im Gefühl, vielen der wirklich ersehnte Urlaub, wie man sich ihn gewünscht, abgegangen ist; so manche unter uns arbeiten seit geraumer Zeit an bzw. über der eigenen Leistungsgrenze, die täglich veröffentlichten Zahlen scheinen nach wie vor so manches an Hoffnungsschimmer am Horizont zu ersticken. Gerade in solchen Zeiten tut es mir gut, darum zu wissen, dass es Gott gibt, der nicht nur sagt, dass er alles in seinen Händen hält, sondern von dem ich glaubend bekenne, dass er selbst an Haut und Haaren in diesem Jesus von Nazareth das menschliche Sein in all seinen Höhen und Tiefen kennengelernt und erfahren hat – bis zum Tod am Kreuz. Anders ausgedrückt: im Gott der Christen wird deutlich, dass wir nicht allein sind, dass ER DA ist, bei uns und unser Weggeleit, nicht einer der von fern sich das Scheitern der Welt und der Menschen ansieht, sondern einer eben, der ganz das Schicksal mit uns Menschen teilt. Daher gilt: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,5-11)