Das Kind in der Mitte

“Jesus stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen:  Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.”

Einfache und verständliche Worte Jesu. Alles andere als einfach zu leben. Denn tagaus, -ein erfahren wohl viele von uns die Logik eines anderen Lebensstils. Üblicherweise zählt der “Chef” mehr. – Seit nunmehr 3 Monaten bin ich ein solcher “Chef”. So jedenfalls werde ich wahrgenommen; Bischöfe zählen dazu. Man ist immer wieder in der 1. Reihe, man ist “Person des Öffentlichen Lebens” mit all den Annehmlichkeiten wie auch den damit verbundenen Schwierigkeiten, viele wollen in Kontakt treten, wollen mitunter auch, dass der Bischof zu jedem und allem was sagt etc. Ich könnte die Liste meiner Erfahrungen fortführen, etwa, dass ein Bischof in Amtskleidung leichter in den Petersdom reinkommt als andere, dass es unglaublich viele Menschen gibt, die sich freuen, dass ich Bischof geworden bin usw. Angesichts des Evangeliums muss ich mich aber genau vor alledem in Acht nehmen; es ist durchaus geeignet, eine Art “Beichtspiegel für einen Bischof” zu sei.

Gott sei Dank aber gibt es da u. a. junge Leute, mit denen man unterwegs ist, sagen wir auf einer Ministrantenwallfahrt. Denn – auch das ist im Evangelium deutlich zu hören – wenn man sich auf junge Leute um Jesu willen einlässt, auf Kinder, dann nimmt man letztlich IHN auf als den, der uns beim rechten Menschsein hilft.
Was ich mir von dort mitgenommen habe? Einige kurze Gedanken.

Da gibt es viele junge Leute, die Interesse haben an dem, was wirklich zählt – ca. 8.000 Ministranten sollen es sein in der Steiermark. Nehmen wir als Pfarren das einfach zur Kenntnis? Gehen Sie uns nur ab, wenn wieder mal keine/keiner da ist? Oder aber: lassen wir uns ein auf sie und ihre Lebenswelt, damit wir ihnen von dem mitgeben können, was uns selbst an unserem Glauben wertvoll ist, was uns selbst Gott bedeutet, wie wir mit ihm umgehen im Alltag? Liebe Erwachsene: ich glaube, da haben wir von den jungen Leuten was zu lernen und dürfen uns zugleich aufgefordert wissen, uns selbst mehr „rein zu hauen“ …

Da gibt es junge Menschen, die unbefangen mit Neuem umgehen: in Rom gab es ca. 40° im Schatten, da galt es mal den, mal den Weg zu gehen, da hieß es spontan zu sein und auf andere zuzugehen, die einem noch fremd waren. Binnen kürzester Zeit aber waren Tücher getauscht und Bekanntschaften geschlossen – ja: es gibt sogar eine whatsApp-Gruppe eines Busses, der aus diesem Dekanat mit war! – Wie schwer wir Erwachsene uns da oft tun, uns auf Neues einzulassen. In den Pfarren höre ich immer wieder, nicht nur von Pfarrern, es soll ja alles so bleiben wie es ist – von Jesus aber wissen wir, dass er so ziemlich alles anders gesehen und entsprechend geändert hat. – Angesichts der vielen, die da zu uns kommen und Hilfe brauchen, gibt es immer wieder Stimmen, die sagen, dass wir uns mal um die Einheimischen kümmern sollten [ich frage mich dann, wieso wir das nicht schon längst gemacht haben?], dass die dort bleiben sollten, wo sie sind etc. Junge Menschen aber, und das erfahre ich in den letzten Wochen auch immer wieder, fragen nach, wo und womit sie helfen können, unbürokratisch etc.; Erwachsene denken oft lange nach, stellen Fragen, weisen zurecht und argumentieren sich mitunter ganz gescheit an den Notwendigkeiten vorbei.

Zwei kleine Beispiele, wo deutlich wird, dass junge Leute sich vielleicht leichter tun, das Einfallstor Gottes zu uns Menschen in den konkreten Situationen, denen wir gegenübertreten, zu erkennen. Und das ist eigentlich unsere Sendung als Christen, auch hier! Danke also Euch Jungen, dass Ihr unseren Glauben stärkt, dass Ihr damit auch mir in diesen Rom-Tagen geholfen habt, nicht zu sehr nach oben zu schweben, sondern ganz bei Euch zu sein. Danke daher auch, dass Sie dem Bischöfl. Spendenkonto zur Flüchtlingshilfe was zur Verfügung stellen als deutliches Zeichen dafür: “Wir Katholiken im Dekanat Gleisdorf nehmen Gottes Anruf wahr und helfen – mit Geld, mit Wohnraum, mit dem und dem …” und: wir lernen uns dabei als Kirche neu kennen!

(schriftliche Auszüge aus der Predigt bei der Dekanatswallfahrt des Dekanates Gleisdorf 19.9.2015)