Nähe auf Distanz

Hinterher ist man meistens gescheiter. Und erst recht, wenn man aus Distanz beobachtet. Das sind zwei Gedanken, die mich dazu veranlasst haben, so manches zu notieren, das sich in den letzten Wochen ereignet hat. Ich tue dies nicht unbedingt in der Art einer zeitlichen Rückschau, sondern eher „aus dem Bauch heraus“, nach verschiedenen Themen strukturiert – und hier in unregelmäßigen Abständen. Und: ich habe kurz vor Ende der strengen Ausgangsbestimmungen meine Gedanken zu schreiben begonnen …

Da war ich also nun – in Quarantäne sozusagen: der Radius meines Lebens war von einem Moment auf den anderen praktisch auf das Gebiet des jahrhundertelangen Bischofssitzes nahe Leibnitz beschränkt. Termine, Begegnungen, Reisen wurden sukzessive abgesagt und verschoben. „Wie kann es mir in einer solchen Situation gelingen, meiner Aufgabe als ‘Hirte’ nachzukommen?” Dass ich die tägliche Messfeier in der kleinen Gemeinschaft über die modernen Medien übertrage, war sofort klar. Doch: „Wie die Menschen in der Steiermark, die in dieser Zeit auf praktisch alle Möglichkeiten, ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen verzichten müssen, nahe sein und ihnen Anregungen oder Hilfen zum Vertiefen ihrer persönlichen Beziehung zu Gott mitgeben?”

Schnell war die Idee geboren, meine „Tages-Gedanken“ nicht bloß als Text, sondern als „virtuelle Andacht“ ins Netz zu stellen. Dadurch sollte den interessierten die Möglichkeit geboten werden, wann immer sie für einige Minuten Zeit hätten, „mit” mir zu beten und um den Segen für den Tag zu bitten. Wenn nun mit der erneuten Ermöglichung „öffentlich” Gottesdienst zu feiern, diese Videoclips zwar eingestellt werden, so bleibt der tägliche Impuls – und damit hoffentlich auch die Art und Weise irgendwann am Tag kurz innezuhalten, in der Bibel zu lesen, darüber nachzudenken, sich vor Gott zu stellen und ihn um seinen Segen zu bitten – auch weiterhin auf der Startseite unserer Homepage erreichbar. Die Zugriffe auf diese einfache Andacht und die Reaktionen darauf zeigen, wie wichtig es für den einen oder die andere ist, das tägliche Leben im Glauben zu vertiefen.

Eine „klassische“ Form des Mitseins des Bischofs mit seinen Gläubigen ist die des Hirtenwortes. Stärkendes, Aufmunterndes und zugleich Wege in die Zukunft Eröffnendes habe ich in mehreren Hirtenworten während dieser Wochen den Gläubigen zu schenken versucht. Ob und wie diese Form der Nähe die Zielgruppe erreicht hat – die Versammlungen am Sonntag in unseren Kirchen waren ja ausgesetzt – kann ich nicht beurteilen – so blieb das Intgernet und unser Sonntagsblatt. Da ich aber ohnedies die Jahre als Bischof dieses Instrument spärlich benutzt habe – im Wissen darum, dass die persönliche Begegnung und das Wort dabei viel tiefgreifender sind – scheint es dennoch sinnvoll gewesen zu sein, dieses Instrument zu verwenden. Freilich sollte darüber nachgedacht werden, ob diese traditionelle Form der Kommunikation zwischen dem Bischof und dem Gläubigen eines Bistums nicht generell in neuen Schläuchen gedacht werden sollte.

Bald ist auch die Idee aufgekommen, verschiedenen Gruppen von Mitarbeitenden in der Diözese gleichsam „persönlich” zu schreiben. So entstanden im Laufe der Wochen Briefe an die Mitarbeitenden der Krankenhaus- und Pflegeheimseelsorge, die Elementarpädagoginnen, die im Religionsunterricht Tätigen, die Priester, Diakone und Ordensleute, die Ehrenamtlichen in unserer Diözese, die in der Telefonseelsorge, die in der Krise weit mehr Anrufe zur Begleitung entgegennehmen mussten als sie es üblicherweise tun, all jene die an einem anderen Platz in der Pastoral oder in unserer Diözese hauptamtlich ihren Dienst ausüben, die Mitarbeitenden in der Caritas usw. Allen wollte ich ganz einfach „Vergelt’s Gott!” sagen und sie ermuntern, unter den gegebenen Umständen kreativ auch weiterhin allen nahe zu sein, die uns aufgegeben sind. Darüber hinaus habe ich in den vergangenen Wochen auch verschiedenen Verantwortungsträgern in unserer Gesellschaft meiner Nähe und meines Gedenkens versichert und ihnen für ihren Einsatz gedankt. Nach Ostern war es auch klar, dass ich mich in einem Schreiben an jene wende, die in Heimen der Pflege bedürfen und auch jenen meine Zuneigung zeige, die zu Hause der Pflege bedürfen.

Mittels der neuen Medien wurde eine von einer Mitarbeiterin des Ordinariats zusammengestellte „Lebensmeditation“ gestaltet, die auf YouTube nach wie vor in etwas mehr als 30 Minuten einlädt, das persönliche Leben vor und mit Gott zu bedenken. Hierbei war es möglich, einer wohl auch durch die Krise gebeutelten Familie, die professionelle Videos herstellt, ein wenig unter die Arme zu greifen. Und für den Mai wurden dann Marien-Gedanken aufgezeichnet:

Vertrauen in Maria

Gedanken von Bischof Wilhelm Krautwaschl zum Marienmonat Mai.

Beim Niederschreiben dieser Gedanken ist mir eine Idee eines Religionslehrers eingefallen, der mit seinen Schülern der Neuen Mittelschule Birkenfeld eine „Karwochen-Challenge” durchgeführt hat. Ich produzierte mit meinem Smartphone einige kurze Videoclips aus dem Schloss Seggau und stellte diese gemeinsam mit den Informationsvideos zu Bräuchen in der Karwoche des Diözesanmuseums auf meine Homepage. Die Schüler und Schülerinnen hatten die Aufgabe, die in diesen Videos verborgenen Fragen zu beantworten. Wie mir berichtet wurde, war es nicht immer leicht.

Schließlich wurde ich noch gebeten – und ich hoffe nicht zu viel vergessen zu haben – Mutworte zum Osterfest unter diesen herausfordernden Bedingungen für die Jugendlichen in einem Videoclip zum Besten zu geben und auch den Firmkandidatinnen und Firmkandidaten des heurigen Jahres, deren Fest verschoben werden musste, mittels eines Videos für Ihr Verständnis zu danken und ihnen gleichzeitig auch zu sagen, dass das Fest der Firmung wohl für sie ein „ganz besonderes” werden wird. Andere Ideen wurden wieder fallen gelassen, etwa dass ich auch ein Wort an die Erstkommunionkinder versende, wohl auch deswegen, weil die Erstkommunion nicht so sehr am Bischof “hängt” wie die Firmung …

Natürlich gilt es zu sagen, dass all das die persönliche Begegnung nicht ersetzen kann – zugleich aber rufe ich mir vergangene Jahrhunderte in Erinnerung, in denen das übliche Lebensumfeld auch nicht viel größer war. Also: das, was möglich ist, tun. Ich hoffe, es ist mir ein wenig gelungen.